Die Varianz bringt dich um und das Haus gewinnt immer

by Weissgarnix on 14. Februar 2018

Ich habe mir gestern den Film “Grinders” angesehen. Läuft auf Amazon Prime für lau, und wer sich für Poker interessiert, der sieht darin mal die “andere Seite” des Spiels. “Grinder” ist im Pokerjargon einer, der Tag und Nacht am Spieltisch (früher) oder vor dem Bildschirm (heute) herumhängt und spielt, spielt, spielt. Nicht aus Spielsucht, nein, sondern weil er so meint, seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. “Professional Pokerplayers” würde man sie gerne nennen, wenn sie denn so aussehen würden, so nach Glit und Glam, mit der dicken Rolex am Handgelenk und der DD-bestückten Puppe im Arm, Ferrari in der Garage und was sonst noch alles zum Klischee dazugehört. Aber das tun sie ja nicht. Nicht die Jungs in dem Film. Das ist amerikanische Unterschicht in Reinkultur, untere Mittelschicht von mir aus, wenn man berücksichtigt, dass der eine oder andere Protagonist nicht als Underdog geboren und sozialisiert wurde, sondern in Folge von Wirtschaftskrise oder Strukturwandel nolens volens dazu geworden ist.

Das Ganze hat natürlich etwas sehr amerikanisches. Hierzulande würde man den Kopf schütteln, wenn man erzählt bekommt, dass der langzeitarbeitslose ehemalige TV-Redakteur jetzt auf auf No Limits Hold’em umsattelt, um für die Frau und die 2 Kinder den Lebensunterhalt zu verdienen. Nicht in Amerika. Dort nimmt man diese Chance tatsächlich war, so schmal sie auch ist, als Erwachsener mit höherer Bildung, sprich: als einer, dem eigentlich klar sein müsste, wie die Odds stehen. Sie stehen nämlich jedenfalls gegen dich, dafür muss man kein Statistikgenie sein. Aber diese Jungs ziehen das durch, Hand für Hand, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Nacht für Nacht. In einer Szene schläft einer während des laufenden Spiels vor dem Bildschirm vor Erschöpfung ein, in Badeschlappen und miefigen Shorts, der Kopf kommt auf den Armen knappp vor dem halbleeren Bierbecher zu liegen, der vor ihm auf dem Tisch steht. Ernüchternd. Von Casino Royale und eleganten Champagnerabenden im Smoking weit und breit nichts zu sehen.

Aber geht es hier nur um Poker? Nein. Ich musste die ganze Zeit denken, was für eine nette, kleine Parabel auf den Kapitalismus das doch ist. Vermutlich fasziniert mich Poker deshalb so sehr, weil es dem besten aller Wirtschaftssysteme so ähnlich ist, bis in die Haarspitzen. Die gängigen Semantiken, mit denen wir hierzulande das Glücksspiel deuten, sehen in Poker und dergleichen entweder nur die eine Seite, die Millionendollarwelt der High Rollers, typischerweise Herrschaften, die auf andere Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten und deshalb im Spiel wirklich primär das Vergnügen erblicken können; oder die andere Welt, die der Spielsüchtigen, die ohne Unterlass auf Glück statt Verstand setzen und schlussendlich Haus und Hof verzocken. Zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Mediencoverage normalerweise ab, man sieht entweder happy people die sich halt auf ihre Art kostspielig die Zeit vertreiben, oder arme Teufel, die im weitesten Sinne als “krank” gelten und nach unserer Unterstützung verlangen, nicht zuletzt in Form psychiatrischer Betreuung.

Was man hierzulande aber so gut wie nie zu sehen kriegt ist Glücksspiel als letzter Zufluchtsort der Arbeiterklasse. Und das ist schade, insbesondere für den marxistisch inspirierten Medienkonsumenten, der sich an Begriffen wie Selbstausbeutung und interner Klassenkonflikt ergötzen kann. Denn eines ist beim Poker klar: Was auch immer du an Gewinn einstreichst, kommt immer und ausnahmslos aus der Tasche von einem anderen. Und im Film ist dieser andere nur ein weiterer armer Teufel, der sich nicht besser zu helfen wusste, als am Spieltisch sein Glück zu versuchen, um für Frau und Kind zu sorgen. Wenn sich also an irgendwelchen Hinterhof-Spieltischen irgendwelche Underdogs zum Pokern treffen (oder welches andere Spiel auch immer), um auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dann kommt das ungefähr auf das Gleiche raus, wie Hunde im Zwinger so lange hungern zu lassen, bis sie sich gegenseitig zerfleischen. Und schlimmer noch: Das Ganze ist kein reines Nullsummenspiel. Denn vom “Pot”, den man den anderen armen Teufeln gerade abgeknöpft hat, erhält man nicht 100% ausbezahlt sondern vielleicht 95. Der Rest ist der “Rake”, den das Haus (im besten Fall ein offizielles Casino, im schlechtesten ein unangenehmer Zeitgenosse der illegal Spiele veranstaltet) von jedem ausgespielten Wetteinsatz einbehält. Erinnert das zufällig jemand an den Zins? Und darauf aufbauende Strukturen namens Banken? Die Bank gewinnt immer, das ist hier nicht anders. Und darüberhinaus geht es in Wirtschaft um Knappheit, und Knappheit führt unweigerlich zu Antagonismen, und das ist hier auch nicht anders. Die Frage ist lediglich, wie zivilisiert man diese Antagonismen ablaufen lässt, und 52 bunte Spielkarten sind immerhin besser als ein Messerkampf. Aber trotzdem, dass es Verlierer gibt und geben muss, wo man gerade eben noch den Siegern gratulierte, das muss einem klar sein. Und in diesem Film wird einem das sehr klar. Sehenswert!

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Politik ist weiblich

by Weissgarnix on 13. Februar 2018

Rekapitulieren wir mal kurz: An der Spitze der CDU und Deutschelands Angela Merkel fest im Sattel. An der Spitze der SPD voraussichtlich in Kürze Andrea Nahles. Wenn sie nicht auf den letzten Metern noch abgefangen wird von Simone Lange, der Oberbürgermeisterin aus Flensburg, die dem geschundenen Proletariat endlich wieder eine Stimme geben will, gegen die ganzen Bonzen da im Willi-Brandt-Haus in Berlin. Der SPIEGEL schreibt heute über die gleiche Anzahl Ministerinnen wie Minister in der neuen GroKo “So viel Matriachat war nie“. Die AfD wird von einer Frau geführt, zumindest der appetitliche Teil der AfD, und wenn von der Linken mal wieder was zu hören ist, dann entweder von Sahra Wagenknecht oder Katja Kipping. Bleiben noch die Grünen, aber bestehen die nicht nur aus Frauen? Und noch die FdP, ok, da gibt’s den Lindner. CSU zum Schluss, da möchte man spontan “Männerpartei!” ausrufen, aber hey: so sicher bin ich mir da gar nicht. Immerhin wagte eine Ilse Aigner in der Debatte um die Seehofer-Nachfolge kurz den Sturm im Wasserglas und Julia Klöckner darf auch ab und an ins Rampenlicht. Da geht also vielleicht noch was, so mädeltechnisch gesehen. Wohl nicht heute, aber warum nicht morgen? Zumindest vorstellbar.

Die Politik wird also insgesamt weiblicher. Theoretisch kann einem das egal sein, praktisch werden es die einen mögen und die anderen zum Fürchten finden. Wundern tut es mich nicht, denn bereits seit geraumer Zeit wird die Öffentliche Debatte von Themen bestimmt, zu denen man als Mann die Schnauze hält, wenn man schlau ist. Von Homoehe über Metoo und dieselvergiftete Laboraffen gilt: Besser nichts sagen. Denn was man sagt, kann und wird gegen einen verwendet werden. Was früher als “Öffentlicher Diskurs” vermarktet wurde, ähnelt heute dem kritischen Blick der Frau vor dem Spiegel: “Findest du mich zu dick?” … Die älteren unter uns wissen: Don’t go there! Zum Glück lassen mit den Jahren ja auch die Sinne nach, da überhört man sowas auch schon mal…

Dass in der Politik zunehmend die Frauen den Ton angeben ist insofern folgerichtig. Weil Frauen dürfen alles sagen. Sie sind empathisch, das sind Männer nie. Und sie sind differenziert. Das sind Männer auch nicht. Frauen stellen häufig die Mehrheitsmeinung, denn sie sind klug. Und wenn sie mal eine Minderheitsmeinung vertreten, dann sind sie emanzipiert. Das gefällt. Männer machen da keinen Stich. Männer wollen immer nur das eine: Macht. Frauen in der Politik zwar auch, aber anders. Wie anders? Na anders halt. Nett anders. Andrea Nahles sei der “einzige Mann in der SPD-Führung” hieß es neulich in der FAZ. Wohl wahr. Ebenso wahr, dass in der danach einsetzenden Empörung über ein derartiges Urteil von den vielleicht doch vorhandenen anderen Männern in der SPD nichts zu hören war. Und zudem wahr, dass sich der Urheber des Bonmots anschließend erklären musste, vor dem Internationalen Gendergerichtshof. Was er da schreibe sei wieder typisch männlich, Frauen seien niemals so wie Männer, am liebsten würde man ihm “von heute an in die Fresse hauen”… hoppla, das zum Schluss weiß ich jetzt gar nicht, ob das so stimmt, vielleicht geraten mir da gerade die Dinge durcheinander. Ich setze mich zur Entspannung kurz auf das Fernsehsofa und gucke nochmal die Szene aus der Elefantenrunde am Wahlabend, in der sich Martin Schulz heulend bei Angela Merkel darüber beschwert, dass sie ihm das angetan habe, was man, da wo ich herkomme, die “Eier abschneiden” nennt.

Frauen sind die besseren Menschen. Deshalb lieben wir sie. Demnächst machen sie große Politik, und das ist gut so. Männer, denen man sowas zutrauen könnte, sind eh keine mehr da.

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You wanted it, baby…

Februar 12, 2018

Götterdämmerung hin oder her: Merkel ist die einzige, die in dem ganzen bunten Treiben noch halbwegs die Figur bewahrt. Ich mein: Was wollt Ihr? Von einer, die mit dem Slogan zur Wahl antritt “Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben!”, einer Ode an die politische Ambitionslosigkeit, darf man nicht erwarten, dass sie […]

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You just got felted, Mr. Schulz

Februar 9, 2018

“To felt someone in poker is to take all of their chips (leaving them only “the felt” of the table in front of them, hence the term).” (Quelle: Poker Wiki) Gebt Euch keine Mühe, das Wort in herkömmlichen Dictionaries nachzuschlagen, Ihr werdet es nicht finden. “Felt” heißt eigentlich Filz und ist Pokerslang für “einen Gegner ausschalten”. Geht […]

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Live by the sword, …

Februar 9, 2018

Mir bricht das Herz. Und politisch bin ich entsetzt. Wo wird Deutschland im Mahlstrom der internationalen Politik jetzt hindriften? In diesem uferlosen Ozean, in dem man doch nie sicher sein konnte, in Somalia zu landen wenn man in Wahrheit nach Thailand wollte. Da brauchte es doch einen erfahrenen, umsichtigen Mann auf der Brücke. Einen Mann […]

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Mehr Freude am Leben dank Statistik

Februar 7, 2018

Nehmen wir an, die Wahrscheinlichkeit, sich mit einem Virus zu infizieren, wenn man mit einer Infektionsquelle in Kontakt gerät, sei 1%. Nehmen wir weiters an, der Kontakt findet nicht nur 1 Mal statt, sondern 3 Mal. Oder nein: seien wir großzügig und lassen den Kontakt 10 Mal stattfinden. Gehen wir desweiteren davon aus, dass es […]

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Der langweiligste Börsencrash der Geschichte

Februar 6, 2018

Wäre es nicht überall der Online-Aufmacher, ich hätte es noch nicht mal bemerkt. Wallstreet bis zu 6% runter, aha, Dow Jones “historisch” um ganze 1600 Punkte eingebrochen, Wahnsinn! OK, nun steht er “historisch” ebenso bei knapp 24.000 Punkten und ging seit gefühlten 5 Jahren stetig nach oben, aber gut: Das verwässert die schöne Katastrophengeschichte, ergo […]

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18% and so what?

Februar 2, 2018

Der SPIEGEL lässt mir per Email zum Frühstück folgendes ausrichten: “SPD verliert weiter, na und? Die SPD ist im neuen ARD-Deutschlandtrend auf 18 Prozent gefallen, dem schlechtesten in dieser Umfrage jemals gemessenen Wert für die Partei. Es fällt natürlich schwer, aber an Stelle der SPD würde ich auf solche Wasserstandsmeldungen nicht allzu viel geben. Immer […]

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3 einhalb Minuten – oder besser 5? Oder 7?

Januar 27, 2018

Ich sehe schon: Manche unter Euch sehen die Dinge viel zu verbissen. Opiumkrieg warum und wieso? Lohnt doch gar nicht, sich wegen historischer Metafragen in die Haare zu kriegen. Wo es doch im Hier und Heute viel praktischere Fragen zu lösen gibt. In Sachlagen, die für das eigen Leben wichtig sind. Und oft genug über […]

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Wie wär’s mal wieder mit einem netten, kleinen Opiumkrieg?

Januar 26, 2018

Bleiben wir bei meinem Sohn und seinen Schulaufgaben. In Sozialkunde steht ein Referat auf dem Programm, über den “Osten von China”. Sprich: Alles, worüber es sich lohnt, zu sprechen, wenn es um China geht. Ein Schulfreund von ihm hat die undankbare Aufgabe, über den Westen Chinas zu referieren, was mir die Prognose leicht macht, dass […]

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