Nudge-Synthese

by eFlation on 13. Dezember 2012

Emanuel Derman schreibt gestern in seiner FAZ Kolumne über Fehlverhaltensökonomie. Der Kollege Lübberding deutete gestern auf Twitter schon an, dass hier jemand Kahnemann nicht richtig verstanden hat.

Zu den – leider wohl oft auch geisteswissenschaftlich befeuerten – Auswüchsen muss man nicht viel sagen, Humbug. Ausgenommen natürlich den Zusammenhang von geistiger Gesundheit mit dem Indexniveau, das war mir immer schon klar.

Spannend aber Punkt 3, die Frage, ob aus den Shortcomings von „System 1“ ein paternalistisches Gesellschaftsmodell abgeleitet werden darf, also ganz grob Paternalismus gegen Libertarismus: hier argumentiert Kahneman differenziert, stellt beide Positionen dar

“do not interfere with the individual’s right to choose, unless the choices harm others” vs. „For behavioral economists, however, freedom has a cost, which is borne by individuals who make bad choices“

und kommt dann zur “Nudge-Synthese” von Thaler/Sunstein

“[They] advocate a position of libertarian paternalism, in which the state and other institutions are allowed to _nudge_ people to make decisions that serve their own long-term interests.”

Im Detail nachzulesen bei Daniel Kahnemann -Schnelles Denken, langsames Denken  S. 411ff).


Davon bleibt bei Derman nur die Hälfte übrig, etwas schade.

Ich selber kann das Buch nur jedem ans Herz legen – eine Bereicherung.

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{ 12 comments… read them below or add one }

kurms Dezember 13, 2012 um 17:19

“Zusammenhang von geistiger Gesundheit mit dem Indexniveau”

Wie ist der denn genau?

kurms Dezember 13, 2012 um 17:20

Und welcher Index? Eine (gegenläufige) Korrelation mit einem Volatilitätsindex würde mir plausibel erscheinen, aber sonst wäre ich da erstmal skeptisch.

Schatten der Mitte Dezember 13, 2012 um 19:16

Mir gefiel das hier im FAZ-Beitrag:”Wir sollten zusehen, dass die Leute sich bei Dingen, die wir für sozial erwünscht halten, förmlich dagegen entscheiden müssten (falls sie sie nicht wünschen), und bei Dingen, die wir für sozial unerwünscht halten, förmlich dafür (falls sie sie dennoch wünschen). Die angeborene Trägheit werde dann den Rest besorgen.”

Wozu eigentlich, wir haben doch eine Parteienherrschaft! Und da die meisten Deutschen wählen, als hinge von ihrer eigenen, persönlichen Wahlentscheidung das Schicksal der Welt ab, wählen sie eine Partei des geringsten Risikos, also eine Partei der Mitte – und zwar immer, mit Erst- und Zweitstimme.

Das stimmt nicht zufällig mit der Theorie des Medianwählers überein, es ist die Wurzel der in D unverstanden gebliebenen Demokratie.
—————————————————————–

Zur Nudge-Synthese: Für die Schubser ist die Zukunft genauso unbekannt, wie für die Geschubsten. Da vertraut man doch eher, gerade weil das Marktversagen relativ wohlerforscht ist, dem Markt. Die Forschung zur Demokratie ist meist apologetisch, Versagen in diesem Bereich nur rudimentär erforscht.

mailer Dezember 13, 2012 um 20:10

“Ich selber kann das Buch nur jedem ans Herz legen…”

Bitte nicht an meins – da sitzt schon der Herzschrittmacher.
Packs mir einfach auf die Schulter..

Treidelstein Dezember 13, 2012 um 23:56

Ich finde ja das Zitat am schönsten: „Wir untersuchen das Verhalten eines Probanden, der in optimaler Weise über längere Zeit einen Kuchen verzehrt und erkennt, dass Zurückhaltung seine Willenskraft allzu sehr erschöpft.“

Exkurs: In der Literatur zu osteuropäischen Transformationsprozessen gab es in den 90-er Jahren so eine gängige Darstellung: Ja, also Reformen wirken nicht gleich zum Guten, sondern erst mal für manche zum Schlechten, weshalb leicht Mehrheiten gegen sukzessive Reformprojekte zu organisieren seien und die Reformen dann auf halbem Wege versanden. Die temporären Verlierer der ersten Reformstufe würden also den weiteren Fortgang der Reformen blockieren und alles in allem für entstellte und suboptimale Ergebnisse sorgen. Es sei deshalb nicht schlecht, wenn in einem Übergangsstadium die politischen Eliten relativ autonom, d.h. frei von gesellschaftlichem Druck agieren könnten.

Dies war eine verbreitete akademische Sicht der Dinge, die natürlich implizit antidemokratisch war: Zum einen gibt es eine “protestantische” Reformerelite, die langfristige Interessen im Auge hat und größere Kuchen backen will, und dann gibt es den Pöbel, der immer gleich alles auffressen will.

Nun trat diese Sicht der Dinge allerdings immer mehr in einen unschönen Kontrast zur Realität: Daß etwa in Jelzins Rußland ausgerechnet eine Blockade durch die Verlierer der ersten Reformrunde für die beispiellos korrupte und kriminelle Oligarchenherrschaft verantwortlich war, daran konnte niemand wirklich glauben. Vergleichsweise lange, bis 1998, dauerte es, dann hatte diese Einsicht auch die akademische Ebene erreicht. Joel Hellman veröffentlichte folgenden paradigmatischen Text, dessen Anfang und Ende auch in unserem Zusammenhang überaus lesenswert ist:

http://tinyurl.com/hellmans-erkenntnis

Nicht die Verlierer blockieren also, sondern die Gewinner. Diejenigen, die Positionsmacht errungen haben und daraus eine dauerhafte politische Rente schöpfen wollen! Nicht die ans Existenzminimum gedrückten Arbeiter und Gewerkschaften etwa in der Kohleindustrie, sondern die nun faktisch unkontrollierten Manager von Großbetrieben, die neuen Finanzeliten plus korrupte Verwaltungen. Wenn man überhaupt eine autonome politische Elite annehmen wollte, die im längerfristigen Allgemeininteresse handelt, dann müßte diese also nicht die Verlierer der ersten Runde niederhalten, sondern sich mit diesen verbünden und die Positionsmacht der Erstrundengewinner zerschlagen.

Möglicherweise hat Putin sogar Hellman gelesen, aber nötig hat er es sicher nicht gehabt… seine eigenen Innenansichten der Lage dürften ihn zu ähnlichen Schlußfolgerungen geführt haben.

Ich würde sagen, man kann von den OE-Transformationen abstrahieren und das auch auf unsere heutigen Verhältnisse anwenden. Es sind nicht die Verlierer der derzeitigen Transformation, die den Weg zu besseren Institutionen blockieren, weil sie ihre langfristigen Interessen angeblich nicht kennen. Sondern es blockieren die Gewinner, die ihren Gewinn auf Dauer stellen und in eine institutionell garantierte politische Rente umwandeln wollen. Das ist eigentlich einfach, auch wenn mancher akademische und politische Diskurs, bezogen auf unsere Zusammenhänge, sozusagen noch im Prä-Hellman-Paradigma gefangen ist.

Nicht der Pöbel muß geschubst, sondern die “Eliten” müssen getreten werden.

Hans Hütt Dezember 14, 2012 um 00:15

Treidelstein

Die jüngsten Beiträge von Fritz Scharpf kommen zu dem gleichen Ergebnis.

Treidelstein Dezember 14, 2012 um 00:47

@ H. Hütt

Hast Du was zur Hand, oder falls nicht im Netz, eine Angabe? Der frühere Gottvater Scharpf scheint mir so eine recht sympathische Altersradikalität zu entwickeln, seit er institutionell nicht mehr eingebunden ist und keine großen Rücksichten mehr zu nehmen braucht.

email Dezember 14, 2012 um 01:36

wenn du irgendwas meinungsbildendes zu sagen hast, sag es einfach auf deutsch.

h.huett Dezember 14, 2012 um 10:01

Treidelstein

Scharpf ist überall zu finden, zuletzt beim überschätzten Cicero. Tatsächlich bezog ich mich allerdings nicht auf ihn (sorry), sondern auf diesen Beitrag von Wolfgang Streeck in der FAZ.

topi Dezember 14, 2012 um 11:35

Treidelstein.

“Es sind nicht die Verlierer der derzeitigen Transformation, die den Weg zu besseren Institutionen blockieren, weil sie ihre langfristigen Interessen angeblich nicht kennen. Sondern es blockieren die Gewinner, die ihren Gewinn auf Dauer stellen und in eine institutionell garantierte politische Rente umwandeln wollen.

Nicht der Pöbel muß geschubst, sondern die “Eliten” müssen getreten werden.”

Sicher.

Heißt aber noch nicht, dass die paternalistische These an sich falsch ist. Sieht man doch überdeutlich, dass hier niergends “Paternalismus” am Werk ist. Vielleicht kann man noch ein paar Jungspunden direkt aus Chicago Gutwillen unterstellen, die DUmmheit ist ja grenzenlos.
Aber es konnte in Russland etc. jedem klar sein, dass es gar nicht um “freie Marktwirtschaft”, geschweige denn um Einpreisung externer Effekte (notwendig für ein sinnvolles Funktioneren), geht.

Und heute hier und sonstwo sieht es doch genau so aus. Dummes Gequatsche in Sonntagsreden von “Freiheit”, konkret geht es um Erhaltung und Ausbau von Monopolen und Oligopolen, weitere Vermachtung der Arbeitsmärkte, etc.pp.; also selbst die Selbstbeschreibung von “rechts” ist eine einzige Lüge, kein Paternalismus im Sinne von Robert Owen oder so.

Schatten des Standortes Dezember 14, 2012 um 14:58

@Treidelstein

Vielleicht ist es auch so, dass die Oligarchen sich in den Weiten z.B. des russischen Raumes Monopole geschaffen haben. Siehe den “König” von Norilsk etc.

Hier kann dann Kapitalismus ebensowenig funktionieren, wie Demokratie. Denn dafür bräuchte man Konkurrenz.

So sind sie alle Kleinkönige.

Auch in der Ukraine lässt sich das mit den verschiedenen Oligarchen-Gangs und ihren turfs ja beobachten.

Wie lässt sich das in Westeuropa deuten? Noch immer gibt es durch die Bedeutung des Mittelstandes (politisch und wirtschaftlich) nationale Eigenheiten und Interessen. Gestern titelten verschiedene Medien, dass in den nächsten Jahren bis zu zwei Millionen dringend benötigte Fachkräfte aus Südeuropa nach D kommen könnten, um die Reihen der deutschen “Exportarmee” (@BB) aufzufüllen.

Dass dies dem Standort D nützt, mag sein, den Olivenländern nützte aber der Aufbau einer Industrie dort.

Deutsche Politiker werden aber den Teufel tun und den deutschen Mittelstand mit Ansiedlungsbeihilfen für den Süden fördern!

Treidelstein Dezember 14, 2012 um 16:55

@ Schatten

Natürlich haben viele Oligarchen noch die ökonomische Macht. Es sind jetzt aber regionale oder sektorale Oligarchen ohne politische Macht auf föderaler Ebene, und sie können mit ihren Geschäftsschemata nicht mehr systematisch den Staat aussaugen wie ehedem. Diejenigen, die am dreistesten die Privatisierung der politischen Macht betrieben haben (Berezovski und Khodorkovski) sind ausgeschaltet worden, andere (Deripaska und Abramovich etwa) haben mit der Staatsmacht offenbar einen informellen Deal geschlossen, wo klar ist, wer letztlich das Sagen hat. Klar ist das immer noch Günstlingskapitalismus, aber ein vergleichsweise zivillisierter, gemessen an den Verhältnissen unter Jelzin.

Im”Westen” sind die Oligarchen natürlich meist nicht in erster Linie Einzelpersonen, sondern Kapitalgesellschaften ohne ein einzelnes Gesicht als Aushängeschild.

“Dringend benötigte Fachkräfte” halte ich für Propaganda. Wann immer eine Entwicklung einsetzt, die die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer ganz marktkonform (Angebot und Nachfrage) VERBESSERT, dann wird das als Krisensymptom (“Fachkräftemangel”) gedeutet. Es ist eine Schande, wenn die “Rettungs”-Politik der Europäischen Inkassounion jetzt zu erzwungenen Wanderungsbewegungen führt, wie das sonst Kriege und Hungersnöte bewirken. Die Masse der Leute wird weder in Deutschland noch in Spanien was davon haben.

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