Alexis Tsipras. Ein griechischer Wladimir Woytinsky?

by Stephan on 17. Juni 2012

Wie alle wissen sind heute die deutschen und europäischen Eliten in heller Aufregung. In Griechenland wird gewählt und alle starren auf das Wahlergebnis wie das Kaninchen auf die Schlange. Wenn nämlich die LINKSRADIKALE Partei Syriza unter dem LINKSRADIKALEM Alexis Tsipras gewinnt geht morgen die Welt unter. Eric Bonse hat auf seinem Blog “Lost in EUrope” eine sehr schöne Linksammlung mit vielen Beiträgen über Elitenpanik und Euro-Apokalypse. Ich für meinen Teil sehe das erstens viel entspannter und zweitens ganz anders. Die politische und ökonomische Situation in Griechenland erinnert mich ein bisschen an die Weimarer Republik unter Reichskanzler Brüning und Alexis Tsipras an den russischen Sozialisten Wladimir Woytinsky. Ich drücke heute Alexis Tsipras die Daumen.

Aktive Wirtschaftspolitik versus Austerität, Deflation und Massenarbeitslosigkeit

Wladimir Woytinsky war ein Wirtschaftsstatistiker und Wirtschaftspolitiker, der in der Weimarer Republik für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) als Chef-Statistiker arbeitete. In dieser Funktion musste er sich mit der Brüningschen Wirtschaftspolitik beschäftigen und diagnostizierte (PDF) korrekt deren Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft:

Die leitenden Gedanken der deutschen Wirtschaftspolitik in den Jahren … waren diese: Herabsetzung von Preisen, Produktionskosten und Löhnen, Abbau von öffentlichen Abgaben und Leistungen, Anpassung des Verbrauchs an die Armut des Landes. Dies war eine Politik  der Schrumpfung und Selbstabwürgung, die letzten Endes zur Aufwertung der Schulden, Stockung des wirtschaftlichen Kreislaufes, Vertiefung der Krise, Verschärfung der Not, Erschütterung des ganzen Gefüges des Staates führen musste. Ihre Ergebnisse liegen auf der Hand. Auf diesem Wege weiterzugehen ist einfach unmöglich…

Soweit ich weiß, hat Alexis Tsipras die Analyse der griechischen Wirtschaftspolitik der letzten Jahre von Wladimir Woytinsky übernommen, indem er ein Wort ausgetauscht hat. Woytinski gab sich natürlich nicht mit der Diagnose zufrieden, sondern dachte über eine Therapie nach. Gemeinsam mit Fritz Tarnow und Fritz Baade entwickelte er den WTB-Plan. Woytinski war grundsätzlich Befürworter einer weltweiten Aktiven Wirtschaftspolitik (PDF). Für die Weimarer Republik wollte er Öffentliche Arbeiten als Konjunkturanstoß (eine Million Beschäftige) und für die Finanzierung dachte er sich ein raffiniertes Konzept mit Hilfe der Deutschen Reichsbank aus.

Alexis Tsipras scheint ähnliche, wenn auch nicht so radikale Vorstellungen zu haben. Auch er will die griechische Konjunktur über öffentliche Beschäftigung und mehr Ausgaben ankurbeln. Mit der zusätzlichen Komplikation, dass er im Gegensatz zu Wladimir Woytinsky keine eigene Notenbank einplanen kann. Alexis Tsipras wird also nicht nur gegen eine Brüningsche Merkelsche Austeritäts-Politik ankämpfen müssen. Er wird auch mit einer Zentralbank geschickt verhandeln müssen, die in luftigen Höhen diesseits des Nationalstaats schwebt und ihre ganz eigenen Vorstellungen von Wirtschaftspolitik hat.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

Der Plan von Wladimir Woytinsky stiess auf Widerstand in den eigenen Reihen. Da waren zunächst mal die ökonomischen “Ignoranten” unter den Genossen. Die waren zwar von Teil#1 des Plans schwer begeistert – mehr öffentliche Beschäftigung – aber Teil#2 des Plans – die Finanzierung – lehnten sie ab. Gemeinsam mit Brüning hatten sie Angst, dass es dadurch wieder zu einer Hyperinflation kommen würde. Wie heute der Rest der Welt an Deutschland musste sich in den 30ern der arme Wladimir Woytinsky an der Hyperinflations-Paranoia der Genossen (PDF) abarbeiten.

Noch mehr Widerstand kam von den Vertretern der reinen Lehre. Allen voran Rudolf Hilferding. Mit den Worten von Wladimir Woytinsky: “Sie waren von meiner Idee öffentlicher Arbeiten angetan, aber sie waren gewöhnt, Hilferding für die größte Autorität in Sachen Wirtschaftstheorie seit Karl Marx anzusehen.” Hilferding hielt von dem Plan gar nichts, denn er verstösst gegen den Marxismus. Wieso soll die SPD dem Kapitalismus auf die Sprünge helfen? Ganz im Gegenteil muss man den Dingen ihren Lauf lassen denn die Große Depression ist der Sargnagel für den Kapitalismus. Hilferding:

Colm und Woytinsky stellen die wesentliche Grundlage unseres Programms, Marx’ Arbeitswerttheorie, in Frage. Unser Programm beruht auf der Überzeugung, daß Arbeit, und nur die Arbeit, Wert schafft. Preise weichen unter Einfluß des Aufeinanderwirkens von Angebot und Nachfrage vom Wert der Arbeit ab. Depression ist das Ergebnis der Anarchie des kapitalistischen Systems. Entweder hören sie damit auf, oder es führt unweigerlich zum Zusammenbruch dieses Systems. Wenn Colm und Woytinsky denken, sie können eine Depression durch öffentliche Arbeitsbeschaffung abmildern, zeigt das nur, daß sie keine Marxisten sind.

Wladimir Woytinsky war ein pragmatischer Sozialist und der Meinung, dass die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland nicht der Sargnagel des Kapitalismus sein wird, sondern die Wähler in die Arme anderer Parteien treiben wird. Er wollte der Arzt des Kapitalismus sein und Rudolf Hilferding bestand darauf, der Erbe des Kapitalismus zu werden. In einer Rede (PDF) auf dem Sozialdemokratischen Parteitag in Leipzig 1931 brachte Fritz Tarnow dieses Dilemma der Sozialdemokraten schön auf den Punkt:

Nun stehen wir ja allerdings am Krankenlager des Kapitalismus nicht nur als Diagnostiker, sondern auch – ja, was soll ich da sagen? – als Arzt, der heilen will?, oder als fröhlicher Erbe, der das Ende nicht erwarten kann und am liebsten mit Gift noch etwas nachhelfen möchte? In diesem Bilde drückt sich unsere ganze Situation aus. Wir sind nämlich, wie mir scheint, dazu verdammt, sowohl Arzt zu sein, der ernsthaft heilen will, und dennoch das Gefühl aufrechtzuerhalten, daß wir Erben sind, die lieber heute als morgen die ganze Hinterlassenschaft des kapitalistischen Systems in Empfang nehmen wollen. Diese Doppelrolle, Arzt und Erbe, ist eine verflucht schwierige Aufgabe.

Vor so einer verflucht schwierigen Aufgabe steht irgendwie auch Alexis Tsipras. Wenn er denn gewählt wird, dann hat er schon mal das Problem, dass der Rest der Linken in Griechenland Chaoten sind. Über die Überbleibsel der PASOK braucht man nicht viele Worte verlieren. Korrupte, unfähige Loser. Und über die griechischen Kommunisten (Stalinisten?) würde selbst ein Rudolf Hilferding nur den Kopf schütteln. Und viel besser ergeht es ihm auch nicht mit seinen Genossen im Rest von Europa.

Da haben wir zum einen auch die ökonomischen “Ignoranten” a’la Hollande, die begeistert von mehr Wachstum schwadronieren, aber bei Teil#2 der Frage, woher denn dieses Wachstum kommen soll, die Krise kriegen. Da wird dann über die Beruhigung der Finanzmärkte nachgedacht und ausgeglichene Staatshaushalte als Allheilmittel gepriesen. Wenn es um die Schulden anderer geht, entdeckt jeder Genosse seinen inneren Nationalisten. Die EZB ist ein europäisches Tabu und Steuererhöhung sowieso. usw. usf.

Und Alexis Tsipras kann sich gleich auf ein paar moderne Hilferdings, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, in Europa vorbereiten. Allen voran die deutsche SPD Troika (Mal abgesehen davon, dass die Herren nicht die intellektuelle Kragenweite eines Rudolf Hilferding haben.) Diese SPD Troika hat nämlich statt den marxistischen Scheuklappen die neoliberalen Scheuklappen angelegt. Da geht es dann nicht um das Erbe des Kapitalismus, sondern um mehr Wettbewerbsfähigkeit im globalen Kapitalismus, die Löhne und Pensionen und … müssen runter. Ganz Südeuropa braucht eine Agenda 20xx. usw. usf.

Am Ende des Tages ist Wladimir Woytinsky in seinem heroischen Kampf gegen wirtschaftspolitische Unvernunft gescheitert und es ist genau das passiert, was er prognostiziert hat. Die Wirtschaftspolitik Brünings war nicht der letzte Sargnagel des Kapitalismus, sondern der Sargnagel der damaligen SPD. Wladimir Woytinsky war der Last Man Standing im ADGB. Mit den Worten von Alfred Braunthal von der Federation of Free Trade Unions 1960: “Woytinsky blieb buchstäblich bis zum allerletzten Lebenstag der Deutschen Gewerkschaftsbewegung auf seinem Posten,”

Als der ADGB-Vorstand beschloß, sich der Forderung der Nazis nach Beteiligung der Gewerkschaften an der Kundgebung zum 1. Mai 1933 zu beugen, stimmte Woytinsky als einziger gegen diese Entscheidung. Er ging dann ins Exil in die Schweiz und arbeitet dort für die ILO. Dieses Scheitern wünsche ich Alexis Tsipras nicht – wenn er denn heute hoffentlich von einer relativen Mehrheit der Griechen gewählt wird – aber seine Aufgabe als möglicher griechischer Regierungschef wird eine verflucht schwierige Aufgabe. Zum Abschluss noch einmal das Mikrophon an Wladimir Woytinsky. In der Schweiz hat er ein Buch über die Gründe von Arbeitslosigkeit für die ILO verfasst. Dort finden sich die Zeilen:

Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, normale Arbeitsmöglichkeiten für einen großen Anteil ihrer Mitglieder bereitzustellen, hat ihre Existenzberechtigung verwirkt, und selbst wenn sie diese Berechtigung behielte, sie hätte nicht die Kraft, sich gegen die Zerreißkräfte von innen und von außen zu wehren.

PS: Die Autobiographie Wladimir Woytinsky “Stormy Passage: A Personal History Through Two Russian Revolutions to Democracy and Freedom: 1905-1960″ kann man hier kostenlos nachlesen. Wohl wahr. Das war eine stürmische Reise durch die Weltgeschichte. Wenn man diese Lebensgeschichte liest, muss man sich automatisch wundern, welche politischen und ökonomischen Kleingeister wir heutzutage zwecks Lösung der Eurokrise ausgewählt haben?

{ 82 comments }

Nanuk Juni 17, 2012 um 17:51

Jetzt singen sogar schon die die noch Ludwig Erhard trauern…
http://www.youtube.com/watch?v=McEdIFPFew0&feature=related

Q. Juni 17, 2012 um 17:57

Interessanter Beitrag!

Nur ….
Aktive Wirtschaftspolitik versus Austerität, Deflation und Massenarbeitslosigkeit
so schön das klingt, überzeugt es mich nicht.
Mit dem Euro ist Sparpolitik (im Vergleich zu früher) in der Tat alternativlos, — über das Ausmaß kann man natürlich debattieren.

Und “aktive Wirtschaftspolitik” durch den öffentlichen Arbeitgeber?
Sowas lief doch schon bis 2009 ……. :roll:

Ich sehe trotzdem Tsipras als die bessere Alternative für GR.
Allein schon weil die korrupten Altparteien zu einer Erneuerung nicht in der Lage sind. Und um die kleptokratische Oberschicht ihrer Privilegien zu berauben, ist ein “radikaler Linker” genau richtig!

Aber man darf sich da keine Wunder erhoffen: Reformen im öffentlichen Dienst und Beschneidung der Gewerkschaftsmacht wird es mit Syriza nicht geben. Für eine langfristige wirtschaftliche Wende wäre das aber (neben anderem) entscheidend.
In GR fühlen sich viele bei Tsipras an den alten Papandreou (den Papa von “unserm” ;-) ) erinnert, — der das politische Klientelsystem so richtig in Schwung brachte …..

Europa macht sich übrigens ziemlich was vor, wenn sie glauben, Samaras wäre ein einfacherer Verhandlungspartner. Der ist der Inbegriff eines taktierenden Politikers ohne Verantwortungsbewußtsein …..
Der würde genau das gleiche machen wie Tsipras (Nachverhandeln), nur auf bißchen andere Weise …

Nanuk Juni 17, 2012 um 18:10

“Und “aktive Wirtschaftspolitik” durch den öffentlichen Arbeitgeber?
Sowas lief doch schon bis 2009…”

Eben es geht darum das man von seinem Einkommen Leben kann… nicht um Taschengeld!

Nanuk Juni 17, 2012 um 18:11

Es gehört nämlich auch zur historischen Wahrheit das die Offentliche Beschäftigung den Boden bereitet hat für die Gigantische Gleichschaltungsmaschine der Nazis…

E. Bonse Juni 17, 2012 um 18:15

Klasse. Ich habe nur meine Zweifel, dass Tsipras unsere Klassiker kennt… Zu kläre wäre auch, ob Merkel schon mal was von Brüning gehört hat.

Keynesianer Juni 17, 2012 um 18:32

Leider hat Woytinsky dann in seinem Buch über die Ursachen der Arbeitslosigkeit für die ILO sich selber verraten, wie schon dem Titel zu entnehmen ist:

“Vladimir Woytinsky: Three sources of unemployment: the combined action of population changes, technical progress and economic development, International Labour Office, 1935; ”

In Deutschland wusste er es noch, dass die Ursache der Krise eine Deflationspolitik war. Aber die ILO in Genf war von den britischen Imperialisten von Milners Kindergarten beherrscht, die damals die Weltwirtschaftskrise gestützt haben.

oblomow Juni 17, 2012 um 18:41

Diese debatte um den WTB-Plan könnte man den sozialdemokraten jeden tag aufs neue von morgens bis abends um die ohren hauen – es bliebe folgenlos und sinnlos (und verschaffte nur eine gewisse befriedigung, wenn sie es denn tatsächlich physisch spüren würden) und das liegt nicht nur an ihrer intellektuellen beschränktheit und dummheit. Sie begreifen nicht nur nicht, sie wollen nicht begreifen. Die eigenen pfründe sind wichtiger. Die spd ist jetzt drauf und dran einem ermächtigungsgesetz reloaded (ESM) zuzustimmen.
Deutsche gewerkschaften und 1. mai 1933 (da gab es noch so manch andere anbiedernde unterwürfigkeit, z.b. der konsumgenossenschaften usw.), das ist heute spd und esm (und so manch anderes gesetzesvorhaben): lasst uns doch bitte, bitte weiter mitmachen, wir haben doch auch hartz iv so schön für euch durchgezogen und sind bereit noch ganz andere sauereien (mit) durchzuziehen. Widerlich.

Keynesianer Juni 17, 2012 um 19:52

Hier hat Woytinsky das wirkliche Problem angesprochen:

Internationale Hebung der Preise als Ausweg aus der Krise.
Published: Leipzig, 1931
Series: Veröffentlichungen der Frankfurter Gesellschaft für Konjunkturforschung : neue Folge ; 1.
http://search.socialhistory.org/Record/638358

Woytinsky wusste selbstverständlich, dass die Weltwirtschaftskrise ein Instrument der Deflationspolitik war und dass sie durch eine Reflation sofort beendet werden konnte.

So wie jeder das wusste, der damals wie heute von der Materie etwas Ahnung hat. Für die ILO hat er das dann selber verleugnen müssen:

Drei Ursachen der Arbeitslosigkeit : aas Zusammenwirken von Bevölkerungsbewegung, technischem Fortschritt u. wirtschaftl. Entwicklg / Wladimir Woitinsky

Natürlich hatte die Krise weder mit der Bevölkerungsentwicklung noch mit dem technischen Fortschritt etwas zu tun, sondern die Massenarbeitslosigkeit war ein Instrument der Lohnsenkung und Disziplinierung der Arbeiter. So wie heute in Griechenland, daher ist die Erinnerung an Woytinsky ganz passend.

Noch einer hat damals für die ILO einen Mist verzapft:

Emil Lederer: Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit, Mohr Tübingen 1931;

Die Stormy Passage von Woytinsky kann man auch hier (etwas besser) lesen:

http://archive.org/details/Woytinsky-Stormy-passage

Joerg Buschbeck Juni 17, 2012 um 20:00

Geldsparpläne + Kredittilgungen > Verschuldungspläne = Absturz

Geldsparpläne runter oder Verschuldungspläne rauf?

Warum wird immer nur die zweite Variante diskutiert? Keynes 3.0 geht anders rum -dauerhafte ERWARTUNGEN von Nullsparzins und schon spielt das Klavier. Dauerhafte Nullzinserwartungen sind etwas ganz anderes als Krisen-Null-Zins!

Zeit für den Buschi-Plan – den wolltest Du längst mal zerlegen, lieber Stephan …aber an sinkende Geldsparpläne traust Du dich ja auch nicht….so was darf man als deutscher Ökonom nicht mal denken. :-)

http://www.global-change-2009.com/blog/ein-grundlegender-losungsansatz-fur-die-systemkrise-%E2%80%93-notenbanken-werden-zur-%E2%80%9Emonetative%E2%80%9C/2012/01/

wowy Juni 17, 2012 um 20:14

+ + + Aktuelle Hochrechnung + + + #Griechenland
http://wwitv.com/tv_channels/b3439.htm

Schatten Juni 17, 2012 um 21:03

“Für die Weimarer Republik wollte er Öffentliche Arbeiten als Konjunkturanstoß (eine Million Beschäftige) und für die Finanzierung dachte er sich ein raffiniertes Konzept mit Hilfe der Deutschen Reichsbank aus.”

Autobahn? Mefo-Wechsel? What?

Eagon Juni 17, 2012 um 21:58

Ist das Problem nicht, dass Konjunkturprogramme in Griechenland, Griechenland die Lasten des Konjunkturprogramms, den Schuldendienst aufhalsen , und Deutschland die Vorteile zusätzliche daraus generierte Nachfrage nach seinen Produkten, einen wachsenden Aussenbeitrag, en passant einstreicht?

In einer Währungsunion ist es leider so, dass relative Positionen sich immer zu Lasten des Einen und zum Besseren des Anderen verschieben.

Ein Konjunkturprogramm, Marshallplan in Griechenland ist viel zu klein um das Boot insgesamt anzuheben.

Der erste Schritt wäre doch diese Wettbewerbsideologie in den Orkus zu schicken.

Und mit ihr die Merkels, Steinbrücks, …

Morph Juni 17, 2012 um 22:20

Cooler Beitrag. Spot-on. @Qs Rekativierungen eingerechnet ist das ein gutes Bild für den heutigen Abend.

Keynesianer Juni 17, 2012 um 22:20

Die griechische Katastrophe ist ja absichtlich inszeniert worden. In den USA sorgt die Notenbank für niedrige Zinsen der Staatsanleihen, im Euroraum werden die Staaten den Spekulanten ausgeliefert.

Und um die Sache für die Griechen besonders dreckig zu machen, hat man gleich zu Beginn den “Haircut” und die Beteiligung der Kreditgeber am Schuldenschnitt propagiert. Damit wurden die Zinsen durch die Decke gejagt.

Die Erwebslosen in Griechenland stehen nach wenigen Monaten ohne soziale Absicherung da. Menschen im Kapitalismus brauchen aber Geld, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Jemandem das Geld zum Leben zu nehmen, ist wie wenn man dem ein Messer an die Kehle oder eine Pistole an den Kopf setzt.

Die Reaktion will natürlich den Arbeitern in diesen Ländern das Rückgrat brechen, damit die in Zukunft bereit sind, sich für Hungerlöhne abzuschinden wie die deutschen Leiharbeiter und 1-Eurojobber.

Das wird aber da unten aus allgemein klimatischen Gründen nicht klappen mit dem Niedriglohnsektor. Das gibt nur eine verlorene Generation der heutigen Jugendlichen, die für den Rest ihres Lebens demoralisiert sind und als Bettler durch die Straßen streifen.

Es ist alles volle Absicht und ein Verbrechen sondergleichen wie zu Brünings Zeiten.

Joerg Buschbeck Juni 17, 2012 um 23:51

@Keynesianer – der Bruch in Deiner Theorie ist folgendes:

die Unternehmer sind die Verlierer von sinkenden Löhnen und Deflation – da verlieren auch alle, oft sogar das Leben.

Außer Weltuntergangssekten gibt es keine Gewinner – sind die wirklich an der Macht? Unsere Präsident der Herzen = Georg Schramm, hat sich letztens dazu warnend geäußert.

Q. Juni 17, 2012 um 23:57

Tjaa, nun also wohl Samaras.
Mit dem wird die EU den schönen Schein wahren können …… bis …?
Wahrscheinlich wird der Euro also wohl an einer anderen Ecke einbrechen.

keynesianer
Die griechische Katastrophe ist ja absichtlich inszeniert worden.
O ja! Die bösen bösen Mächte!

Wer soll das eigentlich sein?

Und um die Sache für die Griechen besonders dreckig zu machen, hat man gleich zu Beginn den “Haircut” und die Beteiligung der Kreditgeber am Schuldenschnitt propagiert.
Vernünftig wäre das gewesen.
Nur wollte in Brüssel überhaupt niemand sowas ins Auge fassen. Realitätsleugnung so lange wie möglich, — aber dafür “koste es, was es wolle” (Barroso).

Aber was sind schon Fakten?

Q. Juni 18, 2012 um 00:07

Schäffler durchschaut die Chose ;-) :
Der Euro-Kritiker Frank Schäffler kritisierte den Wahlausgang in Griechenland. Mit dem Sieg der Nea Dimokratia werde “das Elend nur verlängert”, sagte Schäffler am Sonntag dem ZDF-Online-Portal heute.de. Sollte Griechenland Teil der Euro-Zone bleiben, werde der Euro nicht überleben, sagte der FDP-Politiker voraus. Zugleich lobte Schäffler die eurokritische Linksallianz Syriza: “Sie sagen, sie wollen die Reformmaßnahmen nicht umsetzen. Das ist zumindest ehrlich.”

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sieg-von-nea-dimokratia-in-griechenland-sorgt-fuer-freude-und-skepsis-a-839412.html

Treidelstein Juni 18, 2012 um 02:23

Die Griechen haben nur den Einsatz gehalten und wollten nicht gleich sehen. Jetzt geht das Scheißspiel weiter. Ich hätte zu gern gesehen, daß “die Europäer” mal ihr Blatt hinlegen müssen.

ohne Geld Juni 18, 2012 um 06:50

sorry, kurze belanglose Zwischenmeldung, auch wenn sie hier nicht zum Thema passt:
Die NSA hat 29 extraterrestische (noch nicht entschlüsselte) Radiobotschaften auf ihrer Webseite veröffentlicht: Hier der Artikel, unter dem Artikel der Link mit der pdf-Datei der NSA

http://www.matrixblogger.de/?p=3491#more-3491

Eagon Juni 18, 2012 um 07:22

Wären Staatsanleihen zu 100% garantiert worden, gäbe es diese tiefe Eurokrise nicht.

Mir ist unverständlich wie Q. immer noch nicht die Krisenzusammenhänge verstanden hat.

Wären Staatsanleihen zu 100% garantiert worden, hätte die Politik sich auf die sicherlich notwendigen Reformen in Griechenland aber auch auf die NOTWENDIGEN REFORMEN in Deutschland konzentrieren können.

Keynsianer hat Recht.
Unsere Politiker müssen auf die Couch.

Wer hat die Motivation eines Hitlers jemals wirklich verstanden?
Und warum so viele bereitwillig seine Helfershelfer waren.

Keynesianer Juni 18, 2012 um 08:18

@O.

“Wer soll das eigentlich sein?”

Zum Beispiel weissgarnix. Wer hier mitspielen will, muss einen guten Riecher und den feuchten Finger immer im Wind haben. Der hat doch damals gleich von einem Haircut geredet. Natürlich nur, um den armen Griechen zu helfen, weil die doch so hoch verschuldet seien.

Wenn da jetzt Leute von Einfluss für die armen Bewohner einer unserer überschuldeten Ruhrstädte einen Haircut fordern würden, dann wären die Zinsen in wenigen Wochen für alle Kommunen in dem Raum bei über 20 Prozent. Das ist natürlich sehr hilfreich für die armen Menschen.

Mit anderen Worten: So dumm kann doch gar niemand sein!

Ich bin ja wirklich ein großer Feind der Rentiers, aber auf die Idee, mich hier naiv hinzustellen und eine Beteiligung der bösen Banken und sonstigen Anleger an der Abschreibung griechischer Schulden zu fordern, wäre ich nicht gekommen.

Aber die Frau Merkel sich gleich mit einer roten Fahne und im zerfetzten Hemd auf die Barrikaden gestellt und die armen Griechen mit einem Schuldenerlass vor den bösen Banken und anderen Käufern griechischer Anleihen retten wollen. Was für eine Komödie für das einfältige Publikum.

Und wie böse die Folgen!

Bürger Juni 18, 2012 um 09:25

Der Strobl ist ein kleiner Fisch. Aber er war eitel genug, seinen Erfolg mit griechischen Junkbonds in seinem Blog zu feiern.

Andere sind weniger eitel, aber dafür umso erfolgreicher gewesen.

Die Frage “Wem nützt’s?” hat mit VT nichts zu tun.

KL Juni 18, 2012 um 09:25

Der immer interessante Stephan Schulmeister im Interview des Tagesanzeiger: “Merkel und ihr Notenbanker Jens Weidmann nehmen einen Zusammenbruch der Eurozone bewusst in Kauf. Ihre Logik geht so: Entweder, ihr folgt unserer Spardoktrin. Oder dann geht unsere Einheitswährung halt in die Brüche.”

Mir scheint, er hat wieder recht. Die bürgerliche Oberschicht Deutschlands hat nicht gelernt, was Politik ist, seit sie ihre eigene Revolution in den Sand gesetzt hat. Und sie kann in Krisenzeiten immer nur eins (das hat sie sich wohl vom untergehenden Adel 1914ff. abgeguckt): va banque spielen, mit der eigenen Nation als Pfand. Es ist ein Trauerspiel.
Und der Ausgang der Wahl in Griechenland war leider das Gegenteil eines Weckrufs.

Natalius Juni 18, 2012 um 10:03

@ohne Geld
Gutes Beispiel für nicht sorgfältiges Recherchieren. Der folgenden Interpretation schenke ich mehr Gewicht:
http://www.openminds.tv/nsa-practices-deciphering-et-signals-668/

Es bleibt aber eine schöne Übung im Dechiffrieren.. ;-)

Systemfrager Juni 18, 2012 um 10:38

@Stephan
>>> Hilferding hielt von dem Plan gar nichts, denn er verstösst gegen den Marxismus.

Ja, Marxismus ist eine knallharte Angebotstheorie. Tauscht man “Disproportionalitäten” mit “Strukturproblemen” aus, dann ist der Marxismus fast dort, wo die Neoliberalen heute sind. Marx schimpfte über Say, er hat ihn aber nicht widerlegt. Leider auch für Keynes kann man nicht etwas grundlegend anderes behaupten.

Systemfrager Juni 18, 2012 um 11:39

Ein auffälliges Merkmal der kapitalistischen Wirtschaft ist eine besondere Art von periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskriesen, denen man in anderen Gesellscahftsformen nur selten und in beschränktem Umfang begegnet. Diese kapitalistischen Produktionskriesen stehen weder zu Naturkatastrophen (Dürre, Hungersnot, Epidemien usw.) noch zu dem biologischen oder psychologischen Bedarf der Menschen an produzierbaren Gütern in Beziehung. In anderen Gesellschaftsformen werden die meisten Krisen von einer dieser beiden Ursachen hervorgerufen. Die kapitalistischen Krisen dagegen werden durch ökonomische Verhältnisse und Kräfte berstimmt.

Eine Ideologie ist nicht eine wissenschaftliche Theorie, sondern ist unwissenschaftlich und oft sogar antiwissenschaftlich. Sie ist der Ausdruck von Hoffnungen, Wünschen, Befürchtungen und Idealen, nicht aber eine Hypothese über Ereignisse;

Der erste und vielleicht entscheidende Beweis für die Auffassung, daß der Kapitalismus micht mehr von langer Dauer sein werden, ist das ständige Vorhandesein einer Massenarbeitslosigkeit in den kapitalistischen Staaten und das Fehlschlagen aller bissherigen versuche, diese zu beseitigen.

Ständige Massenarbeitslosigkeit ist in der Geschichte nichts neues. Sie ist vielmehr ein Symptom dafür, daß eine bestimmte Gesellschaftsordnung nahezu am Ende ist.

So führen die Arbeitslosen eine ungewisse Existenz am Rande der Gesellschaft; einerseits zerren sie diese mit ihrem furchtbaren Gewicht nach unten und lassen sie verbluten, andererseits sind sie eine Quelle ständiger Irritation und antisozialer Bestrebungen.

Die Erfahrung hat schon gelehrt, daß nicht die leiseste Aussicht besteht, den Kapitalismus von der Massenarbeitslosigkeit zu befreien.

Burnham, J.: Das Regime der Manager, Union deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 1951, S. 26, 33, 37, 45

Keynesianer Juni 18, 2012 um 12:26

@Systemfrager

Was willst Du mit dem Geschwafel von Burnham?

Krisen und Massenarbeitslosigkeit sind ganz einfach ein Mittel zur Lohnsenkung und zur Disziplinierung der lohnabhängigen Arbeiter. Zur Zeit des Goldstandards mussten die Notenbanken den Anstieg der Preise durch einen Boom der Konjunktur und bei Vollbeschäftigung immer wieder verhindern – mit Zinserhöhung und darauf folgender Krise.

Die Krise und die Massenarbeitslosigkeit sirgt dann für sinkende Löhne und Preise. Auch die neoliberale “Stabilitätspolitik” bestand einfach darin, für eine anhaltend hohe Massenerwerbslosigkeit zu sorgen, damit die Löhne nicht groß steigen können.

Alles ganz einfach zu erklären und kein Geheimnis.

Wie man mit der Zinspoolitik eine Krise verursacht und wieder beendet, gehört zu den Grundkenntnissen jedes Notenbankers.

Wie man darüber unsäglich herumschwafelt, um das Publikum zu verarschen, ist dann die Grundlage aller Volkswirtschaftslehre. ;)

Keynesianer Juni 18, 2012 um 12:59

Nachfolgend noch ein längeres Zitat aus dem von Stephan hier eingestellten Link zu einem Text von Woytinsky, der damals ganz zutreffend die Ursache der Weltwirtschaftskrise erörtert hat:

Wladimir Woytinsky, “Aktive Weltwirtschaftspolitik”, S. 429, über die Arbeit des im Juni 1929 vom Völkerbund eingesetzten Goldausschusses:

“Auf Grund seiner eingehenden Untersuchung gelangte der Goldausschuss zu dem Schluss, dass eine Goldknappheit in der Welt in der allernächsten Zeit zwangsläufig eintreten muss. Über ihre Auswirkungen äussert sich der Bericht wie folgt:

“Es liegt von vornherein auf der Hand, dass, falls es eine durch die Goldknappheit bedingte Tendenz der Preis-Baisse gibt, diese Tendenz die für eine Depression üblichen Störungen verschärfen wird. Dies wird besonders stark für bestimmte Länder ins Gewicht fallen, sofern die Verteilung der Goldvorräte aus irgendeinem Grunde die volle Verwertung der letzteren verhindert.

Ferner wird die Auswirkung einer vorübergehenden Preisdepression zwangsläufig verschärft, falls diese mit einer andauernden, durch die Goldknappheit bedingten Preis-Baisse zusammenfällt.”

Der Goldausschuss hütet sich, laut zu sagen, dass die heutige Preisdepression mit der von ihm theoretisch vorausgesehenen Preis-Baisse identisch ist. Er beschränkt sich vielmehr auf allgemeine Formulierungen, die allerdings einleuchtend genug sind.”
http://opus.kobv.de/fes/volltexte/2007/1096/pdf/aarb01123.pdf

Wer das verstanden hat, der vergleiche dies mit dem von Ökonomen und Historikern seitdem verbreiteten dummen Geschwätz über die Ursachen der Großen Depression.

Es war ganz einfach, dass die Rückkehr zum internationalen Goldstandard bis 1928 zu den Vorkriegsparitäten von 1913 einen ganz gewaltigen Goldmangel im Verhältnis zu der bis dahin angewachsenen Wirtschaftsleistung zur Folge hatte.

Bei Goldmangel mussten alle Notenbanken ihre Ökonomien durch Zinserhöhungen in eine brutale Depression treiben, um jeweils mit niedrigeren Preisen als die anderen Staaten einen Exportüberschuss zu erzielen und sich das fehlende Gold mit dem Überschuss zu verdienen.

Zusätzlich war das Gold sehr ungleich verteilt. Und zwar befand es sich weitgehend in den USA und in Frankreich, wo der Goldzufluss jeweils sterilisiert wurde.

Man hat also nicht, wie eigentlich unter dem Goldstandard nötig, bei Goldüberschuss die Kreditvergabe entsprechend ausgeweitet, damit die Länder mit fehlendem Gold sich das wieder verdienen können. Sondern Frankreich und die USA haben ihre Goldbestände weitgehend neutralisiert, so dass es zu einer internationalen Depression der Ökonomien kommen musste, bei der jedes Land die Konkurrenz mit noch niedrigeren Löhnen und Preisen unterbieten wollte.

Und um die Löhne und Preise immer tiefer fallen zu lassen, musste die Krise durch die Geld- und Finanzpolitik absichtlich immer weiter verschärft werden, weil nur dadurch die Löhne und Preise immer weiter fallen.

Das war die Ursache der Weltwirtschaftskrise und alles andere ist dummes Geschwätz von Historikern und Ökonomen!

Systemfrager Juni 18, 2012 um 13:28

@Keynesianer
Ganz einfach kann man meistens nur wenig treffend bezeichnen und erklären. Ausnahmen gibt es. ZB ganz einfach könnte man beurteilen, was die Theorie, die die ökonomischen Zyklen mit Zinsniveua erklärt, ist:

Sie ist eine totale Idiotie.

Keynesianer Juni 18, 2012 um 13:56

@Systemfrager

So kommt das den Leuten nur vor, nachdem sie zu viele dicke Werke “bedeutender Ökonomen” studiert haben. Wie ich damals im zarten Alter von 13 Jahren Anno 1967 kapiert habe, dass die Krisen einfach mit Zinserhöhungen ausgelöst und mit Zinssenkungen wieder beendet werden, hatte ich noch kein einziges Buch über Wirtschaftstheorie gelesen.

Das war für mich einfach logisch, dass die Leute weniger kaufen und bauen, wenn die Notenbank die Zinsen erhöht, und damit gibt es dann Arbeitslose. Ich weiß heute noch, wie ich damals vor der Zeitung mit einem Artikel über die Zinspolitik der Bundesbank stand und wie ich das sofort kapiert hatte. Schon 1973/74 war es dasselbe Spiel und dann erst ab 1980.

Jedenfalls sind wir heute in einer ähnlichen Situation wie zur Zeit der Großen Depression. Nur dass heute nicht der Goldpreis unterbewertet ist, sondern der Preis der Arbeit in Deutschland. Mit dem deutschen Lohnniveau ist der Euro für die angeschlossenen Staaten so fatal wie damals der internationale Goldstandard.

Die Lösung des Problems war übrigens damals ganz einfach: Roosevelt hat jeden Morgen mit seinem Finanzminister besprochen, bis zu welchem Kurs das Gold an der Börse mit den Dollars der Treasury hochgekauft werden sollte, bis der Dollar gegenüber dem Gold ausreichend abgewertet war. Einige Bankiers wären vor Wut fast aus dem Fenster gesprungen, wie sie davon erfahren haben.

Ähnlich einfach lässt sich heute die Euro- und angebliche Schuldenkrise beenden, nämlich mit Lohnerhöhungen in Deutschland, bis wir Überschüsse im Import statt im Export haben und die anderen Staaten damit ihre Schulden bei uns mit ihren Waren bezahlen können.

Die Alternative wäre eine mörderische Spar- und Deflationspolitik, um in den Defizitstaaten die Löhne und Preise um bis zu dreißig Prozent zu senken, statt die Löhne und Preise in Deutschland um dreißig Prozent zu erhöhen.

Wir müssen eine Neuauflage der Brüningschen Deflationspolitik verhindern, weil wir Deutschen die Folgen ja am besten kennen.

Auch wenn das bedeutet, dass einige Leute ihre ganzen Ökonomiebücher auf den Müll werfen können. :D

topi Juni 18, 2012 um 14:52

Guter Beitrag, Stephan.

Was noch fehlt, ist die Betrachtung der Unterschiede durch den Euro.

Die einfache Übertragung vs. Goldstandard springt ja zu kurz, oder?

Neuer Beitrag? :-D

Btw, hat jemand auf die Schnelle die Leistungsbilanzsalden Ende der 20er/ Anfang 30er zur Hand?

ohne Geld Juni 18, 2012 um 15:14

@natalius

interessant, ich sagte ja “belanglos” ;-)

holger Juni 18, 2012 um 15:22

@ topi

—>>>Btw, hat jemand auf die Schnelle die Leistungsbilanzsalden Ende der 20er/ Anfang 30er zur Hand?”

Welches Jahrhundert? :D Zur Zeiten der Hanse oder wie oder was?

holger Juni 18, 2012 um 15:26

@ topi

ernstgemeint… entweder schauts du dir das mal an, und verstehst das mal, oder lass es einfach sein. Und mach deine Kunden froh. http://www.sgipt.org/politpsy/finanz/schuldp/usa/usa0.htm

Daraus lässt sich alles ablesen. Wunderbar mit Daten hinterlegt.

holger Juni 18, 2012 um 15:36

@ topi

und nun mach mal aus den Zahlen dort, ne Excel Tabelle mit 6% Verzinsung im Average von Anfang an. Dann wird es noch erstaunlicher. Wann wie und warum… Brauch man nicht ernst nehmen, weiß ich… Und wenn dir bestimmte Punkte auffallen, dann such dir mal die Ereignisse aus diesem Jahr heraus. Ich weiß, fang ruhig an zu lachen. Der USD ist Weltleidwährung…

holger Juni 18, 2012 um 15:38

Und @ topi das Makro ist Momentan noch der USD. Nicht die VWL Heinis. Der USD ist es.

holger Juni 18, 2012 um 15:43

Und dann noch eines… in was werden die meisten “Leistungsdefizite” gehandelt? genau RICHTIG in USD… und da kommt ihr immer mit der Mikroben VWL und der andere macht sogar noch nen Global Change ala Stützel sogar mit ner Weltformel… Hale Julia

Ludwig Büchner Juni 18, 2012 um 17:21

@Stefan
Schöner Artikel. Und G.Braunberger hatte ja auch empfohlen, sich mehr mit Wirtschaftsgeschichte zu beschäftigen. Da lernt man immer was. Leider hat es die allgegenwärtigen Besserwisser mal wieder angelockt und so den Lerneffekt ein wenig ins Abseits verschoben aber sei’s drum.
Allein die unverhohlen emotionale Kritik an den Franzosen ist mir nicht verständlich.
Ich finde, die machen gerade alles richtig, 3 Wahlen gewonnen, mit etwas Glück das U-Boot S. Royal trockengelegt und über etliche Monate nichts an Zielstrebigkeit eingebüßt. Man erfährt ja nicht genaues aber so könnte es weitergehen: Gegen Ende nächster Woche kommt der Bericht des Rechnungshofes über die aktuelle Finanzlage, die Aussichten sowie die Budget- und BIP-schätzungen. Präsident des Rechnungshofes ist wundersamerweise Didier MIGAUD, ein Sozialist und langjähriger Weggefährte. Man weiß ja nichts genaues aber ich täte das so machen:
Veröffentlichung der Zahlen(dass es eine Katastrophe wird hat ja Querschüsse in der letzten Woche schon nahegelegt) und die klare Ansage: Sarkozy hat uns in die Merde geritten aber bis zur Unterlippe, dabei würde ich auch darauf achten, dass Mme Lagarde als Verantwortliche erheblich was abbekommt. Dann ein nationales Notprogramm: Wir müssen alle alle alle beitragen, also diesmal bitte auch die, die viel haben. Geeignete Steuergesetze sind sicher schon vorbereitet.

Dann noch im Juli die Banken vornehmen, wie versprochen. Hollande weiß wie wir auch, dass die großen französischen Banken mit mehreren hundert Mia. im Feuer stehen und dass sein Land und auch seine Regierung am Ende sind, wenn er die alleine rettet. Er kann also den G20 nur vorschlagen die Bankenprobleme zur EU-Aufgabe zu machen. Das werden die Deutschen vehement ablehnen und verlangen, dass jedes EU Land seine Probleme selbst löst, wie bisher ja schon mehrfach geübt.

Jetzt aber mal eine Frage: Wenn Frankreich seine großen Banken aufteilt wie im Wahlprogramm versprochen, und daraus kleine Servicebanken mit öffentlichem Auftrag und Rückendeckung einerseits sowie große insolvente Finanzspieler andererseits macht, wenn wird es aus den Schuhen reissen ?

Andreas Juni 18, 2012 um 18:05

“Ähnlich einfach lässt sich heute die Euro- und angebliche Schuldenkrise beenden, nämlich mit Lohnerhöhungen in Deutschland, bis wir Überschüsse im Import statt im Export haben und die anderen Staaten damit ihre Schulden bei uns mit ihren Waren bezahlen können. ”

Genau das verstehen die Deutschen aber nicht.

Stephan Juni 18, 2012 um 18:11

@Ludwig
Danke.

Vielleicht war das mit Hollande ein bisschen ungerecht, aber auch er würde Tsipras links liegen lassen. Das ist zumindest mein Eindruck.

Zu den Banken: kannst du vergessen. Ohne eigene Währung ist das alles nur nettes Wunschdenken. Wird nicht passieren.

Systemfrager Juni 18, 2012 um 18:47

Wie ich damals im zarten Alter von 13 Jahren Anno 1967 kapiert habe, dass die Krisen einfach mit Zinserhöhungen ausgelöst und mit Zinssenkungen wieder beendet werden, hatte ich noch kein einziges Buch über Wirtschaftstheorie gelesen. | @Keynesianer

Du sagst es! Deine ökonomische “Theorie” ist in der Tat ein Kindesspiel eines 13-järigen.
Danke für die Klärung.

Systemfrager Juni 18, 2012 um 18:49

@Keynesianer
Mein Problem ist nur, dass du dich als “Keynesianer” bezeichnest – aber ein Recht dafür hast du

Degnaphta Juni 18, 2012 um 19:24

Hat eigentlich irgendwer von den mitlesenden Ossis ne Schätzung parat, wie “Die aktuelle Kamera”, die einzige mir namentlich bekannte Propaganda-TV-Produktion, im Verhältnis zu tagesschau und heute einzuschätzen ist?
Wer sind die krasseren/eleganteren Lügner?

Keynesianer Juni 18, 2012 um 20:28

Etwas Konjunkturgeschichte:

“Die Bundesbank erhöhte zugleich vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Inflation die Zinsen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg und die Investitionen gingen zurück. 1966 hatte die Teuerungsrate 3,6 Prozent erreicht. Die Arbeitslosenquote stieg von 0,7 Prozent 1966 auf 2,1 Prozent 1967.

Die Zinspolitik und die Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Entwicklung führten in die Rezession 1974/75.”
http://www.handelsblatt.com/archiv/hintergrund-deutschland-erlebte-bisher-vier-rezessionen/2246652.html

Das lasst sich sogar in der Presse finden, aber sehr versteckt. Man muss es fast wissen, um es zu bemerken. ;)

Ansonsten ist das Problem natürlich, dass in einer Wirtschaftskrise lauter Hanseln mit ihrem Steckenpferd angelaufen kommen und meinen, dass jetzt ihr großer Auftritt sein müsse.

Außerdem wird noch alles versucht, den Leuten die wirklich einfachen Zusammenhänge zu vernebeln. Zur Volcker-Weltrezession der 80er Jahre, die mit FED-Zinsen von 20% inszeniert wurde, finden wir in dem oben zitierten Text nur:

“Auch die zweite Ölkrise traf die westlichen Industrieländer 1982/83 hart. In Deutschland ließen die Ölpreisexplosion und eine anhaltende Konsolidierungskrise das Wirtschaftswachstum 1981 auf praktisch Null und 1982 auf etwa minus ein Prozent sinken. Gegenmaßnahmen hatten zum Teil unerwünschte Folgen. Die in die Minderung der schon 1983 auf 8,1 Prozent gekletterten Arbeitslosigkeit und die Stärkung der Konjunktur gesteckten Milliardenbeträge zogen in den folgenden Aufschwungjahren eine wachsende Staatsverschuldung nach sich.”

Also kein Wort von der Volcker-Hochzinspolitik!

Außerdem steht das Thema der geldpolitischen Verursachung der Krisen natürlich unter dem Motto:

Nur Kinder und Narren sagen die Wahrheit! :D

Systemfrager Juni 18, 2012 um 20:53

>>> Nur Kinder und Narren sagen die Wahrheit!

Ob es stimmt, darüber lässt sich streiten.
Aber man kann mit 100.00% Sicherheit behaupten:
“Kinder und Narren” haben nie ein Problem gelöst.

H.Ewerth Juni 18, 2012 um 21:01

Wenn es nicht so viel Propaganda geben würde, wäre die Eurokrise schon längst gelöst.
Griechenland in der Eurozone wäre ökonomisch wirklich zu vernachlässigen, wenn erst eine Steuer, Sozial, Fiskal und gemeinsamer Haftung im Euroraum eingeführt worden wäre. Und dann eine „gemeinsame Währung“ . So aber hat Deutschland alles im Euroraum niederkonkurriert, hohe Überschüsse zu Lasten der kleinen Länder erzielt. Durch Deutschlands Lohndumping und Subvention Politik der letzten 10 Jahre, hat Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder massiv untergraben. Früher hätten die Länder abwerten können, heute geht das nicht mehr. Das rächt sich nun. Solange Deutschland nicht bereit ist, über einen Zeitraum von mindestens 10 bis 15 Jahre seine Löhne um jährlich mindestens 4 – 6 Prozent anzuheben, bei gleichzeitiger Lohn Zurückhaltung in den anderen Länder der EU, können sich alle Euroländer „kaputt sparen“ die Krise des Euro wird nicht gelöst. Aber leider beteiligen sich die Medien in Deutschland munter an der (Propaganda) Meinungsmache gegen jeglichen vernünftigen Ansatz, die Eurokrise zu entschärfen.

"gg" Juni 18, 2012 um 21:40
Gerald Braunberger Juni 18, 2012 um 23:13

Eine Anmerkung zu Hilferding:

Als Anfang der dreißiger Jahre in einer Geheimsitzung der List-Gesellschaft (wurde später als Buch dennoch veröffentlicht) unter deutschen Ökonomen über den Lautenbach-Plan zur Konjunkturbelebung durch Investitionen bei der Reichsbahn diskutiert wurde, lehnte Hilferding dies als einer der wenigen Teilnehmer vehement ab. Seine Begründung war allerdings nicht, dass so etwas unmarxistisch sei (das hätte in einem Kreis mehrheitlich bürgerlicher Ökonomen keinen beeindruckt), sondern dass ein solches Programm inflationär wirken müsse.

Da der deutsche Kapitalmarkt damals darnieder lag und Deutschland keinen Zugang mehr zu den internationalen Kapitalmärkten besaß, wollte Lautenbach die Investitionen durch Wechseleinreichungen bei der Reichsbank finanzieren. Das wäre zwar als monetäre Staatsfinanzierung im Prinzip anrüchig gewesen, aber wie angesichts der damaligen tiefen Krise und der unausgelasteten Kapazitäten ein solches – übrigens betragsmäßig bescheidenes -Programm Inflation erzeugt hätte, ist Hilferdings Geheimnis geblieben.

Gruß
gb.

Joerg Buschbeck Juni 18, 2012 um 23:24

braucht ein “neuer Lautenbach” erst eine(n) neue8n) Führer(in)?

Zitat Röpke:
Lautenbachs Witzige Schlagfertigkeit, die auch vor Amt und Würden nicht zurückschreckte, war berühmt und von vielen gefürchtet. War ihm einmal blitzartig die schlagende Formulierung eingefallen, so schien er fast physisch unfähig, sie zurückzuhalten. So war es denn auch ein denkwürdiger Augenblick, als dieser feuerköpfige Mann mit der Schärfe des Verstandes und der Zunge, der jede fachliche Unterredung mit seinem Temperament (und der Ausgereiftheit seiner Gedanken beherrschte, im Frühsommer 1933 zu Hitler geschickt wurde, um ihm die Nationalökonomie der Krisenbekämpfung durch Kreditexpansion im amtlichen Auftrage klarzumachen. Man hat erfahren, daß diese Unterredung zu den seltenen gehört hat, in denen nicht Hitler, sondern der andere das Wort führte. Als Hitler einwandte, daß eine solche Kreditexpansion doch Inflation sei, erwiderte ihm Lautenbach: «Herr Hitler, Sie sind jetzt der mächtigste Mann in Deutschland. Nur eines können Sie nicht: Sie können unter den gegenwärtigen Umständen keine Inflation machen, soviel Sie sich auch anstrengen mögen.» Als Hitler zu bemerken wagte, daß immerhin die von ihm befragten Bankiers anderer Meinung seien, erhielt er prompt die Antwort: «Herr Hitler, Bankiers sind wie Hefebazillen. Wie diese Alkohol fabrizieren, ohne davon zu wissen, so die Bankiers Kredit, ohne sich darüber klar zu sein.» Von jenen Tagen bis zu der Zeit, da Hitler das 1933 Unmögliche, nämlich die Inflation, schließlich doch erreicht hatte, war ein weiter Weg. Es war ein Weg, in dem ich mich von meinem Freunde nicht nur räumlich, sondern auch in manchen nationalökonomischen Überzeugungen entfernen mußte, da ich mich nicht davon zu überzeugen vermochte, daß die Lehren von Keynes

http://www.arno.daastol.com/books/Lautenbach%20%281952%29%20Zins%20Kredit%20und%20Produktion.pdf

Gerald Braunberger Juni 18, 2012 um 23:50

Röpke hatte in der Sitzung der List-Gesellschaft übrigens Lautenbachim Prinzip zugestimmt. Röpke hatte auch schon zuvor in der Brauns-Kommission die Ansicht vertreten, dass der Staat etwas gegen die Depression übernehmen müsse, gestützt auf seine eigene Konjunkturtheorie (die aber in Vergessenheit geraten ist).

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Röpke, der als Ordoliberaler nun scharf gegen Keynes, vor allem aber gegen die Keynesianer schrieb, das Problem, dass man ihn wegen seiner Positionen Anfang der dreißiger Jahre als “Keynesianer” vereinnahmen wollte. Sein Argument war, dass man in sehr schweren Krisen durchaus den Staat brauche, dass dies aber seltene Sonderfälle seien und der Versuch, permanent keynesianische Konjunkturpolitik zu betreiben, in die Inflation führen müsse.

Ähnlich hat sich auch von Hayek geäußert, wobei die Hayekianer bis heute immer nur den zweiten Teil der Aussage zitieren, den ersten aber gerne unter den Tisch fallen lassen.

Gruß
gb.

Keynesianer Juni 19, 2012 um 09:52

Ein Mitstreiter des von Gerald Braunberger oben erwähnten Hilferding gegen Woytinsky war Fritz Naphtali, von 1927-31 Leiter der Berliner „Forschungsstelle für Wirtschaftspolitik“, die SPD und ADGB nahestand, und Direktoriumsmitglied der “Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten” des ADGB.

Von ihm gibt es hier einen sehr lesenswerten Artikel, in dem er sich ganz geschickt gegen die weitere Diskussion der Deflationspolitik, die Woytinsky angestoßen hatte, wendet. Das ist deswegen lesenswert, weil die Argumente von Hilferding von wegen Marx und Arbeitswert oder gar Inflation immer so völlig bescheuert klingen, während wir hier in Fritz Naphtali einen geschickten und sehr überzeugend argumentierenden Agenten der Deflationspolitik erleben können:

Fritz Naphtali, Neuer Angelpunkt der aktiven Konjunkturpolitik oder Fehlleitung von Energien, Die Arbeit, Heft 7, 1931:
http://library.fes.de/arbeit/pdf/1931/193107.pdf

Die von Woytinsky in der Zeitschrift “Die Arbeit” bereits 1931 vorgeschlagene “Aktive Weltwirtschaftspolitik” lehnte Fritz Naphtali ab, “… weil ich in seinen Vorschlägen für ein neues Aktionsprogramm die Gefahr der Fehlleitung von Energien der Arbeiterbewegung erblicke.” Die Ideen von Woytinsky würden sich “… auf dem Gebiet der Währungspolitik bewegen, auf dem mehr als auf irgendeinem anderen Gebiet die Gefahr besteht, dass von der Überbetonung an sich sehr ernsthaft zu diskutierender Probleme nur ein Schritt führt zu der Fülle von Scharlatanerien, die gerade jetzt mehr denn je in Umlauf gesetzt werden mit der Vorstellung, als ob die Lösung der sozialen Frage nur ein Problem der Geldtechnik wäre.”

Naphtali wollte die Debatte vor allem von den Fragen der Geldpolitik weglenken. Er verwies auf seine Schrift von 1928, in der er eine aktive Konjunkturpolitik vertreten hatte, und “dass ich in dieser Schrift und später eine Reihe von praktischen konjunkturpolitischen Forderungen entwickelt habe, deren Schwerpunkt ich allerdings im Gegensatz zu Woytinsky nicht auf dem Gebiet der Währungspolitik sehe.”

An Stelle der Geldpolitik wollte Naphtali diskutieren, “dass die Ursachen der Krisen zu suchen sind in der Entstehung von Proportionalitätsstörungen, von Missverhältnissen in der Entwicklung der einzelnen Produktionszweige und in der Entwicklung von Produktionskapazität und Konsumkraft, die auf der kapitalistischen Produktionsanarchie und der dem Kapitalismus eigenen Verteilung des Sozialproduktes beruhen”.

Naphtali wies die Kritik von Woytinsky zurück, die von der SPD erörterten Themen wären “eine »Einlullung der Arbeiterschaft mit der sozialistischen Zukunftsmusik«, die nun durch ein alleinseligmachendes internationales Währungsprogramm »abgelöst« werden muss”.

Naphtali ging dann in seinem Artikel auf die Bewegung der Preise ein, deren Steigen und Fallen nicht die Ursache von Boom und Krise, sondern deren Folge wäre. Was aber Woytinsky sicher auch nicht bestritten hätte, denn die ganze Absatzkrise wurde ja zu dem Zweck inszeniert, die Preise und Löhne als Folge der Krise zum Fallen zu bringen. Naphtali erklärte aber den Ausbruch der Krise mit “Überkapitalisierung” und anderen Missverhältnissen, statt mit der Absicht der Geldpolitik, die Preise zu senken:

“Wenn auf Grund der im Verhältnis zum Wachstum der Massenkaufkraft erfolgten Überkapitalisierung oder auf Grund der Entwicklung von Missverhältnissen zwischen den einzelnen Produktionszweigen der Konjunkturumschwung (Krise oder Depression) eintritt, so kommt dies zuerst in der Absatzstockung, im Anschwellen der Lager, im Übergewicht des Angebots auf dem Warenmarkt zum Ausdruck, und dadurch wird die Preissenkung eingeleitet.”

Dann geht es so noch weiter, dass niemals das Preisniveau einheitlich steige oder falle und dergleichen mehr.

Also eine sehr geistreiche und geschickte Gegenposition gegen Woytinsky, die darauf abgestellt war, die Deflationspolitik aus der Kritik und ganz aus dem Blick zu nehmen, während Woytinsky genau die Deflationspolitik zum Thema und Ziel der Gegenwehr der Arbeiter erklärt hatte.

Keynesianer Juni 19, 2012 um 16:09

Dazu noch ein interessantes Paper, in dem Frankreich mit seinen anschwellenden Goldreserven für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich gemacht wird.

Tatsächlich hatten die Franzosen in den 20er Jahren großzügig weiter inflationiert und ihre Ökonomie damit am Laufen gehalten. Als die Franzosen sich so ziemlich zuletzt an den Goldstandard angebunden haben, geschah dies auch nicht zur Vorkriegsparität, sondern so, dass die eigene Währung unterbewertet blieb und die französische Ökonomie noch bis in die Große Depression hinein durch ihren Kostenvorteil Goldüberschüsse ansammelte.

Douglas A. Irwin: Did France Cause the Great Depression?

Abstract: The gold standard was a key factor behind the Great Depression, but why did it produce such an intense worldwide deflation and associated economic contraction? While the tightening of U.S. monetary policy in 1928 is often blamed for having initiated the downturn, France increased its share of world gold reserves from 7 percent to 27 percent between 1927 and 1932 and effectively sterilized most of this accumulation. This “gold hoarding” created an artificial shortage of reserves and put other countries under enormous deflationary pressure. Counterfactual simulations indicate that world prices would have increased slightly between 1929 and 1933, instead of declining calamitously, if the historical relationship between world gold reserves and world prices had continued. The results indicate that France was somewhat more to blame than the United States for the worldwide deflation of 1929-33. The deflation could have been avoided if central banks had simply maintained their 1928 cover ratios.
http://www.dartmouth.edu/~dirwin
/Did%20France%20Cause%20the%20Great%20Depression.pdf

Woytinsky hatte jedenfalls völlig Recht mit seinem Standpunkt, dass zur Überwindung der Krise die Deflation der Preise zu beenden sei und eine Politik zur Anhebung der Preise begonnen werden sollte. Dies wäre in Deutschland durch die Anbindung der Währung an den im September 1931 abwertenden Sterlingblock möglich gewesen.

Seinerzeit erfolgte sogar eine Aufforderung dazu von Seiten der Bank of England und natürlich durch Keynes himself.

Dass all die Leute, die diese Reflationspolitik abgelehnt haben, unbedingt Brüning helfen wollten, Deutschland noch so tief in den Ruin zu treiben, dass die Reparationsforderungen endgültig erlassen werden, halte ich allerdings für eine falsche Fährte.

Der Eifer, mit dem diese Verelendungspolitik von Leuten gestützt wurde, die dabei – wie die SPD und der marxistische Spinner Hilferding mit seinem Wertgesetz – ja wirklich nichts zu gewinnen hatten, diente wohl einem anderen ganz übergeordneten Ziel.

Jedenfalls konnte zu keinem Zeitpunkt für gut informierte Leute irgendein Zweifel an den Ursachen der Großen Depression bestehen, ebensowenig an den Maßnahmen, wie sie zu beenden war. Es war Absicht.

P1800 Juni 19, 2012 um 17:28

Arbeit für Alle!
Der gute Woytinsky hat in der Zeitfolge ja auch gute Schüler gefunden. Die nachfolgende faschistische Diktatur war ja auf einem „ Arbeit für Alle“ – Programm begründet und wurde finanziert durch die Schuldverschreibungen (Wechsel) des damaligen Finanzministers Hjalmar Schacht. Die Verschuldung ist dann auch einer der Gründe für den folgenden Krieg geworden. Die Arbeit erfolgte teilweise unter Zwang. Es wurden Dinge produziert, die sich in dem folgenden Krieg in Luft aufgelöst haben. Der ausgeweiteten Geldmenge stand dann nichts Werthaltiges mehr gegenüber. Die Reichsmark war wertlos. Auch die DDR ist an Überschuldung zugrunde gegangen und hat ihre werthaltigsten Produkte nicht mehr im Inland sondern an das westliche Ausland gegen dringend benötigte Devisen verkaufen müssen. Und Griechenland verfolgt doch schon seit Jahren mit seinem Heer an Staatsbediensteten eine Politik der „Arbeit auf Staatskredit“.
Das Konzept „Arbeit für Alle“ auf Staatskosten klingt sehr einleuchtend auf den ersten Blick. Aber auch hier muss ich dann – wenn die kreditfinanzierten Arbeitsplätze da sind – die Arbeitslosen für die Plätze begeistern oder sie in die Arbeit zwingen. Wäre nicht vielen ein bedingungsloses Grundeinkommen lieber? Und ich muss Güter produzieren, die der Konsument/der Markt auch haben will. Nicht nur Infrastruktur, gesäuberte Parks und Kanonen. Sonst steht dem mehr an Geldmenge via Kreditausweitung kein Wert gegenüber. Preiserhöhungen wären die Folge. Bei Inflation gibt es immer einen Verlierer und das ist der „einfache“ Sparer, der sich die Zusatzrente mühsam erarbeitet hat und der keinen Ausweg sieht. Der richtig Reiche ist mit seinem Geld längst in andere Wertaufbewahrungsmittel geschlüpft oder im Ausland.

"gg" Juni 19, 2012 um 18:17

@ P1800

“Und ich muss Güter produzieren, die der Konsument/der Markt auch haben will. Nicht nur Infrastruktur, gesäuberte Parks und Kanonen. Sonst steht dem mehr an Geldmenge via Kreditausweitung kein Wert gegenüber. Preiserhöhungen wären die Folge.”

Fantasie, um ein Mobiltätssystem gespeist aus Sonnenenergie bis zur Belieferung des Kaufmanns vor Ort auszulegen. Was sucht das für Ideen, Entwicklungen, Produkte, Infrastrukturen, Arbeitsabläufe. Da können Werte geschaffen werden!
Fantasie zur Realisierung ist unsere Arbeit, die zu finanzieren ist – Werthaltigkeit. Allein die Miniaturisierung und Anwendung der SMART Lösungen für Anforderungen wird langfristig eine wirtschaftliche Revolution bringen …
Die Jugend – fordernd und gefordert.

Systemfrager Juni 19, 2012 um 18:34

@P1800
Geht es bei dir um ganz miserable Kenntnisse der geschichtlichen Tatsachen oder betreibst du hier eine ganz normale neoliberale Lügenpropaganda

Keynesianer Juni 19, 2012 um 20:35

Gustav Cassel hatte auch schon unser Problem von heute:

For Cassel, the characteristic feature of the crisis was simply the “extraordinary fall in prices,” itself simply “a monetary phenomena.” Cassel (1931, 335) found it “very difficult to understand why people are so unwilling to acknowledge this latter deflation, which is of such an unusually violent character and actually coincides with the great crisis of the last two years, as a cause of this crisis.”
http://www.dartmouth.edu/~dirwin/Cassel.pdf

Also nicht das Problem, die Ursache der Krise zu verstehen, sondern zu verstehen, warum die Leute die monetäre Verursachung der Krise nicht verstehen wollen. :D

Da werden dann lieber komplizierteste Konjunkturtheorien von XY-Zyklen diskutiert oder gar das Wertgesetz von Marx analysiert.

Dabei geht es heute auch nur darum, ob wir den Defizitstaaten im Euro eine verheerende Deflation durch Brüningsche Sparpolitik aufzwingen, oder in den Staaten wie Deutschland mit Überschuss im Außenhandel endlich die Löhne und Sozialleistungen angemessen steigen lassen.

Eine mörderische Sparpolitik bei den PIIGS oder Massenwohlstand in Deutschland, NL etc.?

Aber Ökonomie ist ja sooo kompliziert. ;)

Paul Juni 19, 2012 um 21:55

@ADMIN

Bitte schaut mal im Customizing nach, ob Ihr die Einstellungen zu den automatisch generierten Avatare ändern könnt.

Das Avatar am Kommentar finde ich unerträglich. Sorry, bisschen mehr Sensibilität täte in diesen Dingen gut.

Paul Juni 19, 2012 um 21:56

Z,B. Juni 19, 2012 um 17:28 oben

Stephan Juni 19, 2012 um 22:05

@Paul
Das geht nicht. Diese Avatare werden von externen Diensten geliefert. Wenn jemand sein automatisches Avatar nicht mag Eigenes machen.

xefix Juni 19, 2012 um 22:48

@Paul Juni 19, 2012 um 21:56

Das Symbol hat viel Erfahrung mit uns Menschen.

Stell dir vor,
die Verwirrten
hätten das A und das E
als Symbole gebraucht !

Nicht Vergessen, sondern Erinnern!

https://de.wikipedia.org/wiki/Swastika

Stephan Juni 19, 2012 um 23:41

@Gerald Braunberger
Danke für die weiteren Infos. Ich kann hier natürlich keine Geschichte der Wirtschaftspolitik in Weimar schreiben. Da sind solche Kommentare sehr hilfreich. Ja. Rudolf Hilferding hatte auch irgendwie die Inflations-Paranoia. Der gute Mann würde sich 2012 in Deutschland pudelwohl fühlen :-)

@Jörg Dir auch vielen Dank. @Keynesianer Mit dem einen Kommentar sollten wir weiter machen. Statt kruden VT mehr Fakten und Originaldokumente. Danke.

Gerald Braunberger Juni 20, 2012 um 00:05

@stephan
Ob Hilferding unter einer Inflations-Paranoia litt, weiß ich nicht. Man darf nicht vergessen, dass im Jahre 1931 die Erinnerung an die Hyperinflation von 1923 natürlich noch sehr wach war. Das ist eine andere Situation als heute.

Hilferding war auch keineswegs ein engstirniger Marxist. Hilferding hatte in den zwanziger Jahren das Konzept des “organisierten Kapitalismus” propagiert, das nicht von ihm stammte, sondern von seinem alten Wiener Freund Bauer, der aber viele Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war. Hilferding hatte das Konzept übernommen. Der “organisierte Kapitalismus” sah eine enge Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern vor und lebte von der Überzeugung, dass der große kapitalistische Betrieb sich als Folge einer Bürokratisierung an einen sozialistischen Betrieb annähern würde. Was immer man davon hält: Auch Werner Sombart und Joseph Schumpeter hatten damals solche Ideen und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Idee vor allem von John Kenneth Galbraith vertreten. In der Praxis hat dann die “Shareholder-Value”-Bewegung ab den neunziger Jahren die Zerschlagung der breit aufgestellten Mischkonzerne (mit der Ausnahme von General Electric) vorangetrieben und das Bürokratiekonzept des Großkonzerns beseitigt.
Gruß
gb.

Gerald Braunberger Juni 20, 2012 um 00:20

Zu Lautenbach noch eine Anmerkung. Auch wenn die Idee öffentlicher Investitionen bei der Reichsbahn (bei der es auch wirklich einen bedeutenden Investitionsbedarf gab) im Nachhinein naheliegend oder gar notwendig erscheint, darf man die Finanzierungsprobleme nicht kleinreden.

Lautenbach wollte langfristige Investitonen durch kurzfristige Finanzierungen durch Wechsel bei der Reichsbank sicherstellen. Da läuft man natürlich in das Problem der Fristentransformation. Man hat in der aktuellen Krise ab 2007 den Schattenbanken zurecht den Vorwurf gemacht, dass sie den Kauf langfristiger Wertpapiere durch kurzfristige Geldaufnahmen finanziert hatten. Daraus ist ein großes Krisenpotential entstanden und nach 2007 brach dies auf.

Nur: Im Prinzip beruhte Lautenbachs Vorschlag auf derselben problematischen Finanzierungsstruktur.

Die Verhältnisse waren damals ebenso kompliziert wie heute und es gab damals wie heute keine einfachen Antworten.

Gruß
gb.

Stephan Juni 20, 2012 um 00:58

@Gerald Braunberger
Wieder: Danke! :-) Um eines klar zu stellen: ich halte Rudolf Hilferding für einen sehr HELLEN ökonomischen Kopf. Aber eben auch ein Kind seiner Zeit. Mit seiner Theorie über den Finanzkapitalismus könnte er heute — wenn populärer formuliert — Bestseller schreiben.

Mein eigentliches Problem ist: die Leute wollen nicht aus der Wirtschaftsgeschichte lernen. Egal welche ideologischen Voreinstellungen man hat? Immer ist heute alles anders als gestern? Und wir Lebenden sind soooo viel schlauer.

Systemfrager Juni 20, 2012 um 07:03

Immer ist heute alles anders als gestern?
Und wir Lebenden sind soooo viel schlauer.

Großartige Bemerkung!

Naja, Hilferding und die Angst vor der Inflation, so wei vo einem Jahrzent? Also der Mensch war nicht realitätsfremd?

Doch! Er war es. Er war – wie bei den Ökonomen üblich – 100% realitätsresistent. War DE nicht gerade während der Inflation die Weltlokomotive????

Aber nein! Hilferding konnte es nicht sehen, weil bei Marx die Preise nur und immer der Summe der Werte identisch sind. Das Preisniveau ist für Marx total unwichtig, wie bei den orthodoxen Neoliberalen. Die Inflation konnte für Hilferding keinen ökonomischen Sinn haben – im besten Sinne nur eine Zeitverschwendung.

B – Das Sparen und das allgemeine Gleichgewicht
Das Preisniveau – Inflation und Deflation – aus empirischer Sicht
weiter >>>

Systemfrager Juni 20, 2012 um 07:21

Wer war für Marx der dummste Ökonom auf dem ganzen Planeten und aller Zeiten?
Natürlich Malthus, der Nachfragetheoretiker.
Ja, auch Sismondi war ein Nachfragetheoretiker. Den lobt Marx, aber ím welchen Sinne? Seine sozialistische Auffassungen. Ich habe mir das ganz genau angeschaut. Dass Sismondi ein erster großartiger Nachfragetheoretiker ist, eigentlich der Vater des nachfrgetheoretischen Ansatzes, davon schwiegt Marx wir ein Grab. Er war sich sicher, damit würde er Sismondi nur diskreditieren. Auf den Punkt gebracht:

Marx ist einer der orthodoxtesten Angebotstheoretiker, die es je gab!!!!!!!!

Keynesianer Juni 20, 2012 um 07:21

Auch wenn ich oben vom “marxistischen Spinner Hilferding mit seinem Wertgesetz” geschrieben habe, ist mir der viel weitere geistige Hintergrund des Rudolf Hilferding schon bewusst.

In einer Schumpeter-Biographie erfahren wir, “den stärksten Einfluß übte jedoch Eugen v. Böhm-Bawerk (1851–1914) aus, in dessen Seminar im Sommer 1905 Otto Bauer, Rudolf Hilferding, Emil Lederer, Ludwig v. Mises und Felix Somary zu S.s Kommilitonen zählten und der S. veranlaßte, sich v. a. mit der Zins- und Kapitaltheorie, der Konjunkturtheorie und der Marxschen Lehre auseinanderzusetzen”.
http://www.deutsche-biographie.de/sfz106815.html

Da haben wir also den “Marxisten” Hilferding neben dem “Neoliberalen” Mises und dem Ideologen der “schöpferischen Zerstörung” Schumpeter, die anderen lasse ich mal weg, im Seminar von Böhm-Bawerk im Sommer 1905 und anschließend sicher beim Heurigen an einem Tisch.

Und später sind sie alle vereint am Werk mit der Großen Depression.

Ich fürchte, biedere Ökonomen werden mit der Wirtschaftsgeschichte doch überfordert, da brauchen wir erfahrene VT´ler. :D

"gg" Juni 20, 2012 um 09:09

@ Systemfrager

Du bist ein klasse Erzähler der Wirtschaftsgeschichte!
Zu Deinem Link

“Dann hätten die Menschen – die Haushalte und Betriebe – über ihre Nettoeinkünfte hinaus konsumieren müssen, um die Wirtschaft nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wer hätte aber damals dies tun sollen? ”
Das versuchen topi und andere mit den vielen sinnvollen Ideen zu pushen und jetzt ist die Zeit .

“Der optimale Preisvektor ist ein Märchen oder ein Betrug der neoliberalen Theorie – oder vielleicht sogar beides. Alle empirischen Befunde sprechen dafür – und dies lässt sich auch analytisch einwandfrei beweisen -, dass die Marktwirtschaft sehr schlecht die Preise optimiert, meistens sogar katastrophal schlecht. Was sie wirklich exzellent kann, und das kann nur sie alleine, ist das neue technische Wissen systematisch zu „produzieren“, mit dem sie nachhaltig die Produktivität steigert.”

Durch virtuelles Geld haben Zentralbanken alle Möglichkeiten flexibel Technik-Neuwachstum und Inflations-Deflations-Neutralität real zu steuern bzw. es nachlaufend zu versuchen.

“Bei der Inflation wird das Geld vernichtet, also das, was vornehmlich die Reichen und die Superreichen besitzen. Deshalb hassen sie die Inflation wie die Pest. Bei einer Deflation werden hauptsächlich Arbeitsplätze und anständige Löhne vernichtet und das lässt die Geldbesitzer kalt. Da sie ihr Geld immer wertvoller macht, ist sie für sie sogar ein Segen. So offen darf man es zwar nicht sagen, aber wer Geld hat, kann sich natürlich auch die geschicktesten Manipulatoren und Pfuscher der Geschichte leisten – die Medien sind im Besitz des Geldes sowieso -, die alles zurecht biegen. Und die gekauften Experten, Wirtschaftswissenschaftler und Professoren werden theoretisch einwandfrei nachweisen, dass es anders gar nicht sein könnte. ”

Niemals mehr wird hier Ruhe einkehren :
Aufklärung und Transparenz bringen Erkenntnis und Fortschritt.

topi Juni 20, 2012 um 13:54

@ Gerald Braunberger

“Auch wenn die Idee öffentlicher Investitionen bei der Reichsbahn (bei der es auch wirklich einen bedeutenden Investitionsbedarf gab) im Nachhinein naheliegend oder gar notwendig erscheint, darf man die Finanzierungsprobleme nicht kleinreden.

Lautenbach wollte langfristige Investitonen durch kurzfristige Finanzierungen durch Wechsel bei der Reichsbank sicherstellen. Da läuft man natürlich in das Problem der Fristentransformation. Man hat in der aktuellen Krise ab 2007 den Schattenbanken zurecht den Vorwurf gemacht, dass sie den Kauf langfristiger Wertpapiere durch kurzfristige Geldaufnahmen finanziert hatten. Daraus ist ein großes Krisenpotential entstanden und nach 2007 brach dies auf.

Nur: Im Prinzip beruhte Lautenbachs Vorschlag auf derselben problematischen Finanzierungsstruktur.

Die Verhältnisse waren damals ebenso kompliziert wie heute und es gab damals wie heute keine einfachen Antworten.”

“Herr Doktor, Herr Doktor, der Patient hat einen Herzstillstand, soll ich den Defibrillator holen?!?!”

Hmmm, die elektromagnetischen Wellen könnten sich negativ mit den Erdstrahlen ergänzen; außerdem sind viele Defibrillierte anschließend auch nicht voll gesund. Also das müssen wir erstmal abwägen.”

;-)

topi Juni 20, 2012 um 14:12

Die Gesamtverschuldung/BSP hat ein Niveau erreicht, welches in keiner Weise mehr zu schönen lehrbuchartigen Lösungen führen kann.

Aus verschiedenen Gründen (Schuldenbremsen, Kreditvorschriften, Sicherheiten-Ende, Verteilung der Einkommen aus dem Produktionsprozess –> hohe Gewinne der Unternehmen und geringe Absatzerwartungen –> kein Verschuldungsbedarf für Investitionen) wird die Neuverschuldung schwieriger, wenn die Notenbank den “Stabilisator” spielt quasi unmöglich, zumindest in ausreichender Höhe.

Dabei ist wegen der EInkommensverteilung, dem Auseinanderfallen von EInkommen und realen Ausgabewünschen, Neuverschuldung zwingend notwendig; nicht zur “Wachstumsankurbelung”, sondern schlicht zum ABsatz des ganzen schönen produzierten Krempels.

Oh, Investitionen in die Infrastruktur sind notwendig, aber böse blöse Fristeninkongruenz.
Ja dann lassen wir lieber 10 % BSP im Lager stehen, und stellen nächstes Jahr zehn weniger her. Dann ist es wieder gesund!

Sieht man ja, wie das funktioniert. :roll:

Es ist ja auch klar, die EInkommensverteilung ändert sich nicht, durch Austerität sinken die realen AUsgabemöglichkeiten bei denen, die noch genug Ausgabewünsche hätten, weiter.

Dafür fühlen sich jene, die eh Geldvermögen aufbauen wollen, noch tweiter bestärkt, für schlechte Zeiten “vorzusorgen”.

Dann sinds eben im nöchsten Jahr nur noch 80, und im übernächsten 70. Wir leben halt alle über unsere Verhältnisse, wenn wir meinen, wir können einfach soviel herstellen, wie wir gerade herstellen. :roll:

Natürlich ist Fristentransformation ein Problem; aber eines, welches bei Lösung des wirklichen Problems völlig verschwindet.

Wenn sich niemand findet, den ganzen Krempel irgendwie zu verbauen, und sich das dazu nötige Geld besorgt, dann kommt die dramatische Abwärtsspirale.
Derzeit noch gebremst, da der Staatsanteil weitaus höher ist als zur WWK I; aber die Austerianer tüfteln mit ihrem Plan, die Sparpläne im Dreimonatstakt anzupassen, auch eine Lösung für diese letzte Bremse aus. :roll:

Degnaphta Juni 20, 2012 um 18:04

Wie passt die “Goldblockade” in das Szenario?
“Sep200930
0
Who is responsible for Holodomor

There is no crime that the capitalist wouldn’t commit for 300% of profit, said Karl Marx about the bourgeois insatiable appetite. However, Russian history has a period that proves otherwise. This is a period of Russia’s recovery after the Revolution.

During that time, the country’s depressed economy required industrial goods whose production was practically impossible. In return, the Soviet government could offer grain, mineral resources, and gold. Incredibly, capitalist countries suddenly refused to accept gold as a means of payment. This decision went down in history as the Gold Blockade.”
http://nstarikov.ru/en/blog/51#more-51
Wollten die kein Gold, um den Kommunisten eins reinzuwürgen? Oder hätte es die Gold-Geld-Mengenverhältnisse nachhaltig geschädigt?
Zum schwächen des russischen Kommunismus wäre doch ein totales Embargo der effizientere Weg gewesen, vermute ich mal.

Gerald Braunberger Juni 20, 2012 um 18:06

@stephan

Hilferdings “Finanzkapital” ist vor rund 20 Jahren in der von Bertram Schefold herausgegebenen Klassiker-Edition mit Kommentarband erschienen. Ich hatte es seinerzeit in der FAZ rezensiert. Nach meiner dunklen Erinnerung waren die Kommentatoren damals der Ansicht, dass man Hilferdings Analyse der Anreizeffekte in Banken noch gebrauchen kann, wogegen seine Konjunktur- und Imperialismusanalyse einfach die Zeit nicht überstanden hatten.

Bekannt wurde Hilferdings mit einer Verteidigungsschrift von Marx. Böhm-Bawerk hatte Marx in einer Arbeit heftig kritisiert, worauf Hilferding, der damals als junger Arzt in Böhm-Bawerks Seminar saß, seinen ökonomischen Lehrer mit einer Gegenschrift herausforderte.

Das “Finanzkapital” ist übrigens damals um 1905 in Wien verfasst worden, auch wenn es erst Jahre später in Deutschland erschien. Daher bezieht sich Hilferdings Schilderung des engen Verhältnisses zwischen Politik und Banken auf die damaligen Verhältnisse im Habsburgerreich und weniger auf die Verhältnisse in Berlin, wie viele fälschlich dachten. Es gibt einen mittlerweile wohl verstorbenen österreichischen Publizisten namens Eduard März (oder so ähnlich), der darüber einiges publiziert hat.

Gruß
gb.

"gg" Juni 20, 2012 um 20:41

@ wowy + topi

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/06/20/dlf_20120620_1915_15bea105.mp3

auch eure Meinungen wurden vertreten.

MSM im Zentrum der Medienkompetenz !

Habe meine ganzen systemaphilen Kräfte aufgebracht um Europa zu folgen. Auch nach BVG-Urteil.

Banker und Vermögende müssen blechen oder ?
Mit Menschlichkeit nicht Ungerechtigkeit.

Es reicht eine Garantie Mitgliedsstaaten nicht durch Märkte zur Insolvenz spekulieren zulassen. Unterschiedliche Bonitäten nach Leistungfähigkeit inklusive – wer ist Herrscher des Geldes bzw. will es sein?

Gierige Zocker oder solide Staatsführer !

Das ist kein Spiel : Reset und Regulierung .

Spielt Merkel bis zum Ende oder ist Sie nur eine Blufferin ?

Sachlich gibt es nicht den geringsten Zeitdruck zum ESM für den 1. Juli – politisch-taktisch ? Das ist die Hausarbeit für das Wochende ;-)
Nach Rom und Gdansk !

"gg" Juni 20, 2012 um 20:51

Hank bei Will,
der muß erstmal die Entwicklung der Zinssätze für Staatsanleihen empirisch lernen bevor er in seinem Buch falsche Angaben dazu verbreitet.
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1787775/
Vorsatz oder Unwissen?

"gg" Juni 20, 2012 um 21:08

Wo ist hier die Unabhängigkeit einer Zentralbank?
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/ezb-kredit-fuer-banken-draghis-billionengeschuetz-verpufft/6774296.html
Oder ist das Beihilfe zur Konkursverschleppung?

Gerald Braunberger Juni 20, 2012 um 22:37

@ stephan

Zur Modernität des Begriffs “Finanzkapital” hier ein zeitgenössischer Zeitungskommentar:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/griechenland-die-verantwortung-der-glaeubiger-1971972.html

Da ich den Autor ein wenig kenne und ziemlich sicher weiß, dass er Hilferding gelesen hat, bin ich sicher, dass er in diesem Kommentar den Begriff “Finanzkapital” in bewusster Erinnerung an Hilferding verwendet hat…

Gruß
gb.

Keynesianer Juni 20, 2012 um 23:24

Um mich selbst zu zitieren (Juni 18, 2012 um 08:18):

“Aber die Frau Merkel hat sich gleich mit einer roten Fahne und im zerfetzten Hemd auf die Barrikaden gestellt und die armen Griechen mit einem Schuldenerlass vor den bösen Banken und anderen Käufern griechischer Anleihen retten wollen. Was für eine Komödie für das einfältige Publikum.

Da hätte ich ergänzen sollen, dass neben ihr der Verfasser eines zeitgenössischen Zeitungskommentars stand und sich in seinem revolutionärem Pathos von Hilferding inspirieren ließ:

“Die Politik darf nicht als Büttel des Finanzkapitals erscheinen…”

Mit der revolutionär klingenden Androhung, die Gläubiger zur Rechenschaft zu ziehen, wurden die Zinsen für Griechenland durch die Decke gejagt. Jetzt kann man bei Spanien und Italien die Zinsen gleich weiter hochtreiben. Natürlich nur, um das böse Finanzkapital zu strafen.

So ungefähr stelle ich mir auch den “Marxismus” des Herrn Hilferding vor.

http://www.dailymotion.com/video/xqehlo_catastroika-multilingual_shortfilms

Stephan Juni 20, 2012 um 23:46

@Gerald Braunberger
Den Kommentar kannte ich nicht. Und er ist: SPOT ON! Jetzt muss man nur mehr eure Heike Göbels überzeugen auch Kommentare/Meinungen über die reale Welt zu produzieren.

@Alle
Ich bin sehr HAPPY über die Kommentare auf diesen Beitrag. Mit Ausnahmen waren sie sehr sachlich und haben zumindest mir viele neue interessante Links & Hinweise geliefert. Danke! Wir sind auf dem richtigen Weg die geschlossene Anstalt wiesaussieht.de zu verlassen. Weniger aber dafür überlegte Kommentare sind eine gute Sache! Die 10.000te Wiederholung warum jemand den Tod in die Augen geschaut hat oder alle HartzIV Typen so so so gemein zu ihm sind bringt einen nicht wirklich weiter.

Gerald Braunberger Juni 21, 2012 um 00:01

Heike Göbel und auch Holger Steltzner haben bezüglich der Notwendigkeit einer Umschuldung Griechenlands niemals eine andere Ansicht vertreten. Diese Ansicht war angesichts der extremen Verschuldung des Landes schon vor zwei Jahren offensichtlich.

Thomas Strobl hatte das seinerzeit richtig eingeschätzt, als er schrieb: Gerade auch von einem liberalen Standpunkt ausgehend, der ja auf Haftungsfragen abstellt, müssen diejenigen bluten, die Griechenland auch dann noch Geld gegeben hatten, als die Überschuldung offensichtlich war. Man kann nicht einem offensichtlich wirtschaftlich überforderten Kreditnehmer Geld in der Hoffung auf Zinserträge geben und dann, wenn es schief geht, sagen, nun müssen aber die europäischen Steuerzahler mir mein Geld zurückzahlen.

Vielleicht interessant in diesem Zusammenhang:

http://faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2012/06/15/oekonomen-im-gespraech-daron-acemoglu.aspx

Gruß
gb.

Keynesianer Juni 21, 2012 um 07:18

Umschuldung bedeutet, dass die Anleihen von Eurostaaten nicht mehr wie sonst alle Staatsanleihen als mündelsicher betrachtet werden können.

Die Eurostaaten werden also in Zukunft sehr viel höhere Zinsen zahlen müssen. Daraus erst ergibt sich dann der Zwang, dass Deutschland für alle Schulden dieser Länder garantieren soll, also etwa durch gemeinsame Anleihen, womit dann auch Deutschland trotz seiner Außenhandelsüberschüsse höhere Zinsen zu zahlen hat.

Die Umschuldung ist also wirklich eine großartige Idee für jene Interessen, die den Euroraum für ihre Spekulationen und Privatisierungen umwälzen wollen. Morgen geht es dann in Spanien und Italien weiter mit Forderungen nach Schuldenschnitt und Privatisierungen und deutschen Garantien.

Man hätte in Griechenland die Besteuerung der Reichen und ihrer Vermögen zur Tilgung von Defiziten und Schulden durchsetzen können. Die hätten damit ein Interesse gehabt, für eine sparsame Politik von Staat und Kommunen zu sorgen.

Zum Schluss wird Deutschland Hunderte von Milliarden nicht nur garantieren, sondern zahlen müssen. Das Geld wird dann in Deutschland mittels Schuldenbremse unmittelbar im laufenden Haushalt an den Ausgaben für Schulen, Straßen, Schwimmbäder, Krankenhäuser und an den Renten und Sozialleistungen wieder eingespart. Schließlich muss Deutschland ja beim Fäkalpakt ein Vorbild an Sparsamkeit sein.

Das wäre aber alles keine Verschwörung, sondern Zufall.

In dem Zusammenhang sei nochmal auf den oben verlinkten Film Catastroika verwiesen (trotz Slavoj Žižek, den Marxistendarsteller in unseren Medien, ohne dessen Auftritte es wieder mal nicht gegangen ist).

wowy Juni 21, 2012 um 08:54

@”gg”
Danke für den Podcast. Sehr interessant.

Gerald Braunberger Juni 21, 2012 um 23:19

@stephan

Die im Impressum genannte Mail funktioniert nicht. Könnten Sie mir eine Mailadresse senden; meine Adresse ist Ihnen ja bekannt?

Gruß
gb.

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