Frankreich und die Ratingagenturen

by f.luebberding on 20. November 2012

Frankreich steckt am Beginn eines Strukturwandels. Es muss seine Volkswirtschaft an veränderte Bedingungen in Europa und der Weltwirtschaft anpassen. Über die Tatsache an sich lässt sich kaum diskutieren, allerdings über die Frage, wie dieser Strukturwandel bewältigt werden soll. Nun ist Strukturwandel der einzige Motor, der unser Wirtschaftssystem am Leben hält. Wie sonst will man den sozialen und technologischen Wandel verarbeiten? In der Redaktion der Welt scheint man das neuerdings mit Beaujolais zu versuchen. Nun ist diese Attacke auf den französischen Etatismus bald wieder vergessen. Aber wieso muss man schon Ratingagenturen vor der Berichterstattung etwa in der Welt in Schutz nehmen?

Moodys hat heute Nacht Frankreichs Rating zurückgenommen. Die Auswirkungen auf die Finanzmärkte werden sich in Grenzen halten. Sie reagieren nur noch auf die Entscheidungen der Politik. Die Krise an den europäischen Bondmärkten brachten das Misstrauen in die Zukunft der Eurozone zum Ausdruck. Das hat der EZB-Präsident Draghi mittlerweile beseitigt: Die EZB wird den Kollaps der Bondmärkte verhindern. Seitdem ist die Refinanzierung der europäischen Staatsschulden kein Problem mehr, wenn man einmal vom Sonderfall Griechenland absieht. Die Entscheidung von Moodys hat daher auf den Märkten keine Spuren hinterlassen. Die Ratingagenturen haben kaum noch Einfluss auf Märkte, die schon längst am Gängelband der Politik laufen. Ihre Urteile sind nur noch bloße Meinungsäußerungen. Allerdings ist es interessant, wie verkürzt etwa die Welt die Begründung von Moodys wiedergibt. Zwar ist in dem Artikel viel von den Strukturreformen die Rede. Allerdings unterschlägt die Welt alle Argumente, die dem Weltbild der Redaktion widersprechen. So ist etwa davon nichts zu lesen:

“3.) The predictability of France’s resilience to future euro area shocks is diminishing in view of the rising risks to economic growth, fiscal performance and cost of funding. France’s exposure to peripheral Europe through its trade linkages and its banking system is disproportionately large, and its contingent obligations to support other euro area members have been increasing. Moreover, unlike other non-euro area sovereigns that carry similarly high ratings, France does not have access to a national central bank for the financing of its debt in the event of a market disruption.”

Im Gegensatz zur Darstellung der Welt argumentiert Moodys also keineswegs so eindimensional, wie es in der deutschen Debatte über Frankreich üblich ist. Frankreichs Problem ist nämlich keineswegs nur der Strukturwandel, sondern die Abhängigkeit von den Handelspartnern in Südeuropa. Die stecken seit Jahren in der Krise, ohne dass die deutsche Politik bisher eine einzige Idee formuliert hätte, wie das zu ändern wäre. Tatsächlich hat Deutschland nur eine Idee namens “Wettbewerbsfähigkeit”. Ansonsten hält die Bundesregierung die Depression als Dauerzustand für einen Ausweg aus der Krise. Nur hat Moodys Zweifel, ob diese Strategie Erfolg haben wird.

“The third rating driver of Moody’s downgrade of France’s sovereign rating is the diminishing predictability of the country’s resilience to future euro area shocks in view of the rising risks to economic growth, fiscal performance and cost of funding. In this context, France is disproportionately exposed to peripheral European countries such as Italy through its trade linkages and its banking system.”

Frankreichs Strukturprobleme bekommen durch die immer noch defizitäre Konstruktion der Eurozone ihre Dramatik. Nicht die Finanzmärkte sind das Problem, sondern der Absturz der südlichen Volkswirtschaften – und die Zweifel an der EZB. Bei Moodys scheint man den hier formulierten Optimismus über die Rolle der EZB nicht zu teilen.

“More generally, further shocks to sovereign and bank credit markets would further undermine financial and economic stability in France as well as in other euro area countries. The impact of such shocks would be expected to be felt disproportionately by more highly indebted governments such as France, and further accentuate the fiscal and structural economic pressures noted above. While the French government’s debt service costs have been largely contained to date, Moody’s would not expect this to remain the case in the event of a further shock. A rise in debt service costs would further increase the pressure on the finances of the French government, which, unlike other non-euro area sovereigns that carry similarly high ratings, does not have access to a national central bank that could assist with the financing of its debt in the event of a market disruption.”

Moodys zentrales Argument für die Abstufung lautet wie?

A rise in debt service costs would further increase the pressure on the finances of the French government, which, unlike other non-euro area sovereigns that carry similarly high ratings, does not have access to a national central bank that could assist with the financing of its debt in the event of a market disruption.

Moodys artikuliert damit das Mißtrauen in die deutsche Politik. Schließlich ist in der deutschen Öffentlichkeit nichts mehr verhasst als die Interventionen der EZB in den Markt. Sie sind sich offenkundig nicht sicher, ob die Bundeskanzlerin diesem Druck am Ende nicht doch wieder nachgeben wird: Also Frankreich zugunsten jener Stabilitätsapostel fallen lassen könnte, wie sie nicht nur in der Welt fast täglich zu Wort kommen. Frau Merkel ist bekanntlich die einzige Politikerin, die die EZB am Handeln hindern könnte.

Das passt aber nicht in die deutsche Debatte über die Meinung von Moodys zur Bonität Frankreichs.

So muss man manchmal sogar Ratingagenturen in Schutz nehmen. Auch wenn es einem fast schon peinlich ist.

update

Eric Bonse über die Meinung von Moodys.

{ 33 comments… read them below or add one }

www.makrointelligenz.blogspot.de November 20, 2012 um 15:32

Im Verhältnis zu Italien sehen die Staatsfinanzen von Frankreich eigentlich kaum besser aus. Frankreich profitiert vor allem vom größeren Vertrauen der Finanzmärkte und den daraus folgenden niedrigeren Zinskosten. Daher ist die Abwertung in Relation zu Italien und mit Abstrichen auch Spanien wohl gerechtfertigt. Die südlichen Staaten der Eurozone leiden unter einer Vertrauenskrise mit der Folge hoher Zinsen und geringer Kreditvergabe, wobei die Austeritätspolitik keine gute Lösung darstellt, denn sie bekämpft das falsche Problem. Dennoch wird sie durch steigende Arbeitslosenzahlen und in der Folge höheren Druck auf Löhne und Preise zu einer Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Eine Anpassung über Rezession mag zwar aufgrund einer Präferenz für schmerzhafte Lösungen hierzulande populär sein, jedoch ist sie weder wirtschaftlich effizient noch geeignet den Zusammenhalt der Eurozone auf Lange Sicht zu stärken.

holger November 20, 2012 um 15:44

Die Frage ist nicht die, warum die Agenturen Länder abstufen, sondern die Frage wäre die, warum DE sein AAA behält. Jeder erwartet von “Odd-Set” oder ähnliche auch Wettquoten. Auch wenn es nur die “Wettbewerbsfähigkeit” im Fußball ist.

f.luebberding f.luebberding November 20, 2012 um 15:49

Makro

Im Verhältnis zu Frankreich sehen Italiens Staatsfinanzen eigentlich gar nicht so schlecht aus. Es ist halt eine Frage der Formulierung … . Und tatsächlich muss man sich fragen, wie die Ratingagenturen die gravierenden Unterschiede zwischen beiden Staaten eigentlich begründen wollen. Der Witz ist nämlich, dass es gar nicht auf die absolute Höhe der Staatsschulden ankommt, sondern einzig auf den politischen Willen, die Eurozone nicht zusammenbrechen zu lassen. Wenigstens wenn man der Argumentation von Moodys folgt. Und S&P argumentiert nicht anders.

Was immer noch nicht verstanden wird: Wir hatten seit 2010 eine Refinanzierungskrise bei den Staatsschulden. Das Problem hätte schon 2010 nicht sein müssen, wenn die Deutschen nicht jeden sinnvollen Ansatz blockiert hätten. Was wir aber jetzt haben, ist eine klassische Rezession/Depression – und hier hat die Geldpolitik mittlerweile nur noch einen geringen Handlungsspielraum.

topi November 20, 2012 um 15:49

FL
Guter Artikel.
Kriegste den nicht irgendwo unter (also ohne das Welt-Bashing) ?

@ Makro

Selbst in der normalen Rezession (also nicht Griechenland Spanien und co) kommt das “normale” Land nur auf ähnliche Lohn-und Preissteigerungen wie Deutschland mit recht guter Konjunktur, seit einiger Zeit.

holger November 20, 2012 um 15:51

Und eine andere interessante Betrachtungsweise hatte heute auf “n-tv” Stefan (f?) Risse im Interview. Die “Strukturprobleme” beginnen nämlich in der Familie daheim. So ähnlich formuliert.

Wer kann noch bei Muttern unter den Tisch kriechen. In der Krise?

Also ich könnte es nicht. Ein “Vorteil” von DE ist nämlich, das Single Dasein. Und wenn Omma nicht mehr in den Plan passt, wird sie nach Ost”europa” abgeschoben. Da ist das nämlich billiger. Das älter werden.

holger November 20, 2012 um 16:00

Und anstatt sich mal darüber Gedanken zu machen, woher wohl die Differenzen kommen, die die Strukturen bilden, nein, gleiche kommen wieder die Salden vorgeführt.

Die Preise müssen hier, die Löhne müssen da. Und die Steuern eh und so wie so.

Zur Not gibts ja noch Gold. Aber mal die Strukturen zu durchleuchten, warum es so ist, wie es ist, das scheint echt schwierig zu sein.

f.luebberding f.luebberding November 20, 2012 um 16:02

topi

Morgen interessiert das schon keinen mehr, weil sich in Wirklichkeit auch niemand mehr für die Meinungen von Ratingagenturen interessiert. Selbst dann nicht, wenn diese Meinungen interessant sein sollten. Und was bliebe dann noch außer das Welt-Bashing … ?

kurms November 20, 2012 um 16:03

“Frau Merkel ist bekanntlich die einzige Politikerin, die die EZB am Handeln hindern könnte.”

Die einzige, genau. Nur warum wird es dann für möglich gehalten daß sie sich durchsetzen kann? Vielleicht weil es kaum echten Widerstand gibt sondern dieser weitgehend nur gespielt ist?

Treidelstein November 20, 2012 um 16:25

Rating-Agenturen in der Kritik? Da kommt gleich auch Bertelsmann aus dem Loch gekrochen und will bei der Gelegenheit seine Agenda unterbringen:

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/ratingagentur118.html

Eagon November 20, 2012 um 17:26

Frankreichs Wirtschaft wächst um 0,2%.

Also hat sich das PRODUKTIONSPOTENTIALS Frankreichs erhöht oder es wurde besser ausgelastet.

>Die Wirtschaft der Niederlande ist eingebrochen.

Das kümmerliche Produktionspotential der Niederlande schrumpft von Lohnzurückhaltung zu Lohnzurückhaltung.

Die Niederlande behalten ihr AAA.

Und dann quatschen VERRÜCKTE von den notwendigen Strukturreformen Frankreichs.

Frankreich soll sich sich in seinem LOHNNIVEAU auf deutsches Niveau herunterbegeben.

Wer hat Zahlen darüber, in wieweit französische Banken NACHFRAGE für deutsche Unternehmen im Süden finanziert haben?

~BB~ November 20, 2012 um 17:55

DieWelt ist das reaktionäre Käseblatt der deutschen Tea-Party-Bewegung und folgt ausschließlich den kruden Logiken der Internationale der Steuervermeider.

Global sind die neoliberalen Effizienzisierer, Rationalisierer, Flexibliliserer, Optimierer und Entrisikoisierer an ihre Grenzen gestoßen. Das Versprechen “Bildung=Exportwachstum” hat sich als Irrweg herausgestellt. Man schaue nur auf die vielen chinesisch-sprechende arbeitslosen Spanier mit Doppelmagister.

Wohin soll das führen, wenn die Wiederwahl eines USA-Präsidenten nur noch vom Erfolg des IPhone 5 abhängt? Warum kann man bei uns keine Festplatten mehr kaufen, wenn in Korea gerade ein Taifun gewütet hat und Samsung nicht liefern kann? Was machen unsere mittelständischen Reisebüros, wenn:
1. Die Billig-Lufthansa keine Provisionen mehr zahlt (letztens bei Illner)
2. Berufstätige nur noch pendeln müssen – man ist ja so flexibel – und deshalb und wegen privater Rentenbeiträge kein Geld mehr für einen Urlaub haben (letztens bei Illner).
Was machen unsere Friseure, wenn sie ihren Laden mit Burnout aufgeben müssen, weil die Ladenmiete erhöht wurde, damit die Mietrentiers immer fetter werden (bei bei meinem Friseuer)

Wir werden die Bürokratie neu erfinden müssen. Wir brauchen künstliche Effizienzbremsen in allen Bereichen – in der Wirtschaft und im Staate -, um dem globalen Optimierungswahn Einhalt zu gebieten.

Es lebe Frankreich, das seine Reformhausaufgaben für die Folterknechte Galloise, INSM und Moodys im Auftrag der Internationale der Steuervermeider nicht gemacht hat, aber seine Leute anständig bezahlt.

Frankreich, geh voran, wir folgend Dir!

BB November 20, 2012 um 18:08

Ähäm. Think little!

*Kopfschüttel*

f.luebberding f.luebberding November 20, 2012 um 19:13

eagon

Das Problem ist, dass der Begriff Reform von den Neoliberalen okkupiert worden ist – und damit auch der Inhalt von Reformen. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Wenn man nämlich meint, dass jede Veränderung per se schon abzulehnen sei. Damit kommt man aber in die Lage eines unsinnigen Strukturkonservativismus. Ich habe noch nie verstanden, was der Sinn dieser Logik sein soll.

die asozialen Kräfte des Geldes November 20, 2012 um 19:49

Lieber Frank. Sind wir in den letzten Jahren irgendwie weitergkommen? In der SPD? Im politischen Diskurs in Deutschland? In der Verarbeitung sowie der Darstellung der Krise in den Medien? Hat die Krise irgendwelche Impulse der SPD geliefert? Ist Peer die Alternative zum Kurs Merkel? Mir scheint in den deutschen Medien sowie in der Politik ist auf ,,Autopilot” geschaltet. Und da gibt es nur eine Richtung. Nach vorn. Stets weiter voran. In die Krise. Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder und der Himmel führt uns aus dieser Krise plötzlich wieder heraus. Aber was, wenn dieses Wunder nicht passsiert? Wo ist die Schmerzgrenze? Oder sind die (deutschsprachigen) Intellektuellen dermaßen schmerzfrei, dass sie an dem Umbau der Gesellschaft bedingungslos und aktiv mitwirken?

P.S. ,,Entretien avec Etienne Chouard” (Für die interessanten Impulse in Europa gibt es leider keine Übersetzung und Deutschland scheint mir zurzeit politisch zu langweilig als dass ich etwas vergleichbares hier verlinken könnte):

http://vimeo.com/52426619

Viele Grüsse,

die asozialen Kräfte des Geldes November 20, 2012 um 19:52

Etienne Chouard nous montre comment le mécanisme de l’élection politique est intimement lié au pouvoir de l’argent.
Une explication qui met en lien la création monétaire et la concentration des richesses avec la nécessité d’écrire nous-même notre constitution pour se protéger des abus de pouvoir des plus riches.

http://www.avantgardeeconomique.fr/

www.makrointelligenz.blogspot.de November 20, 2012 um 19:59

@fl:”Im Verhältnis zu Frankreich sehen Italiens Staatsfinanzen eigentlich gar nicht so schlecht aus. Es ist halt eine Frage der Formulierung … .”
In der Tat erweckt diese Schilderung des gleichen Sachverhalt für Leser ohne einen dafür keinen geschärften Blick so einen anderen Eindruck. Italien ist auch mMn zu Unrecht so häufig als großes Problem in der Eurozone dargestellt worden, denn hier fehlt fast ausschließlich Vertrauen.
“Und tatsächlich muss man sich fragen, wie die Ratingagenturen die gravierenden Unterschiede zwischen beiden Staaten eigentlich begründen wollen. Der Witz ist nämlich, dass es gar nicht auf die absolute Höhe der Staatsschulden ankommt, sondern einzig auf den politischen Willen, die Eurozone nicht zusammenbrechen zu lassen.”
Wobei man den Ratingagenturen zu gute halten kann, dass die Ratings der Staaten immer noch besser sind, als es die Zinsen, die die Staaten für neue Schuldenaufnahme am Kapitalmarkt nun bezahlen müssen, implizieren würden. Da die Ratingagenturen in der Vergangenheit nicht besser prognostiziert haben als der Markt, sind ihre Einschätzungen v.a. für die auf ihnen basierende Bankenregulierung von Bedeutung, wodurch sie ggf. wieder für sinkende Kurse sorgen können. Natürlich bieten solche Anlässe auch profitable Gelegenheiten für risikolose Spekulationsgewinne von vorher informierten Insidern.

Wohlfahrt November 20, 2012 um 20:02

@FL
War es nicht eher ein Hijacking der Neolipps? ;-)

f.luebberding f.luebberding November 20, 2012 um 20:06

die asozialen Kräfte des Geldes

Genau das kann ich nicht beantworten. Wo wir am Ende landen werden. Nur teile ich auch nicht die hermetische Sichtweise auf die heutigen Verhältnisse. Es gibt gerade in der Europapolitik mehr Bewegung als in der täglichen Beobachtung erkennbar wird. Ob das reichen wird, ist eine andere Frage.

die asozialen Kräfte des Geldes November 20, 2012 um 20:13

Die Frage ist, ob es zu einer friedlichen Lösung kommen wird und wie viele Jahre wir durch die Krise verlieren werden.

Es gibt gerade in der Europapolitik mehr Bewegung als in der täglichen Beobachtung erkennbar wird.

Die Medien scheinen tot zu sein. Nach dem Ausfall der politischen Parteien, die zweite Stütze die in der Krise versagte.

keiner November 20, 2012 um 20:43

In Wirklichkeit macht sich doch blanke Ezistenzangst und die Gewissheit des drohenden Unheils breit. Auch bei den Pressefuzzies. Keine Ideen, wie es im Frühjahr aussieht. Oder noch schlimmer: Im Frühjahr 2014…

E. Bonse November 20, 2012 um 21:17

@f lübberding. Frankreichs Abhängigkeit von Südeuropa ist nur deshalb ein Problem, weil Deutschland die Südeuropäer am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Die “Rettung” bezieht sich in Merkels Logik immer nur auf die Banken, also die Deutschen Bank(en), nie auf die Staaten und ihre Bürger. Außerdem macht Deutschland Frankreich auf seinen traditionell starken Produkten wie Luft- und Raumfahrt oder Hochgeschwindigkeitszüge platt, mit massiver staatlicher Hilfe (siehe zuletzt Siemens in Russland). – Ich verstehe nicht, wieso man die Euroländer immer einzeln denkt, als Monaden, und nicht in Wechselbeziehung. Die deutsche Exportstärke lässt sich nicht ohne die aktuelle französische Schwäche denken, und die französische Krise wird zur deutschen werden. Spätestens wenn die von Merkel & Co herbeigeredeten spekulativen Attacken auf Frankreich wirklich eintreten, ist der Euro platt.

die asozialen Kräfte des Geldes November 20, 2012 um 21:40

Die deutsche Exportstärke lässt sich nicht ohne die aktuelle französische Schwäche denken, und die französische Krise wird zur deutschen werden.

Mir scheint, in Frankreich hat sich die Krise weitgehends bisher nur im verbalen abgespielt. Den Menschen geht/ging es in Frankreich (noch) einigermaßen gut. Das wird sich jetzt wahrscheinlich ändern. In ein paar Jahren sind die dort wo wir wir in D. bereits sind und wir dann können die Runde Vers. 2.0 in dem Wettbewerb nach unten einläuten.

BB November 20, 2012 um 21:54

@die asozialen Kräfte des Geldes

In ein paar Jahren sind die dort wo wir wir in D. bereits sind und wir dann können die Runde Vers. 2.0 in dem Wettbewerb nach unten einläuten.

Genauso ist es. Den 1-Euro-Jobs folgen die 1-Euro-Shops.

f.luebberding f.luebberding November 20, 2012 um 22:08

Bonse

“Ich verstehe nicht, wieso man die Euroländer immer einzeln denkt, als Monaden, und nicht in Wechselbeziehung”

Ja. Genau hier scheint das Problem zu liegen. Wechselbeziehungen sichtbar zu machen und institutionell zu verankern. Man wird das nicht über die ideologische Ebene regeln können, also etwa Ordoliberalismus gegen Keynesianismus. Oder wie die Konfliktlinien auch immer heißen mögen.

BB November 20, 2012 um 22:28

@E. Bonse

Frankreichs Abhängigkeit von Südeuropa ist nur deshalb ein Problem, weil Deutschland die Südeuropäer am ausgestreckten Arm verhungern lässt. …Außerdem macht Deutschland Frankreich auf seinen traditionell starken Produkten wie Luft- und Raumfahrt oder Hochgeschwindigkeitszüge platt, mit massiver staatlicher Hilfe (siehe zuletzt Siemens in Russland).

Es kommt noch die Zerstörung der jeweiligen Binnenmärkte durch die Exportorientierung hinzu. Im Grunde besitzen die Südeuropäischen Länder und auch Frankreich eine gesunde Struktur aus kleinen und mittleren Betrieben, die solange für eine lebhafte Wirtschaft sorgen, wie es Kunden gibt, die für deren Produkte auch Geld ausgeben. Eine Niedriglohn-Politik wie in Deutschland würde in ganz Europa dann die Discount-Kultur etablieren. Kulturell eine Katastrophe und die letzten strukturellen Voraussetzungen für eine gesunde Binnenwirtschaft würden endgültig vernichtet. Europa eine einzige Einöde aus Autobahn-Tankstellen und Supermarkt-Parkplätzen. Eine grauenvolle Perspektive.

Statt also in Frankreich und Südeuropa die Monokultur zu etablieren, müssten wir in Deutschland gezielt und geplant die Renaturierung einer gemischten farbigen klein- und mittelständischen Wirtschaft vorantreiben.

@fl
“Man wird das nicht über die ideologische Ebene regeln können, also etwa Ordoliberalismus gegen Keynesianismus. Oder wie die Konfliktlinien auch immer heißen mögen.”

Richtig! Stattdessen muss man Wirtschaftsstrukturpolitik betreiben und zwar im Sinne der genannten Renaturierung in Richtung “gesunder Mischwald”, eine Kunst, die unsere Ökonomen und Politiker völlig verlernt haben.

Gerald Braunberger November 20, 2012 um 22:29

@fl

“Man wird das nicht über die ideologische Ebene regeln können, also etwa Ordoliberalismus gegen Keynesianismus.”

Weise Worte. Es hat überhaupt keinen Sinn, sondern führt in die Irre, gegen einen “Neoliberalismus/Ordoliberalismus/Neoklassik” zwanghaft einen “Keynesianismus” stellen zu wollen. Jedenfalls, sofern dieser “Keynesianismus” irgend etwas mit John Maynard Keynes zu tun haben soll.

wowy November 20, 2012 um 22:37

@fl
Als Anregung:
Wie wäre es demnächst im Feuilleton mit einer Kritik nicht über die gesehene Talkshow, sondern üer die Frage, warum es bei allein 5 Talkshows in der ARD (+ ZDF + Phoenix + Landesanstalten + Arte + 3Sat +…) nicht eine einzige zu Europa gibt?

Meine ketzerische Anmerkung: wir sollen Europa nicht gemeinsam denken, das ist nicht vorgesehen bei der Systemrelevanz.

Hardy November 21, 2012 um 12:16

Ich habe ja einige Jahre in Paris gewohnt und muss konstatieren, dass man dort sehr wohl massiv reformieren kann, ohne direkt in Hartz4-Sphrären zu landen:
- Zu Spitzenzeiten hatte ich 48 Tage Jahresurlaub: 30 normale + 14 Ausgleich 35h + 2 Brückentage Konzern + Brückentage Standort
Der Witz war: Trotzdem haben viele nur 35h pro Woche gearbeitet, Freitag ab 12 macht jeder seins…
- In jedem wirklich kleinen Dörfchen gab es eine Post mit mindestens 2 Bediensteten
- Kontoführungsgebühr bei Onlinekonto: 5,90€/Monat (CdN)
- Viele Nachbarn waren bei der Armee “beschäftigt”.
Alles in Allem ein Traum für Arbeitnehmer…

BB November 21, 2012 um 15:54

@Hardy

“Alles in Allem ein Traum für Arbeitnehmer…”

So muss es sein!

Und sollte da tatsächlich hier und da etwas Verschwendung hervor luken, dann sollte man ihre Vermeidung in Arbeitszeitverkürzung umsetzen und nicht in höhere Dividenden.

die asozialen Kräfte des Geldes November 21, 2012 um 20:05

Der Witz war: Trotzdem haben viele nur 35h pro Woche gearbeitet, Freitag ab 12 macht jeder seins…

Der Witz ist, dass wir in Europa einem Wettbewerb der niedrigeren Standards aka Standortsvorteil angetreten sind.

Freigänger November 21, 2012 um 21:40

@Ebo “Die “Rettung” bezieht sich in Merkels Logik immer nur auf die Banken, also die Deutschen Bank(en), nie auf die Staaten und ihre Bürger.” – Das ist doch zu kurz gesprungen. Ich glaube, ohne jeden Beweis *hust*, Merkel sind die Banken persönlich relativ Bockwurst. Es geht um die Anleger dahinter. Und das sind nicht nur Krösus XYZ (ebenfalls Bockwurst), sondern auch die Pensionsgelder von Bund, Ländern und Kommunen der westlichen Staaten, also japanische (HRE!), europäische und amerikanische künftige Rentner und aktuelle Wähler. Merkel ist zuallererst dem Machterhalt der CDU verpflichtet. Völlig normal in einer Parteiendemokratie. Und eine Wiederwahl hätte sich in der Sekunde mit einem Schlag erledigt, in der die Vorsorgemisere in Zahlen und Daten greifbar wird. Also private Renten- und Krankenversicherungen sich “zum Anfassen” vor aller Augen in Luft auflösen. Ich schätze mal, so trivial ist der Punkt. Der Rest kommt auf den Plätzen.

“Ich verstehe nicht, wieso man die Euroländer immer einzeln denkt, als Monaden, und nicht in Wechselbeziehung.” – Da gibt es nichts zu verstehen. Weil das eben kein Aas interessiert. Die Entscheider denken in Legislaturperioden, in Machterlangung und Machterhalt der jeweiligen Partei. Das ist halt so. Da gibt es keine Staatsmänner, welche ihre sicherlich vorhandenen Einsichten um dieser willen in praktische Politik giessen. Das gibt es nur bei einschneidenden Katastrophen wie Krieg vs. Frieden. Nicht bei Wirtschaftskriegen ohne echte Gefallene, ohne existenzielle Probleme für den Politiker als Mensch und Familienmitglied selbst.

Als ob Otto Normalo für seine Meinung seinen Arbeitsplatz riskieren würde. Da wird auch geknufft und dem Chef in den Anus gekrabbelt und “man machts ja nur für Geld und ist ja eigentlich ein guter Mensch”. Da gibts doch in der Mehrzahl (und nur die interessiert für demokratische Mehrheitsbildung) nur schlanke Rücken ohne Standing. Wieso soll das in der Politik anders laufen? Hat uns denn irgendwer in eine andere Richtung getrimmt? Sind wir nicht zu Anpassern und Egoisten erzogen worden? Wir liegen doch voll im Plan.

Ohne Paradigmenwechsel wird da nichts. Ich rede noch nicht einmal von Revolution oder Systemwechsel. Aber ein bisschen abwärts muss es noch gehen, damit wir wieder mehr Arsch in die Hose bekommen, ein paar gesellschaftliche Konventionen eine Änderung erfahren.

"ruby" November 21, 2012 um 22:08

Wenn die Bilanzen mit den Rückstellungen für Pensionen wertberichtigt werden müssen – niedrigere kalkulatorischer Zinssätze = höhere Rückstellung + grössere Ausfälle – dann Gnade diesen politischen Schönfärbern ala Schäuble. Der wird keine Ruhe mehr finden!

someone November 21, 2012 um 22:25

@Freigänger: Sehr schöner Kommentar.
Jedes Land bekommt den politischen Diskurs und die Regierung, die es verdient.

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