Die Proxy-Spieler

by h.huett on 14. November 2011

Ich stoße auf die story über Tyler Cowen, der sie Daniel J.P. Riveong verdankt.

In Singapur gibt es ein paar Bauunternehmer, die ihre Arbeiter, Hungerleider aus Bangladesh, mit etwas Bargeld, Mobiltelephonen und Notebooks ins Kasino schicken. Sie multiplizieren ihre Spielsucht durch Proxy-Spieler. Ihre proxies kriegen einen kleinen Anteil vom Gewinn. Verlieren sie zu viel, wirds ihnen vom Lohn abgezogen. Was für ein famoses Risk-Hedging-Konzept!

Ist das nicht das Modell der aktuellen Finanzkrise? Ist Euroland der Baukasten für eine spielerische Versuchsanordnung ein paar durchgeknallter Auslandschinesen?

Mich erinnert die story an eine Erzählung Alexander Lernet-Holenias. Die Kakanier unter meinen Lesern werden ihn vielleicht noch kennen. In einem Roman, ich finde das Buch gerade nicht, beobachtet der Erzähler einen Spieler mit Pechsträhne. Er heftet sich an dessen Fersen. Schau Dir diesen Hiob an! Er ist wie für Dich geschaffen! Setz gegen ihn! So ist Dein Glück gemacht.

In Singapur hat sich die Geschichte rundumerneuert. Leider hinter einer paywall. So müssen mir die wenigen Informationen für die eigene Phantasie reichen. Die spielsüchtigen Bauunternehmer verfolgen über Webcams ihrer proxies die Einsätze, den Spielverlauf, die Gewinne.  Große Gewinne werden durch proxy-proxies sofort abkassiert.

Die Sucht multipliziert sich so. Der Kick des multiplen Spielens verleitet sie dazu, ihr Lusterlebnis auszudehnen. Dennis Hopper hat es in Blue Velvet vorgemacht. Sie erzeugen das Gefühl einer Zeitlupe, unter der das fatum des Spielausgangs für eine nicht messbare Ewigkeit hinausgeschoben wird. Ist der Kick vorbei, wird die Wut auf die Verlierer rasend.

Ein Leser Cowens weist darauf hin, dass die Spielsüchtigen durch ihre proxies Kasinoverbote umgehen. Soviel zum Thema Regulierung. Jede Spielregel ist dazu bestimmt, umgangen zu werden.

Der Zeitgewinn, die Zeitlupe, die Ewigkeit bis zum Ende der nächsten Runde sind die Droge. Das inverse Bild einer Politik, die auf Zeit spielt, damit der Albtraum kein Ende findet.

 

{ 12 comments… read them below or add one }

Nanuk November 14, 2011 um 11:40

Na wir werdn kan Richter brauchen, weil wir haben ein goldenes Herz!
Wir werden alles übertauchen und dann fahren wir himmelwärts!
Mir san alle guade Lotschn und drum hamma uns so gern
Da bei uns streckt kana g’Patschen ohne daß die Erben rearn

h.huett November 14, 2011 um 11:55

Über Le Monde Diplomatique stoße ich auf dieses Interview mit Jin Liqin, dem Chef der China Investment Corporation, dem großen chinesischen Staatsfonds.

Hier das Originalinterview: http://www.aljazeera.com/programmes/talktojazeera/2011/11/2011114434664695.html

Money quote:

Jin, who has served as China’s deputy minister of finance and vice president of the Asian Development Bank, manages $400bn worth of the nation’s money through the sovereign wealth fund. He says that unless Europe changes its labour laws and adjusts its welfare system, he does not consider it to be a profitable investment.

“If you look at the troubles which happened in European countries, this is purely because of the accumulated troubles of the worn out welfare society. I think the labour laws are outdated. The labour laws induce sloth, indolence, rather than hardworking. The incentive system, is totally out of whack.

“Why should, for instance, within [the] eurozone some member’s people have to work to 65, even longer, whereas in some other countries they are happily retiring at 55, languishing on the beach? This is unfair. The welfare system is good for any society to reduce the gap, to help those who happen to have disadvantages, to enjoy a good life, but a welfare society should not induce people not to work hard.”

Nanuk November 14, 2011 um 12:02

Finde ich auch wann fängt Jin Liqin an zu arbeiten..

Nanuk November 14, 2011 um 12:03

Ich mein ja nur die wohlverdienten Dollars an das US Schatzamt überweisen kann ich auch…

wowy November 14, 2011 um 12:14

Da muss ich doch gleich an Dostojewskis “Der Spieler” denken. Ja, auch wegen der Spielsucht, aber mehr noch, weil es in dem Roman diese Gruppe gibt, die in “Roulettenburg” auf die erlösende Erbschaft wartet.
1866 hat Dostojewski den Roman geschrieben. In diesem Jahr wurde auch der Norddeutsche Bund gegründet (Schönen Gruß an Hans Olaf Henkel).

roland November 14, 2011 um 12:58

so als Nebenstrang, das sog. “gold farming” – http://en.wikipedia.org/wiki/Gold_farming , literarisch verarbeitet dann wohl in Cory Doctorows “For the win” – vgl. http://netzpolitik.org/2011/cory-doctorow-for-the-win/

wowy November 14, 2011 um 15:15

Bisher nannte man die Proxy-Spieler übrigens Broker.

h.huett November 14, 2011 um 16:07

roland
Danke für die links, Doctorow hab ich letzte Woche knapp verpasst. Das Gold farming ist das Kuli-Wesen unserer Zeit, illustriert im Grunde auf höherer Stufenleiter, was Marx/Engels mit Ursprünglicher Akkumulation beschrieben haben

KL November 14, 2011 um 17:11

Schön, wie man in den Kulturen, die nachholende Modernisierung verfolgen, die europäischen Kapitalisten des 19. Jahrhunderts wiederfindet – mit allem dazugehörigen infantilen Unsinn.
‘Härter’ arbeiten, länger arbeiten – wozu, wozu ? Damit Kapital akkumuliert. Wozu ? Damit mehr und raffinierter produziert werden kann. Wozu ? Damit wir nach allem Notwendigen auch noch mit allem erdenklich Überflüssigen von früh bis spät bespaßt werden können.
Der Widersinn des Arrangements, unentwegt mehr und härter zu arbeiten, damit man mehr und besseres von dem habe, was das Leben angenehm und leicht macht, wird wohl darum nicht thematisiert, weil die einen härter arbeiten sollen, damit die anderen intensiver genießen können.
Oder gibt es einen erkennbaren Trend der Akkumulation, der etwas Verstehbares sein könnte ? Aus der Ausbeutung des 19. Jahrhunderts gingen immerhin Bergwerke, Stahlindustrie, Kraftwerke, Eisenbahnen, Städte hervor. Was aber kann hier kommen ? Spieler, die sich Fertigkeiten im Spiel einkaufen, weil sie keine Zeit oder Lust haben, diese Fertigkeiten zu erlernen, aber trotzdem spielen wollen … Mir fällt nichts rechtes ein.

h.huett November 14, 2011 um 17:16

KL
Es ist viel vertrackter und simpler zugleich.
Die Wiederholung der Fehler erfolgt im Zeitraffer mit exponentiell höherem Outfall. Die Spieler aber machen das offenbar, weil sie durch ihre Familien eine Zugangssperre zu den Kasinos haben. Sie frönen ihrer Lust durch die proxies, auch das in höherer Potenz. Es geht nicht um Fertigkeiten, sondern um Lust und Verdruss. Dieser abwegige Teil wirkt aus der Ferne wie eine Inszenierung. Nach welchem Vorbild? Oder ist es eine Voodoo-Logik, der die Euro-Krise wie eine Replikation folgt?

KL November 14, 2011 um 17:35

Ich hatte wohl eher auf den wikipedia-Eintrag zu Goldfarmen reagiert, nicht auf das konkrete Beispiel hier, pardon. (Dort war erklärt worden, daß die proxies Leute sind, die ‘upleveled’ Avatare verkaufen.)

Zu dem hier dargestellten Beispiel fällt mir noch weniger ein. Wenn es eine Allegorie der Finanz-Krise ist, dann worin ?
Wahrscheinlich sagt mir das Stichwort ‘Lust’ hier zu wenig, es ist zu unspezifisch. Die Nothelfer der Finanzkrise werden sicher Lust empfinden, wenn ihnen etwas glückt (falls ihnen jemals etwas glückte). Ist das Problem aber nicht eher, daß sie das Glück des Gelingens nur finden, so lange die Arrangements des Spiels nicht grundlegend verändert werden ? Weil jenseits dieser der weiße Nebel wabert ? Also spielen sie auch dann noch Export mit Hermesbürgschaft, wenn sie den Käufer schon durch Umschuldung&Austerität strangulieren. Der Spieler, der nicht mehr spielen kann, läßt das Spiel mit der Fiktion seiner Teilnahme weitergehen. Dazu wäre aber wohl ein proxy-System der Exportwirtschaft nötig, also in Steigerung der Ausbeutung von Zulieferern nun eine verschärfte Ausbeutung der Wiederverkäufer … so etwa ?

Linus November 14, 2011 um 19:49

@Huett:
OT: Schön, daß du Alexander Lernet-Holenia zitierst. Der Mann ist völlig zu Unrecht fast vergessen.

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