In Stahlgewittern

by h.huett on 8. Januar 2012

Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns. Der gewaltigste der Kriege ist uns noch zu nahe, als daß wir ihn ganz überblicken, geschweige denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren können.

Mit diesen Sätzen leitet Ernst Jünger das Vorwort zur ersten Ausgabe seines Tagebuchs IN STAHLGEWITTERN ein. Bundespräsident Wulff hielt am Freitag die Metapher der Stahlgewitter für ein zutreffendes Bild für die Situation, in der er sich aktuell befindet. Es scheint sich bei dem Mann um einen Optimisten zu handeln. In einem Jahr sei alles vorbei, habe er auf dem internen Neujahrsempfang des Bundespräsidialamts gesagt.

Es ist nicht das erste Beispiel dafür, wie systematisch der Mann mit Missverständnissen hantiert. In einem Jahr sei alles vorbei. Das erhebt die Metapher des Stahlgewitters zu einer lässigen Belastung, die man bald und irgendwie abstreifen könne. Wulff verkennt die Tiefenwirkung des Bildes, seine Verstricktheit in den Großen Krieg, das bis heute nicht vergangene Trauma, an das man sich in Frankreich und Großbritannien als Feiertag an jedem 11. November seit 1918 erinnert.

Dieser Monat war für mich, obwohl der härteste des ganzen Krieges, doch eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner schwersten Form gründlich kennengelernt. Das bewahrte mich später, als ich selbst führte, davor, von meinen Leuten Unmögliches zu verlangen.

Jüngers ersten Monat in Orainville und seine Lehren kennt der Bundespräsident offenbar nicht. Er verheizt sein Personal in einem aussichtslosen Kampf.

Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut, um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern, liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente höchster Spannung. „Krrrach!“ Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten. Mit dem Angriffsgebrüll: „You are prisoners!“ stürzten wir uns wie Tiger in die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete.

Wulff verkennt, dass in der Situation, in der er sich befindet, keine Gefangenen gemacht werden. Er ist selbst längst gefangen und weiß es nicht. Seine Mitarbeiter aber wissen das. Auch deshalb wirkt der Optimismus unter dem Signum des Stahlgewitters so frappierend.

ich stand ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen Trichtergelände, das am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch drohenderes und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir ertönte ein andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte mit merkwürdiger Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften, in Zersetzung übergehenden Leichnam herrührte.

Die nüchternen Notate des Tagebuchs entfalten ihr eigenes metaphorisches Trauma. Die Idee, so etwas könne in einem Jahr vorbei und vergessen sein, entspringt nackter Hybris.

Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen. Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub. Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm und Blut zu erlöschen.

Wie will dieser Amtsschauspieler je wieder eine Rede, zum Beispiel vor Afghanistan-Veteranen, halten, wenn er glaubt, solche Erfahrungen seien in einem Jahr vergessen und vorbei?

Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.

Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen.

Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht dich.

Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache machst.

Es bleibt  der Schluss, dass das Selbstbild des unter medialem Beschuss stehenden Staatsoberhaupts auch nicht im entferntesten zu vergleichbaren Bildern findet. In seiner Mutmacherrede an die eigenen Mitarbeiter entblößt sich das Selbstmitleid als Hohn auf die Geschichte, welcher er die Metapher verdankt.

Fast 94 Jahre nach dem Ende des Großen Kriegs verwandelt der Bundespräsident eine Metapher über den Schrecken des Großen Kriegs in eine Durchhalteparole.

Er wird ihr selbst zum Opfer fallen.

Update 1

Wulffplag kompiliert die Mailboxnachricht des Bundespräsidenten an Herrn Diekmann.

Update 2

Frühkritik Hart, aber Fair. Ist am Aschermittwoch alles vorbei?

Update 3

Don Alfonso beschäftigt sich mit Fäkalgewittern. Wer sich in sie begibt, kommt darin nicht um, aber am Ende wohl doch um sein Amt.

Update 4

Alan Posener berichtet über einen O-Ton Wulffs zu VW.

 

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petervonkloss August 11, 2013 um 11:31

und ich möchte mich entschuldigen. pvk.

petervonkloss August 11, 2013 um 11:16

Nur wegen der Metapher, des Wortes, ist es vice versa.

petervonkloss August 11, 2013 um 10:59

Vielleicht ist es einfach nur eine neurotische Form des Dekonstruktivismus.

petervonkloss August 11, 2013 um 10:52

Auch als Zeitschleife, ich finde es einigermaßen dummdreist, sogar widerlich, einen Sparkassenangestellten mit E. Jünger in ein Schicksalsboot zu stellen, in dem sich nicht der geringste Scherenschnitt von Bedeutung ereignet.

A. G. Januar 12, 2012 um 15:51

Geht doch, Zustimmungen zur Veröffentlichung: http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1260818

A. G. Januar 12, 2012 um 15:48

@egal, selbst dazu taugt Wulff nicht?

waltereggers Januar 12, 2012 um 14:57

Frivole Bildunterschrift:
“Werner Herold überreichte einen Wappenteller der Vereinigung der Kehlkopflosen.”

waltereggers Januar 12, 2012 um 14:50
egal Januar 12, 2012 um 14:42

Symbolbild: Bettina Wulff und Veronica Ferres (Frau von Maschmeier) innig in der AWD-Arena. http://www.welt.de/multimedia/archive/01166/wulff_3_DW_Politik_1166800s.jpg

via: http://www.firstlady-skandal.com/

sk8erBLN Januar 12, 2012 um 12:40

Wulff bricht sein Schweigen
http://www.youtube.com/watch?v=xgQpM02SeKg

sk8erBLN Januar 12, 2012 um 12:29

Journalisten-Verband beklagt „Desinformationspolitik“DJV-Chef boykottiert den Empfang der Wulffs…
Der Chef des Deutschen Journalisten-Verbands aber bleibt demonstrativ fern. Er wirft Wulff bewusste Desinformation der Öffentlichkeit vor….
http://www.focus.de/politik/deutschland/wulff-unter-druck/journalisten-verband-beklagt-desinformationspolitik-djv-chef-boykottiert-den-empfang-der-wulffs_aid_701960.html

sk8erBLN Januar 12, 2012 um 12:29

Boykottiert Wulff :)

Korruptionswächter boykottieren Neujahrsempfang
Der Bundespräsident hat geladen – doch nicht alle Gäste wollen zum Neujahrsempfang kommen.Der Deutsche Journalisten-Verband und Transparency International haben ihre Teilnahme abgesagt. Sie protestieren damit gegen die “Desinformationspolitik des deutschen Staatsoberhaupts”.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808681,00.html

Horst Schmidt Januar 12, 2012 um 12:09

Edda Müller auf “radio1″

“Die Vorsitzende von Transparency International Deutschland will nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und fordert Wulff auf, sich an sein Transparenzversprechen gegenüber den Bürgern zu halten.”

http://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/_/Wo_ist_die_versprochene_Transparenz_.html

Auch auf die besonders dussligen Fragen eines Moderator achten.

Nanuk Januar 12, 2012 um 11:28

Also bei Kachelmann haben sie das mit der Unschuldsvermutung aber nicht ganz so genau genommen…

Nanuk Januar 12, 2012 um 11:27

@Journalistenverband
“Kein Medium hätte seine “Geheimnisse” eine Woche lang verborgen.”

Was ist das denn für ein Argument?
Der hat noch nie nen Mord begangen darum ist der unschuldig?

A. G. Januar 12, 2012 um 11:22

@sk8erBLN, die haben hier die Tipps gelesen. Sehr gut! :)

sk8erBLN Januar 12, 2012 um 11:19

Der Deutsche Journalistenverband hat seine
Teilnahme am Neujahrsempfang ebenso
abgesagt.
BRAVO!

“Kein Business as usual
12. Jan. 2012 – Übergang zur Tagesordnung? Business as usual? Das ist es, was Bundespräsident Christian Wulff eine Woche nach seinem Fernsehinterview zu praktizieren versucht. Die völlige Transparenz, die er herstellen wollte über seine Immobilienfinanzierung, seinen Anruf bei der BILD und seine Urlaube bei vermögenden Freunden schrumpfte zusammen auf knapp sechs Seiten, die sein Anwalt veröffentlichte. Dessen Begründung: Er könneaus Gründen des Datenschutzes nicht die von Journalisten gestellten Fragen publizieren. Auf den ersten Blick perfide, weil nicht nachprüfbar. Den fragenden Kollegen gegenüber dürfte er kaum auskunftsfreudiger gewesen sein. Journalisten sind nicht dafür bekannt, dass sie Informationen bunkern. Wären die oft erwähnten 400 Fragen beantwortet, würde die Öffentlichkeit die Antworten kennen. Kein Medium hätte seine “Geheimnisse” eine Woche lang verborgen. Also wieder nur eine “Halbwahrheit” des Bundespräsidenten, diesmal auf Kosten der Journalisten? Weil es auf diese Frage kein eindeutiges Nein als Antwort gibt, hat sich DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken entschlossen, dem heutigen Neujahrsempfang von Christian Wulff fern zu bleiben.

Kein Business as usual.”

http://www.djv.de/Diskussion.2995+M54e30ad0163.0.html

Horst Schmidt Januar 12, 2012 um 11:16

@ h.huett

Nun eine Gurkentruppe ist diese CDU Berlin eigentlich immer noch, nur wurde sie von Klaus Wowereit wieder hoffähig gemacht. So läuft es nun einmal in Berlin. Seit Jahrzehnten . ja ich möchte es so ausdrücken – ein Schrecken ohne Ende. Aber so heimelig. :-)

P.S. Selbst ein Dregger findet sich in ihren Reihen!

topi Januar 12, 2012 um 11:14

An den FraWa glaubt doch aber keiner im Ernst?

Nach dem Wulff-Shitstorm soll sich der mit seinem randvollen Kompromatekoffer auf den STuhl setzen?

Ich sehe schon die Kurnaz-Homestories, wenn denn jemand mal ein Interesse hat.

Wenn Merkel mit Verstand agiert, dann akzeptiert sie Gauck (um dessen Vorschlag die SPD kaum herumkommt, wie mehrfach erläutert).
Die Pseudo-macht-Deuter werden aufjaulen, aber einen ungünstigeren Präsi kann es für Rot/Grün quasi gar nicht geben.

Nanuk Januar 12, 2012 um 11:13

“Wulff hat’s versprochen”

Der Grosse Diktator hat das einfach versprochen…
http://www.youtube.com/watch?v=CMezadIUnK8

A. G. Januar 12, 2012 um 11:09

@Nanuk, Wulff hat’s versprochen, vor vielen Millionen Zuschauern, war auch darunter… ;)

Nanuk Januar 12, 2012 um 11:08

“Grundsätzlich spricht nichts gegen die Veröffentlichung der Fragen, wenn die Fragenden in der Veröffentlichung nicht genannt werden.”

Das ist ja noch schlimmer ohne Namens Nennung…

A. G. Januar 12, 2012 um 11:06

@Nanuk, kann sein. Wulff kann sie über seine Anwälte fragen, die komplizierten Fragensteller. Grundsätzlich spricht nichts gegen die Veröffentlichung der Fragen, wenn die Fragenden in der Veröffentlichung nicht genannt werden.

topi Januar 12, 2012 um 11:04

http://www.youtube.com/watch?v=G2pG5ac950M

Da sitzt er aber immer noch
der Präsident ist noch da, den die Meute nicht will
Der Wulff, der sitzt, der sitzt und sitzt, weil er sich einfach traut.

Nanuk Januar 12, 2012 um 11:04

Es geht ja nicht um den Kern einer Frage sondern um Ausformulierte…

h.huett Januar 12, 2012 um 11:03

Horst Schmidt

Die Berliner CDU war in der Zeit eine Diaspora-Gurkentruppe, sie mussten ja Weizsäcker einfliegen, der dann auch noch weitere Importe aus Rheinland-Pfalz mitbrachte.

Nanuk Januar 12, 2012 um 11:01

@A.G.
Was sollte sie hindern ja dann sollen sie es doch tun… ich glaube das Problem ist eher das die Fragesteller gar nicht mehr wissen was sie gefragt haben… weil das so absurde Fragen waren.

topi Januar 12, 2012 um 10:58

Der Frank Walter also; na kann nicht lange dauern, bis es wieder eine kleine Tirade gibt. :roll:

Die Nachfolger-Probleme waren von manchem schon ganz zu Anfang als wichtiger Grund für das Nichtagierens der Politik (auf beiden Seiten) genannt worden;
Wieso braucht es Wochen, bis das ins Funktionslogikkalkül einfließen kann?.

A. G. Januar 12, 2012 um 10:58

Reicht nicht… Bluna…

A. G. Januar 12, 2012 um 10:57

Bitte einen Beleg hierfür, @Nanuk. Der Kern einer Frage kann nie urheberrechtlich geschützt sein, allenfalls bei umfangreichen Fragen die Formulierung. Hilfsweise könnten diese Fragensteller ihr Einverständnis erklären. Was sollte sie hindern? …

Nanuk Januar 12, 2012 um 10:53

Ein Beispiel… gefällig?
“Sind wir nicht alle ein bischen Bluna?”

Nanuk Januar 12, 2012 um 10:48

@A.G.
“Wulff kann die Fragen + Antworten online stellen. Die Personen, die gefragt haben, nicht.”

Kann er nicht die Fragen sind Geistiges Eigentum des Fragestellers…

Horst Schmidt Januar 12, 2012 um 10:31

@ h.huett

Werter h.huett also nun sollte die Stimme, die Äußerung eines MdB der CDU aus Berlin nicht überwertet werden. Der spielte auch in der nicht gerade von Spitzenkräften übersäten Berliner CDU so gut wie keine übergeordnete/-ragende Rolle. Bitte nicht solch alte “Schul”-Verbindungen so hoch hängen.
Auch wenn er Recht in der Sache hat. Unbestritten. Ein Ende mit Schrecken war schon immer besser als ein Schrecken ohne Ende.

So und nun 5,-€ ins Phrasenschwein.

h.huett Januar 12, 2012 um 10:06

Goodnight
Der CDU-MdB Wellmann mag vielen sehr unbekannt sein. Christian Wulff aber kennt ihn aus der Zeit (1979/80), in der beide dem Bundesvorstand der Jungen Union angehörten. Das prägt – Wellmanns Rat könnte von Wulff eher gehört, verstanden und akzeptiert werden als die Gesamtauflage deutscher Tages- und Wochenzeitungen.

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