Authentizität und Wahrheit

by f.luebberding on 2. Oktober 2012

Nur einige wenige Anmerkungen zu einem Thema, das in der Küche journalistischer Selbstreflexion zur Zeit eine große Rolle spielt. Die “New York Times” hat jetzt mit großem Lettern verkündet, dass sie sich in Zukunft Zitate von Politikern und “Informanten” nicht mehr autorisieren lassen wolle. Im heutigen Altpapier findet man dazu eine kurze Zusammenfassung. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, die Glaubwürdigkeit und die Legitimität journalistischer Arbeit zu erhöhen. Der Verdacht der Instrumentalisierung oder gar der Kollaboration mit der Politik soll ausgeräumt werden. Autorisierung bedeutet nämlich das Verschweigen des Nicht-Autorisierten. Diese Idee klingt so hoffnungsvoll, wie sie letztlich wirkungslos ist. Sie löst nämlich nicht das diagnostizierte Problem.

Interviews – oder Hintergrund-Gespräche – mit Politikern sind in der Regel wenig aufregend. Ein Politiker nutzt den Journalisten bekanntlich nicht als Beichtvater, sondern instrumentalisiert ihn in seiner Rolle als Berichterstatter. Es ist daher erst einmal gleichgültig, ob die abgedruckten Zitate später autorisiert worden sind oder nicht. Man wird nie etwas anderes lesen als ein Politiker in der Zeitung lesen will (Anmerkung: Es geht um seine Aussagen, nicht um die Einordnung und Interpretation). Bei Live-Interviews im Fernsehen oder im Radio ist das zwar anders, aber der Interviewte entsprechend vorsichtiger. Oder auch nicht. Was verändert sich nun, wenn Journalisten Zitate in Zukunft nicht mehr autorisieren lassen? An den wechselseitigen Rollenerwartungen nichts. Politiker funktionieren weiterhin gemäß den Funktionsbedingungen des politischen Systems, genauso wie Journalisten ihrer Medienlogik gehorchen. Nur muss der Interviewte oder Gesprächspartner in Zukunft das Überraschungsmoment ausschalten. Er hat keine Möglichkeit mehr, ein spontan gesprochenes Wort zurückzunehmen. Er wird in der Gesprächssituation schon so glatt poliert und nichtssagend reden müssen, wie er es heute erst nach der Autorisierung praktiziert.

Es änderte sich somit am Ende nichts – und die Rolle der Medien hätte sich etwa in solchen Fällen ebenfalls nicht geändert. Zudem wird sich auch ohne die Regel der Autorisierung ein Vertrauensverhältnis zwischen einzelnen Journalisten und Politikern (oder “Informanten”) entwickeln, die es als Grundlage ihres Verhältnisses betrachten, nicht alles zu schreiben, was gesagt worden ist. Die Regel der Autorisierung gilt zwar in diesen Fällen weiterhin, allerdings verzichtet man auf deren ausdrückliche Formulierung. Zudem gab es schon immer Fälle, wo bewusst gegen die Autorisierungsregel verstoßen worden ist. Etwa bei Helmut Kohls Vergleich von Gorbatschow mit Goebbels oder beim Abdruck von Lafontaines berühmter Äußerung über Helmut Schmidts Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ leiten könne.

Diese Debatte ist das Ergebnis eines Wahns, den die Echtzeitstrukturen der Online-Kommunikation erzeugt haben. Spontanität wird als Authentizität und damit als Indiz für tiefere Wahrheit betrachtet. Tatsächlich werden die dominaten strategischen Kalküle aller Akteure nicht geändert, sondern deren Formulierung lediglich beschleunigt. Politiker (oder “Informanten”) haben dann halt keine Zeit mehr über eine Äußerung noch einmal nachzudenken – und später zu korrigieren. Sie werden damit noch Maskenhafter werden als sie es heute schon sind. Authentizität und Wahrheit? Sie wird es nach dieser Regeländerung noch weniger geben als zuvor. Darüber sollten die Kollegen vielleicht einmal nachdenken.

update

Zum Thema Authentizität noch Michael Spreng. Mit der Wahrheit versucht es Jens Berger.

{ 20 comments }

snozin Oktober 2, 2012 um 12:14

Die Verwandlung von Lug in Trug wird maskenhafter. Das Theater wie die Theaterkritik werden schmierenhafter. Darüber nachzudenken wird müßiger denn je. Gleichzeitig entfernen sich die Wirklichkeiten immer weiter.

Reinhard Oktober 2, 2012 um 12:53

Man hat jederzeit die Möglichkeit eine Gegendarstellung zu verlangen, wenn der Eindruck des wiedergebenen Interviews zu sehr von der wahrgenommenen Realität des Interviewten abweicht.

Von daher besteht kein Grund sich den gerade erst abgelegten Maulkorb wieder anzulegen.

14 Oktober 2, 2012 um 12:55

“Wir müssen eine Debatte führen über die gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen im Land”, tönt der Segler Gabriel. Er will das Thema ausweiten und im Wahlkampf auch über verwahrloste Vorstädte, verlotterte Schulen und schlecht gepflegte Sportanlagen reden: “Wir haben zu lange weggeschaut”, sagt er: “Vieles was wichtig ist, Bildung, Kultur und sicheres Wohnen, können sich nur noch die Reichen leisten – das darf doch nicht sein.”>

anno tobaccosteuer 2002 , nach der Weiter-Weg-Show-Agenda 2003 zum Popbeauftragten ernannt..

14 Oktober 2, 2012 um 12:59

Authentizität und Wahrheit

Dieser Artikel ist in diesem Jahrhundert leider nicht lieferbar..
Oder?

f.luebberding f.luebberding Oktober 2, 2012 um 13:04

14

Authentizität und Wahrheit sind noch nie lieferbar gewesen. Nur in Religionen und dem ZK der KPDSU unter Stalin. Das bedeutet nicht, dass man auf den Anspruch auf Wahrheit verzichten kann.

Gregor Keuschnig Oktober 2, 2012 um 13:08

Vielleicht sollten die Kollegen auch einmal grundsätzlich darüber nachdenken, ob diese Form der Permanent-Interviews und Pseudo-Neuigkeiten überhaupt noch opportun erscheinen. Wer liest denn noch Interviews in Zeitungen? Im Grunde macht man doch Interviews und Talkshows in Radio/Fernsehen nur noch um den Politiker in ein Fettnäpfchen tappen zu lassen, dass man zumeist jedoch nur ungenügend getarnt hat. In 99% der Fälle passiert nichts und die Phrasendreschmaschinen sind erfolgreich über den ohnehin schon vielfach gemähten Acker der Nichtigkeiten gezogen.

f.luebberding f.luebberding Oktober 2, 2012 um 13:14

Keuschnig

Das wäre auch das richtige Thema. Allerdings wird man dann zugleich bemerken, dass die öffentliche Debatte noch weitgehend über die Aussagen handelnder Akteure in der Politik strukturiert wird. Das merkt man übrigens auch hier im blog: Die größe Aufmerksamkeit finden die Politiker, deren Aussagen man kritisiert. Das hat natürlich damit zu tun, dass an deren Handlungen Erwartungen formuliert werden, ob sie nun positiv oder negativ sind.

keiner Oktober 2, 2012 um 17:47

Wenn Journalismus nur das Nacherzählen von Politikergewäsch ist, dann hat Herr Lübberdings wohl Recht. Aber ist das so? Hat Journalismus jemals einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung geleistet, wenn sie sich auf diese Rolle beschränkt hat?

Blasberg mit launigem Tratsch und Konsorten sind der zähe Untergang demokratischer Beteiligung durch totquasseln.

Die Highlights im Journalismus sahen anders aus. Da dürfte man eher bei der Rolle von Wikileaks heute sein. Aber die sind ja in den USA der offizielle Feind. Handzahme Schoßhündchen mit Unterhaltungsauftrag, das ist die aktuelle Rolle der Mietmäuler. War in der DDR nicht unähnlich.

bbb Oktober 2, 2012 um 20:32

Tja – hier im Bilderberger-Block passiert ja nicht mehr viel.
Eure Parolen sind irgendwie nicht mehr so anziehend.

bbb Oktober 2, 2012 um 20:35

@keiner

Jau!
aber in der sogenannten “ddr” war das alles kostenlos.
in der sogenannten brd kostet dat ab 2013 pro Wohneinheit!

Seid bereit!!1

bbb Oktober 2, 2012 um 20:36

@flübber

da kennt sich aber jemand aus mit der kpdsu….LOL!
B.I.L.D. bildet – oder?

bbb Oktober 2, 2012 um 20:38

b.t.w.

wahrheit finden wir nur im mutterland der wahrheit, des gottes und der demokratie…

Lazarus09 Oktober 2, 2012 um 21:20

So etwas wie unabhängig freie Medien hat es zu keiner Zeit gegeben ;-) ..d.h wenn man fest genug daran glaubt …vielleicht :-D Muhahahaha

Diogenes Oktober 3, 2012 um 10:18

Allen ein lustiges Halleluja zum Tag des § 23 GG der BRD.

Glückwunsch zum Beitrittstag!!!!

Martynov Oktober 3, 2012 um 21:09

Das Autorisieren abzuschaffen IST eine Verbesserung.
Wer jetzt Angst hat, dass ihm was rausrutschen könnte, vermeidet dann vielleicht Interviews – meist kein Schaden.
Wer etwas sagt, das ihm hinterher peinlich ist, der hat Pech gehabt – und wir einen Erkenntnisgewinn.
Wer sich nur noch weichspült und alles total abwägt, bekommt danach weniger Interviewanfragen, weil er nicht mehr spritzig und interessant ist. Redaktionen stehen da nicht drauf.
Ich glaube, wir profitieren von dem Vorstoß, falls die schreiber das wirklich machen.

(Einer, der seit 20 Jahren unautorisierbare Interviews im Radio macht)

f.luebberding f.luebberding Oktober 4, 2012 um 13:37

Martynow

Radio und Fernsehen sind aber andere Medien – und auch dort gibt es “Informanten”, die man nach Autorisierung in Berichten zitiert. Im übrigen kann ich mich noch gut an das Roth-Intervew mit Putin zu Georgien erinnern als es einen Sturm der Empörung über vermeintlich manipulative Auslassungen gegeben hatte. Völlig unabhängig von der Frage der Autorisierung (die man dann natürlich nicht macht).

f.luebberding f.luebberding Oktober 4, 2012 um 13:37

Passt auch.

Doktor D Oktober 4, 2012 um 13:45

Der Herr Tuma macht doch hier ein 1a-Plädoyer für die komplette Abschaffung des Interviews als journalistisches Genre (und des Wirtschaftsressorts des Spiegels gleich mit) – scheint es aber nicht zu merken. Anstatt seine Zeit mit dem Hinterherlaufen von Interview-Autorisierungen zu verdaddeln wäre ja recherchieren ganz schön… aber das ist beim Spiegel ja eher aus der Mode.

keiner Oktober 4, 2012 um 16:46

“reiheit ist das höchste Gut des Menschen. Doch können wir in einer Gesellschaft voller Abhängigkeiten überhaupt noch „frei“ leben? In seiner nächsten Sendung spricht Richard David Precht mit dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, über die Freiheit – und wie man sie verteidigt”

Is Satire, oder?

http://www.cicero.de/salon/gefaehrliche-freiheit/52082

…ich fürchte: NEIN!

"gg" Oktober 5, 2012 um 00:01

@@@ bbb

wie die mainstreamer versuchen
http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-10/protest-euro-acta
die neuen machtstrukturen zu lenken

die rechnung wird nicht aufgehen,
selbst wenn Morph mit der systemischen retardierung argumentiert – genug wird genug sein

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