Werden wir jetzt alle liberal?

by f.luebberding on 8. Dezember 2011

In Brüssel stehen sich die Regierungschefs wieder einmal auf den Füßen. Wir sollten die Zeit nutzen, um einmal die üblichen Fronten aufzubrechen. Heute Morgen ist nämlich folgendes zu lesen:

“Als Krisenauswege sind derzeit vor allem zwei Maßnahmen im Gespräch: erstens die Vergemeinschaftung der Schulden durch Eurobonds, was allerdings die Forderung nach einer Fiskalunion – also den Verlust nationaler Haushaltssouveränität – fast zwangsläufig nach sich zieht. Am Ende würde über die Ausgaben für italienische Universitäten oder spanische Arbeitslose in Brüssel oder, schlimmer, in Frankfurt oder Berlin entschieden. Aber auch die zweite ins Gespräch gebrachte Variante ist bedenklich: der bedingungslose Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB. Ein solches Fluten der Märkte mit Zentralbankgeld würde zwar nicht unbedingt Inflation, aber ganz sicher die nächste große Finanzmarktblase nach sich ziehen und den längst viel zu groß gewordenen Finanzsektor weiter aufblähen.”

Wer hat das geschrieben? Herr Schäffler von der FDP? Oder Hans-Werner Sinn? Heike Göbel aus der FAZ Wirtschaftsredaktion ist die Autorin. Wie sagt sie schön.

“Eurobonds wären nur ein weiterer Versuch, die Entwertung von Schulden durch Vergemeinschaftung der Schuldenlast aufzuhalten. Die aktuellen Schwierigkeiten des europäischen Rettungsschirms, Geld bei privaten Investoren einzusammeln, sprechen dafür, dass auch die Zinssätze auf Eurobonds tendenziell steigen würden. Wachsende Teile der europäischen Steuereinnahmen würden so vom Zinsdienst aufgezehrt. In nicht allzu langer Zeit könnte die Eurozone mit Eurobonds genau da stehen, wo Italien und Spanien heute sind.”

Ganz klar, Heike Göbel. Wer ansonsten kann soviel Ahnungslosigkeit über die Finanzmärkte dokumentieren? Es gibt nämlich keinen Grund, warum Eurobonds dort landen sollten, wo Italien heute steht. Die Solvenz der Eurozone insgesamt steht überhaupt nicht zur Debatte. Deren volkswirtschaftliche Rahmendaten sind besser als die aller anderen großen Industriestaaten. Es ist nur ein Frage des politischen Willens, ob man die Konsequenzen ziehen will: also den Einstieg in eine europäische Solidargemeinschaft. Wenn nicht, muss man es halt lassen.

Heike Göbel hat also gar nichts verstanden. Nur ist sie gar nicht die Autorin dieses Textes.

Ich muss mich entschuldigen.

Obwohl der Text liberal ist bis auf die Knochen. Er könnte im Wirtschaftsteil der FAZ stehen. Wenn diese Wirtschaftsliberalen eines endlich begreifen würden:

Dass die Lösung unserer Krise eben auch eine Verteilungsfrage ist: ansonsten kann man nur auf den Budenzauber der Finanzmärkte zurückgreifen. Oder Pleite gehen.

Immerhin hat das die Autorin dieses Textes begriffen, wenn sie auch ansonsten keine Ahnung von Finanzmärkten hat. Es ist halt eine deutsche Liberale, nur ohne die Scheu, Verteilungsfragen zu thematisieren.

Sie heißt Sahra Wagenknecht.

Da staunen wir jetzt, gell? Ihr Beitrag ist in der FAZ erschienen. Dort ist bekanntlich immer Platz für intelligenten Liberalismus.

{ 245 comments… read them below or add one }

Morph Dezember 9, 2011 um 16:58

@topi

“Nun kann man einwenden, dass es damals hohe Wachstumsraten gab; muss man aber nicht.”

nein?

äh… doch! ;-)

Solange die Realwirtschaft brummt, realisiert diese eine unschlagbares Rendite/Risiko-Verhältnis. Für komplizierte, hinsichtlich der involvierten fundamentals undurchschaubate Finanzprodukte gibt es in einer solchen Phase schlicht keinen Markt.

Wenn aber durch Rationalisierung und Marktsättigung die Renditen zurückgehen, werden riskantere Anlageformen interessant.

Tendenziell führt das zu einer Situation, in der Renditen nur noch mit hohem Risiko realisiert werden können, dann aber satt. Und dies führt in letzter Konsequenz dazu, dass ein rationales Risikomanagement sehr hohe Kapitaleinsätze erwzingt. Otto Normalanleger kommt in diese Märkte gar nicht mehr unmittelbar rein.

Die fetten Renditen werden heute in einem Casino realisiert, dessen Zutrittsbedingung ein verdammt hoher Mindesteinsatz ist. Die Allokation solcher Mindesteinsätze organisieren Finanzdienstleister, Investmentbanken mit ihren Fachleuten. Und die lassen sich ebenso ungern in die Karten schauen wie jede andere Firma auch.

Und so obszön das von außen auch aussieht: Ohne das ist die bestehende, technisch ausgereifte, extrem interdependente, mit minimalen Gewinnmargen operierende Realwirtschaft unmöglich.

Ich bin bis vor Kurzem davon ausgegangen, dass sich die moderne Produktionsstruktur im Zuge eines Megacrashs auf vorindustrielles Niveau zurückentwickeln wird. Heute gehe ich davon aus, dass in den bevorstehenden ökologischen Krisen sehr viele unf furchtbare Teilkatastrophen ereignen werden, dass aber die industrielle, fein aufeinander abgestimmte Produktionsweise (+ eine auf hohem Allokationsniveau operierende Finanzindustrie) und die funktionale Differnzierung der Gesellschaft erhalten bleiben, und zwar weil wir jenseits der feudalen Hochkulturen leben. Die konnten noch strukturell kollabieren (Maya usw.). Wir können das nicht mehr, und das ist durchaus kein Triumph…

holger Dezember 9, 2011 um 17:18

@ Morph

—>>>Ich bin bis vor Kurzem davon ausgegangen, dass sich die moderne Produktionsstruktur im Zuge eines Megacrashs auf vorindustrielles Niveau zurückentwickeln wird. (…) Die konnten noch strukturell kollabieren (Maya usw.). Wir können das nicht mehr, und das ist durchaus kein Triumph… „

Na dann… dann musste dich halt in das Zeitalter der alten Hochkulturen zurück beamen. Oder nach Tibet auswandern. Vorindustrielles Niveau… wo lebst du eigentlich. Meinst Du etwa hier wird getackert und gehobelt und gebohrt, nur damit wir wieder zurückfallen? Im Gelben läuft auch so einer rum.

—>>>und die funktionale Differnzierung der Gesellschaft erhalten bleiben, und zwar weil wir jenseits der feudalen Hochkulturen leben.“

Ne… das hat mit jenseits von irgendetwas überhaupt nix zu tun. Um 1880 gabs ne Zeitenwende, da hat der „Herr“ mal wieder die Schleusen geöffnet (technisch und philosophisch). Was meinste denn, warum du hier rum brabbeln kannst? Und vor dieser stehen wir jetzt auch wieder. Für Dich mag das kein Triumph sein. Mit welcher Berechtigung überhaupt?

holger Dezember 9, 2011 um 17:21

holger tststs

—>>>Und vor dieser stehen wir jetzt auch wieder”

Nein… der Gong dafür war der 21 Dezember 2010. Wir sind mittendrin in der Zeitenwende.

holger Dezember 9, 2011 um 17:24

Und Morph das exakte Datum mit Mondfinsternis, Blutmond und Vollmond war: Dienstag, 21. Dezember 2010, 09:13:30 Uhr

Morph Dezember 9, 2011 um 17:49

@Holger

Dass Hochkulturen kollabiert sind, davon hast Du aber schon mal gehört, oder?

Und wenn Du meinst, dass ein ähnlicher Kollaps heute unwahrscheinlich sind, dann sind wir ja einer Meinung.

holger Dezember 9, 2011 um 18:14

Morph

—>>>Dass Hochkulturen kollabiert sind, davon hast Du aber schon mal gehört, oder?”

Aber klar.

—>>>Und wenn Du meinst, dass ein ähnlicher Kollaps heute unwahrscheinlich sind, dann sind wir ja einer Meinung.”

Ja… mich hat es nur gewundert, dass du davon zuerst nicht ausgegangen bist.

carlos manoso Dezember 9, 2011 um 18:25

@ Morph Dezember 9, 2011 um 16:58
„Solange die Realwirtschaft brummt, realisiert diese eine unschlagbares Rendite/Risiko-Verhältnis. Für komplizierte, hinsichtlich der involvierten fundamentals undurchschaubate Finanzprodukte gibt es in einer solchen Phase schlicht keinen Markt.
Wenn aber durch Rationalisierung und Marktsättigung die Renditen zurückgehen, werden riskantere Anlageformen interessant.“

Der Zusammenhang ist klar. Bis etwa 1973 lagen die Realzinsen unter der realen Wachstumsrate des BIP. Somit war ein (keynesisches) Positivsummenspiel möglich, also kreditfinanzierte Investitionen, die so positive Renditen brachten, dass daraus die Kreditzinsen gezahlt werden konnten. Also war Profit und Akkumulation von realem Kapital und gleichzeitig positives Wachstum von Einkommen, Arbeitsplätzen etc. möglich. In diesem Scheinklima des Positivsummenspiels kamen sozialdemokratische Illusionen zur Blüte und in D die SPD an die Macht. Mit dem Zusammenbruch des Fixkurs-Systems von Bretton-Woods war diese Ära zu Ende.

In der Zwischenphase, 1976, beschwor US-Präsident Jimmy Carter in seiner wirklich GROSSEN Rede „Crisis of Confidence“ an die Amerikaner die zwei Wege, zwischen denen Amerika zu wählen hat, einer davon „the certain road to failure“. Das war die allerletzte ehrliche Rede eines westlichen „Demokraten“.
http://www.youtube.com/watch?v=KCOd-qWZB_g&feature=related

„The certain road to failure“ wurde mit der Wahl Reagans beschritten, denn das Niveau der Realzinsen stieg bereits die Jahrzehnte nach 1980 über die reale Zuwachsrate des BIP. Durch umfassende Umverteilung von unten nach oben konnte Kapital in Blasen von Scheinvermögen gelenkt werden und so in eine (für die „breite Masse“ noch unfühlbare) Hyper-Inflation von Vermögenstiteln gelenkt werden.

„Und dies führt in letzter Konsequenz dazu, dass ein rationales Risikomanagement sehr hohe Kapitaleinsätze erwzingt. Otto Normalanleger kommt in diese Märkte gar nicht mehr unmittelbar rein. Die fetten Renditen werden heute in einem Casino realisiert, dessen Zutrittsbedingung ein verdammt hoher Mindesteinsatz ist. Die Allokation solcher Mindesteinsätze organisieren Finanzdienstleister, Investmentbanken mit ihren Fachleuten. Und die lassen sich ebenso ungern in die Karten schauen wie jede andere Firma auch.“

Naja, wenn du mal recherchehalber einen Termin mit Empfehlung bei einer Frankfurter Privatbank machen würdest, dann bekämest du nach dem Check ab 15% Zinsen p.a. garantiert ab EUR 5 Mio. Mindesteinlage, garantiert !

„Und so obszön das von außen auch aussieht: Ohne das ist die bestehende, technisch ausgereifte, extrem interdependente, mit minimalen Gewinnmargen operierende Realwirtschaft unmöglich.“

Morph, falls sich dein völlig von Praxis unbeleckter Glaube, „ohne das sei (….) die bestehende, technisch ausgereifte, extrem interdependente, mit minimalen Gewinnmargen operierende Realwirtschaft unmöglich“ nur in dem religiösen Glauben eines völlig ahnungslosen Luhmann gründet, dann bist du eventuell noch heilbar.

„Heute gehe ich davon aus, dass in den bevorstehenden ökologischen Krisen sehr viele unf furchtbare Teilkatastrophen ereignen werden, dass aber die industrielle, fein aufeinander abgestimmte Produktionsweise (+ eine auf hohem Allokationsniveau operierende Finanzindustrie) und die funktionale Differnzierung der Gesellschaft erhalten bleiben, und zwar weil wir jenseits der feudalen Hochkulturen leben. „

Die Finanzindustrie würde erhalten bleiben, wenn die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse gewaltsam länger aufrechterhalten werden könnten. Die Finanzindustrie wird aber gerade wegen ihres hohen Allokationsniveaus in diversen Schüben zusammenbrechen und dies wird „die industrielle, fein aufeinander abgestimmte Produktionsweise“ ins Mark treffen. Der Punkt ist ganz einfach, dass eine neue Produktionsweise mit den entwickelsten mikroelektronischen Produktivkräften einfach global vernetzt ohne Patentrechte und so Produkte herstellen kann, die die Menschen tatsächlich zum Leben brauchen. Wenn du glaubst, eine völlig irrationale Produktionsweise hätte eine Zukunft, die Waren nur deshalb produziert, weil Kapital verwertet werden muß, egal ob die Welt inkl der darin lebenden Menschen draufgehen, dann lebst du wirklich auf einem zerglühenden fremden Stern, Morph.

holger Dezember 9, 2011 um 18:40

@ carlos

—>>> Der Punkt ist ganz einfach, dass eine neue Produktionsweise mit den entwickelsten mikroelektronischen Produktivkräften einfach global vernetzt ohne Patentrechte und so Produkte herstellen kann, die die Menschen tatsächlich zum Leben brauchen.”

Natürlich, und der erste Schritt dazu, war das Rapid Prototyping. Oder auch unter 3D Drucker bekannt.

no way Dezember 9, 2011 um 19:33

Habt ihr den Siegestriumph in der Betonung des Wortes “Entschlossenheit” auf der Pressekonferenz der Königin der Nacht gehört.

Nichtsdestotrotz
“over and over we will discover …”

http://www.youtube.com/watch?v=MNE8fCmZUEw&feature=related

Torfkopp Dezember 9, 2011 um 20:01

@HAM “Die Linkspartei war nie etwas anderes als der Versuch eines sozialdemokratischen Remakes.” – Wenn sie aus dem Westen Deutschlands wäre. So ist sie aber das Auffangbecken der gestrandeten DDR-Eliten mit beliebigem, ideologischem Ettikett, welches am logischsten erscheinen sollte. Und jetzt muß sie da irgendwie durch.

HAM Dezember 9, 2011 um 21:08

Torfkopp Dezember 9, 2011 um 20:01
So ist sie aber das Auffangbecken der gestrandeten DDR-Eliten…

Gewesen …
Denn viele der Ex-DDR-Eliten sind inzwischen schon im oder in der Nähe vom Rentenalter.
Klar, ein paar jüngere gibt es noch, wie z. B.
http://de.wikipedia.org/wiki/Petra_Pau

Und außerdem kann man selbst als Ex-FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda eine große Karriere machen, wenn man NICHT in in der SED-Nachfolgepartei ist.

HAM Dezember 9, 2011 um 21:11

@carlos manoso Dezember 9, 2011 um 18:25
Die Finanzindustrie würde erhalten bleiben, wenn die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse gewaltsam länger aufrechterhalten werden könnten. Die Finanzindustrie wird aber gerade wegen ihres hohen Allokationsniveaus in diversen Schüben zusammenbrechen …

Profite in der Finanz“industrie“ basieren im Wesentlichen auf Umverteilungseffekten, weil der Kreditanteil für die Realindustrie gering ist.
Aber um „Finanzprodukte“ weiterhin an Privatkunden zu verkaufen zu können, muss man entsprechend zahlungsfähige Dumme finden. An Konsumentenkrediten kann man nichts verdienen, wenn diese nicht zurückgezahlt werden.

„Bankenrettungen“ sind nur begrenzt möglich. Was bleibt?

Derzeit auf jeden Fall das Kreditgeschäft mit den Staaten.
Deshalb wird versucht, die Zinsen für Kredite an den Staat möglichst hochzutreiben, denn die Zinsen fließen auf die Konten der Finanzkapitalisten.

Das ist m. E. der Hauptgrund für das EURO-Theater, wo es primär darum geht, die Zinsen hochzutreiben. Das ist nichts anderes als Umverteilung zu Lasten der Staatsbürger.

Interessant wäre es, zu erfahren, auf welche Konten die Zinsgewinne gehen.

Das wird nicht ewig so weitergehen. Aber im Augenblick funktioniert es noch, weil die Politik noch mitspielen KANN.
Die Finanzkrise war kein Unfall. Europas oberster Korruptionsbekämpfer spricht von einem Milieu, in dem Bereicherung Ziel des Handelns ist. Und die Politik macht mit.
http://www.welt.de/finanzen/article13407540/Im-Wuergegriff-der-Mafia-aus-Finanzwelt-und-Politik.html

Ein entscheidender Parameter für die Aufrechterhaltung der politischen Stabilität ist die realökonomische Situation der Bevölkerung.

Die realökonomischen Strukturen werden in den Diskussionen sträflich vernachlässigt, weil sich alles ums Geld dreht, aber diese realökonomischen Strukturen, wozu auch die Infrastruktur gehört, wie Bildungswesen, Verwaltung etc. sind für die Zukunft entscheidend und nicht das Geld.
Aber gegenwärtig beherrscht die Geldillusion das Denken, gerade auch bei den WiWis. Die sind fixiert auf die Tauschwertebene.

A. G. Dezember 9, 2011 um 23:06
wowy Dezember 9, 2011 um 23:22
HAM Dezember 10, 2011 um 00:38

@Wat. Dezember 9, 2011 um 01:12
Wie sollte sich bitte von Bedingungen emanzipiert werden ohne eine psychosoziale Entwicklung der Menschen.

Das ist eine Frage, in der eine grundlegende Differenz zwischen „östlichen“ Marxismus aka „Marxismus-Leninismus“ und „westlichen“ Marxismus deutlich wird, so wie er von der Neuen Linken in der 68-er Zeit repräsentiert wurde.

Kennzeichnend für die neue Linke war die in der Praxis angestrebte Verbindung zwischen individueller und kollektiver Befreiung sowie in der Theorie der Bezug sowohl auf den Marxismus wie auch auf die Psychoanalyse, was auch – unzureichend – als „Freudomarxismus“ bezeichnet wird.

Im Ostblock war die Psychoanalyse als „bürgerliche Wissenschaft“ verpönt, recht spät, erst in den 70-er Jahren gab es dort eine gewisse Annäherung. In West-Berlin traf ich zu dieser Zeit in einem Buchladen einen aus der DDR kommenden Wissenschaftler. Wir kamen kurz ins Gespräch. Auf meine Frage, ob man sich jetzt in der DDR auch für Psychoanalyse interessiere, sagte er: „Ja, zum Teil. Ist aber top secret.“

Sicherlich gab es in der DDR vereinzelt ein Interesse für die Psychologie, welches über Pawlow hinausging. Das Buch von Hiebsch/Vorweg fand ich damals als durchaus wertvoll.

Aber im Grunde war die DDR hinsichtlich Tiefenpsychologie völlig rückständig und dominant war nach wie vor die Stalinische Widerspiegelungstheorie, nach der bekanntlich das (materielle) Sein das Bewusstsein bestimmt.

Was überhaupt nicht verstanden wurde, war der Unterschied zwischen der Befreiung von äußeren Bedingungen und der Befreiung von internalisierten Strukturen.

Genau dieses Unverständnis zeigt sich auch in Deinem oben zitierten Satz.
Denn man kann den Herren verjagen und trotzdem – psychologisch – ein Knecht bleiben.

Aus meiner Sicht zeigt sich darin das ganze Dilemma des Ost-Marxismus, welcher kein zureichendes Verständnis für individuelle = psychostrukturelle Emanzipation hatte. Was auch ein ganz wesentlicher Grund für das Scheitern des realen Sozialismus bzw. Marxismus-Leninismus war.

topi Dezember 10, 2011 um 01:12

@morph

Das könnte ja sehr interessant sein; nur gehst du wieder von völlig falschen Voraussetzungen aus.

“minimale Gewinnmargen”, wie kommst du denn darauf?
Es gibt nach wie vor ordentliche Renditen inder Realwirtschaft.

“Tendenziell führt das zu einer Situation, in der Renditen nur noch mit hohem Risiko realisiert werden können, dann aber satt. Und dies führt in letzter Konsequenz dazu, dass ein rationales Risikomanagement sehr hohe Kapitaleinsätze erwzingt. Otto Normalanleger kommt in diese Märkte gar nicht mehr unmittelbar rein.”

Hast du da irgendwelche Filme mit Investmentbankern imKopf? ;-)

“Die fetten Renditen werden heute in einem Casino realisiert, dessen Zutrittsbedingung ein verdammt hoher Mindesteinsatz ist. Die Allokation solcher Mindesteinsätze organisieren Finanzdienstleister, Investmentbanken mit ihren Fachleuten. Und die lassen sich ebenso ungern in die Karten schauen wie jede andere Firma auch.”

Schau dir an, was die größtenteils machen.
Strukturvertrieb. “Fachleute”, :roll:

Klar gibt es welche, die Sachen berechnen; wie kann ich eine Grütze anrühren, so dass ich von den Rate-Jungs ein AAA kaufen kann, ohne das wir sofort im Knast landen.

“Und so obszön das von außen auch aussieht: Ohne das ist die bestehende, technisch ausgereifte, extrem interdependente, mit minimalen Gewinnmargen operierende Realwirtschaft unmöglich.”

Hast du auch nur den Hauch eines Arguments, geschweige denn eines Belegs, wieso?

“Ich bin bis vor Kurzem davon ausgegangen, dass sich die moderne Produktionsstruktur im Zuge eines Megacrashs auf vorindustrielles Niveau zurückentwickeln wird.”

Das Finanzunwesen wird zusammenbrechen, und zwar gewaltig.
Auch die FIAT-Welt kann kein immerwährendes Schneeballsystem aufbauen; dafür müssten sie schon den Schuldnern vertrauen, und nicht auf die schräge Idee einer Rückzahlung kommen.

Die Realwirtschaft wird davon nur in demMaße getroffen, wie schlecht die Politik ist, und nicht für entsprechende Nachfragestabilisierung sorgt; auch Eigentumsänderungen können notwendig werden.

Mit klassischemBanking, dazu gehören auch einlösepflichtige Optionen zur ABsicherung von Geschäften, kann die ganze ausdifferenzierte Realwirtschaft betrieben werden; dem Haus ist es wie dem Tischler und demKäufer völlig wumpe,ob es darauf aufbauend mehrstufige Betrugs-, äh, Finanzprodukte gibt.

Und dein mergers and acquisitions oder corporate restructuring brauchen die dadurch ausgesaugten Firmen nun genau sodringend wie einen Vampir am Hals. :roll:

” Heute gehe ich davon aus, dass in den bevorstehenden ökologischen Krisen sehr viele unf furchtbare Teilkatastrophen ereignen werden, dass aber die industrielle, fein aufeinander abgestimmte Produktionsweise (+ eine auf hohem Allokationsniveau operierende Finanzindustrie) und die funktionale Differnzierung der Gesellschaft erhalten bleiben, und zwar weil wir jenseits der feudalen Hochkulturen leben. Die konnten noch strukturell kollabieren (Maya usw.). Wir können das nicht mehr, und das ist durchaus kein Triumph…”

Weisst du eigentlich, was du schreibst, “Finanzindustrie auf hohem Allokationsniveau”? Ist da auch Inhalt, wenn ja, welcher?

Diese Finanzindustrie wird zusammenbrechen, sagte ich.
Ansonsten werden wir lokale Umweltkatastrophen erleben, und ANpassungskrisen,wenn bestimmte Rohstoffe zu Ende gehen, oder Wasser, dann Nahrung, knapp wird.

Es wird sich zeigen, wie lange die Finanzer durchhalten, um die naheliegenden einfachen Lösungen der Probleme zu verhindern.

Dass der Untergang ausgeschlossen ist, zumindest auf einem Niveau wie 45, ist keineswegs sicher; den Endkampf der Schuldscheinbesitzer gegen den Rest kann man frühzeitig per Federstreich beenden, er kann aber auch lang und schmutzig werden.

gelegentlich Dezember 10, 2011 um 07:50

Danke, @topi und @HAM, für dieses schöne Fazit:
Dieser Artikel, der ja nicht von einer klassisch linken Persönlichkeit stammt, zeigt m.E. ganz gut auf, warum auf einmal in der FAZ Leute, die man bisher ganz anders kannte, jetzt dazu kommen solche Standpunkte zu veröffentlichen:
http://www.welt.de/finanzen/article13407540/Im-Wuergegriff-der-Mafia-aus-Finanzwelt-und-Politik.html

Denn es ist ja klar, dass Niemand ein Reset auf das Niveau von 45 will.
,,Es wird sich zeigen, wie lange die Finanzer durchhalten, um die naheliegenden einfachen Lösungen der Probleme zu verhindern.
Dass der Untergang ausgeschlossen ist, zumindest auf einem Niveau wie 45, ist keineswegs sicher; den Endkampf der Schuldscheinbesitzer gegen den Rest kann man frühzeitig per Federstreich beenden, er kann aber auch lang und schmutzig werden.”
Und Wenige haben das Spektakel von heute so knapp lakonisch zusamengefaßt wie ,,Endkampf der Schuldscheinbesitzer gegen den Rest”. Gratuliere!

HAM Dezember 10, 2011 um 09:10

@gelegentlich Dezember 10, 2011 um 07:50
Dieser Artikel, der ja nicht von einer klassisch linken Persönlichkeit stammt, zeigt m.E. ganz gut auf, warum auf einmal in der FAZ Leute, die man bisher ganz anders kannte, jetzt dazu kommen solche Standpunkte zu veröffentlichen

Wie kommt es, dass von Individuen aus dem Establishment, die man zuvor nur als neoliberale Systemapologeten kannte, nun mit „konservativer“ Attitüde linke Kritik aufgenommen wird?

Begonnen hatte es mit einem Artikel „I’m starting to think that the Left might actually be right” von Charles Moore im Telegraph vom 22.7.2011.

Darüber hat dann Constantin Seibt unter dem Titel „Der rechte Abschied von der Politik“ im Schweizer Tagesspiegel vom 8.8.2011 berichtet.

Am 14.8.2011 ist dann der Beitrag von Frank Schirrmacher „Bürgerliche Werte „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ in der FAZ erschienen.

Möglicherweise begreifen nunmehr Teile der Establishments, und zwar der Funktionseliten, dass sie sich den Ast, auf dem sie so privilegiert und luxuriös sitzen, selbst absägen, wenn die Entwicklung so weiter geht.

gelegentlich Dezember 10, 2011 um 09:16

Oder sie bemerken, dass sie bei Krugman’s 99,9% dabei sind und dass es zur Zeit, so wie die Dinge liegen, nicht viel weiterbringt, auch biographisch nicht, den 0,01% weiter zuzuarbeiten.
Ganz ehrlich, egal wer hier wie weit immer auch links oder rechts sein mag: untergehen möchte doch Niemand. Dass seit der Lehmann-Pleite immer wieder, und immer häufiger, solche Sachen auch in Medien wie der FAZ erscheinen kann bedeuten, dass auch die Ratten realisiert haben: der Dampfer, auf dem wir fahren, hat ein ernst zu nehmendes Leck. Das ist nicht mit den bisher üblichen Methoden nicht zuzupappen/weg zu schreiben.

Über Cameron mag man denken wie man mag. Seine Unfähigkeit, den Anderen einen Kompromiß vorzuschlagen, mit dem diese leben könnten, kann auch bedeuten, dass es diesen zur Zeit nicht geben kann. Und bevor wir Alle jetzt sterben…

no way Dezember 10, 2011 um 10:16

“…einigen wir uns auf Unentschieden…”

http://www.youtube.com/watch?v=Tca-AkF2_6w

HAM Dezember 10, 2011 um 10:47

@Andreas Kreuz Dezember 8, 2011 um 18:27
Der Faden ist ein gelungener Beweis wirksamer Propaganda über Jahrzehnte:
Jeder gegen jeden.
Da lässt sich Macht gut zelebrieren.

Propaganda spielt auch eine Rolle, aber dahinter steckt viel mehr, es ist ein Symptom des kulturellen Niederganges.

Die Irrationalität des gesellschaftlichen Ganzen führt zu jener Beliebigkeit von subjektiven Konstrukten über das gesellschaftliche Zusammenhänge in Köpfen der Individuen, und zwar nicht nur im Alltagsbewusstsein von Otto Normalo, sondern auch in den Köpfen von Wissenschaftlern.

Das ist kein historisch neues Phänomen. Seit dem Untergang der bürgerlichen Gesellschaft war das wiederholt zu beobachten. So das Anwachsen des Irrationalismus bei der sich zuspitzenden Krise in der Zwischenkriegszeit.
Und dann in Deutschland die Entwicklung eines kollektiven Wahngebildes mit einem gottähnlichen Führer als dem großen Retter.

Seit dem Epochenumbruch um das Jahr 1970 ist fortschreitender kultureller Zerfall zu beobachten. So eine zunehmende Beliebigkeit in den wissenschaftlichen Deutungsmustern sowie die Aufgabe des Wahrheitsanspruchs in den Wissenschaften.
Wissenschaftszerstörer, wie die radikalen Konstruktivisten, wurden als ganz modern angesehen, so wie z. B. Heinz von Foerster mit seinem Buch „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“.

Die Ursache ist keineswegs lediglich Propaganda, sondern der Sozialisationsprozess hat sich verändert.

Der Sozialisationsprozess produziert auf dem Wege der Selbstsozialisation als gesellschaftlichen Normaltyp autistische Persönlichkeiten, die ständig aneinander vorbeireden und nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner mehr kommen können.

Eben weil die Individuen im Zuge der Selbstsozialisation ihr Gehirn mit subjektiven Konstrukten programmieren, die keine logische Konsistenz aufweisen (vgl. z. B. Patchwork-Identity). Die reden dann als Erwachsene über gesellschaftliche Zusammenhänge wie Kinder oder früher die Hausfrauen, bei denen die blödsinnigsten Ansichten höchste subjektive Evidenz aufweisen. Weil sie nicht über ein wissenschaftlich gesichertes Wissensfundament verfügen und ihr logisches Denken nicht so weit ausgebildet ist, dass sie in der Lage wären, selbstreflexiv logische Widersprüche in ihrem Denken zu identifizieren.

Klar logisch denken können heutzutage in der Regel nur Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag materialistische Probleme zu lösen haben. Nur in den Naturwissenschaften gibt es heute noch „richtig“ oder falsch“, weil es dort auch erfahrbare Konsequenzen eines falschen Denkens gibt. Die falsch konstruierte Maschine funktioniert nicht, die falsch berechnete Brücke bricht zusammen etc.

Aber im Bereich der sog. ideologischen Wissenschaften, wie Philosophie, Sozialwissenschaften, Ökonomie, Psychologie, Pädagogik etc. – forget it!

Das herrscht heute nur noch subjektive Beliebigkeit: Anything goes.

Gerade in der Pädagogik herrscht ein ideologisches Chaos, wechselnde pseudo-wissenschaftliche Moden, Wissenschaft und Esoterik bilden ein Konglomerat – und entsprechend sieht es in den Kindergärten und Schulen aus.
In Deutschland gibt es inzwischen 20% Analphabeten unter den 15-jährigen.
Nur eine Minderheit der Abiturienten ist wirklich studierfähig.
Etc.

So kann unter den Bedingungen eines offenen Blogs der Diskurs nicht mehr zu einem rationalen Konsens führen. Autisten sind nicht konsensfähig. Aber unterhaltsam können solche Diskussionen sein.

Deshalb ähneln sich auch die Kommunikationsstrukturen in den Talkshows und in den Internet-Blogs so sehr.

Aus den genannten Gründen ist der Prozess des gesellschaftlichen Niederganges auch nicht aufzuhalten, weil die liberalen Gesellschaften ihren Sozialisationsmodus nicht ändern können.

Die Antwort auf die zunehmende gesellschaftliche Anomie wird zwangsläufig eine Diktatur sein MÜSSEN. Genauso lief es in der Zwischenkriegszeit in nahezu allen Ländern ab.

Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Irrenhaus ein vernünftiger Mensch zum Diktator gemacht wird, ist allerdings gering.

xefix Dezember 10, 2011 um 12:18

@HAM
“…weil die liberalen Gesellschaften ihren Sozialisationsmodus nicht ändern können.”

Echte liberale Gesellschaften können ihren Sozialisationsmodus aus sich heraus ändern.
Sie sind die Voraussetzung für Evolution.

Eingegrenzte (sei es Moral, sei es Stacheldraht) Gesellschaften ändern auch. Aber gesteuert. Nicht “evolutorisch” (?)

Leider ist die aktuelle Gesellschaftsform nicht Liberal.
Sie wird nur als solche apostrophiert. Die als Liberalität daherkommende Pseudoliberalität ist Werkzeug. Wie die “Liberitas Bavarie” von FJS.

Im übrigen ist Liberalität im Ameisenhaufen unerwünscht ;)
Stacheldraht brauchen sie nicht. Ob sie Moral anwenden weiss ich nicht.
Evolution gibt es bei den Ameisen trotzdem.
Somit hast du recht. “Liberal” sollte neu definiert werden.
Am Naturrecht entlang. Ohne Umwelt sind wir nix ;)

HAM Dezember 10, 2011 um 14:04

Unter der Überschrift „FAZ-Feuilleton-Serie gegen die Marktkonformität der Demokratie“ schreibt Jens Berger:

Albrecht Müller hat heute noch einmal auf den NachDenkSeiten die Leser auf die bemerkenswerte Feuilleton-Serie der FAZ hingewiesen, die sich gegen die Marktkonformität der Demokratie stemmt. Damit nimmt die FAZ als einziges Qualitätsmedium den Kampf gegen die wirklichen Gefahren der Demokratie auf. Dies kann man dem verantwortlichen Herausgeber Frank Schirrmacher gar nicht hoch genug anrechnen. Leider ist Schirrmacher jedoch “nur” fürs Feuilleton verantwortlich und das Wirtschafts- und Finanzressort der FAZ reiht sich freudig in den Reigen der Meinungsmache ein.
http://www.spiegelfechter.com/wordpress/

Die Feuilleton-Serie stemmt sich gegen „die Marktkonformität der Demokratie“?

Was soll das denn heißen?

Wenn er geschrieben hätte, dass Marktwirtschaft und echte Demokratie miteinander unvereinbar sind, dann wäre das zwar keine neue, aber immerhin stimmige Aussage.

Aber das hat Jens Berger wahrscheinlich nicht gemeint, sonst hätte er es auch so geschrieben.

Aber das stand auch in keinem Artikel dieser FAZ-Serie.

Rosa Luxemburg hätte das so formuliert. Aber eine Frau Wagenknecht doch nicht.

Jens Berger scheint etwas verwirrt zu sein.
:-D

HAM Dezember 10, 2011 um 15:48

Liberale reden gern und viel von Freiheit, was aber keineswegs bedeutet, Befürworter der Freiheit für alle Menschen zu sein.

Sondern Liberalismus bedeutet für sie konkret meist nur die Freiheit zum eigenen Sozialdarwinismus, also Freiheit von der Verpflichtung zu gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, Freiheit von sozialer Gerechtigkeit, Freiheit von Solidarität und insbesondere Freiheit zur egoistischen Selbstbereicherung.

Liberal wurde die bundesrepublikanische Gesellschaft erst in den 70-er Jahren, damals, als die SPD sich vom Sozialismus verabschiedete und zur liberalen Partei wurde. Das war die Zeit des Beginns der „Ellenbogengesellschaft“.

Vorher galt für die meisten Menschen der Satz:
Gemeinsinn geht vor Eigensinn.

Wer dagegen verstieß, musste mit sozialer Ächtung rechnen. Egoisten oder Geizige waren unbeliebt. Niemanden wäre eingefallen, für sein Geschäft mit “Geiz ist geil” zu werben. Denn das hätten die Menschen damals als pervers angesehen.

Von wem stammt die Forderung: „Gemeinsinn geht vor Eigensinn“?

Die Nationalsozialisten haben diesen Gemeinsinn im Interesse der Volksgemeinschaft gefordert und Verstöße dagegen negativ sanktioniert.

Handelt es sich um ein sozialistisches Prinzip?

Sicherlich gehört diese Forderung zu den Grundprinzipien einer sozialistischen Bewegung, doch stammt sie nicht von den Sozialisten.

Woher denn sonst?

Es ist ein originär bürgerliches Prinzip, lediglich eine andere Formulierung für die Grundbedingung eines gelingenden menschlichen Zusammenlebens, wie diese von Kant mit dem kategorischen Imperativ formuliert wurde.

Eine freiheitliche Gesellschaft erfordert, dass sich die Individuen die Selbstverpflichtung auferlegen, nicht gegen die allgemeinen Interessen der Gesellschaft zu verstoßen.

In meiner Kindheit bedeute Erziehung die Einübung eines prosozialen Verhaltens und das Erlernen von Selbstdisziplin.
Wie häufig haben wir gehört:
„Das darf man nicht tun, überlege, was passiert, wenn dies alle tun!“
„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“

In den 70-er Jahren hat sich diese Gesellschaft vom Gebot sozialer Reziprozität verabschiedet.

Was es vorher nicht gegeben hatte, war beispielsweise, dass Jura-Studenten vor einer Klausur Seiten aus den Lehrbüchern in der Bibliothek herausrissen, damit sich andere nicht vorbereiten konnten und sie selbst einen Konkurrenzvorteil hatten.

Ende der 70-er Jahre habe ich als Arzt im Suchtbereich gearbeitet.
Den Dogenkonsumenten waren die negativen Konsequenzen ihres Handelns für die Gesellschaft völlig gleichgültig, es ging ihnen nur noch darum, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Ohne moralische Hemmungen klauten sie. Sie nannten sich selbst „Junkies“ (von engl. junk = Müll, Abfall) und fanden es gut, sich a-moralisch und anti-sozial zu verhalten. Nicht wenige der „Junkies“ waren Kinder aus sog. „bürgerlichen Verhältnissen”. Unter den Eltern gab es Lehrer, Staatsanwälte, Richter etc.

Ein anderes Beispiel ist das damalige Entstehen einer Hehlerökonomie, z. B. auf Flohmärkten oder in bestimmten Kneipen. Das konnte man dann frisch aus den Geschäften oder sonstwo geklaute Waren mit großem Preisabschlag erstehen, wie Uhren, Elektrogeräte etc.
Vor dieser Zeitenwende hätte ein anständig erzogener Mensch doch niemals Hehlerware gekauft, schon aus Gründen der Selbstachtung nicht.

Kultureller Niedergang: Legal, illegal, scheixxegal …

Die Sozialisation hatte sich verändert, das war eine andere Gesellschaft geworden, die sich zunehmend vom kategorischen Imperativ verabschiedete.

Es interessierte primär nur noch die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Interessen. Moral und Zukunft der Gesellschaft wurden immer mehr Menschen immer gleichgültigen.

Staat und Gesellschaft wurden als Einschränkung oder sogar Feind angesehen, es gab keine Gemeinschaftsidentität im Sinne „die Gesellschaft sind wir“ mehr.
Es hatte eine Identitätsspaltung stattgefunden: Hier bin ich, dort ist die Gesellschaft.

Im Sozialverhalten dominierte immer mehr das typisch liberalistisch-sozialdarwinistische „Ich zuerst!“-Denken.

Für jeden bewussten Menschen war klar, dass sich diese Gesellschaft auf genau die Verhältnisse hinbewegen wird, hinbewegen MUSS, wo sie sich heute befindet.

Wie Horkheimer sagte, der Kapitalismus tendiert aus ureigenstem Prinzip zur Verbrecherherrschaft.
Und an anderer Stelle: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen.

Also Freunde des Kapitalismus, hört auf, Euch über Bankster, Spekulanten, korrupte Politiker, organisiertes Verbrechen etc. zu beklagen!
Am Prinzip von Liberalismus, Marktwirtschaft und Kapitalismus habt ihr doch nichts auszusetzen, euch wurmt doch nur, dass andere die Kohle machen und ihr zu kurz gekommen seid.

Einen schönen Tag noch!

Q. Dezember 10, 2011 um 16:00

gelegentlich warum auf einmal in der FAZ Leute, die man bisher ganz anders kannte, jetzt dazu kommen solche Standpunkte zu veröffentlichen:

HAM
Wie kommt es, dass von Individuen aus dem Establishment, die man zuvor nur als neoliberale Systemapologeten kannte, nun mit „konservativer“ Attitüde linke Kritik aufgenommen wird?

Begonnen hatte es mit einem Artikel „I’m starting to think that the Left might actually be right” von Charles Moore im Telegraph vom 22.7.2011. ……

Sorry, das ist eine *vollkommen* selektive Wahrnehmung!

Wer aufmerksam ist, kann schon seit vielen Jahren beobachten, daß die “klassischen” politischen Sortierungen sich ineinander verschieben, auflösen ……

Zur FAZ:
von Anfang an Neugier auf die Piratenpartei ….
Chaos Computer Club hat dort festen Platz ….
(was das bedeutet, dazu muß man sich den hypothetischen normalen FAZ-Leser vorstellen, wie der allein schon auf das Wort “Chaos” reagiert ….. noch vor 10 Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen, vor 20 Jahren hätte es eine “Revolte” sowohl unter den Herausgebern wie den Lesern gegeben …)

Q. Dezember 10, 2011 um 16:07

@HAM langer Beitrag von 15:48

schönes Beispiel für die Verwirrung:
einerseits klare kapitalismuskritische Linie
andererseits Rückbesinnung auf “bürgerliche Tugenden” und “die gute alte Zeit”, wie es der typischste Bourgeois nicht schöner hätte formulieren können ….

:-)

HAM Dezember 10, 2011 um 17:01

@Q. Dezember 10, 2011 um 16:00
Sorry, das ist eine *vollkommen* selektive Wahrnehmung!

Fragt sich nur, von wem?

Wer aufmerksam ist, kann schon seit vielen Jahren beobachten, daß die “klassischen” politischen Sortierungen sich ineinander verschieben, auflösen ……

Keineswegs.

Dass es fast nur noch neoliberale Parteien (FDP/DU/CSU/Grüne/SPD) und eine Dominanz neoliberaler Ideologie gibt, zeigt doch lediglich den parteipolitischen Mainstream, die Beherrschung der Medien durch neoliberale Kräfte und die seit den 70-er Jahren erfolgte Exklusion von kritisch-oppositionellen Wissenschaftlern aus dem Wissenschaftsprozess.

Wenn es zur Zeit der Nazi-Herrschaft nur noch Nazis und keine Opposition mehr gab, dann war doch dies kein Beweis dafür, „daß die “klassischen” politischen Sortierungen sich ineinander verschieben, auflösen …“.

Selbstverständlich haben sich die Neoliberalen aus dem ehemals “konservativen Lager” insbesondere von christlich-konservativen Werten verabschiedet. Da gibt es nicht mehr die konservativen Ideale von Ehe und Familie, da interessiert die Nation nicht mehr, wenn es um das Geschäft geht.
Und vor allem keine Nächstenliebe mehr.

Die FAZ hat in der Vergangenheit konsequent eine neoliberale Linie verfolgt. Was wurde denn zuvor in der FAZ über Albrecht Müller geschrieben? Wie war die Position zu Ypsilanti? Etc.

Du hättest Dir wenigstens einmal die Kommentare der FAZ-Leser zu den Artikeln von Hudson und Wagenknecht durchlesen sollen, wo diese Leser ihre Überraschung über den Abdruck dieser Artikel zum Ausdruck bringen.

schönes Beispiel für die Verwirrung:
einerseits klare kapitalismuskritische Linie
andererseits Rückbesinnung auf “bürgerliche Tugenden” und “die gute alte Zeit”, wie es der typischste Bourgeois nicht schöner hätte formulieren können ….

Nee, nicht der Bourgeois, sondern der Citoyen. Aber mangels Bildung ist der Unterschied heute nicht (mehr) bekannt.
Das ist so, wie wenn der Blender sagt, er sei ein Zoon politikon.
„Guttenbergs Halbwissen – Das politische Zootier“
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,799706,00.html

Nach dem Terror und Verbrechen in der Nazi-Zeit, nach dem Schrecken und Grauen des Krieges und der Vertreibung, gab es gerade bei den gebildeten bürgerlichen Schichten starke Bestrebungen, ein „anderes Deutschland“ aufzubauen.

Daher die Rückbesinnung auf christliche Werte und der Versuch einer bürgerlich-humanistischen Renaissance durch die gebildeten Schichten in den Nachkriegsjahrzehnten. Aber das verschwand dann mit dem Epochenumbruch um das 1970.

Q. Dezember 10, 2011 um 17:56

HAM
Fragt sich nur, von wem?

So isses!

Wenn wir darüber diskutieren wollen, müssen wir uns auf die Beobachtungen und Argumente des andern einlassen.

Und was sehe ich da bei Dir?
V.a. eine entdifferenzierte Wahrnehmung: überall angeblich nur der gleiche Kurs, der dann in das passende Gesamtpaket “Neoliberalismus” gepackt wird. Zugeschnürt und drauf gehaun.

Da entgeht Dir sogar, daß es immer schon, am Beispiel FAZ, innere Spannungen gab: echt-liberale gegen neoliberale gegen konservative (“christliche” oder nicht) Tendenzen (und einige mehr). Deren Bewegung (und auch Verspannungen) zu beobachten (wie natürlich auch in vielen anderen Medien), daraus kann man sich dann ein Urteil über die derzeitige politische Debatte bilden,
— oder man bleibt bei den höchsteigenen Gewißheiten, die man dann aber auch immer nur repetieren kann.

Du hättest Dir wenigstens einmal die Kommentare der FAZ-Leser zu den Artikeln von Hudson und Wagenknecht durchlesen sollen, wo diese Leser ihre Überraschung über den Abdruck dieser Artikel zum Ausdruck bringen.
Schönes Beispiel: es gab solche und solche Kommentare (Du nimmst nur die einen wahr und setzt gleich = die FAZ-Leser).
Allerdings die Argumentqualität (Versuch einer neutralen Einschätzung) war ziemlich ungleich. Die klügeren Beiträge waren eher pro, die contra-Beiträge haben meist nur in die übliche Klamottenkiste gegriffen: Sozialisten, Kommunisten, wo kommen wir denn da hin?

Der dümmere Teil der FAZ-Leser bietet also ein ziemlich exaktes Spiegelbild zu Deinem Vorgehen: alles in einen ideologischen Sack!

Was mich dabei unendlich erheitern kann, ist das, worauf ich Dich bereits hingewiesen habe:
dieser dümmere Teil würde sehr vermutlich Dein Kitschbild von “der guten alten Zeit” teilen! (Nur vielleicht ein bißchen anders nuancieren.)
Das ist immer ein Dauerbrenner für undifferenzierte Gemüter!

HAM Dezember 10, 2011 um 18:10

@Q.

Alles alte Hüte, basierend auf wenig Bildung und Wissen.

Die FAZ bleibt schwarz-rot-gold: Schwarz im Politikteil, ein wenig rot im Feuilleton und goldgelb im Wirtschaftsteil.
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3531

Beenden wir die Diskussion und lassen diese auch für die Zukunft.

Q. Dezember 10, 2011 um 18:22

Beenden wir die Diskussion und lassen diese auch für die Zukunft.
Jo. Alles genügend von beiden Seiten ausgeführt, daß sich jeder “geneigte Leser” seine Meinung bilden kann.
Das ist der Sinn (einer von mehreren) einer solchen Blog-Diskussion.

HAM Dezember 11, 2011 um 12:36

@gelegentlich Dezember 10, 2011 um 09:16
Ganz ehrlich, egal wer hier wie weit immer auch links oder rechts sein mag: untergehen möchte doch Niemand.

Einiges über Frank Schirrmachers Position und Motivation erfährt man im Gespräch mit Fefe und Frank Rieger.
http://alternativlos.org/20/

Als Titel dieses Threads hat Frank L. „Werden wir jetzt alle liberal?“ und hat dabei an Frau Wagenbach gedacht.

Mit Blick auf Frank Schirrmacher hätte er titeln können:
„Werden wir jetzt alle links?“

Wobei unter „links“ der Sozialliberalismus verstanden wird. Diese ideologische Variante des Liberalismus ist mit Namen wie Friedrich Naumann und Karl-Hermann Flach, aber auch Willy Brandt verbunden ist. Aber eben nicht mit Helmut Schmidt, Schröder, Scharping, Clement, Müntefering, Gabriel, Steinmeier, Steinbrück etc.

Schmidts Politik war liberale Austeritätspolitik: „Gürtel enger schnallen“, SPD-Politik im Sinne der Seeheimer, wo „Wirtschaftswachstum“ = profitable Kapitalverwertung oberste Priorität hat.

Das führte auch zu jenem Dilemma von Lafontaine als SPD-Vorsitzender. Er verschaffte der SPD wieder ein sozialliberales Image, doch die SPD war längst keine sozialliberale Partei mehr. Lafontaine verhalf der SPD 1998 zum Wahlsieg, aber danach erklärte SPD-Kanzler Schröder, mit ihm sei keine Politik „gegen die Wirtschaft“ zu machen.

Sondern Schröder überholte mit seiner Austeritätspolitik aka „Agenda 2010“ sogar die CDU rechts, unter großem Beifall der Medien.

Sozialliberalismus aka soziale Marktwirtschaft kann auf Dauer nicht funktionieren.
Denn der Markt funktioniert als wirtschaftlicher „bellum omnium contra omnes“. Er kann gar nicht anders funktionieren, denn dies ist sein Grundprinzip.

Marktwirtschaft gründet sich auf ökonomische Ungleichheit. Die Herstellung ökonomischer Ungleichheit ist das entscheidende unternehmerische Motiv, auch Profitmotiv genannt. Marktwirtschaft muss dafür sorgen, dass die Lohnarbeiter kein Privateigentum akkumulieren können, welches sie in relevanter Weise als Kapital einsetzen können. Betriebsaktien, die ein paar Euro pro Jahr abwerfen, das geht natürlich.
Im Kapitalismus müssen die Lohnarbeiter IMMER knapp gehalten werden, dies ist die conditio sine qua non des Kapitalismus.

Deshalb ist die Vorstellung einer dauerhaften „sozialen Marktwirtschaft“ politisch eine Illusion und wissenschaftlich eine Idiotie.
Aber wer versteht dies hier in diesem Blog?

Einen dauerhaft wachsenden Wohlstand mit ständiger Arbeitszeitverkürzung kann es unter kapitalistischen Bedingungen für die Arbeitsbevölkerung nicht geben.

Auch wenn 98,9% der Bevölkerung glauben, dass dies möglich sei.

Warum 98,9%?

Das eine Prozent der Reichen und die in ihren Diensten stehenden Funktionseliten glauben dies selbstverständlich nicht. Und dann gibt es noch ein Promille an Systemkritikern, die dies durchschaut haben. Macht zusammen 1,1%.
:-D

An die Realisierbarkeit einer „sozialen Marktwirtschaft“ zu glauben, verfährt nach dem bekannten Muster von Alltagsschizophrenie: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“.
„Wir wollen Marktwirtschaft, aber sozial muss sie sein!“

Logische Widersprüche, wenn sie affektiv positiv besetzt sind, erweisen sich als extrem resistent gegen Infragestellung.

Und wenn derartige Bewusstseinsspaltungen zur gesellschaftlichen Normalität werden, dann spricht man von kollektiven Neurosen oder Psychosen.
Man könnte es auch einfach als Massenverblödung ansehen, aber das trifft es psychologisch aber nicht. Denn gegen Dummheit helfen Aufklärung und Wissen, aber bei Neurosen eben nicht. Neurosen sind so etwas wie das Dope bei Süchtigen.

Dann macht man weiter wie bisher, glaubt aber, es trete eine Veränderung ein.
Weil man nicht nass werden will, verzichtet man doch lieber aufs Waschen.

Und wenn die systemaffirmativen Linken bezüglich der Erzeugung von sozialliberalen Illusionen zu schwach sind, dann müssen sie von den Rechten darin unterstützt werden.

Think positive!
Everything will be okay! Everything’s gonna be alright!
http://www.youtube.com/watch?v=lNyjkRlgO5s

:lol: :lol: :lol :lol: :lol: :lol:

HAM Dezember 11, 2011 um 12:42

@gelegentlich Dezember 10, 2011 um 09:16
Ganz ehrlich, egal wer hier wie weit immer auch links oder rechts sein mag: untergehen möchte doch Niemand.

Einiges über Frank Schirrmachers Position und Motivation erfährt man im Gespräch mit Fefe und Frank Rieger. („alternativlos 20 org“ googlen).

Als Titel dieses Threads hat Frank L. „Werden wir jetzt alle liberal?“ und hat dabei an Frau Wagenbach gedacht.

Mit Blick auf Frank Schirrmacher hätte er titeln können:
„Werden wir jetzt alle links?“

Wobei unter „links“ der Sozialliberalismus verstanden wird. Diese ideologische Variante des Liberalismus ist mit Namen wie Friedrich Naumann und Karl-Hermann Flach, aber auch Willy Brandt verbunden ist. Aber eben nicht mit Helmut Schmidt, Schröder, Scharping, Clement, Müntefering, Gabriel, Steinmeier, Steinbrück etc.

Schmidts Politik war liberale Austeritätspolitik: „Gürtel enger schnallen“, SPD-Politik im Sinne der Seeheimer, wo „Wirtschaftswachstum“ = profitable Kapitalverwertung oberste Priorität hat.

Das führte auch zu jenem Dilemma von Lafontaine als SPD-Vorsitzender. Er verschaffte der SPD wieder ein sozialliberales Image, doch die SPD war längst keine sozialliberale Partei mehr. Lafontaine verhalf der SPD 1998 zum Wahlsieg, aber danach erklärte SPD-Kanzler Schröder, mit ihm sei keine Politik „gegen die Wirtschaft“ zu machen.

Sondern Schröder überholte mit seiner Austeritätspolitik aka „Agenda 2010“ sogar die CDU rechts, unter großem Beifall der Medien.

Sozialliberalismus aka soziale Marktwirtschaft kann auf Dauer nicht funktionieren.
Denn der Markt funktioniert als wirtschaftlicher „bellum omnium contra omnes“. Er kann gar nicht anders funktionieren, denn dies ist sein Grundprinzip.

Marktwirtschaft gründet sich auf ökonomische Ungleichheit. Die Herstellung ökonomischer Ungleichheit ist das entscheidende unternehmerische Motiv, auch Profitmotiv genannt. Marktwirtschaft muss dafür sorgen, dass die Lohnarbeiter kein Privateigentum akkumulieren können, welches sie in relevanter Weise als Kapital einsetzen können. Betriebsaktien, die ein paar Euro pro Jahr abwerfen, das geht natürlich.
Im Kapitalismus müssen die Lohnarbeiter IMMER knapp gehalten werden, dies ist die conditio sine qua non des Kapitalismus.

Deshalb ist die Vorstellung einer dauerhaften „sozialen Marktwirtschaft“ politisch eine Illusion und wissenschaftlich eine Idiotie.
Aber wer versteht dies hier in diesem Blog?

Einen dauerhaft wachsenden Wohlstand mit ständiger Arbeitszeitverkürzung kann es unter kapitalistischen Bedingungen für die Arbeitsbevölkerung nicht geben.

Auch wenn 98,9% der Bevölkerung glauben, dass dies möglich sei.

Warum 98,9%?

Das eine Prozent der Reichen und die in ihren Diensten stehenden Funktionseliten glauben dies selbstverständlich nicht. Und dann gibt es noch ein Promille an Systemkritikern, die dies durchschaut haben. Macht zusammen 1,1%.
:-D

An die Realisierbarkeit einer „sozialen Marktwirtschaft“ zu glauben, verfährt nach dem bekannten Muster von Alltagsschizophrenie: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“.
„Wir wollen Marktwirtschaft, aber sozial muss sie sein!“

Logische Widersprüche, wenn sie affektiv positiv besetzt sind, erweisen sich als extrem resistent gegen Infragestellung.

Und wenn derartige Bewusstseinsspaltungen zur gesellschaftlichen Normalität werden, dann spricht man von kollektiven Neurosen oder Psychosen.
Man könnte es auch einfach als Massenverblödung ansehen, aber das trifft es psychologisch nicht. Denn gegen Dummheit helfen Aufklärung und Wissen, aber bei Neurosen eben nicht. Neurosen sind so etwas wie das Dope bei Süchtigen.

Dann macht man weiter wie bisher, glaubt aber, es trete eine Veränderung ein.
Weil man nicht nass werden will, verzichtet man doch lieber aufs Waschen.

Und wenn die systemaffirmativen Linken bezüglich der Erzeugung von sozialliberalen Illusionen zu schwach sind, dann müssen sie von den Rechten darin unterstützt werden.

Think positive!
Everything will be okay! Everything’s gonna be alright!
http://www.youtube.com/watch?v=lNyjkRlgO5s

:lol: :lol: :lol: :lol: :lol: :lol:

gelegentlich Dezember 11, 2011 um 13:19

,,Sozialliberalismus aka soziale Marktwirtschaft kann auf Dauer nicht funktionieren.
Denn der Markt funktioniert als wirtschaftlicher „bellum omnium contra omnes“. Er kann gar nicht anders funktionieren, denn dies ist sein Grundprinzip.”
Deshalb hatte ich auf diese Lebenslüge des Landes, die ,,soziale Marktwirtschaft”, auch hingewiesen:
http://www.wiesaussieht.de/2011/12/03/man-lese-und-staune-…/#comment-7682
Aber keine Resonanz erhalten. Wie dem auch sei: es war aber dennoch bis in die 70er hinein eine Art stets beachtete Grundregel, dass die Erhöhungen der Produktivität eben auch an die Arbeitnehmer weiter zu geben sind. Und Adenauer hatte in den 50eren noch gegenüber Erhard klar gestellt (Rentendiskussion), dass es um Politik geht und man sich da nicht mit scheinbaren ökonomischen Sachzwängen resp. ihren Behauptungen davon stehlen kann. Und das ist doch gewiß auch heute so – diese Krise ist eben auch ein Verteilungsproblem, damit ein politisches.
Dass Leute, die in ihrer Familiengeschichte kein Problem damit hatten, von Zwangsarbeitern zu profitieren und die die Abwesenheit von Zuchthaus dafür nicht mal zu eine Art Dankeschön für unverdiente Gnade motivierte, nicht freiwillig abgeben wollen ist klar.

Freilich bin ich überhaupt nicht sicher ob es im Moment um
einen ,,… dauerhaft wachsenden Wohlstand mit ständiger Arbeitszeitverkürzung” geht. Es sieht doch eher so aus, als ob die jahrzehntelange Umverteilung nach oben dort soviel Geld aufgehäuft hat (das selbstillusionär- ich lasse mein Geld für mich arbeiten- nicht mehr angelegt werden kann) dass das ,,System” sozusagen kybernetisch instabil geworden ist, wie das klassische Rückkoppelungskreischen durch positive Rückkoppelung bei Popkonzerten – und dass systemtheoretisch da nur ein wenig mehr negative Rückkoppelung hilft. Als da wäre: nicht anlegbares Zockergeld muss aus dem System entfernt werden, Verbrennen einer gewissen Menge von Schuldscheinen im Sinne von Hudson, ,,Gebt die Beute zurück!”, wie ich es lieber ausdrücken würde.
Und das ist eine rein politische Frage, nämlich der Machtverhältnisse. Und in diesem Kontext empfinde ich die Reaktionen von Schirrmacher, Hudson u.v.a. als aufschlußreich, weil sie andeuten, dass sich selbst bei den bisher unzweifelhaft Begünstigten entsprechende Einsichten rühren. Die merken, dass der bisherige Weg (einschließlich der Austeritätspolitik in der neuen EU, vom Zocken der Londoner eh abgesehen) das System an die Wand fährt, sie wollen nicht verrecken – und fangen an, das bisher Undenkbare zu denken.

HAM Dezember 11, 2011 um 16:06

@gelegentlich Dezember 11, 2011 um 13:19
Und das ist eine rein politische Frage, nämlich der Machtverhältnisse. Und in diesem Kontext empfinde ich die Reaktionen von Schirrmacher, Hudson u.v.a. als aufschlußreich, weil sie andeuten, dass sich selbst bei den bisher unzweifelhaft Begünstigten entsprechende Einsichten rühren. Die merken, dass der bisherige Weg (einschließlich der Austeritätspolitik in der neuen EU, vom Zocken der Londoner eh abgesehen) das System an die Wand fährt, sie wollen nicht verrecken – und fangen an, das bisher Undenkbare zu denken.

Die Kritik von Charles Moore und Frank Schirrmacher geht wesentlich weiter als der Ökonomismus von Frau Wagenbach. Moore und Schirrmacher würde ich auch nicht „Illusionserzeugung“ vorhalten.

Schirrmacher schreibt im oben zitierten FAZ-Beitrag:
Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den „gierigen Wenigen“ (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden. Charles Moores Intervention zeigt, wie sie aussehen könnte.

Die Frage ist, ob es dieses Bürgertum im Sinne der Citoyens überhaupt noch gibt, abgesehen von einzelnen Individuen.

Adornos Kritik am Kapitalismus war aus der Perspektive eines aufgeklärten und humanistischen Bürgers. Diess war doch genau die emanzipatorische Lesart der Marxschen Theorie von Seiten der „Kritischen Theorie“. Daher fand die „Frankfurter Schule“ auch diese Resonanz beim gebildeten(!) Bürgertum.

Bei meiner Kritik am Kapitalismus geht es weniger um den ökonomischen Aspekt, also die Verteilung von Geld und Gütern, was ja bei den Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und auch bei den „MarxistInnen“ in der Linkspartei, wie bei Sarah Wagenknecht, im Vordergrund steht.

Für mich ist viel wichtiger, was der Kapitalismus aus den Menschen macht.

Meine Grundkritik an der Markwirtschaft ist, dass sie nicht auf Kooperation, sondern auf wirtschaftlichen „Krieg“ ausgerichtet ist. Überall gibt es vor allem Win-Lose-Konstellationen, statt möglicher Win-Win-Verhältnisse. Daraus resultieren Angst und Feindseligkeitserwartungen, Aggressionen, Destruktivität etc.

Die psychische Verelendung der Bevölkerungen nimmt ständig zu.

Kapitalismus ist aus tiefenpsychologischer Perspektive vor allem durch irrationales bzw. pseudorationales Verhalten gekennzeichnet, welches sich dann in kollektiven Zivilisationskatastrophen wie Faschismen und Kriegen manifestiert.
Da bricht dann kollektive Irrationalität und Destruktivität aus – und hinter sagen die Menschen, dass dies alles „verrückt“ war. Aber im Moment ihres Handels erschien es als „rational“.

Nach dem Ersten Weltkrieg fragten sich Forscher, wie es zu dieser Katastrophe hat kommen können. Woher kommt diese kollektiver Irrationalität und Destruktivität? Die bekanntesten Namen sind Wilhelm Reich und Erich Fromm.

Das ist auch mein Hauptthema. Nachdem ich mich anfänglich mehrere Jahre intensiv mit politischer Ökonomie befasst hatte, ist analytische Sozialpsychologie seit Jahrzehnten mein Spezialgebiet: Kulturanthropologie, Soziopsychogenese, Tiefenpsychologie gesellschaftlicher Prozesse etc.
Ich denke, dass es dazu auch viel Forschung und neue Erkenntnisse gibt, die aber kaum jemand heutzutage kennt, mit Ausnahme derer, die sich speziell mit der Psychoanalyse sozialer Prozesse befassen.

Beispielsweise gilt es zu verstehen, warum sich ein Milliardär wie Adolf Merckle sich vor einen Zug wirft und seinen Körper zerfetzen lässt. Merckle verlor durch Fehlspekulationen viel Geld, aber er wurde dadurch nicht zum armen Mann, sondern er war sicherlich weiterhin zumindest Multimillionär.

Das stellt die Frage nach dem tiefenpsychologischen Funktionieren der Reichen und Mächtigen. Findet dort regelmäßig eine Sozialisation zur antisozialen, sadistisch-destruktiven Persönlichkeit statt? Inwieweit sind diese überhaupt noch zu rationalem Handeln in der Lage? Etc.

Die Gesellschaft will nicht wahrnehmen. dass der Gesellschaftsprozess wieder auf eine Zivilisationskatastrophe hinausläuft. Wir sehen z. B. an den Amokläufen, wie viel latente Aggressivität vorhanden ist. Der Alltag wird immer gewalttätiger, gerade auch mittels psychischen Terrors (z. B. Mobbing).

Wenn man sich mit der Psychoanalyse gesellschaftlicher Prozesse befasst, dann wird der irrationale und unbewusste Anteil beim Verhalten der Menschen bei den großen Zivilisationskatastrophen im letzten Jahrhundert deutlich.

Wenn irgendwann die zivilisatorische Matrix zu schwach wird, dann treten Aggressivität und Destruktivität eruptiv zu Tage und zeigen sich in Barbarei und Krieg.

Ich habe selbst nach dem letzten Krieg erlebt, wie die Menschen sagten: „Wie konnten wir dies machen? Das war doch Wahnsinn und wir haben es nicht erkannt.“

Der Hitler-Faschismus war über die Menschen in Art einer Massenpsychose gekommen. Da war die rationale Kontrolle und Reflexion völlig ausgeschaltet.

Im Transkript des oben zitierten Gesprächs mit Frank Schirrmacher, Fefe und Frank Rieger findet sich folgende Passage:

Frank Schirrmacher: Ja, Show ist es auch schon ehrlich gestanden, wenn es nicht so cool klingt, doch ein bisschen Sinn für den Ernst der Lage. Also es geht ja hier darum, dieses System, die Frau Merkel ist damals 1990 in den Westen angekommen mit dem Gefühl: ein überlegenes System, das ja auch die Rationalität auf seiner Seite hat. Wie muss sich das eigentlich anfühlen nach 20 Jahren, wenn man sieht: das scheitert.

Fefe: “Ich hab’s vor die Wand gefahren.”

Frank Schirrmacher: Genau. Und ich bin mit dabei.

Fefe: Es ist ja nicht von allein gescheitert, sondern die Merkel saß am Steuer.
Frank Schirrmacher: Ja eben, und ein paar andere vorher auch. Das ist doch ein Moment, wo eine ganze Gesellschaft … Das ist ja auch das, was ich so vermisse. Wir sagen: Fukushima ist explodiert, und Tsunami, und so weiter. Das ist ja viel dramatischer. Das ist ja nicht ein Tsunami. Sondern das ist ja so, als hätte man die ganze Mathematik, sozusagen, die zu einem Atomkraftwerk führt, falsch gemacht. Als würde man plötzlich sehen, die ganzen wissenschaftlichen Grundlagen stimmen nicht. So wirkt es im Augenblick, und das artikuliert niemand, sondern alle tun noch so. Sie sagt das ja in jeder Talkshow, immer diesen Satz: “In kontrollierten Schritten.” Sie tun ja alle so, das ist die letzte rhetorische Zuflucht, die sie haben. Kontrolle.

Frank Rieger: Also den Kontrollverlust nicht zuzugeben.

Frank Schirrmacher: Genau. Das ist das was immer sagt: “Ja, wir machen das deshalb so, weil wir wollen das in kleinen kontrollierten Schritten.” Und was ja jeder weiß, dass das gerade nicht der Fall ist.

Der Kontrollverlust hat schon längst stattgefunden, dieses System lässt sich immanent(!) nicht mehr zureichend steuern. Es ist nur noch politische Show, ständige Flickschusterei, damit es nicht zum Crash kommt.

Prinzipiell lassen sich Gesellschaft steuern, aber nicht in diesem System. Das nur in Richtung jener Luhmanniarer, die das Gegenteil behaupten.

Dazu muss man das gegenwärtige System durch ein steuerbares System ersetzen.

Der Wunsch, das System steuerbar zu machen, steckt ja auch in so Sachen, wie „Weniger Demokratie wagen!“, „China als Vorbild“ etc.

Aber die gegenwärtigen Versuche zur Systemsteuerung haben keine rationale soziologische Basis. Deshalb funktioniert es auch nicht. Dies zeigt sich besonders gut in den USA. Die haben eine de-facto-Diktatur, aber das gesellschaftliche Chaos wird dort immer größer.

Man muss klar die Systemfrage stellen und realistische und ehrliche Diskussionen führen. Aber nicht nur diffus fordern.
Denn letzteres wäre nur wieder dieses: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“

Das Schlimmste im gegenwärtigen Gesellschjaftszustand ist, Illusionen zu erzeugen.

Die heutigen Linken kann man bis auf wenige Ausnahmen vergessen. Die leben in Illusions- und Wunschwelten. Und bei den parteilich organisierten Linken geht es immer nur um Taktiererei, Postenjägerei und Stimmenfang. Forget it!

„Was wir brauchen, ist eine neue Haltung, fast möchte ich sagen, eine Kombination von zynischem Realismus und Glauben, ein Vermeiden aller Sentimentalität, aller Irrationalität, verbunden mit dem Glauben an die realen Möglichkeiten.“ (Erich Fromm)

Im Internet wird meist nur geschwätzt und phantasiert, so können sich keine handlungsfähigen Strukturen herausbilden. Dazu bedarf es richtiger Arbeitsgruppen. Etc.

Falls Herr Schirrmacher mitliest:
Die Gesellschaftskritik der 68-er hatte ganz wesentlich zur Basis eine bürgerlich-emanzipatorische Gesellschaftskritik.

no way Dezember 11, 2011 um 16:35

Der liest mit und wir auch …
und es ist gut und richtig das System abzulösen,
zuhause, auf der arbeit, beim einkauf, bei freunden, im sport – einfach überall in gesprächen …

http://www.youtube.com/watch?v=GimLuOUVkxg&feature=related

Lyrics:

Climbing up on Solsbury Hill
I could see the city light
Wind was blowing, time stood still
Eagle flew out of the night
He was something to observe
Came in close, I heard a voice
Standing stretching every nerve
Had to listen had no choice
I did not believe the information
I just had to trust imagination
My heart going boom boom boom
“Son,” he said “Grab your things,
I’ve come to take you home.”

To keep in silence I resigned
My friends would think I was a nut
Turning water into wine
Open doors would soon be shut
So I went from day to day
Tho’ my life was in a rut
“Till I thought of what I’d say
Which connection I should cut
I was feeling part of the scenery
I walked right out of the machinery
My heart going boom boom boom
“Hey” he said “Grab your things
I’ve come to take you home.”
(Back home.)

When illusion spin her net
I’m never where I want to be
And liberty she pirouette
When I think that I am free
Watched by empty silhouettes
Who close their eyes but still can see
No one taught them etiquette
I will show another me
Today I don’t need a replacement
I’ll tell them what the smile on my face meant
My heart going boom boom boom
“Hey” I said “You can keep my things,
They’ve come to take me home.”

no way Dezember 11, 2011 um 17:21
HAM Dezember 11, 2011 um 21:17

@no way

Eine interessante Sendung.

Ätzend dieser 68-er-Konvertit.

no way Dezember 11, 2011 um 22:28

@ HAM

Es macht ganz viel Freude mit den Jungen in der wirklichen Welt zusammenzuarbeiten.

Wat. Dezember 12, 2011 um 14:39

@HAM Dezember 10, 2011 um 00:38

http://www.wiesaussieht.de/2011/12/08/werden-wir-jetzt-alle-liberal/#comment-8544

Sorry, habe eben erst Deinen Beitrag gelesen, bin nämlich gerade damit beschäftigt, Menschen zu versuchen begreiflich zu machen, was Emanzipation bedeuten (müsste), wenn sie (in dem Fall sind das Menschen, die sich zur Avantgard berufen fühlen und dazu mal wieder eine neue Organisation gründen wollen) ausmacht.^^

Lass mal bitte Deine Schublade von “östlichem” und “westlichen” Marxismus weg. Jedenfalls so, wie Du sie aufmachst.

Ja, es gibt diese feindliche Trennung nach “Marxismus” und “Marxismus-Lenismus”.

Was Dir an Verständnis fehlt, ist, dass der “westliche” Marxismus nicht automatisch besser ist. Jedenfalls dann nicht, wenn er (nur) andere, als beim “Marxismus-Leninismus” als die zukünftige Avantgard sieht.

Da ist von Hobsbawn über Luxemburg bis Gramsci und Gorz mehr Ähnlichkeit mit Lenin als mit Marx.
… und landet jedesmal im Staatsozialismus.
Und das ist mal hundertprozent nicht: Marx.

Dafür aller anderen, die meinen, dass nur sie wissen, wie eine neue Gesellschaft aussehen soll und wie das gemacht wird und sie diese dann leiten müssen.^^

Nun mag Psychoanalyse eine Möglichkeit sein, ‘herauszukriegen’, wie Menschen ‘ticken’, sie mag sich auch Modellen bedienen, aus denen Schlussfolgerungen abzuleiten sind.
Wenn sie aber im Wesentlichen immer dabei endet, dass arbeitende, weniger gebildete Menschen zu doof sind, irgendwas gesellschaftliches ‘zu machen’ oder zu entscheiden, dann ist das für die Tonne.

Es nimmt Dir die Sicht, dass etwas Neues immer schon im Alten entsteht – sie nimmt, so scheint es – wenigstens Dir die Sicht zu sehen, was das Neue ist/sein könnte.

Deine Aussagen sind einfach zu apodiktisch, als dass da eine Offenheit für anderes wäre.

Gruß.

HAM Dezember 12, 2011 um 20:19

@Wat. Dezember 12, 2011 um 14:39
Was Dir an Verständnis fehlt, ist, dass der “westliche” Marxismus nicht automatisch besser ist. Jedenfalls dann nicht, wenn er (nur) andere, als beim “Marxismus-Leninismus” als die zukünftige Avantgard sieht.
Da ist von Hobsbawn über Luxemburg bis Gramsci und Gorz mehr Ähnlichkeit mit Lenin als mit Marx.
… und landet jedesmal im Staatsozialismus.
Und das ist mal hundertprozent nicht: Marx.

Du behauptest etwas, was nicht zutrifft.

Beschäftige Dich die Schriften der Anarcho-Syndikalisten, Rätekommunisten, Theoretiker der Arbeiterselbstverwaltung, der Freudomaxisten etc. Lies z. B. Otto Rühle, Anton Pannekoek, Andre Gorz etc.

Gerade Otto Rühle thematisiert die Frage, inwieweit die Menschen aus ihren erworbenen Strukturen herauskommen können?
Auch wenn sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse wandeln, die bislang unterdrückten und ausgebeuteten Menschen haben in sich ja noch die alten Psychostrukturen, also ihre „Knechtsnaturen“.
Und wenn die Menschen von ihrer psychostrukturellen Entwicklung noch nicht so weit sind, dann scheitert daran eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft, auch wenn sich die revolutionäre Bewegung – wie in Russland – in den Besitz der Machtapparate bringt.

Aber ich will das nicht vertiefen.

Du wirst diese Schriften sowieso nicht studieren, weil Du überzeugt bist, dass Deine Lebenserfahrung völlig ausreicht und Deine selbstgestrickten Theorien Ausdruck höchster Erkenntnis sind.

Nun mag Psychoanalyse eine Möglichkeit sein, ‘herauszukriegen’, wie Menschen ‘ticken’, sie mag sich auch Modellen bedienen, aus denen Schlussfolgerungen abzuleiten sind.
Wenn sie aber im Wesentlichen immer dabei endet, dass arbeitende, weniger gebildete Menschen zu doof sind, irgendwas gesellschaftliches ‘zu machen’ oder zu entscheiden, dann ist das für die Tonne.
Es nimmt Dir die Sicht, dass etwas Neues immer schon im Alten entsteht – sie nimmt, so scheint es – wenigstens Dir die Sicht zu sehen, was das Neue ist/sein könnte.

Der alte kommunistische Traum von der Metamorphose des Proletariers zum selbstbewussten, selbstbestimmten und allseits gebildeten Individuum.

Der dann als freier und gleicher Menschen in einer klassenlosen und hierarchiefreien Gesellschaft lebt.

Der Traum vom Paradies auf Erden.

Der „frühe Marx“ hat ihn auch geträumt.

Aber wenn man die Marxschen Schriften zur Bibel macht, dann landet man in der Religion.

In der Religion des Marxismus nimmt der Mythos von der proletarischen Revolution einen zentralen Stellenwert ein. Und kleine Grüppchen marxistischer Linkssektierer träumen selbst heute noch von der proletarischen Revolution.

Davon lassen sie sich auch nicht durch gesellschaftliche Realität und Wissenschaft abbringen. Denn sie sind davon überzeugt, „zu sehen, was das Neue ist/sein könnte“.

In den 70-er Jahren gab es viele Menschen in den linksradikalen und K-Gruppen, die von der proletarischen Revolution geträumt haben und die subjektive Gewissheit hatten, dass diese auch unmittelbar bevorstehe.

Und als sie sich dann desillusioniert vom diesem Traum getrennt haben, wurde aus der Arbeiterklasse ein Hassobjekt.
Denn die arbeitende Bevölkerung wollte keine Revolution und schon überhaupt keine kommunistischen Führer.

So wurden aus dieser Art von Marxisten viele zu den rechtsgewendeten roten, grünen, gelben und schwarzen Konvertiten, zu Antisozialisten und Kommunistenhasser, zu Protagonisten des Neoliberalismus, die dann als Ex-68-er im Besitz der Regierungsmacht die Agenda 2010 durchzogen, das Grundgesetz brachen und einen Angriffkrieg führten.

Von mir aus können die marxistischen, leninistischen und trotzkistischen Träumer weiterhin von der sozialistischen Massenbewegung und proletarischen Revolution träumen, ihre Organisationsdebatten führen und sich für die revolutionäre Avantgarde halten.

Und auch Du kannst gern von der klassenlosen und hierarchiefreien Gesellschaft träumen, wo es dann keine Fachautoritäten mehr gibt, die darüber bestimmen, was andere Menschen zu tun oder zu lassen haben. Da gibt es dann keine Architekten mehr, keine Manager, keine leitenden Ingenieure, keine Chefärzte, keine Chefpsychologen und auch keine Professoren mehr, die darüber entscheiden, was die Studierenden zu lernen haben und was aus ihrer Sicht als richtig und falsch anzusehen ist.

Dann gibt es nur noch gleichberechtigte Menschen, die sich alle ganz lieb haben.

Ein schöner Traum, aber jeder Versuch, dies so in die Realität umzusetzen, wird scheitern, wenn nicht sogar in einer Schreckensherrschaft wie bei Pol Pot enden.

HAM Dezember 12, 2011 um 21:56

@Wat.

Man sollte klar sehen, dass die anthropologischen bzw. psychologischen Aussagen bei Marx den Erkenntnistand seiner Zeit wiedergeben. Da wurde Verhalten aus System- und Interessenlogiken abgeleitet, manches war hypothetisch und spekulativ idealistisch waren. Das war keine wissenschaftlich fundierte Psychologie.

Heute wissen wir viel mehr über menschliches Verhalten und die „Natur des Menschen“.

Mit in die Menschen hineinprojiziertem Idealismus erreicht man das Gegenteil, was man will.

„Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint.“
Kurt Tucholsky

Daher auch das Zitat von Erich Fromm:
Was wir brauchen, ist eine neue Haltung, fast möchte ich sagen, eine Kombination von zynischem Realismus und Glauben, ein Vermeiden aller Sentimentalität, aller Irrationalität, verbunden mit dem Glauben an die realen Möglichkeiten.“

Andreas Kreuz Dezember 12, 2011 um 23:28

@HAM

Na, da bin ich mal gespannt,
wer den ganzen Dreck zusammen fegen muss?

HAM Dezember 12, 2011 um 23:58

@Andreas Kreuz Dezember 12, 2011 um 23:28
Na, da bin ich mal gespannt, wer den ganzen Dreck zusammen fegen muss?

Wie immer.

Diejenigen, welche die Zivilisationskatastrophe überlebt haben werden, noch arbeitsfähig sind und sich vor dieser Arbeit nicht drücken können.

Das war doch nach 1945 genauso.

HAM Dezember 13, 2011 um 13:54

Mal sehen, ob Flassbeck auch in der FAZ über den Klassenkampf schreiben darf.

http://www.youtube.com/watch?v=TFKzAAd_1W8&feature=player_embedded

Mrs. Mop (dierotenschuhe) übersetzt (Video ab 15:35)
“Der große Kampf, der in unserer Welt stattfindet, ist weder der zwischen Deutschland und den anderen Europäern, noch der zwischen dem Süden und dem Norden, noch der zwischen China und Deutschland oder sonst jemandem – der große Kampf, ob Sie es glauben oder nicht, ist immer noch der zwischen Arbeit und Kapital.

Wenn es den Arbeitenden verwehrt bleibt, am Produktivitätszuwachs systematisch teilzuhaben – wir sprechen übrigens von den 99 Prozent -, dann fährt der Kapitalismus gegen die Wand. Und zwar dramatisch. Weil keine Wirtschaft erfolgreich wachsen kann, wenn ihrer Bevölkerung weisgemacht wird, einzig auf Blasen zu vertrauen, auf Blasen, die früher oder später platzen.”

HAM Dezember 13, 2011 um 14:59

Ob Flassbeck auch in deutscher Sprache vom Klassenkampf redet?

Und erklärt, wann und warum die Sozialdemokraten die Seite gewechselt haben und nun Klassenkampf für die Kapitaleigner machen?

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