Die relativ arme Bundeskanzlerin

by f.luebberding on 3. Januar 2013

Ist die Bundeskanzlerin relativ arm? Wenn man die von Peer Steinbrück angestoßene Diskussion über ihre Bezüge reflektiert, könnte man auf diese Idee kommen. Wenigstens wenn man diesen Artikel von Kolja Rudzio als Maßstab betrachtet. Ohne Zweifel ist Frau Merkel im Vergleich zu einem Höchstverdiener als relativ arm zu bezeichnen. Sie kann sich weder eine Wohnung in Manhattan leisten, noch eine Yacht an der Mittelmeerküste. Sie ist gewissermassen von Amtswegen zur Bescheidenheit, sprich relativer Armut, verurteilt. Nun kam bisher niemand auf die Idee, die Einkommenssituation von Frau Merkel unter dem Begriff der “relativen Armut” zu diskutieren. Dabei wäre das in der Logik Steinbrücks durchaus sinnvoll. Schließlich betrachtet er die Höhe der Alimentierung der Bundeskanzlerin als das entscheidende Kriterium für die Relevanz ihrer Tätigkeit. Der von Steinbrück zum Vergleich herangezogene Sparkassendirektor ist insofern irreführend, weil sich beide Tätigkeiten nicht miteinander vergleichen lassen. Er hätte auch einen Fußballspieler oder Schlagersänger als Vergleichsmaßstab heranziehen können. Wenn aber selbst Frau Merkel relativ arm sein könnte, stimmt dann etwas nicht mit dem Armutsbegriff?

Natürlich benutzt Rudzio einen anderen Armutsbegriff als den der relativ armen Bundeskanzlerin, um die sich der SPD-Kanzlerkandidat zu sorgen scheint:

“Es gibt üblicherweise drei verschiedene Methoden, Armut zu messen. Ausgerechnet die Methode, die für die meisten Schlagzeilen sorgt, ist die komplizierteste, unsicherste und die, die am schwersten zu interpretieren ist. Hinter ihr steckt die Idee der »relativen Armut«. Danach gilt als arm, wer weniger Geld hat als seine Mitmenschen – egal, wie groß der Wohlstand in einem Land ist. In den achtziger Jahren legte die EU fest: Mit weniger als 40 Prozent des mittleren Einkommens ist man »streng arm«, mit weniger als 50 Prozent »arm« und mit weniger als 60 Prozent »armutsgefährdet«. Fast alle Studien beziehen sich inzwischen aber nur noch auf die höchste dieser drei Grenzen, und in den meisten Pressemeldungen wird aus dem sperrigen Wort »armutsgefährdet« einfach »arm«. Nach diesem Maßstab ist ein Alleinstehender von Armut bedroht oder eben arm, wenn er weniger als etwa 1.000 Euro netto im Monat zur Verfügung hat. Dabei ist egal, ob er von einem Lohn lebt, von Rente, Arbeitslosengeld, Mieteinnahmen oder Bafög. Bei einem Arbeitnehmer entspräche dieses etwa 1.400 Euro brutto. Für eine Familie mit zwei Kindern gelten andere Werte, für sie liegt die Schwelle je nach Studie bei bis zu 2.700 Euro netto oder 3.300 Euro brutto (ein Alleinverdiener). Beträge, die nicht unbedingt zu landläufigen Vorstellungen von Armut passen.”

Der letzte Satz ist entscheidend. Beträge, die nicht zur landläufigen Vorstellung von Armut passen. Das ist seine Kernthese – und wohl auch ein Ausdruck nicht nur für Rudzios Verwirrung. Er operiert nämlich mit Armutsvorstellungen, die nichts mit der Wirklichkeit in modernen Volkswirtschaften zu tun haben dürften. Es sind jene absolut Armen, die sich noch nicht einmal das Existenzminimum leisten können. Also jene Bilder aus armen V0lkswirtschaften, wo man sich noch nicht einmal ein Dach über den Kopf oder eine beheizte Wohnung leisten kann. Der Begriff der “relativen Armut” ist daher für die deutsche Debatte so zielführend, wie das Defizit an Pferdeställen für die Funktionsfähigkeit unserer Verkehrsinfrastruktur.

Er ist zum ideologischen Konstrukt geworden. Hier spiegelt sich die Veränderung im kulturellen Selbstverständnis dieser Gesellschaft wieder. Bei Rudzio gibt es durchaus einen zarten Hinweis, was damit gemeint ist.

“Und der Dortmunder Statistikexperte Walter Krämer kürte gemeinsam mit zwei anderen Professoren solche Armutszahlen kürzlich sogar zur »Unstatistik des Monats«. Gemessen werde bei dieser Methode nämlich keine Armut, sagt Krämer, sondern Ungleichheit.”

Genau darum geht es in modernen Ökonomien. Um die Messung von Ungleichheit. Tatsächlich ist diese Gesellschaft so reich, dass niemand arm sein muss: Weder absolut, noch relativ. In der Nachkriegszeit gab es dafür durchaus ein Bewusstsein. Nämlich die Teilhabe aller Bürger am gemeinsam erwirtschafteteten Sozialprodukt sicherzustellen – und das auf einem wesentlich geringeren Produktivitäts- und Leistungsniveau der Volkswirtschaft. Armutsvermeidung war spätestens mit der Rentenreform von 1957 nicht mehr das Ziel der Sozialpolitik gewesen. “Wohlstand für alle” zwar bei Erhard eine Phrase gewesen, aber gleichwohl die Richtschnur politischen Handelns aller maßgeblichen politischen Parteien. Wer das heute noch weiß, ist Sahra Wagenknecht. Ansonsten wohl weitgehend vergessen, etwa bei Rudzio. Er ist dafür im Banne jener Logik gefangen, die den “Wohlstand für alle” als das entscheidende Hindernis für den Arbeitsmarkt betrachtet. Es fehlten dann jene Arbeitsanreize, die erst die Drohung mit der Armut sicherstellen kann. Bei Neoliberalen ist daher die Armutsvermeidung das einzige Kriterium für sozialstaatliche Effizienz – und zur Legitimation der ansonsten verabscheuten Umverteilungspolitik. Erst an der Grenze zur Armut funktioniert der Arbeitsmarkt. Ansonsten wird der Sozialstaat bis heute als soziale Hängematte betrachtet.

Der Begriff “relative Armut” macht nur vor diesem Hintergrund Sinn. Er ist nichts anderes als das Ergebnis einer neoklassischen Arbeitsmarkttheorie – und damit eine ideologische Krücke zur Delegitimierung sozialstaatlicher Arrangements gewesen. Übrigens kann man wie 1957 vor allem im Rentensystem die Folgen dieser Delegitimierungsstrategie erkennen. Nur ging es damals positiv um Teilhabe, während es heute negativ nur noch um Amutsvermeidung geht. Das in einer Volkswirtschaft, die noch nie so reich gewesen ist wie heute. Deshalb wird sich auch im Rentensystem entscheiden, wie sich diese Gesellschaft in Zukunft entwickelt. Mit Teilhabe als Leitmotiv  – oder Armutsvermeidung und dem neoliberalen Rätsel, was darin “relative Armut” sein könnte. Die Besoldung der Bundeskanzlerin orientiert sich übrigens an den Grundsätzen der Beamtenversorgung. Denen ist vom Staat für die Erfüllung ihrer Dienste eine angemessene Lebensführung zu ermöglichen.

“Das Alimentationsprinzip verpflichtet den Dienstherrn den Beamten und seine Familie lebenslang angemessen zu alimentieren und ihm nach seinem Dienstrang, nach der mit seinem Amt verbundenen Verantwortung und nach Maßgabe der Bedeutung des Berufsbeamtentums für die Allgemeinheit entsprechend der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse und des allgemeinen Lebensstandards einen angemessenen Unterhalt zu gewähren. Der Beamte muss über ein Nettoeinkommen verfügen, das seine rechtliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit gewährleistet und ihm über die Grundbedürfnisse der Lebenshaltung hinaus im Hinblick auf den allgemeinen Lebensstandard und die allgemeinen Verbrauchs- und Lebensgewohnheiten einen im Ergebnis amtsangemessen Lebenskomfort ermöglicht. Dabei ist die allgemeine wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung zu beachten.”

Sie orientiert sich weder an Sparkassendirektoren, noch an Fußballern oder Schlagersängern, sondern an dem “allgemeinen Lebensstandard”. Eben auch von Rentnern, prekär Beschäftigten oder Arbeitslosen. Insofern ist die Vergütung der Bundeskanzlerin als angemessen zu betrachten, obwohl sie in der Perspektive von manchen Leuten sogar als “relativ arm” gelten könnte. Aber das wird Steinbrück nicht gemeint haben. Er wird sich jetzt um die Hebung des allgemeinen Lebensstandards kümmern. Da sind wir uns sicher.

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Reinhard Januar 3, 2013 um 15:41

Ach, der relativ arme Steinbrück! Was hat er da nur angerichtet :)

Wobei er ja mit zu denen gehört, die aus der SPD die Spezielle Partei Deutschlands gemacht haben, wo mehr als nur die bloße Existenzsicherung (Du atmest, Dein Herz schlägt, was willst Du denn noch?) plötzlich Sozialschmarotzertum war. Wo das angebliche “Fördern & Fordern” der neuen Speziellgesetzgebung in der Wirklichkeit der Arbeitslosenverwaltungsagenturen nur das “Fordern” übrig geblieben ist. Es ist traurig und auch bezeichnend für den Zustand der SPD, dass jemand wie Steinbrück allen Ernstes mit großer Mehrheit an die Spitze der nächsten Bundestagswahl gesetzt wurde.

Jedes Mal, wenn ein Steinbrück-Befürworter aus der Parteibasis sich über die ach so schlimme TeaParty-Bewegung in den USA aufregt, wo sich Leute für eine Politik engagieren, unter der sie nur Verlierer sein können, muss man ihm nur einen Spiegel vorhalten.

topi Januar 3, 2013 um 15:44

Was für ein Schmirfink, dieser Rudzio.

Seine “Harte Beweisführung” läuft über die gesunkenen Hartzer-Zahlen der letzten Jahre.

Es gibt drei Möglichkeiten:

* entweder, er ist so jung un dhat keine Ahnung, wie stark Kosten für die normale Lebensführung in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind, weil massiv staatliche Leistungen zurückgefahrne werden un ddafür massiv kommunale “Gebühren” und sonsiges Gedöns angehoben wird, und wie die gemessene Durchschnittsinflationsrate in der Lebenswirklichkeit von Haushalten mit kleinem Einkommen einschlägt

** er verdient soviel Kohle, dass das aus seiner perspektive gar keine Rolle spielt, er eben durch die Eichelsche Steuerschenkung netto wirklich Plus gemacht hat (die meisten haben das nur gefühlt, weil sie nicht rechnen können)

*** er ist der typische Systemrechtfertigungsschreiberling (oder man nimmt den Fachbegriff von Systemfrager :roll: )

topi Januar 3, 2013 um 15:53

Hehe, der Kolja hat kürzlich erst einen Artikel geschrieben, in dem er das “Massenphänomen Minijob” anprangert.
Dadurch werden reguläre Jobs verdrängt, das geht ja wohl nicht.

Ach!
Aber es gibt doch gar keine Armut, was hat er denn? :roll:

topi Januar 3, 2013 um 15:57

Der gemeine Mensch entwickelt ja beständig Strategien, um kognitive Dissonanz zu vermeiden. Da ist für den Systemschreiberling, der mit dem Breilöffel neoliberale “Wahrheiten” eingetrichtert (darf man mit einem Löffel trichtern? na besser als bläuen, oder?) wurden, und der natürlich nur unter Verinnerlichung und Außenvertretung dieser Wahrheiten zum Redakteur bem QUalitätsmedium aufsteigen konnte, viel zu tun, angesichts des offensichtlichen Platzens der Illusionsblase konservativer/klassischer/neoklassischer/liberaler/neoliberaler Wirtschaftswahrheit.

Da muss man schon jeden STrohhalm greifen!

Ja, das versteht doch jeder, Minijobs zur Verdrängung von Normaljobs sind schlecht.
Aber relative Armut gibt es nicht, die sollen doch froh sein, wenn sie mit ihrem Minijob Hartzt kriegen, un dmal nach Nordafrika schauen.

topi Januar 3, 2013 um 16:00

Dazu noch eine Anekdote von meiner Zukunfts-Managerin-Mitfahrerin: also die Bahn und so, das muss schon privatisiert werden, dan nsinken schließlich die Preise und es gibt mehr ANgebote (wie sie mit einer Bahninfrastrukturfinanzierung auch nur ansatzweise auf Kilometerkostenvon 5 Cent wie bei der MFG kommen will, wollte sie lieber nicht be-denken);

aber es ist doch toll, dass man in Paris die Dreimonatskarte fürs Schwimmbad für nen Zwanni kriegt.

Jaja. :roll:

f.luebberding f.luebberding Januar 3, 2013 um 16:01

topi

Deshalb würde ich auch Rudzios Beitrag als Ausdruck von Verwirrung betrachten. Ich brauchte auch erst eine gewisse Zeit, um zu verstehen, worum es bei dem Thema eigentlich geht … .

Der Hinweis auf die realen Einkommensverluste bei niedrigen Einkommen durch den Strukturwandel in der Steuer- und Abgabenpolitik ist wichtig. Fehlt in meinem Text.

Eagon Januar 3, 2013 um 16:10

Schöner Artikel.

Um Menschen wie Steinbrück von der Politik abzuhalten genügt nicht die Senkung des Einkommens.

Er kompensiert dann durch noch mehr Abwesenheit aus den Gesetzfindungsprozessen.

Hardy Januar 3, 2013 um 16:11

@topi:

“aber es ist doch toll, dass man in Paris die Dreimonatskarte fürs Schwimmbad für nen Zwanni kriegt.”

hmmm…ich habe ja doch einige Jahre dort gewohnt, aber ein solches Schwimmbad war mir nicht bekannt. Wir bekamen über unseren (großen!) Arbeitgeber verbilligte Karten zu 1,60 € pro Besuch, das wars aber schon.

Hardy Januar 3, 2013 um 16:13

Zu Steinbrück:
Dann soll er doch Sparkassendirektor werden, wenn das Einkommen so wichtig für ihn ist. Manchmal muss man mit kleinen Kindern einfach wie mit kleinen Kindern reden.

topi Januar 3, 2013 um 17:00

Hardy

Arbeitgeber klingt jetzt weniger nach Studententarif?

Merkel hat ja mal gesagt, sie findet es in Ordnung, dass ein japanischer Topmanager das Zwanzigfache des Normalangestellten kriegt.

Aber das ist jetzt wohl nicht auf die Politik übertragbar? :roll:

(Und von der SPesenrechnung schweigen wir mal lieber; sonst kommen VW oder Ergo oder co noch auf Ideen.)

14 Januar 3, 2013 um 17:01

Wer arm ist, bestimme ich. Basta! Wär ja noch schöner, wenn es im neoliberalen Saustall dafür noch “objektive” Kriterien gibt. Ich höre die Hohnspreizer nach dem neoliberalen Äon (heute noch €.on) schon heute wie weiland Sepp Herberger sagen: Wenigstens X.. (€uro)Jahre gut gelebt..

Treidelstein Januar 3, 2013 um 17:31

Mal wieder Gelegenheit, zu Misiks Rezension von Wilkinson/Pickett zu verlinken:

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/der-soziologe-richard-wilkinson-und-die-medizinerin-kate-pickett-belegen–dass-gerechtere-gesellschaften-fuer-alle-gut-sind-mehr-gleichheit-macht-gluecklich,10810590,10704284.html

Das neoklassische Arbeitsmarktmodell geht ja übrigens davon aus, daß das Arbeitsangebot mit sinkenden Löhnen immer sinkt. Da der Arbeitsmarkt aber kein Gemüsemarkt ist, stimmt das so wohl nicht: Sinkende Löhne können gar zur Ausweitung des Angebots führen. Für Niedriglohn mehr schuften, um über die Runden zu kommen. Da geht Norbert Häring in “Markt und Macht” drauf ein (es folgt dann noch eine umfassendere Kritik des arbeitsmarkttheoretischen Mainstreams). Und auch die Empirie spricht dafür: Bei Vollzeitjobs im Niedriglohnbereich liegen die realen Arbeitszeiten weit über dem Durchschnitt, sinnigerweise ungefähr so hoch wie am anderen Ende der Einkommensskala bei Top-Angestellten.

Was die Bezahlung von Politikern angeht, so teile ich nicht die Ansicht des Blog-Mainstreams. Das ist ein Principal-Agent-Problem, und eine meritokratische Betrachtungsweise (was leisten Politiker?) führt da m.E. ebenso in die Irre wie eine irgendwie am Durchschnitt orientierte “Angemessenheits”betrachtung. Die Bezahlung von Politikern muß sich an dem Schaden messen, den sie bei Korruptheit anrichten können. Also von mir aus Diäten und Ministergehälter verdoppeln oder verdreifachen. Aber strikte Begrenzung und absolute Transparenz bei Nebeneinkünften sowie lange Karenzzeiten vor dem Wechsel in Top-Jobs in der Privatwirtschaft. Auch die Annahme von großen Berater-Honoraren nach dem Politikerjob gehört natürlich verboten. Solche Karrieren wie die von Florian Gerster dürfen nicht möglich sein. Und das juristische Verständnis von Amtsmißbrauch kann ruhig weiter gefaßt werden; die Verantwortlichen für den Berliner Bankenskandal 2001 hätten sich ruhig mal für eine Weile eine JVA von innen anschauen sollen.

Korruption hart ahnden, aber die Leute auch sehr gut bezahlen. Eine funktionierende Demokratie kann ruhig was kosten, eine korrupte und lobbyistisch durchseuchte Scheindemokratie kommt das Gemeinwesen am Ende noch teurer zu stehen.

14 Januar 3, 2013 um 17:38

Herr Steinbrück , machen Sie bitte mal eine typische Handbewegung..

http://www.youtube.com/watch?v=a5iRWFvI7CM

topi Januar 3, 2013 um 17:56

@ Treidelstein

Empirisch ist das ziemlich gut abgesichert, die “anormalen” Bereiche im Arbeitsangebot. Unten aus schierer Not (oder Lebensstandardhaltung), Erhöhung der STunden bei sinkenden Löhnen, und oben eine Reduzierung der Stunden bei steigendem Stundenlohn, weil man es einfach nicht mehr braucht. Für viele Positionen “oben” stellt sich allerdings diese Frage gar nicht, auch heute ist Teilzeitmanagen noch außerirdisch. (Man denke an den Mutterschutz von Siggi); nimm den Job zu den Bedingungen, oder lass es.

Insofern kann man statt von einer normalen ANgebotskurve auch von einer quasi senkrechten ausgehen (oben und unten sind ja relativ, wie die Armut).

Bei der Arbeitsnachfrage sieht es ja auf den ersten Blick erstmal nach einer ganz klassischen Beziehung aus: niedriger Lohn, höhere Nachfrage nach Arbeitsstunden.

Für die Volkswirtschaft gilt das natürlich nicht; Knackpuntk sind die Absatzerwartungen, wenn die sinken, sinkt die Arbeitsnachfrage, und wie uns die Fiskalklippdiskussion lehrt, weiß auch jeder mainstreamer um den Effekt (vergisst ihn nur geflissentlich, wenn es nicht um die Amis geht) : sinkende Löhne senken die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.

Ja, die klassische Gleichgewichtsbetrachtung ist schon ein Spaß. Betriebswirte versuchen sich in VWL, in dem sie bwl-Kurven aufsummieren.

Oder in dem sie Risikoberechnungen für einzelne Kreditverträge zu allgemein berechnbaren Finanzprodukten aggregieren. :roll:

topi Januar 3, 2013 um 18:02

Der genickbruch für die Klassik (und allem drauf aufbauendem Gedöns) ist allerdings schon das Saysche Theorem.

Wie unser aller dünner Schatten freimütig einräumt, ist dies Bullshit, beim Geldeinnehmen geht es ab Punkt X nicht ums Geldausgeben sondern ums Geldvermögen anhäufen.

Damit scheitert allerdings der gesamte Gleichgewichts-Kram schon an der Basis. Die saldenmechanisch zwangsweise Krisenzuspitzung durch Überschussschulden/-geldvermögen versteht dann wirklich jeder, der sich nicht in Behauptungen versteigt, dass ja die Einkommensüberschüsse (über die realen Ausgabewünsche) beständig wechseln.

Na klar, nächstes Jahr verdienen die Hartzer die Kohle und verleihen sie an Familie Quandt. :roll:

topi Januar 3, 2013 um 18:04

Treidelstein

Zur EInkommenshöhe: das kann man so sehen und begründen.

Allerdings lohnt sich ein Blick in die Medizin. Betrachte den Arzt als Kaufmann, und er wird soch so verhalten, und schamlos sein EInkommen maximieren; koste es die Kasse, was es wolle.

f.luebberding f.luebberding Januar 3, 2013 um 18:19

Treidelstein

Für die Neoklassiker ist die entscheidende Benchmark der Lohn, der de facto über Sozialtransfers gezahlt wird. Sie gehen davon aus, dass niemand unter diesem Vergleichslohn arbeiten gehen wird – und daher Arbeitsplätze mit niedriger Produktivität nicht mehr angeboten werden. Wenn ich den Referenzlohn des Sozialstaats senke, werde ich den Effekt haben, dass die Arbeitslosigkeit zurückgehen wird, weil die Unternehmen diese Arbeitsplätze auch wieder anbieten können. Nur wenn diese Voraussetzung fehlt, werden niedrige Löhne keine positiven Arbeitsmarkteffekte haben. Das war auch das Ziel der Deregulierung des Arbeitsmarktes und der Einführung von ALG 2. Der Denkfehler daran ist nicht die These, dass solche Anreize keine Wirkung haben (das ist nun wirklich Unsinn), sondern die mit der Agenda 2010 hegemonial gewordene Vorstellung, dass der Arbeitsmarkt wie der Gemüsemarkt funktioniert. Also allein der Preis der Ware Arbeit für die Dynamik entscheidend ist. Nur entstehen Arbeitsplätze eben aus Investitionen, also den Absatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen. Allein wegen niedriger Löhne wird niemand investieren, sonst gäbe es in Griechenland schon lange einen Boom. In der Situation des Jahres 2003 war die Agenda 2010 nicht unplausibel: Deutschlands Industrie hatte mit den Spätfolgen der Einheit, der Euro-Einführung, der Marktöffnung vor allem nach Osteuropa zu kämpfen. Das Problem war nicht die Anpassung, sondern eine Ideologie, die nicht den Sozialstaat an sich tatsächlich verändernde Bedingungen anpasste, sondern überhaupt nicht mehr verstand, wie Arbeitsmärkte im Kapitalismus funktionieren – und stattdessen nur noch mit dem Gemüsemarkt-Modell operierte. Im Grunde war es der Abschied von jeder Makroökonomie, die nicht dieses Modell gewesen war. Und unter heutigen Bedingungen kann ich nicht erkennen, welchen Nutzen es noch haben soll, daran festzuhalten. Kurioserweise ist der ökonomische Schaden ja viel größer als jeder denkbare Nutzen, wenn man dauerhaft wie wir unter unseren Verhältnissen lebt … .

14 Januar 3, 2013 um 18:21

Hören..Sagen..

Herr Sarah4Szene, machen Sie doch bitte mal eine typische Handbewegung..

http://www.youtube.com/watch?feature=endscreen&v=0QVzQjBXP1Q&NR=1

holger Januar 3, 2013 um 18:34

—>>> Nur entstehen Arbeitsplätze eben aus Investitionen, also den Absatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen. Allein wegen niedriger Löhne wird niemand investieren, sonst gäbe es in Griechenland schon lange einen Boom. ”

Ach… was sage ich denn schon lange? Wenn man sich die Entscheidung von Investoren anschaut (Marktanalyse) wird wohl Ferrari nicht in den GR Markt investieren. Es sei denn sie nutzen die Billiglöhne (Und DE ist ein Billiglohnland, billiger als China im Verhältnis) um zu Exportieren.

Aber sie Exportieren nur dahin, wo Rendite erzielt werden kann. Sonst hat der Investor einen an der Waffel.

DE ist das beste Billiglohnland der Welt geworden, sieht man sich Ausbildung und Infrastruktur an.

Nur die Affen hier, pfeifen auf dem letzten Loch.

—>>> Kurioserweise ist der ökonomische Schaden ja viel größer als jeder denkbare Nutzen, wenn man dauerhaft wie wir unter unseren Verhältnissen lebt …”

Genau richtig.

Hauke Januar 3, 2013 um 18:51

@Frank Lübberding (Januar 3, 18:19)

Guter Kommentar! Die Frage ist, wenn Arbeit kein Ungut und Freizeit kein Bad ist, und wenn der Arbeitsmarkt nicht den Mechanismen/der Logik eines Gemüsemarktes folgt, was ist dann Arbeit, wie biden sich Angebot und Nachfrage, wie funktioniert der Arbeitsmarkt und wie ist der Arbeitsmarkt mit den Güter- und Geldmärkten verbunden?

“Nur entstehen Arbeitsplätze eben aus Investitionen, also den Absatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen.”

Die Absatz und Gewinnerwartungen der Unternehmen waren nach den Arbeitsmarktreformen exzellent. Nur hat das keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen. Das Niveau der insgesamt geleisteten, konjunkturbereinigten Arbeitsstunden ist in D seit 2000 konstant, bei steigender Erwerbstätigenquote und sinkenden Löhnen. Leider werden wir nie wissen, ob es ohne Deregulierng des Arbeitsmarktes gesunken wäre.

holger Januar 3, 2013 um 19:24

Aber mal sehen, was die 3 Cent Briefmarke für Makro Auswirkungen hat. Das kann doch bestimmt ein Top-Experte aus der VWL diagnostizieren nicht war @Topi ;-)

In diesem Land ist grundsätzlich alles möglich.

holger Januar 3, 2013 um 19:28

Genau diese 3 Cent Briefmarke kaufe ich mir. Denn sie zeigt genau das Dilemma auf, in dem wir uns befinden.

Sie steht Symbolisch für die Idiotie… Mag zwar politisch korrekt sein, auch Verfassungsmäßig treu. Aber was Schwachsinn ist, kann man auch als Schwachsinn bezeichnen.

Hartmut Januar 3, 2013 um 21:12

sorry, Merkel, Steinbrück etc. sind keine Berufsbeamten….sondern Wahlbeamte, nur mal so ein kleiner Hinweis .

BB Januar 3, 2013 um 21:53

Im Dezember kippt die Konjunktur, und im Januar wissen sie schon, “dass sich der Arbeitsmarkt stabil zeigt” (ZDF) .

BB Januar 3, 2013 um 22:01

Übrigens weiß der Systemling “Kleber” das, obwohl die Arbeitslosenzahl im Dez. dieses Jahres höher liegt, als im Dez. letzten Jahres.

(Aber dann finden Sie irgendeine Zahl, die man vermeindlich gut verkaufen kann – z.B. noch nie waren so viele Menschen in schlecht bezahlter Teilzeit- Arbeit – um die Neoliberalen wieder ganz toll aussehen zu lassen. Die Agenda 2010 ist heilig).

f.luebberding f.luebberding Januar 3, 2013 um 22:06

Hartmut

Sie sind noch nicht einmal Wahlbeamte. Die Abgeordnetenbesoldung orientiert sich nur an die der Beamten, bei MdBs ist das ein Richter an einem Bundesgericht.

Eagon Januar 3, 2013 um 22:08

2013 wird das Jahr der grossen Hündin.

Die Schafe werden sie wählen!

Da ändert keine Vernunft was dran.

Das eine oder andere Schwein wird moralisch zucken, wie 2012.

Aber es wird weiter das eine oder andere Trüffel von der grossen Hündin bekommen, für die Schweine geben.

Alles wie gehabt.

Moral lohnt sich.

wowy Januar 3, 2013 um 22:20

@fl
Wir wollen doch mal schön zwischen Exekutive und Legislative trennen :-)
http://www.gesetze-im-internet.de/bming/__11.html
http://www.gesetze-im-internet.de/abgg/__11.html

Frankie Bernankie Januar 3, 2013 um 22:46

@hauke

“Das Niveau der insgesamt geleisteten, konjunkturbereinigten Arbeitsstunden ist in D seit 2000 konstant, bei steigender Erwerbstätigenquote und sinkenden Löhnen.”

Das verstehe ich nicht: was soll eine “konjunkturbereinigte” Betrachtungsweise?
“Konjunktur” ist doch immer, entweder eine gute oder eine schlechte; Beschäftigung ist ja geradezu die Konsequenz von Konjunktur in ihrer jeweiligenAusprägung.- wie kommt man dann dazu, diese rausrechnen zu wollen, und dann auch noch zu glauben, das Ergebnis ( wieder mal eine ceteris-paribus-Kunst-Kennzahl ) hätte Aussagekraft?!

Jedesmal diese Neoklassik-Falle: immer auf der Suche nach einem Gleichgewicht, und wenn es eine gedachte Beschäftigung in einem konjunkturfreien Raum ist.

Kapitalismus – ist – boom – und – bust – und – nichts – anderes!

Frankie Bernankie Januar 3, 2013 um 22:51

@hauke

“Leider werden wir nie wissen, ob es ohne Deregulierung des Arbeitsmarktes gesunken wäre.”

Ja, eben, genau!
Des VWL-lers Leiden: leider wissen wir nicht, wie sich die realität entwickelt hätte, wenn sie sich anders entwickelt hätte.

Stephan Januar 3, 2013 um 23:11

@FL
‘Der Begriff der “relativen Armut” ist daher für die deutsche Debatte so zielführend, wie das Defizit an Pferdeställen für die Funktionsfähigkeit unserer Verkehrsinfrastruktur.’

Ich weiß nicht. Das überzeugt micht nicht so wirklich. Die Messung von Ungleichheit ist ein sehr sehr unscharfer Begriff. Unsere neoliberalen Freunde haben echt eine Begabung Debatten rhetorisch zu entschärfen. Danach können wir ja auch die Ungerechtigkeit zwischen 1% und 0,01% der Top-Vermögenden in Deutschland mal thematisieren.

Folkher Braun Januar 4, 2013 um 03:33

Bester Stephan:

Nix ist unscharf. Vor 22 Jahren war ich im Schichtdienst (EN283- Wechselbrücken) beim Kraftverkehr Bayern für 4,4 Kilodeutschmarks unterwegs. Aktuell wird für dasselbe Geschäft bei Subbies von S.C. Henker für die Fahrertätigkeit 1200 Euro geboten. Will sagen: unterhalb der restverbliebenen Alt- Tarifverträgen steppt die Marktwirtschaft. Das wollen bestimmte Kreise hier nun mal so. Dann fahrt mal fröhlich über die Autobahn, denn Ihr seid ja völlig sicher, dass die in den 40 – Tonnern rechts alle gut ausgebildet, ausgeschlafen und bezüglich überholende Pkw defensiv eingestellt sind.

Hauke Januar 4, 2013 um 08:38

Frankie Bernankie, weil es bei H4 um die Senkung der Sockelarbeitslosigkeit ging, d.h. Senkung der friktionellen und strukturellen Arbeitslosigkeit, und um die Hebung der Arbeitskräftereserve durch Absenkung des Reservationslohns. Ist die Maßnahme erfolgreich, so ist zu erwarten, dass die Zahl geleisteter Arbeitsstunden zunimmt und, bezüglich der friktionellen AL, die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosgikeit sinkt. Sinnvoll (i.S, von aussagefähig) kann dieser Vergleich bezüglich der Sockel-AL aber nur angestellt werden nach Bereinigung der Anzahl der Arbeitsstunden um konjunkturelle Schwankungen. Der von Dir konstruierte Zusammenhang mit der Neoklassik leuchtet mir nicht ein.

Hauke Januar 4, 2013 um 08:53

@Frankie Bernankie

“Des VWL-lers Leiden”

Das Leiden aller Sozialwissenschaftler ist, dass sie die Welt als ihr Experimentierfeld nehmen müssen, ohne die Bedingungen kontrollieren zu können.

Frankie Bernankie Januar 4, 2013 um 09:10

@Hauke

“Der von Dir konstruierte Zusammenhang mit der Neoklassik leuchtet mir nicht ein.”

Bezog sich nicht auf eine politische Wertung, sondern mich erinnerte diese Kennzahl einer “konjunkturbereinigten Beschäftigung” an die Neigung neoklassischer Ökonomen, sich ein “Gleichgewicht” herzukonstruieren, das um das das ökonomische Geschehen herumscharwenzelt und auf das Einzupendeln das natürliche Bestreben jeglicher wirtschaftlicher Akteure wäre ( siehe auch “Auenland-Ökonomie” :-) ).

Insofernwar der Brückenschlag von Deiner Arbeitsstunden-Statistik zum Neoklassik-Gleichgewichtsbashing zugegebenermassen ein kühner, aber das zeichnet diesen blog doch aus – das freie Assoziieren freier Assoziierter, oder?

Gutes neues Jahr noch.

Hauke Januar 4, 2013 um 09:42

Frankie Bernankie

Danke, das wünsche ich Dir auch!

Eagon Januar 4, 2013 um 11:36

Wer hätte das gedacht. In Deutschland wird alle 68 Minuten eine Frau vergewaltigt in Indien alle 18 Stunden.

Ist Frau Merkel zu feige?

topi Januar 4, 2013 um 15:48

Eagon

Man kann ja diskutieren, ob das Thema Vergewaltigung in Deutschland ausreichend diskutiert wird.

Aber die kolportierten 600 Vergewaltigungen in Indien als die Gesamtzahl zu erachten, ist reichlich, pardon, dämlich.

Zum einen sind das nur die Zahlen für Delhi, in ganz Indien sind es angezeigte Vergewaltigungen im 20-Minuten-Takt.

Und die DUnkelziffer wird ein vielfaches betragen; schließlich wurden in Delhi 750 Männer festgenommen, allerdings nur einer verurteilt.
Wie eine solche Quote und vor allem der dahinterstehende Umgang mit Vergewaltigern (und den Opfern) auf das Anzeigeverhalten wirkt, kann man sich ausmalen.

Carlos Manoso Januar 4, 2013 um 16:24

@topi Januar 4, 2013 um 15:48
„Aber die kolportierten 600 Vergewaltigungen in Indien als die Gesamtzahl zu erachten, ist reichlich, pardon, dämlich.
Zum einen sind das nur die Zahlen für Delhi, in ganz Indien sind es angezeigte Vergewaltigungen im 20-Minuten-Takt.
Und die DUnkelziffer wird ein vielfaches betragen; schließlich wurden in Delhi 750 Männer festgenommen, allerdings nur einer verurteilt.“

Die Dunkelziffer in Indien muß gigantisch sein.

Vor einigen Jahren geriet ich in Kalkutta in ein Viertel, wo ein ganz spezielles Marktmodell praktiziert wurde. Die bis Einbruch der Nacht an Hunger gestorbenen Leichen junger Frauen wurden auf einem Straßenbürgersteig abgelegt und ihre toten Körper wurden dort minutenweise zur Penetration an notgeile mittellose Inder vermietet, die weniger als umgerechnet 1 Cent per Penetration investieren konnten.

Habnix Januar 4, 2013 um 17:03

Wenn einer viele Berater und Anwälte hat, klar dann muss er mehr verdienen Er oder Sie hat auch so viel Verantwortung.

topi Januar 4, 2013 um 17:11

Hauke

“Die Absatz und Gewinnerwartungen der Unternehmen waren nach den Arbeitsmarktreformen exzellent.”

War das so?

Womit begründet man denn die excellenten Absatzerwartungen bei flächendeckendem Lohndruck?

” Nur hat das keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen.”

Da scheinen also die Absatzerwartungen doch nicht so excellent gewesen sein wie die Gewinnerwartungen.
Ich jedenfalls habe entsprechend meiner Absatzerwartungen investiert, das könnte man wohl durchaus auch verallgemeinern.

” Das Niveau der insgesamt geleisteten, konjunkturbereinigten Arbeitsstunden ist in D seit 2000 konstant, bei steigender Erwerbstätigenquote und sinkenden Löhnen. Leider werden wir nie wissen, ob es ohne Deregulierng des Arbeitsmarktes gesunken wäre.”

Als ob die Anzahl der geleisteten Arbeitssunden ein Wert an sich ist.

200 Milliarden werdens wohl dieses Jahr sein, die in sAusland verschickt werden; erwirtschaftet in vielen Arbeitsstunden von vielen Menschen, die bunten Zettelchen als Gegenleistung erfreuen eine Minderheit, und die Mehrheit darf dann auch noch “retten”, wegen Systemrelevantheit der Zettelaufbewahrer.

Knapp 8 Prozent BSP klingt ja noch nicht sooo viel.

Man muss das aber einordnen, es ist ja nur ein kleiner Teil des hier brutto Wertgeschöpften überhaupt exportierbar. Staatsleistungen, die meisten Dienstleistungen, die meisten Handwerksleistungen sind nicht exportierbar.
Selbst in Industrie und Landwirtschaft oder Bergbau etc. gibt es Bereiche, die nur im Binnenmarkt denkbar sind.

Bei dieser Betrachtung sieht man, wie hoch der Exportüberschuss ist. Die dort geleisteten Arbeitsstunden kann man genau so gut lassen.

Oder man setzt sie ein, um den realen Wohlstand hier zu mehren, statt Guthaben für eine Minderheit. Die das Ende des Schuldenzyklus’, der auch schleichend erfolgen kann, ohnehin nur arg geruoft überleben werden (gemessen an einem breiten Warenkorb gebe ich heutigem Geldvermögen auf Zehnjahresfrist vielleicht 30%, mit den Zinsen bis dahin).

Wilma Januar 4, 2013 um 17:17

Ein guter Beitrag von Stefan Laurin

http://www.ruhrbarone.de/veb-chefs-gehaelter-ausserhalb-des-marktes/
“Viele der Sparkassen und VEB-Chefs verdienen, da hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Recht, mehr als die Kanzlerin. Aber nicht das Gehalt der Kanzlerin ist der Skandal, sondern der Selbstbedienungsmenthalität der Parteien, wenn es um die Versorgung von Parteifreunden geht. Über die Höhe der Gehälter der VEB-Chefs sollte nun diskutiert werden – denn die bezahlen wir.”

Treidelstein Januar 4, 2013 um 17:52

@ Hauke – “Das Leiden aller Sozialwissenschaftler ist, dass sie die Welt als ihr Experimentierfeld nehmen müssen, ohne die Bedingungen kontrollieren zu können.”

Ja, die Sozialwissenschaftler leiden an manchem, u.a. auch daran, daß sie das, was sie messen wollen, meist nicht direkt messen können, weshalb sie auf Ersatzindikatoren zurückgreifen müssen… was dann oft dazu führt, daß sie gewohnheitsmäßig den verfügbaren Ersatzindikator für das Wesentliche erachten, das Erkenntnisinteresse also ungewollt von der einfachen Erhebbarkeit der Daten vorherbestimmt wird…

Die Summe der geleisteten Arbeitsstunden etwa ist so ein Fall… Man verzeihe mir den auf beiden Beinen hinkenden Vergleich… aber das ist ja so, als wolle man den Erfolg einer militärischen Operation an der Masse der verballerten Munition messen… Tonnenideologie nannte man das früher im Osten…

Was soll es für einen Sinn haben davon zu abstrahieren, unter welchen Bedingungen die Stunde abgeleistet wird, wieviel Stunden/Minuten angenehme Freizeit der Malocher mit einer Stunde Arbeit finanzieren kann und in welche Umfang die geleistete Stunde zur Finanzierung der Sozialsysteme beiträgt? Man nehme nur das obige Beispiel von @Folkher Braun: Ist eine Stunde Arbeit vorher genauso viel wert wie hinterher?

An der undifferenzierten Arbeitsvergötzung und der Freude am Schweißgeruch sind hierzulande die Pietisten schuld, die seinerzeit leider nicht alle nach Rußland ausgewandert sind… Ich meine, wollte man ein möglichst großes statistisches Arbeitsvolumen pro Störblicher, dann hätte man nicht extra die Hartz-Reformen einführen müssen. Dann wäre es am einfachsten gewesen, 1990 die BRD an die DDR anzuschließen und nicht umgekehrt.

Lina Januar 4, 2013 um 19:02

Ist Armut ein Zustand oder ein Prozess?

Sehr gute Lektüre zum Armutsbegriff
http://www.mynous.org/pdfIEblog/armut.pdf

Garfield Januar 5, 2013 um 00:34

Tatsächlich ist diese Gesellschaft so reich, dass niemand arm sein muss: Weder absolut, noch relativ.

sorry – aber wenn ich sowas les könnte ich jedesmal an die Decke gehn… in den letzten 10 Jahren noch mal vor der Tür gewesen?

Vermutlich nicht… daß Rentner verschämt Mülleimer nach Pfand durchwühlen und die Tafeln so gut besucht sind, liegt in unserm reichen Land auch nicht am Hunger – ist bloß die pure Geiz-Ist-Geil-Mentalität, die jeden Stolz vergessen läßt…
und die regelmäßigen Kältetoten – alles nur Extrem-Sportler und verrückte Naturliebhaber. Wenn die im Winter unbedingt draußen pennen wollen, selber schuld…

nein, Armut is hier nich. Hier leidet keiner an Hunger oder muß frieren…
Zumindest einigen Bloggern gehts in D allerdings viel zu gut.

topi Januar 5, 2013 um 09:44

Aber Garfield, Aussagenlogik.

Die Gesellschaft (also nicht jeder einzelne) ist so reich, dass niemand arm sein muss (also es doch tatsächlich Menschen gibt, die arm sind).

Der Satz ergäbe gar keinen Sinn, wenn man die Zustände, die du beschreibst, nicht sehen würde.

Hauke Januar 5, 2013 um 10:19

@Treidelstein, Topi

Eine objektive Beurteilung des Erfolges der Arbeitsmarktreform im Rahmen des Hartz-Konzepts hat ausschließlich unter Maßgabe ihrer Zielstellung zu erfolgen. Diese lautete (aus der Präambel des Abschlussberichts):

“Der Auftrag der Bundesregierung vom 22. Februar 2002 an die 15 Mitglieder der Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ war für jeden von uns mehr als ein aufreibender Nebenjob, dem wir uns aus bürgerschaftlicher Verantwortung für das Gemeinwesen gestellt haben. Die Arbeit am Bericht war eine persönliche Herausforderung, das seit vielen Jahren wuchernde gesellschaftliche Übel der Arbeitslosigkeit jenseits der festgefahrenen Diskussionsfronten mit innovativen und konsensfähigen Vorschlägen wirksam und nachhaltig anzugehen.”

Das Ziel der Arbeitsmarktreformen bestand nicht darin, Arbeitsbedingungen zu verbessern, Lohneinkommen zu erhöhen, positive Leistungsbilanzsalden zu verringern, den “Wert” einer geleisteten Arbeitsstunde “an sich” zu steigern oder den Anteil, den eine geleistete Arbeitsstunde zur Finanzierung der Sozialsysteme beiträgt, zu erhöhen. Deshalb sind alle diese Kriterien für die Beurteilung des Erfolges der Maßnahmen zur Modernisierung des Arbeitsmarktes irrelevant. Man kann natürlich zu Recht die Frage stellen, ob die Zielstellung des Maßnahmenpaketes den Anforderungen an eine umfassende Arbeitsmarktpolitik gerecht wird. Das war hier aber nicht die Frage, sondern (Zitat F.L.):

“Wenn ich den Referenzlohn des Sozialstaats senke, werde ich den Effekt haben, dass die Arbeitslosigkeit zurückgehen wird, weil die Unternehmen diese Arbeitsplätze auch wieder anbieten können. Nur wenn diese Voraussetzung fehlt, werden niedrige Löhne keine positiven Arbeitsmarkteffekte haben. Das war auch das Ziel der Deregulierung des Arbeitsmarktes und der Einführung von ALG 2. (…) Nur entstehen Arbeitsplätze eben aus Investitionen, also den Absatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen.”

Darauf habe ich mich bezogen. Ökonomen betreiben keine “undifferenzierte Arbeitsvergötzung” und sehen in der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden keinen “Wert an sich”. Meines Erachtens ist dies vielmehr die Projektion eines wenig reflektierten und undifferenzierten Verständnis in Teilen der Wählerschaft, die von der Politik erfolgreich aufgegriffen wird. Was hingegen Ökonomen schon immer bewegt hat, sind Ursachen und Lösungsansätze für das Phänomen unfreiwilliger Arbeitslosigkeit, und Wege, das Potential unfreiwillig ungenutzter Ressourcen auszuschöpfen, um den Wohlstand Aller zu erhöhen (mit Arbeit als Mittel zum Zweck!).

@Topi

In 2000 betrug die Lohnquote 72%, in 2007 betrug sie 66%. Entwicklung der Unternehmensgewinne und Einkommen aus selbständiger Tätigkeit findest Du in der VGR. Die Steigerung der Unternehmensgewinne ist eine empirische Tatsache. Wenn diese Unternehmensgewinne nicht zu Investitionen und Arbeitsplätzen geführt haben, dann muss es wohl noch andere Voraussetzungen geben, außer Gewinn- und Absatzerwartungen.

topi Januar 5, 2013 um 10:25

Hauke

“Wenn diese Unternehmensgewinne nicht zu Investitionen und Arbeitsplätzen geführt haben, dann muss es wohl noch andere Voraussetzungen geben, außer Gewinn- und Absatzerwartungen.”

Na dann frag mal den Betriebswirt. :roll:
Gestiegene Gewinne können auf gestiegenem Absatz beruhen, oder auf gestiegenem Umsatz ohne gestiegenen Absatz (Preis), oder auf gesunkenen Kosten.

Lohnsenkungen führen wozu? Natürlich zu Gewinnsteigerungen, aber nicht zu Absatzsteigerungen im Land. Wahrlich keine Atomphysik. Und natürlich ablesbar an der Entwicklung des Einzelhandels in D.

Der ausgebliebene Investitionsboom ist also kein Mysterium,sondern logische Folge der Art der Gewinnerhöhung durch politische Maßnahmen.

topi Januar 5, 2013 um 10:47

Hauke

“Was hingegen Ökonomen schon immer bewegt hat, sind Ursachen und Lösungsansätze für das Phänomen unfreiwilliger Arbeitslosigkeit, und Wege, das Potential unfreiwillig ungenutzter Ressourcen auszuschöpfen, um den Wohlstand Aller zu erhöhen (mit Arbeit als Mittel zum Zweck!).”

Das ist gerade im Rahmen der deutschen Entwicklung seit Mitte der Achtziger, beschleunigt Ende der Neunziger, einfach nur Bullshit.

Um den Wohlstand Aller geht es keineswegs, sondern STeigerung der Gewinn- und Kapitaleinkommen einer Minderheit.
Und selbst wenn man das BSP insgesamt als Verteilungsgrundlage nimmt, wird offensichtlich, dass seit der ABkehr vom deutschen Modell der sozialen Marktwirtschaft ein deutlicher Abfall im Vergleich zum WOhlstandsniveau von vergleichbaren STaaten erfolgte.

Wenn nun irgendwelche objektiven Umstände, generelle Verdummung der Bevölkerung (also über das Normalmaß der Verdummung hinaus), Naturkatastrophen, Ende heimischer Rohstofffülle, Zusammenbruch der industriellen Basis, grassierende Faulheit der deutschen Arbeitnehmer, sonstwas, da wären, könnte man das damit erklären.

Nein, der relative Abstieg des deutschen Wohlstands, mittlerweile ja schon absolut nicht mehr in der Weltspitze, ist einzig und allein auf Eingriffe in die EInkommensverteilung zugunsten der Minderheit zurückzuführen.

Auf die 200 Milliarden verschenkten realen Wohlstandes dieses Jahr gehst du auch nicht ein.
Wenn ich Nachrichten des letzten Jahres anschaue, fehlen auf dem FLughafen, jener Philharmonie, diesem Bahnhof, hunderten Schwimmbädern, tausenden Schulen, ziug Universltäten, sonstwo, überall fehlen Realgüter.

Aber weg mit dem Scheiß ins AUsland, Hauptsache, ein kleiner Teil der Bevölkerung mehrt ihre Geldvermögen.

topi Januar 5, 2013 um 10:55

Hauke

“Ökonomen betreiben keine “undifferenzierte Arbeitsvergötzung” und sehen in der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden keinen “Wert an sich”. Meines Erachtens ist dies vielmehr die Projektion eines wenig reflektierten und undifferenzierten Verständnis in Teilen der Wählerschaft, die von der Politik erfolgreich aufgegriffen wird.”

Aha.
Wo ist denn das Modell “der Ökonomen”, hier muss man ja wohl den Mainstream aus den Politikberatungsbuden subsumieren, endlich die Dümmlichkeit zu beenden, die deutschen Sozialsysteme von Übeschußexportarbeitsplätzen abhängig zu machen?

Was emphiehlt denn der Mainstream für dieses Jahr?
Lohnsenkungen (relativ zu Produktiovität und Preissteigerung), um doch Arbeitsplätze zu erhalten. Koste es, was es wolle, sagt der Tonnenideologe. :roll:

Den “Teilen der Wählerschaft” geht es um ihr persönliches Auskommen.
Die Überhöhung der Arbeit hängt natüröich mit der Auskömmlichkeit der erzielbaren Einkommen zusammen.
Die Medien versuchen gerne, den “ehrlichen Hartzer” als Vorbild aufzutreiben, der sich nicht in die Hängematte legt, wie die ganzen faulen.

Dabei werden die zwei 400er-Nebenjobs, für die man mittlerweile oft Vollzeit arbeiten muss, nur abgerissenm damit Kind nicht zu sehr auffällt in der Konsumterrorgesellschaft.

Und nicht, weil man miesbezahlte Drecksarbeitsbedingungen für einen Wert erachtet.

topi Januar 5, 2013 um 10:59

Eins noch

“Was hingegen Ökonomen schon immer bewegt hat, sind Ursachen und Lösungsansätze für das Phänomen unfreiwilliger Arbeitslosigkeit, und Wege, das Potential unfreiwillig ungenutzter Ressourcen auszuschöpfen, um den Wohlstand Aller zu erhöhen (mit Arbeit als Mittel zum Zweck!).”

Dann war ja der Reichsarbeitsdienst von Adolf GröFaZ für “Ökonomen” echt der Hammer.

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