Reise nach Jerusalem

by Weissgarnix on 11. Dezember 2017

Kaum etwas war je so vorhersehbar wie die gestrige Anne Will Sendung. Jedenfalls deutlich vorhersehbarer als Lübberdingens heutiger Kommentar dazu, in dem man den sonst gewohnten Realpolitiker ein wenig vermisst.

Ich hatte gestern 2 Körbe Wäsche wegzubügeln, das schaffe ich in der Sendezeit. Mit einigem guten Willen und einem Glas Rotwein. Womöglich auch zwei.

Wie auch immer: Ich oute mich an dieser Stelle nicht nur als einer, der selber seine Hemden bügelt und seine Socken zusammenlegt; sondern auch als ausdrücklicher Befürworter der jüngsten Trumpschen Devianz, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US Botschaft alsbald dorthin zu verlegen. Aus meiner Sicht war der Schritt längst überfällig.

Rekapitulieren wir kurz mal die Facts: Seit 1995 haben die Amis bereits ein Gesetz, dass diesen Schritt eigentlich vorschreibt. Trumps Manöver ist also nicht einmal besonders originell, eher schon konformistisch. Die Devianz besteht hier merkwürdigerweise in der Anerkenntnis eines bereits bestehenden rechtlichen Zustands. Das muss man erst einmal hinbekommen! Alle regen sich auf, von Merkel bis Erdogan, weil ein US Präsident sich an das hält, was ihm der Gesetzgeber auferlegt hat. Und zwar seinerzeit weitgehend einstimmig, also nix von wegen republikanische Karacho-Politik. Dass Trump also jetzt handelt wo sämtliche Vorgänger seit Clinton sich gedrückt haben: daraus kann man ihm keinen Vorwurf machen. Dass Trump wohl aus innenpolitischen Motiven handelt und den einen oder anderen Großspender aus der Israel-Lobby glücklich machen wollte: daraus kann man ihm auch keinen Vorwurf machen. Das einzige, was den ungläubigen Außenstehenden mal wieder umhaut ist Trumps Chuzpe und der erneute Beleg dafür: The Donald doesn’t give a fuck!

Warum befürworte ich das? Weil es stimmt, was alle sagen: der bisherige Friedensprozess, mit all dem freundlichen Herumgeeierei hat uns nirgendwohin geführt. Das ganze Gelaber von wegen 2-Staatenlösung wurde zur Einbahnstraße als die Palästinenser beschlossen, ausgerechnet durch die Hamas ihr politisches Schicksal verwalten zu lassen. Insoferne gehe ich mehr mit Wolffsohn konform als mit Lübberdings Kritik: Das lässt sich mit Deutschlands Aufgabe der ehemaligen Ostgebiete schon vergleichen. Was Will Brandt zum Ausdruck brachte war nichts anderes als die normative Kraft der Fakten. Und in der Tat: ein paar Jahrzehnte später gab’s das wiedervereinigte Deutschland, allen Skeptikern zum Trotz, und hurra: alle waren glücklich (zumindest fast alle).

Ich sehe zudem keinen besonderen Vorteil darin, die Dinge weiterhin in der Schwebe zu halten, zwar so zu tun als ob aber auch nicht wirklich, im sich-Hangeln von UN-Resolution zu UN-Resolution und Hamas-Raketenangriff zu Hamas-Raketenangriff, ab und an garniert mit einer Erinnerung, dass das Fortbestehen des Staates Israels Teil der deutschen Staatsräson sei. Wie gestern auch wieder bedeutungsschwer von Czem Özdemir, mit einem derart penetrantem Elder Statesman Habitus, der unweigerlich den Verdacht nährte, er übe täglich 2 Stunden vor dem Spiegel um so rüber zukommen wie Joschka Fischer. Wenn Israel ein souveräner Staat ist, dann sollen sie auch ihrer Hauptstadt haben. Wenn das Jerusalem sein soll, West wie Ost, dann so be it. Ändern kann das in der Tat eh keiner.

Bleibt die Frage nach den unmittelbaren Folgen. Natürlich sind die Araber jetzt sauer und rufen (mal wieder) zum heiligen Volkszorn auf oder wie immer diese elende Aufstandsfolklore halt aktuell heißt. Die Üblichen Verdächtigen machen, was die Üblichen Verdächtigen immer machen, im Gaza wie auch in Berlin, alle sind empört, ach Gottchen, sowas von empört, aber Wolffsohn sagt vermutlich zu Recht: Im Gaza hätten sie lieber zuverlässigen Strom. Man wird also sehen, was daraus in the long run wird, irgendwann haben vielleicht tatsächlich alle Beteiligten schlicht keinen Bock mehr auf Randale.

Die Entfremdung schreitet statt dessen voran im sogenannten “Westen” oder dem, was noch davon übrig ist. So ziemlich jeder war schnell dafür verfügbar, ein bedenkenschweres Statement Richtung USA los zulassen, schneller noch, als selbst die FDP mit ihrer Ausstiegserklärung aus den Jamaika-Verhandlungen. Das Recht des Stärkeren, oh mein Gott, als sei es je anders gewesen. Das friedliche Europa, das an allen Verdun-Gedenktagen stets so feierlich hochgehalten wird, ist nichts anderes als ein Produkt selbigen Rechts. Mag man in dieser Deutlichkeit nicht so gern hören, maybe, aber ist halt so. Noch jeder Ami, mit dem man sich über den WWII unterhält, verleiht dem Motto Ausdruck, wenn er umstandslos bekundet: “I don’t know why it happened but I know that we won!” Reduktion von Komplexität, wenn vielleicht auch nicht so, wie es mal gemeint war. Aus der Sicht der Palästinenser war es zudem schon seit Jahrzehnten nichts anderes als das Recht des Stärkeren, das sich stets und überall den Zu- und Durchgriff sicherte. Für die ändert die Einführung des Begriffs in die politische Diskussion also am allerwenigsten.

Und zuletzt zur Frage, ob die USA nun ausfallen, als “Peace broker”, als “neutraler Vermittler”? Seelig diejenigen, die das in der Vergangenheit für bare Münze nahmen. Die USA verfolgten immer schon Interessenspolitik in Israel. Zuvörderst natürlich ihre eigene, die aber oft genug deckungsgleich war mit der der Israelis. Die Europäische Union und darin allen voran Deutschland selbstredend ganz genauso.

Aber im Prinzip ist das auch wurscht. Denn auch mit einem anderen dictum liegt Woffsohn richtig: Kein Außenstehender wird in Palästina den Frieden herbeiführen, wenn es die dortigen Parteien nicht aus eigener Kraft wollen oder können. Keine USA und kein Jared Kushner und schon gar nicht ein Czem Özdemir. Und um vor Ort für entsprechende Motivation zu sorgen mag eine klare Faktenlage durchaus hilfreich sein. Auch wenn, wieder einmal, durch nichts weniger Archaiisches  hervorgebracht als das Recht des Stärkeren.

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Viele Worte um die Hochzeitstorte

by Weissgarnix on 7. Dezember 2017

Das ist ein Fall nach meinem Geschmack: Schwules Paar in Amerika kommt 2012 in eine Bäckerei, die weithin bekannt ist für ihre kunstvoll verzierten Hochzeitstorten, um eine solche für sich anfertigen zu lassen. Nun ist der Eigentümer und künstlerisch Ausführende der Bäckerei, ein Mann namens Jack Phillips, aber auch dafür bekannt, dass er streng gläubiger Christ ist und daher nicht für jeden Anlass seine Kreationen zur Verfügung stellt, als da wären Halloween, Scheidungsparties – und Schwulenhochzeiten. Daher sagt er den beiden Jungs sorry, mache er nicht, sie mögen sich bei einem anderen Anbieter gütlich halten oder einfach eine Fertigtorte kaufen. [click to continue…]

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Künstler und Märtyrer

November 30, 2017

Nein, so einfach wollen wir es uns nicht machen. So einfach wie Leser Jörg es in seinem Kommentar unter den WELT-Artikel schreibt: “Laut der Definition von Herrn Grimbäck wären viele NS-Größen ebenfalls Märtyrer. Vielleicht sollte man von denen einige Fotos dazuhängen, dann hätte sich diese Ausstellung schnell erledigt.” Denn natürlich: Damit wäre es aus, noch […]

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Kurios…

November 29, 2017

Hat man seit Göring nicht gesehen … https://youtu.be/AdQsDopZfS4

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Rot, grün ganz, schwarz nur halb

November 29, 2017

In jedem Unternehmen, für das ich jemals tätig war, wäre Bundesbauernlobbyistagrarminister Christian Schmidt seit ein paar Tagen vom Dienst freigestellt. Hätten Rundschreiben bereits die Emailverteiler erreicht, wonach ihm die Chefetage für seine bisherigen Verdienste dankbar ist und bedaure, dass er sich neuen beruflichen Herausforderungen stellen wolle. Unabhängig davon, was man von diesem Glyphosatzeugs hält (ich […]

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Sie sahen… eine Wahlwerbesendung der AfD

November 26, 2017

Lübberding dreht vermutlich gerade den Fernseher ab und überlegt, was er über die eben zu Ende gegangene Anne Will Sendung in die Tasten hauen wird. Ich bin so frei und nehme die Punchline vorweg: Wir sahen gerade eine Wahlwerbesendung der AfD. 200.000 Obergrenze für Flüchtlinge? In welchem Rahmen auch immer, selbst als “atmenden Rahmen”? Fuck it! […]

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Auf, auf – in die Dienstbotengesellschaft!

November 26, 2017

Leser des früheren Weissgarnix-Blogs werden wissen, es geht mal wieder um mein Lieblingsthema. Haushaltsnahe Dienstleistungen. Genau. Potenzielle Jobs galore, gerade für diejenigen, die nicht mit einem IQ von 130 auf die Welt gekommen sind oder ihr bisheriges Leben unter Karriereaspekten strukturieren wollten bzw. konnten. In der Praxis erprobte Modelle staatlicher Förderung in Frankreich und Belgien, […]

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Im schmerzenden Schuh auf hoher See

November 24, 2017

Ein sehr schöner Kommentar von Lübberding in der FAZ. Der Titel sagt schon alles: “Deutsche Merkel-Rettungsgesellschaft“ Warum die SPD dämlich genug sein sollte, für Merkel auf die große, dunkle See hinauszufahren, und dafür nicht nur ihren Vorsitzenden final zu desavouieren, bleibt everybody‘s guess. „Schuh der Verantwortung“? Was für ein Schmarrn! Natürlich gibt es die nach […]

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Niemand ist eine Insel

November 20, 2017

Jamaika ist tot. Als Regierungsprojekt. Oder besser: Als Angela Merkels kopfloser Versuch, an der Macht zu bleiben. Nicht nur als Bundeskanzlerin, auch als Matriarchin der CDU. Gescheitert. Bei Anne Will hatten sie es zuvor schon mal gesagt. Deutlich: “Wenn Merkel eine Idee gehabt hätte, was sie mit einer solchen Regierung erreichen will…”. Hatte sie aber […]

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Herr Professor schafft das Triple…

November 17, 2017

Ich habe keinen blassen Schimmer, was der Leipziger Jura Prof da in der FAZ über die Afrikaner zum Besten gibt, denn ich habe den Artikel noch nicht gelesen. Ich kann mir allerdings denken, was da steht. Wie auch immer, die FAZ Leserschaft scheint sich sehr für seine gelehrigen Worte zu erwärmen, denn Herr Professor schafft, […]

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