Sind Sprachnormen symbolische Maginotlinien?

by h.huett on 15. Januar 2013

Heute Morgen kam als Echo auf eine scharfe Diskussion zwischen Anatol Stefanowitsch, Christoph Kappes und mir ein etwas moderateres Gespräch zwischen Martin Lindner, Philippe Wampfler, Christoph Kappes und mir zustande, das ich mit Erlaubnis der Beteiligten hier dokumentiere.

Martin Lindner: nach 1 jahr fortgesetzte ebook-isierung meiner unveröffentlichten habilschrift http://martinlindner.pressbooks.com/ – und was finde ich bei Frisch? #Neger

Philippe Wampfler: Verwendet Frisch mehrfach. (Frisch war (latenter) Sexist und Rassist.)

Martin Lindner: uh, man ist mir mit dem R-wort zu schnell bei der hand. aber klar ist das nicht sauber. (übrigens geht es um “Frauen & Neger”.)

Philippe Wampfler: Frage mich, ob Zurückhaltung da angebracht ist. Bin sehr unsicher, schwer zu entscheiden.

Martin Lindner: Natürlich kann man solche Stellen, wenn man sie analysiert hat, klar bezeichnen. Frisch war in mancher Hinsicht A…loch.

Hans Huett: Die Frage, was der Autor für eine Person gewesen sein mag, hat mit seiner literarischen Bedeutung nichts zu tun.

Martin Lindner: ja klar, aber die literarische bedeutung hat ja auch nicht “er”, sondern die texte.

Hans Huett: Ich erwähnte das, weil gestern in einem Podcast einem gewissen Shakespeare ein kurzer Prozess gemacht wurde link: https://soundcloud.com/astefanowitsch/die-feinde-gerechter-sprache

Martin Lindner: und ich dachte, weil ich hier Max Frisch gestern nacht als “A…loch” bezeichnet habe ;)

Martin Lindner: mit der sprach-argumentation von @astefanowitsch im podcast bin ich auch nicht völlig glücklich.

Hans Huett: Atomloch?

Hans Huett: Mir ist das Wort “unsäglich” als kritische (oder linguistische) Kategorie fremd.

Martin Lindner: ja, “unsäglich” ist de facto immer suspekt, wegen des empörten denkabschneidenden untertons. auch wo man es inhaltlich versteht.

Hans Huett: “Unsäglich” beschneidet die Kritik, errichtet Tabus & ist eine paradoxe Intervention, der fast 30 21 Minuten folgen.

Martin Lindner: die ganze sache ist komplex (übrigens hat Müller-U heute “seriös” in #sz nachgelegt). gibt es ein gutes PC-sprachanalyse-buch?

Martin Lindner: mich stört eher der bourgeoise hautgout von “unsäglich”. dass er sich traut, wütend & paradox zu sein, mag ich wiederum gerade.

Hans Huett: Der pc-Begriff ist so deplatziert, dass ich das Buch selbst schreiben müsste. Sprachanalyse funktioniert am besten leibhaftig.

Martin Lindner: pc-begriff ist ja wohl ursprünglich polemisch-abwertend. “gerechte, sensible sprache” ist schon ein überlegenswertes anliegen.

Hans Huett: Die Norm ist gut gemeint, verlagert die Konflikte, um die es geht, auf eine symbolische Ebene, statt sie auszufechten.

Martin Lindner: da stimme ich diffus zu, aber es gibt natürlich sprachnormen, & man kann sie auch verhandeln. fragt sich nur, wo & welche ebene.

Hans Huett: ok, ok, Sprachnormen sind symbolische Maginotlinien. Sie werden immer umgangen, auch ohne Panzer.

Martin Lindner: sie werden immer _auch_ umgangen, von literaten zb, aber 90% halten sich dran. & das ist (z.b. bei den #piraten) an sich gut so.

Christoph Kappes: schlage vor: was gutes lesen und dann heraushängen, ich mache mit. Die Wechselwirkungen sind ja evident.

Hans Huett: Die Sprachevolution lebt vom Bruch & dem Biegen der Normen. Ich präferiere politische Konflikte und ihre Verfahren.

Martin Lindner: um biegen & bruch braucht es normen. ich bin für konflikte auf allen ebenen. (nur konfliktlosigkeit macht mich nervös.)

Hans Huett: passend stoße ich gerade auf eine Erinnerung an Schleiermachers “Wut des Verstehens”

Martin Lindner: recherchieren wir mal. auf anhieb hab ich nichts gefunden.

Philippe Wampfler: Vielleicht das da:

http://ebooks.cambridge.org/ebook.jsf?bid=CBO9780511617881

Martin Lindner: danke, das sieht schon mal nicht schlecht aus.

Christoph Kappes: ist das nicht sogar ein klass Streit der Sprachphilosophie? Sprache – Denken.

Martin Lindner: ein guter grundsatztext von @stefanowitsch zu “gerechte sprache” findet sich hier: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachkritik/2010-11-12/gerechte-sprache-und-sprachpurismus

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h.huett Januar 21, 2013 um 06:14

hg
Fakten sind böhmisches Dorf. Für Dich. Das hat Folgen für den Stil.

h.huett Januar 22, 2013 um 10:54
14 Januar 22, 2013 um 21:11

DER hat ….. gesagt

Wilma Januar 24, 2013 um 00:14

Spielnormen

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38424/1.html
“Kulturell fragliche Assoziationen”

“Die Türkische Kulturgemeinde Österreich hat den Lego-Bausatz “Jabbas Palace” genauerer Betrachtung unterzogen, nachdem sich ein Vater mit einer Beschwerde bei der Kulturgemeinde gemeldet hatte. Die Lego-Schachtel enthalte genauer besehen “pädagogischen Sprengstoff”, so der Vorwurf. Die Generalsekretärin der Organisation konstatierte nach Prüfung der Beschwerde “pädagogisch verwerfliche Mängel und kulturell fragliche Assoziationen am Produkt von Lego Star Wars”. Worin die bedenklichen Assoziationen bestehen? “

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