Get Lost

by h.huett on 15. Februar 2012

Auch Namen haben ihre Geschichte. Ich erinnere an Odyssey Dawn.

Nun taucht in den letzten Wochen immer mal wieder eine Firma auf, die für eine ihrer Töchter eine niedersächsische Landesbürgschaft erhielt.

Die Mama hieß Get Lost Films, die Tochter Waterfall Productions. Dieses Tarnmädchen hat geschäftlich nix auf die Beine gestellt, hören wir.  Dazu mag auch beigetragen haben, dass die bis dahin üblichen Abschreibungsmodelle nicht mehr funktionierten, weil der Gesetzgeber die Verlustvorträge abschafffen wollte. Wer sich dagegen besonders engagierte, sei damals Ministerpräsident in Hannover gewesen.

Der zeitliche Ablauf, die Namen der Beteiligten, die Dramaturgie der Firmennamen, all das wirkt auf mich wie das Szenario für einen Film, der tatsächlich nicht produziert werden muss, weil wir selbst die Leinwand sind, auf die er gerade projiziert wird.

Es braucht nicht einmal eine Falle zu sein. Also nix für Verschwörungstheoretiker. Vielmehr spielt die Tüftelei, die Liebe zum verzwickten Detail ein Eigenleben, das im Rückblick wie eine Geschichte erzählt werden kann.

An ihrem Anfang steht ein Stoffel aus der Stadt an der Hase. Ein nicht ganz einfältiges Gemüt, denn in ihm brennt ein erstaunlicher Ehrgeiz. Ein Kompensations-Dramolett. Nach langer Latenz beschleunigt sich alles und der schon kokelnde Ehrgeizschwelbrand steht plötzlich in hellsten Flammen. Eine Blendung, wie man sie aus der Antike kennt, Mama, Papa, Sohnemann.

Mit am Schüren beteiligt ein früher Freund, ein Filmfreund, ein begrenzt weitsichtiger Unternehmer. Nennen wir ihn einfach G. Auch in dem tobt was Unbewusstes. Es scheint nicht entscheidbar, was ihn dazu trieb, mit dem Stoffel aus der Stadt an der Hase ein Spiel zu beginnen, ob er ihn als Bauern oder als Springer oder bloß als dekorativen König aufs Spielfeld holte. Jedenfalls tat er das zu einer Zeit, zu der ihm als Produzent schon der eine oder andere Film, durchaus interessantes Zeug, gelungen war.

Aus unserer Expostperspektive wirkt das Setting so, als hätte ein Drehbuchautor alle Düsen für seinen Düsenjäger auf Maximalvortrieb geöffnet, für einen wilden Reigen aus Macht und Ohnmacht, aus Stoffelei und Einfalt, aus Intrigen, Liebe und Unglück.

Es reichen die Namen – und allen steht der Plot vor Augen. Get lost heißt sich zu verirren. Steht dahinter ein Ausrufezeichen, heißt “get lost!” verschwinde, hau ab, verpiss Dich! Der Wasserfall, der nie angestellt werden musste, braucht hier nicht erklärt zu werden. In seiner stillgelegten Sturzflut geht alles über die Wupper, was mal vor vielen Jahren ein Traum aus der Stadt an der Hase gewesen sein mag. Die Geschichte erzählt von unaushaltbarer Ambivalenz – zwischen Verlockung, Verlorenheit und Verlogenheit.

Ich würde den Film gerne in der Regie von Rainer Werner Fassbinder sehen, mit der alten Clique von Hanna Schygulla, Peter Kern, Irm Hermann. Ihr seht, was ich meine.

Wulff, um diesen Namen hier ein einziges Mal zu nennen, von wem wäre der zu spielen gewesen? Ist klar wie braune Sauce. Von sich selbst. Ein gagenloser Gastauftritt.

Tatsächlich ist der Film im Kasten. Wir alle haben ihn gesehen. Der Verlust ist nicht zu beziffern.

edited 15022012 11:01h

{ 2 comments… read them below or add one }

topi Februar 15, 2012 um 09:36

Manche Verlustfilme werden zum Kult für spätere Generationen. :roll:

Sven Februar 15, 2012 um 12:08

@topi
Naja, auch weil der Held jung und plötzlich stirbt. Der Zug ist durch. Auch ist die schauspielerische Leistung eher mittelmäßig. Stunts gibt es ebenfalls keine. Der Streifen zieht sich mehr als Tarkowskis Solaris’. Bleibt die Kategorie Trash-Movie. Oder ein ordentlich inszenierter Abgang in den Sonnenuntergang…

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