Aus Versehen schaffte das Bundesverfassungsgericht die Ehe ab

by f.luebberding on 6. Juni 2013

Das Bundesverfassungsgericht hat sich heute zum Rechtsinstitut der Ehe geäußert. Das Urteil ist wenig überraschend. Es entspricht den Erwartungen. Die Mehrheit des Senats orientiert sich dabei an dem Gleichheitsgrundsatz aus Art 3 GG. Die Ehe wird daher nicht als Rechtsinstitution im Kontext eines Familienbegriffes definiert, der sich in erster Linie am Vorhandensein von Kindern orientiert. Vielmehr begreift das Gericht die Ehe ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Partnerschaft zweier Menschen. Auf dieser Grundlage betrachtet es die ausschließliche Gewährung des Ehegattensplittings an die überkommene Ehe als verfassungswidrig. Dieses Verständnis entspricht der Lebenswirklichkeit. Die Ehe wird heute von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung aus der Perspektive der romantischen Liebe betrachtet. Als bloßes und revidierbares Versprechen auf eine gemeinsame Zukunft. Historisch und soziologisch spielte das allerdings keine Rolle. Die Ehe hatte nur eine Aufgabe: Als gesellschaftliche Institution die (konservativ fomuliert) “Aufzucht des Nachwuchses” zu gewährleisten. Das Bundesverfassungsgericht hat mit dieser Tradition endgültig gebrochen. Revolution aus Versehen, so könnte das man das nennen.

Der liberale Mehrheit in den Medien kommentiert das Urteil entsprechend. Sie sieht in der Ehe schon lange ein Konsumgut ohne Mindesthaltbarkeitsdatum – und betrachtet daher die Gleichstellung der bisher so genannten Lebenspartnerschaften als konsequent. Die Konservativen haben sich bisher nicht geäußert, bis auf einen: Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis. Der gehörte zu jener kleinen  Minderheit, die die Ehe in ihrer klassischen Interpretation bewahren wollte. Das ist mit dem Urteil aus Karlsruhe vorbei. Daher formuliert er jetzt nur anders, was auch im liberalen Mainstream zu lesen ist, dieser aber als Ausdruck reaktionären Denkens kommentiert:

“Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis hat nach dem Urteil zur steuerlichen Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften das Bundesverfassungsgericht kritisiert. “Die Gründe für die Privilegierung der Ehe werden von den Verfassungsrichtern nicht mehr im erforderlichen Maße gewürdigt”, sagte Geis der in Düsseldorf erscheinenden “Rheinischen Post” (Freitagausgabe). Das Gericht habe sich nicht zu der Bedeutung der Privilegierung von Ehe und Familie im Grundgesetz geäußert, kritisierte Geis. Dabei sei die Privilegierung von den Verfassungsgebern im Artikel 6 aufgenommen worden, “weil Ehe und Familie die Generationenfolge sichern und um die Fürsorge der Eltern für Kinder zu unterstützen”. In Folge des Urteils müsse gefragt werden, “ob nicht auch andere Einstandsgemeinschaften wie beispielsweise Mutter und Tochter oder Geschwister, die zusammenleben, auch in den Vorzug des steuerlichen Splittings kommen müssen.”

Die Idee, dass es sich bei der Ehe um eine Institution zur Sicherung der Generationenfolge handeln könnte, teilen weder das Bundesverfassungsgericht, noch die liberalen Befürworter der Gleichstellung homo- mit heterosexuellen Ehen. Kinder als Interesse des Staates an seiner eigenen Existenzsicherung spielen in dieser Konstruktion keine Rolle mehr. Nun hat allerdings diese Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts genau die Folgen, die Geis beschreibt. Wenn die Ehe nichts mehr mit der Sicherung der Generationenfolge zu tun hat, warum soll dann das Kriterium sexueller Orientierung eher gefördert werden als andere Formen der Fürsorglichkeit? Etwa das gemeinsame Einstehen von Mutter und Sohn oder Schwester und Schwester? Das entwertet nicht die Ehe (von wem auch immer), sondern ist ihre zeitgemäße Interpretation. Oder wie will jetzt das Bundesverfassungsgericht entsprechende Klagen gegen die Nichtanerkennung des Ehegattensplitting auf Basis der heutigen Rechtsprechung begründen? Das Gericht hat die Ehe per definitionem abgeschafft – und durch die Lebenspartnerschaft ersetzt. Der absurde Witz des heutigen Urteils besteht übrigens darin, dass nicht eheliche Lebenspartnerschaften mit Kindern in dieser Konstruktion real benachteiligt sind. Sie sind nämlich rechtlich bei den Pflichten schon lange mit Ehepaaren gleichgestellt, aber müssen nicht nur auf das Ehegattensplitting, sondern auch auf andere sozialpolitischen Anwartschaften (Familienversicherung in der GKV oder in der Rentenversicherung) verzichten.

Die Gleichbehandlung bei den Pflichten konnte bisher mit der Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder begründet werden. Die Ungleichbehandlung bei den Rechten mit der verfassungsrechtlichen Stellung der Ehe. Das ist mit der heutigen Entscheidung entfallen. Warum soll sich der Staatsbürger vom Staat sein Privatleben zertifizieren lassen, wenn der Staat keinen anderen Anspruch an die Ehe hat als dass sie genau das ist: Privatsache? Nun ist bekanntlich die Bundesfamilienministerin von Amtswegen kompetent. In Ihrer Stellungnahme zum Urteil verteidigt sie das Ehegattensplitting vor den Kritikern. Letztere haben natürlich schon begriffen, dass die Ausweitung des Ehegattensplitting nur akzeptabel ist, wenn man es postwendend für alle abschafft. Frau Schröder sieht das begreiflicherweise anders, weil sie selbst die Ehe auch nur als ein Konsumgut, halt in christlicher Verpackung, betrachten kann.

“Ich bin und bleibe eine Anhängerin des Ehegattensplittings, und wenn der Kreis der Berechtigten jetzt ein wenig größer wird, dann ist das vernünftig. Der Staat hat ein Interesse, das dauerhafte Füreinander-Da-Sein von zwei Menschen zu begünstigen. Denn der Zusammenhalt, der dadurch befördert wird, zahlt sich für unsere Gesellschaft um ein Vielfaches aus. Das Ehegattensplitting stärkt den Zusammenhalt und die Wahlfreiheit von Ehen und Lebenspartnerschaften mit und ohne Kinder, und das müssen wir verteidigen. Denn es geht den Staat nichts an, wie zwei verheiratete oder verpartnerte Menschen sich untereinander die Arbeit aufteilen oder welches Geschlecht sie haben.”

Warum das “Füreinander-Da-Sein” im Interesse des Staates sein soll, ist damit nicht geklärt. Der Staat wäre mit der Begründung auf den Hund gekommen, wenn damit auch nicht Tierschützer auf den Plan gerufen werden sollen, um jetzt für den bekanntlich “besten Kameraden” des Menschen um steuerliche Besserstellung zu bitten. Genauso wenig kann sie das Geissche Argument entkräften, warum das jetzt nur für das Kriterium der sexuellen Orientierung zu gelten hat.

Die Ehe ist damit das “Füreinander-Da-Sein”: Reine Privatsache, wenn der Staat seinen Anspruch aufgibt, über diese Institution die Generationenfolge zu sichern. Die Debatte über “konservativ” oder “liberal”, “modern” oder “vormodern”, “Norbert Geis” oder “Volker Beck” kann man sich sparen. In Wirklichkeit ist etwas anderes passiert:

Das Bundesverfassungsgericht hat heute aus Versehen die Ehe abgeschafft – und durch das Institut der Lebenspartnerschaft ersetzt.

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Schatten Juni 6, 2013 um 20:47

One word: Familiensplitting – unter ausschließlicher Berücksichtigung der Anzahl der Kinder.

Dass wir in einem satanischen System leben und dass das Bundesverfassungsgericht sich daran anpasst – geschenkt…

xefix Juni 6, 2013 um 22:06

Was ist Ehe?

wowy Juni 6, 2013 um 22:24

Reingeguckt und konnte nicht anders:
@fl
Es ist ein Beschluss und kein Urteil
In dem Beschluss werden 3 Verfahren zusammengefasst (Köln-Mitte, Saarbrücken, Berlin-Kreuzberg). Der Beschluss hebt die Urteile des Bundesfinanzhofes auf und verweist in allen 3 Sachen an diesen zurück. Von dort wird das jeweilige Urteil kommen.
Und das ist nur der Anfang, der Rest wird leider nicht besser…..,
Bin aber schon wieder weg.

Morph Juni 7, 2013 um 00:22

Sehe ich anders: Die moderne Gesellschaft überzieht die natürlichen Dispositionen menschliehen Lebens mit einem immer komplexeren Netz artifizieller Regeln. Im klassischen Vokabular der Gesellschaftskritik wird von ‘Entfremdung’ gesprochen. Allerdings codiert die moderne Gesellschaft auch einen Bereich, in dem der ‘ganze Mensch’ auf Anerkennung hoffen darf: die Liebe.

Die romantische Liebe ist DIE Kompensationsform der modernen Gesellschaft für ihre Entfremdungszumutungen. Liebe ist höchstpersönlich, freiwillig, exklusiv und unzweideutig (okay, ist ein Ideal, lasst Eure Enttäuschungsgeschichten stecken!).

Das aber bedeutet, dass in letzter Konsequenz von allen feststehenden Maßgaben des Liebesverhältnisses abzusehen ist. Liebe ist, dem Ideal nach, die völlig freiwillige unkonditionierte Berücksichtigung einer anderen Person.

Wenn biologische Determinanten (wie anatomische, hormonelle etc. Geschlechtszugehörigkeit) als Maßgabe eines regelrechten Liebesverhältnisses zu Grunde gelegt werden, handelt es sich um vormoderne Reste.

Unsere aktuelle Gesellschaft eröffnet uns die Chancen (oder mutet uns zu, je nach Neigung und Toleranzschwelle), dass für die Liebe einzig und allein die vernünftig evaluierte Begierde der Person zählt, unabhängig von ALLEM anderen.

focion Juni 7, 2013 um 01:42

[off topic]

“This (Bush) administration also puts forward a false choice between the liberties we cherish and the securities we provide. I will provide our intelligence and law enforcement agencies with the tools they need to track and take out the terrorists without undermining our constitution and our freedom. That means no more illegal wiretapping of American citizens. No more National Security letters to spy on citizens who are not suspected of a crime. No more tracking of citizens who do nothing more than protest a misguided war. No more ignoring the law when it is inconvenient. That is not who we are. That’s now what is necessary to defeat the terrorists. The FISA Court works. The separation of powers works. Our constiutution works. We will again set an example to the world that the law is not subject to the whims of stubborn rulers and that justice is not arbitrary. This administration acts like violating civil liberties is the way to enhance our security. It is not. There are no shortcuts to protecting America.”

Barack Obama, 2007

Andreas Kreuz Juni 7, 2013 um 07:10

@Morph

Die romantische Liebe ist DIE Kompensationsform der modernen Gesellschaft für ihre Entfremdungszumutungen. Liebe ist höchstpersönlich, freiwillig, exklusiv und unzweideutig (okay, ist ein Ideal, lasst Eure Enttäuschungsgeschichten stecken!).

Dabei spielt Vertrauen eine wichtige Rolle.
Das ist immer als Vorschuß zu sehen.
Also – Kredit-Geschäft.
Wie schrieb doch ein berühmter Mitbegründer des Vorgänger- Blogs?

“Ohne Schulden läuft nichts…”

LOL

BB Juni 7, 2013 um 07:30

Klar, ist die CSU gegen die Abschaffung von diesen “praktischen” Ehegattensplittings.

Wenn deren Abgeordnete in Bayern ihren Ehefrauen einen lukrativen Job im “eigenen beruflichen Umfeld” verschaffen, dann kassieren die gleich doppelt! Erstens das zusätzliche üppige Gehalt ihrer Ehepartner, zweitens halbieren sie ihren eigenen Steuersatz.

Warum sollten also – ich generalisiere mal aufgrund von allgemeiner Lebenserfahrung – die CDU/CSU, die FDP (und natürlich !!! immer dabei) Teile anderer Parteien für die Abschaffung einer so geilen Steuervermeidungsmöglichkeit, wie dem Ehegattensplitting sein?

f.luebberding f.luebberding Juni 7, 2013 um 08:05

Wowy

Wenn schon, dann Entscheidung … . Ansonsten sind juristisch argumentierende Nicht-Juristen die interessantesten Klienten von Rechtsanwälten … . Sagt die Erfahrung.

Xefix

Gute Frage: Was ist die Ehe? Die berühmte Hausordnung? Ich bin mir nicht sicher, ob die Verfassungsrichter wissen, was das ist. Das Minderheitenvotum hat das übrigens zum Ausdruck gebracht.

Morph

Auf dieser Grundlage sollte man diskutieren. Die romantische Liebe als Kompensationsform für Entfremdungszumutungen. Als Soziologe frage ich mich natürlich mit Gehlen, ob nicht gerade deshalb Institutionen gestärkt werden müssen anstatt sie zu schwächen, wie es in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Ausdruck kommt. Oder gilt jetzt das Gegenteil? Ist die Abschaffung der Ehe und deren Ersetzung durch die Institution der Lebenspartnerschaft seitens des Gerichts eine moderne Form konservativer Institutionenlehre? Eine Konservative, die nur in ökonomischen Kategorien denken kann, macht das schon einmal vor.

f.luebberding f.luebberding Juni 7, 2013 um 08:24

Hier noch die Stellungnahmen der Kirchen. Der Denkfehler in der öffentlichen Debatte besteht ja darin, dass man die These von der “Familie als Keimzelle des Staates” irrigerweise als Theologie definiert – und nicht als Soziologie. Die EKD sieht das anders als die Kollegen von der Katholischen Kirche.

wowy Juni 7, 2013 um 08:34

@fl
Einfach lesen, was du verlinkst. Wäre ein Anfang.
http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg13-041.html
Und in der Tat, das mit den juristisch argumentierenden Nicht-Juristen solltest du dir wirklich zu Herzen nehmen.

herb ransom michaelsen Juni 7, 2013 um 10:57

gehlen würde unter dem ganzen schaum nur das medusenhaupt des natürlichen menschen erkennen und sich schaudernd abwenden.

herb ransom michaelsen Juni 7, 2013 um 11:19

ich bin mir offen gesagt nicht ganz sicher, inwieweit das verfassungsgerichtsurteil überhaupt eine auswirkung auf den schleichenden zerfallsprozess der institution ehe hat. die normative frage, ob institutionen eigentlich gestärkt werden müssen oder nicht, stellt sich angesichts der heutigen situation, und gerade bei der rechtsform der ehe, überhaupt nicht.

ich glaube, viele erliegen dem trugschluss, dass die restaurative welt der 1950er mit ihrem merkwürdigen bild der klar strukturierten fordistischen kernfamilie eher ein vollkommener sonderfall war als ein abbild “der” vergangenheit.

wir leben halt in zeiten, in denen diese institutionen durch neue abgelöst werden, die sich mit einem entfesselten kapitalismus und globalen daten-, menschen-, und warenströmen besser vertragen.

das ist zwangsläufig mit verwirrung und schmerzen verbunden, sowohl von konservativen, die sich entwurzelt fühlen, als auch von progressiven, die sich trotz dieses urteils immer noch vom steuerrecht benachteiligt fühlen, weil in ihrer speziellen lebens- und einstandsgemeinschaft beispielsweise ihr schäferhund keine lohnsteuerklasse 5 bekommen kann.

egal Juni 7, 2013 um 12:25

Das Gericht hat das Ehegattensplitting abgeschaft, wie Schatten oben vielleicht schon angedeutet hat. Die bürgerliche Ehe war schon vorher beinahe tot. Warum heiraten Menschen? Romantik? Ausnahmefall! Selbst in Bayern auf dem Land. 3/4 aller Ehefrauen sind Mütter. Geheiratet wird, um die Kernfamilie über den Sozialstaat besser abzusichern.

f.luebberding f.luebberding Juni 7, 2013 um 12:29

Herb

Nun sind diese Institutionen, wie die Ehe, aber älter als der Fordismus … . Eines der wirksamsten Mittel zur Durchsetzung eines Verbots der Kinderarbeit war ja nicht die moralische Empörung über die Beschäftigung von Kindern. Die gab es nicht, weil Kinderarbeit selbstverständlich gewesen war. Es war die Einsicht, dass die Ausbeutung der Kinder mit dem Interesse des Staates an gesunde Rekruten für seine Armee in Widerspruch geraten war. Der Staat stand also im Widerspruch zu den ökonomischen Imperativen des Frühkapitalismus – und entdeckte auch erst in diesem Kontext das moderne Phänomen der Kindheit als schützenswertes Gut. Daraus entwickelte sich zugleich eine Veränderung in der Institution Familie. Im entfesselten Kapitalismus, und die Debatte um die Homoehe zeigt das in meinen Augen, kann es eben nicht darum gehen, sich “mit einem entfesselten kapitalismus und globalen daten-, menschen-, und warenströmen” besser zu vertragen, sondern die Institution selbst vor den ökonomischen Imperativen zu schützen. Das bedeutet erst einmal zu verstehen, welche Funktionen Institutionen wie die Ehe in unserer Gesellschaft haben. Diese kann nur an dem Interesse des Staates an seiner Weiterexistenz geknüpft werden. Die in altkonservativer Sicht klassische Funktion, die Triebhaftigkeit des Menschen zu kontrolieren, funktioniert nicht mehr. Geburtenkontrolle, Abtreibung und Scheidung haben das auf den Müllhaufen geworfen. Das findet man daher auch nur noch in den Wertesystemen konservativer Muslime. Wenn aber die Ehe selbst diese Funktion nicht mehr gewährleisten kann, und das hat das BVerfG entschieden, bekommt die Ehe einen Formwandel in Richtung Lebenspartnerschaft. Interessanterweise will das aber der linksliberale Mainstream nicht anerkennen, sondern klebt an dieser neuen Institution Lebenpartnerschaft einfach via Diskursklemperei das Etikett “Ehe”. Wie sehr das für Verwirrung sorgt, kann man hier und hier bei Jens Spahn lesen. Er ist natürlich kein Konservativer, sondern argumentiert nur noch ökonomistisch. Für ihn ist die Ehe keine Institution, sondern wie im liberalen Mainstream das Produkt zweier Individuen mit Konsumfunktion:

“SPD und Grüne diskutieren darüber, das Ehegattensplitting teilweise oder ganz abzuschaffen, um Kinder zu fördern statt Partnerschaften. Was halten Sie davon?

Eine stärkere Förderung von Familien mit Kindern, etwa über einen höheren Kinderfreibetrag, ist ohne Zweifel richtig. Aber wenn die Ehe oder die Lebenspartnerschaft dabei keine Rolle mehr spielte, dann wäre das ein falsches Signal. Das würde bedeuten, dass die Ehe ohne Kinder nichts mehr wert ist. Und das ist nicht so. Die Ehe ist eine Werte- und Verantwortungsgemeinschaft zweier Menschen. Sie ist damit ein Wert an sich.”

Die Ehe als Werte- und Verantwortungsgemeinschaft ist natürlich eine Phrase. Worin soll der Unterschied zu zwei Menschen sein, die nicht in dieser “Ehe” leben, aber trotzdem zusammenleben? Warum soll der Staat eine Lebenspartnerschaft zweier Menschen gleich welchen Geschlechts fördern, die nichts anderes ist als ein Lebensstil in der Konsumgesellschaft? Also sehr gut in der Privatssphäre der Betroffenen bleiben kann? Das Zusammenleben zweier Menschen als “Wertegemeinschaft” darf dann gerne den Sonntagsreden der Politik überlassen bleiben. Der Staat muss sich dann halt nur fragen, wie er ohne die Institution Ehe sein Interesse an seiner Fortexistenz anders gegen die ökonomischen Imperative durchsetzen kann – und wie er das institutionell verankert. Das Interesse an gesunden Rekruten wird es übrigens nicht sein.

f.luebberding f.luebberding Juni 7, 2013 um 12:41

egal

“Geheiratet wird, um die Kernfamilie über den Sozialstaat besser abzusichern.”

Genau. Der deutsche Sozialstaat funktioniert über zwei Tatbestandsmerkmale: Erwerbstätigkeit und Ehe. Letzterer diente zur Absicherung der Ehefrauen und Mütter, um die nicht über den Markt zu lösende Erziehung des Nachwuchses sicherzustellen. Man kann sich jetzt fragen, was die Entscheidung des BVerfG für diesen konservativen Sozialstaat für Konsequenzen haben wird.

Linus Juni 7, 2013 um 12:51

“Der Staat muss sich dann halt nur fragen, wie er ohne die Institution Ehe sein Interesse an seiner Fortexistenz anders gegen die ökonomischen Imperative durchsetzen kann”
Der Staat hat Interesse an seiner Fortexistenz???
Diese hängt wesentlich an der Institution Ehe???
Ökonomischen Imperative – was ist das ohne Staat???

f.luebberding f.luebberding Juni 7, 2013 um 12:54

Linus

“Ökonomischen Imperative – was ist das ohne Staat???”

Frage Carlos. Er wird es Dir beantworten … .

topi Juni 7, 2013 um 16:01

” One word: Familiensplitting – unter ausschließlicher Berücksichtigung der Anzahl der Kinder.”

Darauf läuft es seit längerem hinaus.

Sowiebei der letzten Steuerschenkung für “Familien mit geringem und mittlerem EInkommen”.
Niedrigverdienerkind: 0Euro.
Mitteleinkommenskind:20 Euro
Gut-und Sehrgutverdienerkind:50 Euro (oder so,rechne ich jetzt nicht nach.

Merkels Plan zur weiteren Anhebung des Kinderfreibetrages geht auch in diese Richtung. (angeblicher Plan, oder Wahlversprechen besser gesagt)

Pro-Kopf-Splitting wird zusammen mit Kinderbetreungskostenabsetzbarkeitausweitung (nein, Leertaste klemmt ausnahmsweise nicht) dazu führen, dass sich für Spitzenverdiener Kinder “rechnen”.

Und wenn det Blach zu sehr nervt, kommts halt ins Heim (äh, Internat).

topi Juni 7, 2013 um 16:03


Der Staat hat Interesse an seiner Fortexistenz???”

Woran denn sonst, Linus?

Carlos Manoso Juni 7, 2013 um 16:06

@f.luebberding Juni 7, 2013 um 12:54
“Ökonomischen Imperative – was ist das ohne Staat???”
Frage Carlos. Er wird es Dir beantworten …

Luebberding, aber gern. Dein Wortbild „entfesselter Kapitalismus“ unterstellt, es existiere eine übermächtige Instanz „Staat“, die den „entfesselten Kapitalismus“ wieder „zurückfesseln“ könne. Diese übermächtige Instanz „Staat“ könne ihr Interesse an ihrer „Fortexistenz“ irgendwie „gegen die ökonomischen Imperative“ durchsetzen, und sogar „institutionell verankern“.

Historisch war eine übermächtige Instanz „Staat“ – die dem Kapitalismus „Fesseln anlegen“ konnte- für eine funktionierende Entfaltung des „Kapitalismus“ unabdingbar. Die Neoliberalisierung des Kapitalismus transformierte den „Kapitalismus“ in ein globales „System des Weltkapitals“und boostete ihn in seinen heutigen Reifezustand. In diesem Endzustand durchdringen die allumfassenden „ökonomischen Imperative“ der „totalitären Betriebswirtschaft“ alle Lebensbereiche, totalitär, unsichtbar, alternativlos. Die sozialen gesellschaftlichen Konsequenzen enttarnen die allgemeine betriebswirtschaftliche Vernunft immer offensichtlicher als totalitären gesellschaftlichen Irrsinn.

Das System des Weltkapitals gerät dadurch für jedermann sichtbar in einen unlösbaren logischen und praktischen Selbstwiderspruch.

Auf der einen Seite ist der absurde Selbstzweck des Systems des Weltkapitals , die Akkumulation von „abstrakter Arbeit“ in eine Akkumulation von ökonomischen „Wert“ zu verwandeln (dargestellt als schrankenloses Wachstum von Geldkapital um seiner selbst willen).

Auf der anderen Seite ersetzt dieselbe irre betriebswirtschaftliche Vernunft mit zunehmender Produktivkraftentwicklung menschliche Arbeit fortlaufend durch technisch-wissenschaftliche Agrenzien und höhlt auf diese Weise die Substanz der „Wertschöpfung“ selber aus.

Auf den „Märkten“ des System des Weltkapitals muß dieser totale Wahnsinn schlußendlich als krasses Missverhältnis von wachsenden Produktmassen und schrumpfender Kaufkraft immer brutaler in Erscheinung treten …
http://www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf

topi Juni 7, 2013 um 16:13

In der Debatte kann man exemplarisch die Güte der politisch vorgetragenen Argumente betrachten.
Von “rechts” wird abgelenkt, getäuscht, Halbwahrheit verbreitet, offen gelogen. Wie meistens, weil die Politikvorschläge natürlich nicht im Interesse einer Mehrheit sind.

Tja,wie kommt es, dass den “linke” Argumenten kein Gehör zu Teil wird (siehe Umfragen)?.

Reicht dieErfahrung der Verhartzung und Steuerschenkung für die oberen 10Prozent bei Aushöhlung der öffentlichen Leistungen, gegenfinaziert durch Mehrwertsteuer und co, alsErklärung?

Oder die Medienberichterstattung, die auch krasseste Lügen als gleichberechtigte Meinung präsentiert?

Oder was ist da los, im gemeinen Wählerhirn?

Linus Juni 7, 2013 um 17:25

“–>”Der Staat hat Interesse an seiner Fortexistenz???”
Woran denn sonst, Linus?”
Er sollte erstmal ein Interesse an der Fortexistenz seiner Bürger haben.
Mir scheint die Personifizierung des Staates an dieser Stelle äusserst manipulativ. Sie schiebt den Staat als einen Strohmann mit irgendwelchen Eigeninteressen vor, und verschleiert damit, dass die Gesellschaft direkt davon betroffen ist, ja dass hier fundamentale gesellschaftliche Strukturen im Sinne irgendwelcher “ökonomischer Imperative” (aka TINA) designt werden sollen.

f.luebberding f.luebberding Juni 7, 2013 um 17:42

Carlos

Jenseits der großen Weltmaschine, sollte man sich vielleicht mit diesem Text beschäftigen, der sich bemüht zu verstehen, was gerade passiert.

Carlos Manoso Juni 7, 2013 um 18:09

@Linus Juni 7, 2013 um 17:25
„“–>”Der Staat hat Interesse an seiner Fortexistenz???”
Woran denn sonst, Linus?”
Er sollte erstmal ein Interesse an der Fortexistenz seiner Bürger haben.
Mir scheint die Personifizierung des Staates an dieser Stelle äusserst manipulativ. Sie schiebt den Staat als einen Strohmann mit irgendwelchen Eigeninteressen vor, und verschleiert damit, dass die Gesellschaft direkt davon betroffen ist, ja dass hier fundamentale gesellschaftliche Strukturen im Sinne irgendwelcher “ökonomischer Imperative” (aka TINA) designt werden sollen.“

Linus, der „Kapitalismus“ hat den zu ihn „passenden“ „Staat“ hervorgebracht, nicht umgekehrt! Im Frühkapitalismus war das etwas anders. Die absolutistischen Staatsmaschinen benötigten für ihre zwischenstaatlichen Konkurrenzkriege leistungsfähige Wirtschaftsapparate mit entsprechenden menschlichen Besatzungen. Deshalb förderten sie „staatlicherseits“ das Entstehen solcher Wirtschaftsapparate mitsamt der dazugehörigen „liberalen“ Ideologien.

In den weiteren historischen Entwicklungsphasen mussten die „Nationalstaaten“ immer stärker auch dafür sorgen, dass der Kapitalismus nicht aus dem Ruder lief bzw. mit „fiskalischen und monetären Interventionen“ dafür sorgen, dass der Kapitalismus wieder auf die Spur kam.

Mit fortschreitender neoliberaler Radikalisierung hören die „Nationalstaaten“ als regulative Instanzen auf. Es existiert kein klar definierbares „Innen“ und „Außen“ mehr, das Bezugssysteme dieser Relationen lösen sich auf. Die Globalisierung macht die alten nationalstaatliche Konkurrenzkämpfe um die „Aufteilung der Welt“ vollends anachronistisch. Als Servicebetriebe der entstandenen transnationalen Betriebswirtschaften sind die Nationalstaaten nur noch bedingt und nur noch vorübergehend tauglich. Das Ziel ist nur noch „Ruhigstellung“ der „Überflüssigen“ in den noch nicht vollends abgekoppelten, ölonomisch verödeten Teilen der jeweriligen Territorien, bis vom Wasserwerk bis zur Polizei Prozesse der Verwahrlosung einsetzen.
Tomasz Konicz, „Mad Max im Zweistromland“
http://www.heise.de/tp/artikel/39/39202/2.html

Carlos Manoso Juni 7, 2013 um 18:33

@f.luebberding Juni 7, 2013 um 17:42
„Carlos
Jenseits der großen Weltmaschine, sollte man sich vielleicht mit diesem Text beschäftigen, der sich bemüht zu verstehen, was gerade passiert.“

Luebberding, der Verfasser hat ein paar Luxusprobleme „Mir geht es vielmehr um Hermeneutik. Um die Verwirrung der Begriffe. Die Frage ist für mich, wie wir die Dinge benennen. Muss jede Zweiergemeinschaft gleich als “eheähnlich” bezeichnet werden? Oder gar “Ehe” heißen? Oder mit exakt den gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet sein so dass sie de facto eine “Ehe” darstellt?“.

Eine „Zweierbeziehung“, egal, ob zwischen Heteros, Schwulen, Lesben mit den gleichen Rechten und Pflichten auszustatten wie die stinknormale Standesamtsehe inkl. kirchlischer Trauung, scheint mir nun wirklich das allergeringste unserer wirklichen Probleme zu sein.

bube Juni 7, 2013 um 19:34

blabla bla
das lübberdingens ist dumm wie bohnenstroh.
kennt keine begriffe oder verwechselt sie.
brd hat kiene verfassung.

P.s.
das menschenfeidlichste land, in dem ich leben mußte, heißt brd.
lübberdingens badewanne.

keiner Juni 7, 2013 um 20:38

“irrigerweise als Theologie definiert – und nicht als Soziologie. ”

Härr Lübberding, warum bitte hat denn der Staat das Sakrament der Ehe okkupiert? Da fällt mir schon einiges zu ein.

Wir werden ja sehen, wo eine Staatsform endet, die alle Arten von Religionen (lassen wir die wirren Evangelen mal außen vor) in die Opposition und später in den Untergrund zwingt.

Schatten Juni 7, 2013 um 21:48

@topi

>”Niedrigverdienerkind: 0Euro.
Mitteleinkommenskind:20 Euro
Gut-und Sehrgutverdienerkind:50 Euro (oder so,rechne ich jetzt nicht nach.”

Ach komm, das Familiensplitting kann ja degressiv wachsend ausfallen – Vorschlag.

Und HartzIV-Kinder? Nicht SPD wählen!

Ich bin überhaupt nicht für die Diskriminierung von Schichten mit niedrigem Einkommen – Segen der Erde – insbesondere wenn man bedenkt, dass 25% der Kinder intelligenter sein sollen als ihre Eltern.

petervonkloss Juni 8, 2013 um 02:14

f.luebberding Juni 7, 2013 um 17:42
„Der hyper-fortschrittliche Masterplan, Begrifflichkeiten einzuebnen und die Bedeutung von Worten auszuhölen, ist für mich eine der zentralen Bedrohungen unserer Kultur. Irgendwann wird durch die große Sinnentleerung nämlich nichts mehr irgendetwas bedeuten. „Ehe“, „Treue“, „Leben“, „Tod“, „Liebe“, „Mann“, „Frau“ …“

Die Frage ist, woher stammt dieser hyper-fortschrittliche Masterplan, wie kommt er zu stande?!

"ruby" Juni 8, 2013 um 06:06

@ FL

Es gibt doch noch den Traum vom Guten ;-) oder ?

Heute heiratet schwedische Prinzessin amerikanischen Finanzinvestor .
http://www.sueddeutsche.de/panorama/hochzeit-im-schwedischen-koenigshaus-madeleine-die-unbekannte-prinzessin-1.1689831

Balken Juni 8, 2013 um 11:42

@pvk
“Bedeutung von Worten auszuhölen”
Nun, da gibt es hier jemanden, der mit tiefschwatzendem Bedeutungsgeraune ausgehöhlte Phrasen verzapft, die nach allem klingen und nichts bedeuten, das aber mit Aplomb und bessermenschlichem Dünkel.
Ich hoffe doch, dass immerhin der Lastenaufzug mit der Proviantlieferung von unten aus den Niederungen der Gemeinen zuverlässig funktioniert dorthin nach oben vor die einsame Höhle des Übermenschen da auf hohen Bergen …

topi Juni 8, 2013 um 18:31

Linus

“Er sollte erstmal ein Interesse an der Fortexistenz seiner Bürger haben.
Mir scheint die Personifizierung des Staates an dieser Stelle äusserst manipulativ. Sie schiebt den Staat als einen Strohmann mit irgendwelchen Eigeninteressen vor, und verschleiert damit, dass die Gesellschaft direkt davon betroffen ist, ja dass hier fundamentale gesellschaftliche Strukturen im Sinne irgendwelcher “ökonomischer Imperative” (aka TINA) designt werden sollen.”

Die Frage war doch nicht, was der Staat haben “sollte”, sondern was er hat. Du hast doch neulich systemlogisch argumentiert, und nun soll das dickste System ausgerechnet nicht das ureigenste Interesse, sich selbst zu erhalten, verfolgen?Ja wieso denn?

Natürlich könnte eine Gesellschaft so gestaltet sein, dass die Interessen der Bürger zumindest stärker berücksichtigt werden. Die aktuelle Demokratiesimulation hat sich da ja als zunehmend weitgehend untauglich erwiesen.

Interessant in diesem Zusammenhang die Diskussion, dass die Demokratie am Ende sei, wählen egal, die Parteien ohnehin alle das gleiche machen. Und, wie du selber sagtest,machen müssen.

Dabei ist es gerade heute ein Unterschied. Die Isländer hätten sich mit anderer Wahl damals in jahrzehntelange Schuldknechtschaft und “Reform”wahn begeben können (und haben letztens genau diese Schwachmaten gewählt,nachdem der Kelch an ihnen vorübergegangen ist; so tickt der gemeine Mensch offenbar); die Griechen hätten mit Syriza-Mehrheitsich wahrscheinlich sehr schnell aus dem Euro katapultieren können (wollten aber nicht, nun stärken sie lieber die Nazis). Grillo. Die Franzosen hätten unter Sarkozy deutlich stärkere Rezession, weil das Defizit durch massive Verbrauchssteuererhöhung etc. hätte ausgeglichen werden sollen.

topi Juni 8, 2013 um 18:44

Carlos Manoso

“Eine „Zweierbeziehung“, egal, ob zwischen Heteros, Schwulen, Lesben mit den gleichen Rechten und Pflichten auszustatten wie die stinknormale Standesamtsehe inkl. kirchlischer Trauung, scheint mir nun wirklich das allergeringste unserer wirklichen Probleme zu sein.”

Gemessen am großen Zusammenbruch mitzwangsweisen Pbergang ins Paradies ist alles andere natürlich allergeringst. ;-)

Geht man nicht von diesem Szenario aus, ist die Organisation sozialer Sicherungssysteme ein bedeutender Punkt.
Während Kindern inzwischen weitgehend unabhängig vom Familienstand gewisse Rechte gegenüber den ELtern eingeräumt werden (oft genug nur theoretisch), hängen diverse Absicherungen noch an der Ehe (KV, Hinterbliebenenrente etc.).

Der andere große Bezugspunkt ist der Arbeitsplatz,der aktuelle (AL-Versicherung) bzw. alle früheren (Rente).

Neben den staatlichen Systemen gibt es auch “private, kapitalgedeckte” Vorsorge. Die sind natürlich Teil des Problems,nicht Teil der Lösung.

Insofern ist der Weg, weg vo Arbeitsplatz ung Ehepartner,hin zu individuellem ANspruch als Person,anteiliggegen die gesamte Wertschöpfung der Gesellschaft, ein wichtiger Punkt, um gut durch die Überkapitalbreinigungskrise zu kommen. Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen, weil eh alles kommt, wie es kommen muss?

topi Juni 8, 2013 um 18:48

” Jenseits der großen Weltmaschine, sollte man sich vielleicht mit diesem Text beschäftigen, der sich bemüht zu verstehen, was gerade passiert.”

Was will er denn sagen, der Schönburg?

Ob das Ding “Ehe” heißt, ist doch völlig wumpe, und volgerichtig gar nicht Teil der BVerfG-Entscheidung.

Marlowe Juni 8, 2013 um 19:05

Und Tschüss Generationenvertrag…

Baby’s bitte ab sofort über die Klappe entsorgen – bin ich ein Volltrottel, der versucht, soetwas wie “Familie” zu inszenieren.

Sagt zumindest mein Geldbeutel.

Ehrlich, ich komme mir mit meinen zwei Blagen schon richtig bekloppt vor, wenn ich mal einen Ausflug in die Stadt husche.

Wirste ja schon schräg angeschaut, wenn die Kurzen im Restaurant das Leben genießen wollen…

Erinnert die gleichgeschlechtlichen Paare evtl. daran, dass da doch was fehlt? Ist das dann diskrimierend denen gegenüber, wenn ich meine Kinder mitnehme?

Ciao

M.

"ruby" Juni 8, 2013 um 19:44
Linus Juni 8, 2013 um 23:17

“Die Frage war doch nicht, was der Staat haben “sollte”, sondern was er hat.”

Nein, die normative Frage ist, was er haben sollte. Was er hat, ist keine Frage, sondern eine Deskription, eine Beschreibung des Status quo.

“Du hast doch neulich systemlogisch argumentiert”
Du meinst das da?
http://www.wiesaussieht.de/2013/05/23/eliten-projektion-oder-konstruktion/#comment-63905
Ich habe deskriptiv argumentiert. Ich habe keineswegs einer zwangsläufigen, sich aus einer Systemlogik ergebenden Entwicklung das Wort geredet. Der einzige Zwang, der dabei vorkam, war der, wiedergewählt zu werden. Wie man das konkret bewerkstelligt, dazu gibt es X Möglichkeiten. Davon sind Y solche, die der Idee von Demokratie zuwiderlaufen. Wenn man diese Y nicht durch zusätzliche Massnahmen verhindert, dann werden sie auftreten und die ursprüngliche Idee von Demokratie ad absurdum führen. Wasser fliesst bergab, wenn man keinen Damm baut.

“wählen egal, die Parteien ohnehin alle das gleiche machen. Und, wie du selber sagtest, machen müssen.”
Ich wüsste nicht, wo ich das gesagt hätte.

Aber zurück zu dem Satz, an dem ich mich störe:
“Der Staat muss sich dann halt nur fragen, wie er ohne die Institution Ehe sein Interesse an seiner Fortexistenz anders gegen die ökonomischen Imperative durchsetzen kann”
Interesse an seiner Fortexistenz – da wird kurz mal die systemlogische Denke mit eingebaut. Praktisch, denn dann kann man das Ganze gleich zur Überlebensfrage stilisieren. Wieso eigentlich? Etwa wegen Instititution Ehe – echt? Und dann noch ökonomische Imperative, also wieder Systemlogik, aber völlig verquer als Widerpart zum Staat.
Kurz: An dem Satz stimmt überhaupt nichts. Das ist eine einzige Sprechblase, die wasserklar sinnentleertes ‘argument dropping’ betreibt und damit absurdeste Verknüpfungen unterschieben will.

Morph Juni 9, 2013 um 02:09

@FL

“Die romantische Liebe als Kompensationsform für Entfremdungszumutungen. Als Soziologe frage ich mich natürlich mit Gehlen, ob nicht gerade deshalb Institutionen gestärkt werden müssen anstatt sie zu schwächen, wie es in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Ausdruck kommt.”

Die Ehe ist ja älter als die romantische Liebe. Interessant ist, dass in der modernen Gesellschaft relativ lange die unwahrscheinliche, weil empirisch tagtäglich widerlegte Überzeugung aufrecht erhalten wurde, dass eine lebenslange Ehe allein durch die romantische Liebe (die unbedingte, freiwillige, exklusive, höchstpersönliche wechselseitige Rücksichtnahme zweier Personen) gegründet und stabilisiert werden könnte (und nicht etwa durch dynastische oder ökonomische Kalküle wie in der Vormoderne).

Der Glaube an die Liebe und der Glaube an die Ehe können heute nicht mehr sinnvoll zusammenwirken (außer in seltenen, gesellschaftlich marginalen Einzelfällen). Wer an die Liebe glaubt, ist eheskeptisch; wer an die Ehe glaubt, hält die Liebe für eine flüchtige Schwärmerei.

Vor diesem Hintergrund scheint mir die Institution Ehe nicht wirklich stärkungsfähig zu sein.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, die Formen unseres Zusammenlebens selbst bestimmen zu müssen. Die gesellschaftsweit verbindlichen Muster verschwinden.

"ruby" Juni 9, 2013 um 02:31

Umgekehrt :
die Muster tauchen auf und werden diskutiert, bewertet und dann ???
verändert, angewandt …

"ruby" Juni 9, 2013 um 02:33
Morph Juni 9, 2013 um 02:35

Gesellschaftsweit? Wohl kaum.

"ruby" Juni 9, 2013 um 02:50

Kommt auf die Kompromisverfahren an ?
Sowohl zeitlich als auch bezüglich der Mobilisierung bzw. Ritualisierung, Einübung bei Praktizierung?

petervonkloss Juni 9, 2013 um 02:56

@Balken, du hast schon das richtige Wort gewählt! So als Skotum.
Wenn einer nichts versteht, so kann er noch so viele Worte schreiben und er landet auf der Halde des Todes, die nicht die Schlimmste ist; Das gillt für Viele hier.

@ Morph
„Wir werden uns daran gewöhnen müssen, die Formen unseres Zusammenlebens selbst bestimmen zu müssen. Die gesellschaftsweit verbindlichen Muster verschwinden.“
nach vielerlei philosophischer Subtraktionen, kann man zum Ergebnis kommen, daß dies der einzelne Mensch in seiner Vulnerabilität nicht vermag.
Ergo, dies hält keine Gesellschaft beisammen. Was meinst du also, ein Volk, eine Nation, oder eine wie immer geartete Weltgemeinschaft?. ………………………….Um der vorzugreifen gilt vielleicht doch zum nicht ganz anderen Carl Schmitt:
„Wer Menschheit sagt, will betrügen.“.

"ruby" Juni 9, 2013 um 02:58

Wenn Barack das Internet nicht abschalten lässt, werden wir demnächst ein Bundes-/Europaabstimmungsportal bekommen.
Über die Modalitäten können wir bereits jetzt trefflich diskutieren !

"ruby" Juni 9, 2013 um 03:06

WWW ist auf dem Smartphone von jedem Dödel handhabbar – also ganz einfach für Massen. Wie verbreitet sich ein Schwarm politisch akzeptabel?
Fragen wir Gesche Joost …

petervonkloss Juni 9, 2013 um 03:40

@Balken
Ein altes Khmer-Märchen beginnt so:

Als der Zufall einmal wollte, dass Glück und Unglück persönlich aufeinandertrafen, da fragte Unglück wie aus der Pistole geschossen: »Na, hallo, mein Glück, worin besteht denn eigentlich Eure legendäre Macht, die alle Welt so sehnlich erhofft?« – »Meine Macht«, sagte Glück, »ist das Glück selbst. Ich bin in der Lage, jemanden, der vollkommen verachtet und mitleidlos behandelt wird, in jemanden zu verwandeln, den man liebt, wenn ich in seine Nähe komme«.

Einen Augenblick herrschte Stille zwischen den beiden.

Dann fragte Glück zurück: »Und wie, o Unglück, steht es um Eure Macht?« Unglück erwiderte: »Ich muss nur in die Nähe von jemanden kommen, und sofort wird er verachtet und schlecht behandelt. Selbst ein König fällt so tief, dass er zum Sklaven wird«.

Ohne Frage konnten die beiden Kontrahenten im weiteren Verlauf der Begegnung ausreichend Fallbeispiele für ihre Theorien nennen. Höhenflüge und Unheilstürze märchenhaften Ausmaßes sozusagen.

oo*oOOOOO-oio-OOOOOo*oo

Ob ich an dieser Fabel buddhistische Verhaltensweisen erläutern könne, fragte mich meine Lehrerin.

ICH: Ehrlich gesagt, nein! Mich macht dieser Fatalismus, der in dieser Geschichte anklingt, recht ratlos. Das Glück ist das Glück selbst, das Unglück ist das Unglück selbst; beide scheinen nur aus ihren sozialen Wirkungen zu bestehen. Finster und hell sprüht es nur aus den Augen der anderen. Das mag ja eine antike Khmer-Weisheit sein; mich katapultiert sie aus meinem Umfeld hinaus, versucht mich auf eine Verkomplizierung meiner Persönlichkeit zu verpflichten, auf ergebnislose Endlosigkeit im Rückzug nach innen.

LEHRERIN: Die Alten waren nicht dumm, sie setzten das Fatum über alles. Sie waren fest von der strengen Notwendigkeit alles Geschehen überzeugt; wie also sollten sie sich die Zukunft anders vorstellen als die Vergangenheit?

ICH: Das verstehe ich schon. Aber kann denn so ein Fatalismus ein wirklicher Trost für jemanden sein?

LEHRERIN: Legen die Reisbauern irgendwo auf der Welt ihre Hände in den Schoß?

ICH: Nein.

LEHRERIN: Leiten die Reisbauern aus ihrer Theorie vom unabwendbaren Schicksal ab, dass man kommenden Ereignissen nicht vorbeugen soll?

ICH: Nein, auch das nicht.

LEHRERIN: Sehen Sie. Jeder Erfolg hat vorhergehende Ursachen. Niemand weiß das besser als der Fatalist. Dass man die Schädlinge am Feld zur richtigen Zeit bekämpft hat, dass man die Ernte vor Unwetter geschützt hat … das ist letzten Endes das einzige, was zählt.

Ich schloss die Augen, machte mich blind wie das Fatum. Tatsächlich, der Unterschied, ob ich die Sprechende sah oder nicht, verlor an Bedeutung.“

"ruby" Juni 9, 2013 um 05:15

@ Morph

Schalt DL-Radio Kultur ein : Beatles auch mal anders ;-)
Dumm bleibt die Welt immer noch lange genug

petervonkloss Juni 9, 2013 um 05:30
petervonkloss Juni 9, 2013 um 06:24

@Marlowe Juni 8, 2013 um 19:05,
für Ihn und seine Kinder.
http://www.youtube.com/watch?v=-GaCB7xYxXE

petervonkloss Juni 9, 2013 um 06:38

@Holger
Die natürliche Entstehung der Swastika aus dem „Mandelbaum“ hat man einfach herausgeschnitten!
http://www.youtube.com/watch?v=-GaCB7xYxXE

"ruby" Juni 9, 2013 um 07:02

@ petervonkloss
ein Privileg der Jugend solche Stimme zu haben
Kiitos!

Morph Juni 9, 2013 um 11:44

@pvk

“nach vielerlei philosophischer Subtraktionen, kann man zum Ergebnis kommen, daß dies der einzelne Mensch in seiner Vulnerabilität nicht vermag.”

‘Der einzelne Mensch’ ist ein Mythos, und die zentralen Eigenschaften, die dieser Mythos artikuliert und zugleich mit Oh-Mensch-Pathos überspielt: Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Geringfügigkeit, Ersetzbarkeit, wirken als eine große Entmutigung.

“Ergo, dies hält keine Gesellschaft beisammen.”

Die Gesellschaft kann nicht auseinanderfallen (wohin denn?), ergo braucht sie auch keinen angestrengten ‘Zusammenhalt’.

“Was meinst du also, ein Volk, eine Nation, oder eine wie immer geartete Weltgemeinschaft?”

Ich meine ‘uns’ in variablen Größenordnungen, aber bottom up. Die Keimzelle der Gesellschaft (also das, was Gesellschaft potenziell zum Blühen bringen kann) kann heute nicht mehr die Familie sein. Dafür sind alle bekannten Familienformen, vom traditionellen Clan der modernen Peripherie über die bürgerliche Kleinfamilie bis hin zur nachbürgerlichen Patchworkfamilie zu offenkundig prekär. Aber der Gedanke war nicht falsch, er müsste nur reformuliert werden. Keinzelle der Gesellschaft ist jede Form des Zusammenwirkens von Leuten, vom Paar und dem Freundeskreis, über das zielbewusste Team bis hin zur verbrieften und formalisierten Organisation. Dort kann und muss man ansetzen. Und dort wird auch schon immer angesetzt. Demgegenüber ist unsere Blogkommunikation Geplänkel, dessen Wert man nicht überschätzen sollte.

Carlos Manoso Juni 9, 2013 um 13:31

@topi Juni 8, 2013 um 18:44
Gemessen am großen Zusammenbruch mitzwangsweisen Pbergang ins Paradies ist alles andere natürlich allergeringst.
Geht man nicht von diesem Szenario aus, ist die Organisation sozialer Sicherungssysteme ein bedeutender Punkt.
Während Kindern inzwischen weitgehend unabhängig vom Familienstand gewisse Rechte gegenüber den ELtern eingeräumt werden (oft genug nur theoretisch), hängen diverse Absicherungen noch an der Ehe (KV, Hinterbliebenenrente etc.).
Der andere große Bezugspunkt ist der Arbeitsplatz,der aktuelle (AL-Versicherung) bzw. alle früheren (Rente). …
Insofern ist der Weg, weg vo Arbeitsplatz ung Ehepartner,hin zu individuellem ANspruch als Person,anteiliggegen die gesamte Wertschöpfung der Gesellschaft, ein wichtiger Punkt, um gut durch die Überkapitalbreinigungskrise zu kommen. Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen, weil eh alles kommt, wie es kommen muss?“

Topi, die Haltung: “musst du dir keine Gedanken machen, weil eh alles kommt, wie es kommen muss“ ist vollendeter Fatalismus oder jener Zustand, den Friedrich Nietzsche als „Amor fati“ beschrieb. Im Zustand des „Amor Fati“ fallen (für Nietzsche) Zufall und Schöpferisches in eins zusammen.

So entstehen z.B. interessante Gedanken wie: „Insofern ist der Weg, weg vo Arbeitsplatz ung Ehepartner,hin zu individuellem ANspruch als Person,anteiliggegen die gesamte Wertschöpfung der Gesellschaft, ein wichtiger Punkt, um gut durch die Überkapitalbreinigungskrise zu kommen.“ Bei Licht betrachtet dein Gedanke nichts weiter als das gesellschaftliche Herauskristallisieren des „bedingungslosen Grundeinkommens“.

topi Juni 9, 2013 um 18:16

Carlos

Ja eben!

Und das ist nicht der Probleme allergeringstes, oder siehst du irgendwo schon eine bedingungsloses Grundeinkommen?

Zum Fatalismus. Die Frage geht doch an dich, Carlos, der du kleinere Probleme als das allergrößte gern nicht betrachtest, oder erklärst, dass sie neben dem allergrößten doch unbedeutend sind.

Soldat Schwejk Juni 9, 2013 um 23:54

@ topi u.a.

Nun ja, im Steuerrecht geht es um die Frage, ab welchem formalen Status (“eingetragene” Partnerschaft) ein Haushalt zum Splitting-Vorteil gelangt. Im Sozialrecht gibt es die umfassende Regreßpflicht völlig unabhängig vom formalen Status, es zählt da nur das Zusammenleben in einem Haushalt, dem wird ggf. sogar hinterhergeschnüffelt. Diese Schieflage muß sich m.E. rechtssystematisch hin nach einer Seite hin auflösen. Es soll ja nun Leute geben (egal ob Homos oder Heten), die ohne irgendein staatliches Zertifikat in einem Haushalt zusammenleben. Diese könnten nun daraufhin klagen, daß sie sozialrechtlich im gegebenen Fall gemeinschaftlich die Lasten tragen, also auch steuerrechtlich nicht ggü. einer “eingetragenen” Partnerschaft benachteiligt werden dürften. Die Juristin Sabine Berghahn jedenfalls räumt solchen Klagen eine gewisse Erfolgsaussicht ein.

http://www.dw.de/berghahn-legitime-salami-taktik/a-16866783

Die eine mögliche Konsequenz wäre eine Ausdehnung des Steuersplittings auf ALLE Haushalte, die andere aber eine konsequente Individualisierung aller sozialrechtlichen Ansprüche und steuerrechtlichen Verpflichtungen gleichermaßen. Letzteres wäre eine logische Entwicklung, und ich denke, nach einigen Irrungen und Wirrungen wird das System auch auf eine solche Individualisierung zulaufen. Abschaffung des Ehegattensplittings bei gleichzeitiger Abschaffung des “Bedarfsgemeinschaftsprinzips” im Sozialrecht.

Dabei wäre das m.E. sehr gut kompatibel mit @Schattens echtem Familiensplitting bei der Steuer… also wo nur noch die Anzahl der Kinder im Haushalt ausschlaggebend ist, nicht der familienrechtliche Status der Erwachsenen.

Soldat Schwejk Juni 9, 2013 um 23:57

@ pvk – “Irgendwann wird durch die große Sinnentleerung nämlich nichts mehr irgendetwas bedeuten. „Ehe“, „Treue“, „Leben“, „Tod“, „Liebe“, „Mann“, „Frau“ …“”

Yep, genauso wird es sein, es wird nix mehr bedeuten, und das ist gut so, und deshalb kann mit den ganzen Worthülsen dann auch schön rumgespielt werden… ist das nicht befreiend, alter Kommunarde? Also z.B. “Meine Treue heißt Ehe”… oder drehen wir’s um: “Meine Ehe heißt Treue”… huch… aber nein, das… äh… Aber vieles ist möglich, wenn konservative Konvertiten kalauern. Versuch’s mal…

Doch eigentlich ist “Ehe” ja eine Abkürzung für “Errare Humanum Est”… oder?

Soldat Schwejk Juni 10, 2013 um 00:05

@ Morph 11:44

Immer öfter muß ich Dir zustimmen… liegt’s an Dir oder an mir?

Hm… z.B. mit der Patientenverfügung ist’s ja so eine Sache. Nicht daß ein unmittelbarer Anlaß bestünde, aber im fünften Jahrzehnt fängt man an, an sowas zu denken. Man muß ja einen Bevollmächtigten einsetzen… nun, aus mancherlei Gründen scheint es mir völlig abwegig, damit Leute zu belasten, die nach einem “bürgerlichen” Verständnis mir näher sein müßten. Nope, das möchte ich lieber jemandem anvertrauen, der bei Eintritt des Falls fern genug ist, um nicht von vornherein emotional überfordert zu sein oder so… aber doch so solidarisch, um meine Interessen auch recht rabiat gegen die Eigenroutinen von Organisationen durchzusetzen… und der oder die auch tough genug ist, das im unerfreulichsten Fall durchzustehen… Also ein langjähriger Freund, eine langjährige Freundin… ohne familiäre Bindung zueinander und ohne “romantische” Ebene… Umgekehrt würde ich die Verpflichtung auch selbst eingehen.

Die bürgerliche Kleinfamilie… oder das was von ihr übrig ist… die dürfte durch solche Arrangements sogar eher gestärkt werden, weil sie eben von einem Stück dieser ganzen sozialen Verantwortlichkeit entlastet wird, wenn das so in die “Wahlfamilien” eines Freundeskreises hinein delegiert wird.

Aber sowas kannste schon einem echten Konservativen nicht erzählen… und einem Renegaten schon gar nicht…

Lina Juni 10, 2013 um 12:33

@Frank
Die Ehe diene einzig und allein der Kinderaufzucht, sagst Du und zeigst auf Kirche und Staat. Na, sowas! :D

Also…..beim Heiratsantrag an Deine Herzallerliebste hätte ich gerne Mäuschen gespielt. ;)
Eine Art Loriot-Sketch läuft vor meinem geistigen Auge ab:

Frank: „Wollen wir….äääähm….was ich Dich fragen will ist…..äääääh…..willst Du……hmmm hmmmmm….willst Du mit mir……also für immer und ewig und so…..willst Duuuuuu…..mit miiiiiir eine Kinderaufzucht betreiben? “
Sie: „Rinderzucht? Du willst mit mir Rinder züchten?!“
„Äääh, nein! Kinder! Kinder…..Ich will Kinder….“

Ob Du zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal mit der „Hausordnung“ bekannt gemacht wurdest bleibt offen….

Scherz beiseite. Ich glaube, dass die Ehe nicht abgeschafft wurde, sondern das bleibt was sie ist: ein Machtinstrument, mit dem man über Menschen bestimmen konnte und gleichzeitig aber auch ein Schutzinstrument vor „der“ Macht.
Dazu später mehr. (Wenn ich noch Lust dazu haben sollte….)

Lina Juni 10, 2013 um 12:35

In der Zwischenzeit die berühmteste Szene aus Platons „Gastmahl“ (29-34):
Aristophanes‘ Kugelmenschen

„Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen Teil hatte; sein Name ist uns geblieben, das Geschlecht selbst ist ausgestorben. Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte einst die Gestalt und den Namen des männlichen und weiblichen Geschlechtes zu einem einzigen vereinigt, und heute ist uns von ihm nur der Name erhalten, und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze Gestalt jedes Menschen war damals rund, und der Rücken und die Seiten bildeten eine Kugel. Der Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden Gesichtern stak ein Kopf, aber der Kopf hatte vier Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile doppelt, und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch alles andere war demgemäß doppelt! Der Mensch ging zwar aufrecht wie heute, aber nach vorwärts und nach rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er [29] laufen wollte, dann machte er’s wie die Gaukler, die kopfüber Räder schlagen: er lief dann mit allen acht
Gliedern, und so im Rade auf Händen und Füßen kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. Noch einmal, es gab einst drei Geschlechter, und das männliche hatte seinen Ursprung in der Sonne, das weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch der Mond teilt sich zwischen Sonne und Erde. Und gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren sind, waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, lief im Kreise. Groß und übermenschlich war ihre Stärke, ihr Sinnen war verwegen, ja sie versuchten sich sogar an den Göttern. Was Homer von Ephialtos und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: sie wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten sich an den Göttern vergreifen.

Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen tun sollten, und waren recht in Verlegenheit, denn sie konnten weder alle Menschen töten und wie einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht niederschlagen – da wäre es auch mit allem Götterdienst und allen Altären vorbei – noch deren Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein, und er rief: Ich habe das Mittel! Ich habe das Mittel gefunden, die Menschen leben zu lassen und doch ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich werde jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie werden uns dadurch nicht nur zahmer, sondern auch von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird gerade [30] noch einmal so groß. Die Menschen werden von nun an auf zwei Beinen und nur aufrecht gehen. Sollte ihnen aber noch
Übermut übrig geblieben sein, und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so schneide ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen dann auf einem Beine gehen und hüpfen. Und wie Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man Birnen, um sie einzukochen, entzwei schneidet. Und so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch Apollon das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche zu umdrehen, damit der Mensch von nun an, indem sein Blick auf sie gerichtet ist, züchtiger sei. Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward, ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die Haut nach dem sogenannten Magen hin zusammen und band sie in der Mitte des Magens wie einen Schnürbeutel ab und ließ eine öffnung, und diese öffnung ist unser Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die dadurch entstanden waren, und bildete die Brust, indem er sich dazu eines Werkzeuges bediente, wie es die Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten übrig; auch darüber sollte der Mensch seines alten Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen die große Sehnsucht nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber und wollten wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger [31] und wild
und wirr, denn keine wollte ohne die andere etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb und die andere am Leben blieb, da suchte diese nach der toten und umarmte den Leichnam, ob sie nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes – ich meine, was wir heute Weib nennen – oder auf die Hälfte eines ganzen Mannes stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch da hatte Zeus Erbarmen mit dem Menschengeschlechte und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts besessen und wie die Cikaden in die Erde gezeugt und aus der Erde geboren. Und indem Zeus die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen ineinander zeugen und aus sich selbst gebären, damit von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe beischläft, das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann den Mann umarmt, ihre Begierde gestillt werde und ihr Sinnen sich beruhige und sie an die Arbeit gehen und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren und da, damit er die Menschen zu ihrer alten Natur zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde und so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund von uns scheidet, so teilen wir mit ihm einen Würfel, und jeder behält die Hälfte, und später erkennen wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch, möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und sucht im Leben die andere Hälfte des Würfels. Wie die Butten sind wir entzwei geschnitten, aus einer Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst, [32] welche aus jenem Ganzen
geschnitten sind, das früher das Mannweib hieß, lieben heute das Weib – die Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit ihr es wißt – und aus demselben Ganzen sind natürlich auch die Weiber geschnitten, die da den Mann lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die Weiber dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen Weibes geschnitten sind, haben wenig Sinn für den Mann und fühlen sich mehr zum eigenen Geschlechte hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus diesem Geschlecht. Und endlich die Männer, die aus dem alten männlichen Geschlechte geschnitten sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben lieben sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen und mit Männern liegen. Gerade die mutigsten finden wir unter ihnen, da sie ja doch schon von Natur aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie schamlos nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln sie so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre Männlichkeit liebt eben ihresgleichen. Und das beweist es: nur sie dienen, reif und zu Männern geworden, dem Staate. Als Männer lieben sie wieder Knaben und Jünglinge und kümmern sich wenig darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur miteinander zu leben.

So also sind die Freunde und Geliebten entstanden, auch sie lieben eben nur ihr eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen oder jenen anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal begegnet, da werden er und der andere wundersam von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt, und beide wollen nicht mehr voneinander lassen. Aber sie, die von nun an ihr ganzes Leben beieinander weilen, sie wissen dennoch niemals und niemand zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe. Die sinnliche Begierde könnte doch kaum den einen an den andern mit so großer Leidenschaft binden. Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann es nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und wenn zu zweien, die beieinander liegen, Hephaistos träte mit seinen Werkzeugen und sie fragte: Was wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden? Sie würden nur verlegen und keine Antwort haben, und wenn der Gott fortführe: Wollt ihr ein Wesen sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich euch zusammenschweißen, und ihr werdet ineinanderwachsen, aus zwei Dingen eines werden und euer ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach dem Tode in den Hades treten wie zwei, die zusammen gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht ist und dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen und etwas anderes wollen; gleich Kindern würden alle zu hören glauben, was seit je ihr Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und ein Wesen mit ihm bilden. Denn so war einst unsere alte Natur: wir waren einst ganz, und jene Begierde nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst ein Wesen, und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom Gotte gespalten worden, wie die Arkadier heute von den [34] Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort, daß wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht fromm gegen die Götter sind, und daß wir dann herumgehen wie die Reliefs auf den Grabsteinen mit zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal entgehen und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder Mensch den anderen heißen, die Götter ehren, und Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet, der handelt ihm zuwider. Nur als des Gottes Freunde und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur wenigen gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos soll sich hier über mich nicht lustig machen und meinen, ich denke jetzt an Pausanias und Agathon. Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle Männer und Weiber und behaupte, das Menschengeschlecht könne nur heil sein, wenn wir uns in der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen Geliebten findet und so zur alten Natur zurückkehrt. Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir nun einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt: unter allen den Geliebten finden, der uns versteht. Und wenn wir den Gott, dem wir das verdanken, preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie kein anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt uns die sicherste Hoffnung, wenn wir den Göttern unseren frommen Sinn bewahren, uns zu unser alten Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu machen.“

http://www.gutenberg.org/files/24899/24899-h/24899-h.htm

"ruby" Juni 15, 2013 um 01:12

@ pvk

Thinking without a bannister

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/langenacht/2143238/

http://www.dradio.de/dlf/programmtipp/langenacht/2101292/

Ganz bewusst schöpfte die Autorin das Verstehen des Denkens.

"ruby" Juni 15, 2013 um 09:58

Wunderschöner elektronischer industrial Sound der Tastenvirtuosen … in der Maxi 12″Version
http://www.youtube.com/watch?v=OxmePpPr-qQ
Supersofte Vinyl-Aufnahme mit Denon Moving Coil DL160
auf Quartzdrived Sherwood
http://www.google.de/search?q=sherwood+pm-9901&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=Ihm8Uej2FNTn4QSFvYDQBA&sqi=2&ved=0CCsQsAQ&biw=1524&bih=738

Voyage voyage Songtext

Über den alten Vulkanen rutscht von den Flügeln unter den Teppich des Windes
Reise Reise
Auf ewig

Über Wolken in Sümpfen
über Winde in Spanien in den Regen des Äquators
Reise Reise
Flug in die Höhe

Über die Städte
den verhängnisvollen Ideen
sehe den Ozean

Reise, Reise
Weiter als die Nacht und der Tag (Reise, Reise)
Reise
In den unglaublichen Raum der Liebe
Reise, Reise
Auf dem heiligen Wasser eines indischen Flusses (Reise, Reise)
Reise
Und komme niemals wieder

Auf dem Ganges oder dem Amazonas
zu den Schwarzen, zu den Sikhs, zu den Gelben
Reise Reise
Im ganzen Königreich
zu den Fidji Inseln zum Fujiyama
Reise, Reise
Halte nicht an
Über den Stacheldrähten
den geschundenen Herzen
Sehe den Ozean

petervonkloss Juni 15, 2013 um 11:05

@ “ruby”
Hannah Arendt sagte mal, und das ist sicher in meinem Gedächtnis, daß Martin Heidegger, selbst wenn er noch mehr
Einlassungen in den NS gehabt hätte, er trotzdem der bedeutenste Philosoph des 20igsten Jahrhunderts sei.!
Alles Liebe.

petervonkloss Juni 15, 2013 um 11:18

Zur platonischen Kugelgeschichte von @Lina werde ich zu gegebener Zeit was sagen.

petervonkloss Juni 15, 2013 um 11:26

@ “ruby”
der „Sound“des Voyage-Songs erinnert mich an G. Benn.

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