“Den Bann zu brechen durch helles Bewusstsein”

by f.luebberding on 17. September 2013

Bekanntlich kann man die Geschichte nicht mehr ändern. In einer der bekanntesten deutschen Nachkriegsphrase sprach man daher von der “Aufarbeitung der Vergangenheit”, die schon einen Theodor Adorno 1959 zur Verzweiflung getrieben hatte. Mit dieser Phrase sollte letztlich nicht die Vergangenheit aufgearbeitet, sondern als abgeschlossen deklariert werden. Adorno drückte das so aus:

“Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.”

Nun ist Adornos Kritik selbst schon historisch geworden. Er hat damit die deutsche Nachkriegsdebatte mehr geprägt als er es sich wahrscheinlich 1959 selber vorstellen konnte. Die spätere Entwicklung hat seine damaligen Befürchtungen eindrucksvoll widerlegt. Seine Sichtweise hat allerdings die deutsche Debatte über den Umgang mit jeglicher Vergangenheit auch in anderer Beziehung geprägt. Wer das jetzt zu spüren bekommt, sind die Grünen in ihrem Umgang mit dem Thema Pädophilie.

In einer Hinsicht trifft es durchaus die Richtigen. Die Grünen traten nämlich ein Erbe der 68er an, das sie besser ausgeschlagen hätten. In dieser Generation war jene moralisierende Selbstgerechtigkeit zu finden, die unter Aufarbeitung der Vergangenheit zumeist nur noch eine Moralkeule verstand, die sich besonders gut zur Bekämpfung politischer Gegner eignete. Sie haben bis heute eine Mentalität, sich für die besseren Menschen in einer feindlichen Umgebung zu halten. Als Moralproduzenten waren sie damit ungleich effektiver geworden als die Katholische Kirche. In gesellschaftspolitischen Debatten sind die Grünen (und ihr Umfeld) bis heute besonders eifrig, wenn es darum geht, konservative Vorstellungen als unmoralisch zu denunzieren. Die Allzweckwaffe ist dabei der Begriff “Diskriminierung”. Wer etwa die Vorstellungen der Grünen über die Ehe nicht teilt, diskriminiert – und Diskriminierung ist ad definitionem unmoralisches Handeln. Wie wirksam diese Diskurspolizei gewesen ist, konnte man in der jüngsten Vergangenheit erleben. Konservative ließen sich durchaus einschüchtern. Da sollte man sich nichts vormachen.

Insofern ist die Häme nachvollziehbar, die die Grünen in der Pädophilie-Debatte trifft. Dass das im derzeitigen Wahlkampf zudem als ein politisches Kampfinstrument genutzt wird, ist zwar bisweilen eklig, aber nicht zu verhindern. Die Empörung darüber sollte sich in Grenzen halten.

Nur sollte man allmählich die Debatte in rationale Bahnen lenken, wenn man nicht in einem Sumpf aus taktischen Kalkülen versinken will. So wird die Pädophilie-Debatte bei den damaligen Grünen häufig mit den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche verglichen. Nur ist das Argument überzeugend? In der Katholischen Kirche war der Verstoß gegen die eigenen Normen nie umstritten gewesen. Sie musste gerade deshalb ein institutionelles Interesse an einer Vertuschung dieser Vorfälle haben. Zudem war in der Kirche mit der Missbrauchsdebatte jener Verdacht öffentlich geworden, dass der Missbrauch wegen der Verbindung aus repressiver Sexualmoral und Zölibat ein systemisches Problem sein könnte. Es sich eben nicht um die berühmten Einzelfälle handelt, sondern er erst von den institutionellen Strukturen der Kirche erzeugt wird. Es geht hier nicht um die Plausibilität dieses Arguments. Bis heute finden die meisten Missbrauchsfälle in der Familie statt – und trotzdem kommt niemand auf die Idee, die Familie als Institution abschaffen zu wollen. Aber es weist auf einen Strukurdefekt der Debatte hin. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung hat vor allem eine Aufgabe: Es soll im Auftrag der Grünen eine Debatte rekonstruieren, die in den 1970er und 1980er Jahren nicht nur in dieser Partei geführt worden ist. Jeder Zeitgenosse konnte diese Debatte damals nachvollziehen, wenn er sich denn für das Thema interessiert hatte. Der sexuelle Missbrauch von Kindern war damals ein Straftatbestand gewesen. Die Debatte um die Straffreiheit war zwar eine politische Forderung der Grünen gewesen. Sie ist aber nicht nur nicht umgesetzt worden, sondern sie hat es meines Wissens noch nicht einmal als Antrag in den Bundestag geschafft. Die Grünen waren dort seit 1983 vertreten und haben sich erst 1989 von dieser Forderung nach Straffreiheit distanziert.

In der Welt gibt es ein bemerkenswertes Interview mit einem damaligen Missbrauchsopfer. Er schildert, wie die Athmosphäre im Umfeld der Partei gewesen sein muss. Es ist offenkundiger Unsinn, dass viele damalige Grüne heute behaupten, davon nichts gewusst zu haben. Welchen Sinn soll die Forderung nach Straffreiheit haben, wenn man sogenannte gewaltfreie sexuelle Handlungen an Kindern nicht als legitimes Handeln begreift? In der Kirche (oder in den zahllosen Familien) waren die damaligen Täter zur gleichen Zeit von der Rechtswidrigkeit ihrer Handlungen und der eigenen Schuld überzeugt. Sie haben alles dafür getan, damit es nicht öffentlich wird. In der Kirche war das auch lange Zeit gelungen. Das Argument der Befürworter einer Reform des Sexualstrafrechts in der damaligen Debatte war übrigens so zu verstehen: Die Täter haben auch keine Schuld. Sie sind selber das Opfer einer repressiven Sexualmoral geworden, weil einvernehmlicher Sex mit Kindern erlaubt werden müsse. Die Grünen nahmen damit nur einen Diskurs auf, der schon mit der sexuellen Revolution nach 1945 – und gerade nicht erst 1968 begonnen hatte. Pädophilie galt dabei häufig nur noch als eine sexuelle Praxis unter anderen. Der Sinn dieser grünen Debatte war das Herstellen von Öffentlichkeit gewesen. Mehr hätten sie politisch auch gar nicht leisten können.

Zu dem Zeitpunkt als die Grünen über das Thema diskutierten, gab es unzählige Fälle sexuellen Missbrauchs in allen Schichten dieser Gesellschaft. Es waren eben nicht nur katholische Priester oder diese überschaubare Gruppe pädophiler Aktivisten im Umfeld der Partei. Als Stichwort muss man nur die Odenwald-Schule nennen. Der einzige Ort, wo allerdings Öffentlichkeit hergestellt worden war, ist bei den Grünen zu finden gewesen. Trotzdem hat es keinen einzigen Strafantrag gegen die damaligen Akteure gegeben. Von einer Verurteilung ganz abgesehen. Man muss damit eine Frage stellen: Wie ist das eigentlich möglich gewesen?

Warum ist in den 1970er und 1980er Jahren kein Staatsanwalt in Deutschland auf die Idee gekommen, in diesem Umfeld zu recherchieren? Obwohl die strafbaren Handlungen – etwa in dem berühmt gewordenene Buch von Daniel Cohn-Bendit – offen eingestanden worden waren? Warum hat keine Partei, auch nicht die CDU oder die CSU, in dieser Hinsicht etwas unternommen? Gab es Strafanzeigen von Kinderschützern gegen die damaligen Akteure? Es kann ja nun niemand sagen, er hätte nichts gewusst. Das fand alles in der Öffentlichkeit statt. Im Gegensatz zu den Missbrauchsfällen in der Kirche oder den Familien. In Wirklichkeit war die Strafbarkeit des sexuellen Missbrauchs von Kindern eine rechtssoziologische Phrase ohne praktischen Nutzen gewesen. In der strafrechtlichen Praxis hat das keine Rolle gespielt. Das Strafrecht hatte damals kein Kind geschützt – und (fast) jeder Täter von damals ist bis heute straffrei geblieben. Ob er nun bei den Grünen war, in der Kirche, in der Familie oder in irgendeiner anderen Institution dieser Gesellschaft.

In rechtssoziologischer Hinsicht war der sexuelle Missbrauch von Kindern de facto straffrei gewesen. Betroffene Kinder hätten damals noch nicht einmal einen Ort gehabt, wo sie darüber hätten reden können. Sie wurden nicht nur missbraucht (und vergewaltigt), sondern waren buchstäblich zum Schweigen verdammt. Das war auch der Grund, warum sich damals niemand dafür interessierte, welche Folgen eigentlich die Selbstbezichtungen im Umfeld der Grünen haben mussten. Kein Staatsanwalt, kein Kinderschützer, keine Kirche, kein konservativer Politiker oder irgendein Journalist interessierte sich dafür, obwohl der Missbrauch vor ihren Augen stattfand. Sie alle hätten nur hinsehen müssen. Sie haben aber die Augen verschlossen.

Erst in dieser Athmosphäre konnte überhaupt die Idee entstehen, die Abschaffung der Strafbarkeit sexueller Handlungen mit Kindern zu fordern. Das Delikt wurde in der Praxis nicht verfolgt, aber jeder wusste, dass es vorkam. Warum sie daher nicht als eine sexuelle Spielart betrachten, die ähnlich zu beurteilen ist wie die Homosexualität? Und deren Strafbarkeit war erst kurz vorher abgeschafft worden. Die Pädophilen bestimmten einen öffentlichen Diskurs, den es in Wirklichkeit ansonsten nicht gegeben hatte. Oder hat es etwa zu diesem Zeitpunkt eine gesamtgesellschaftliche Debatte gegeben, die mit den heutigen Erkenntnissen vergleichbar gewesen wäre? Wo waren denn die damaligen Konservativen, die über den sexuellen Missbrauch geredet haben? Sie haben geschwiegen, weil sie dann natürlich nicht nur über die Grünen hätten reden müssen. Ironischerweise waren es die Grünen selbst gewesen (und ihr Umfeld. Es sei nur Alice Schwarzer genannt), die den politischen Vormarsch der pädophilen Aktivisten beendeten.

Das ändert nichts an der alten Forderung Adornos, den “Bann zu brechen durch helles Bewusstsein”. Nur im Umfeld der Grünen konnten Pädophile den sexuellen Missbrauch legitim praktizieren. Es soll daher nun keiner erzählen, er habe das nicht gewusst. Das ist schon ein Unterschied zu den sonstigen Verhältnissen, etwa in der Katholischen Kirche. Allerdings dürfen die Enkel der damaligen Konservativen darüber nachdenken, warum diese die kriminellen Aktivitäten im Umfeld der Pädophilen geduldet hatten. Meinetwegen darf das Nachdenken auch erst am kommenden Montag beginnen.

update 21:00 Uhr

Goldkäferhochzeit hat mich auf dieses Interview von heute Morgen mit Stephan Klecha vom Göttinger Institut hingewiesen. Lohnt sich.

{ 438 comments… read them below or add one }

Soldat Schwejk September 24, 2013 um 21:04

Hier geht’s ja immer noch weiter…

@ Morph
– “Die Ironie ist, dass jede Verwirklichung einer Option andere Optionen unmöglich macht, so dass es in der Realität gar nicht zu der wundersamen Vermehrung von Möglichkeiten kommen kann, auf welche die Emanzen fixiert sind…”

Oh je… da könnte also der orientalische Familienpascha in Neukölln, der seine Tochter einem Cousin in Anatolien anverheiraten will, ihr bei Widerwillen sagen: Ey, wenn du dir ‘nen anderen suchst und den dann heiratest… also verheiratet biste dann so oder so, und damit sind deine Möglichkeiten so oder so eingeschränkt. Und wenn du gar nicht heiraten willst, dann haste halt nicht die Option zu heiraten. Du siehst also, du kannst nichts gewinnen, das sagt übrigens auch der @Morph, also husch husch nach Anatolien unter die Haube.

@ CM 17:42

Ich muß schon sagen… also ich bemühe mich ja nach Kräften hier manche Haltungen zu ironisieren…

…aber was Du hier so aufbietest… … von der komparativen Festigkeit des Beckens über die Energieübertragungsmetaphorik bis hin zum freien Raum voller erotischer Energie…

… das ist eh schon eine ziemliche Ansammlung von Skurrilitäten… aber das letzte nun ist wirklich dermaßen over-the-top… dazu fällt mir gar nix mehr ein, auch nicht in Reimform. – Ich hoffe ja, Du willst uns damit bloß verarschen, und Dir geht nicht wirklich dauernd solches Zeugs im Schädel herum… Das stelle ich mir doch irgendwie ziemlich unkommod vor…

Morph September 24, 2013 um 21:29

@Schwejk

Coole Vorstellung eigentlich, dass so ein Familienpascha sich ausgerechnet auf mich beruft. – Aber ich hätte damit kein Problem, sondern würde sagen: Wenn die Autorität meiner Meinung tatsächlich das entscheidende Argument dafür wäre, dass diese Zwangsheirat stattfände, gesetzt also, dass der Vater kein anderes Druckmittel anwendete als die Mitteilung, dass die Zwangsheirat nach dem @Morph in Ordnung gehe, und die dumme Ay?e würde sagen, ach Vater, zwar finde ich den Cousin zum Kotzen und Anatolien sterbenslangweilig, aber wenn’s der Lehre des @Morph entspricht, dann füge ich ich mich in mein Schicksal, realisiere Gattenekel und Langeweile, und gebe meinen Traum, ZDF-heutejournal-Sprecherin zu werden auf; – dann hätte die liebe Ay?e es auch nichts besser verdient! ;-)

Linus September 24, 2013 um 21:40

@Ayatollah Morph:
Ich wage untertänigst zu bemerken, dass sowieso nicht jede dahergelaufene Ay?e ZDF-heutejournal-Sprecherin werden kann. Was hätten die denn dann verdient? Gibt es eine Fatwa dazu? Oder soll ich mich an die Meinung des Dorf-Gelehrten halten?

Soldat Schwejk September 24, 2013 um 21:41

@ Morph

Denk an das berühmte Büchner-Zitat aus “Dantons Tod”… Du weißt schon…

holger September 24, 2013 um 22:23

Der Titel passt echt

“den-bann-zu-brechen-durch-helles-bewusstsein”

:D

Morph September 24, 2013 um 22:51

@Linus

Wir Ay?es dieser Welt brauchen nicht MEHR Wahl-Möglichkeiten, sondern nur EINE Möglichkeit, nämlich die, zu wählen. Und damit wird den Ay?e-Vätern dieser Welt die Möglichkeit genommen, z.B. unsere Ehen zu arrangieren; und dass dies realisiert wird, liegt nicht an den @Morphs dieser Welt, sondern an uns Ay?es. Das ist die knallharte Realität. Darüber täuscht die Rede von der Vermehrung der Möglichkeiten hinweg.

Morph September 24, 2013 um 22:56

Ich meine, kann man wirklich allen Ernstes ein Mehr an Möglichkeiten fordern, in einer Welt, in der das Quadratquatschwort der ‘Multioptionsgesellschaft’ herumgeistert?

Linus September 25, 2013 um 00:14

@Morph:
“Wir Ay?es dieser Welt brauchen nicht MEHR Wahl-Möglichkeiten, sondern nur EINE Möglichkeit, nämlich die, zu wählen.”

Hmmm. Das ist eine harte Nuss. Und obendrein scheint mir das Gelände bis unters Dach vermint. Ich werd mal drüber schlafen.

"ruby" September 25, 2013 um 04:23

@ hardy

zu deiner Beschreibung passt Klaus Schulzes Death of an Analog von der Stimmung … (auch, wenn Morph die digitale Klangwelt nicht so mag) oder dieses :
http://www.youtube.com/watch?v=kg6P79h5E5A
Aber es ist der Beginn von Neuem, das aus den Sümpfen hervor kommt :
http://www.voices-in-the-net.de/i/japan061.jpg

"ruby" September 25, 2013 um 04:34

Und für alle die bereits sequenced sind :
http://www.youtube.com/watch?v=vJAjbJ4uMIM
Der Hammer, wenn ihr zeitverzögert alle Internet Verbindungen anwerft (Laptop, Tablet, TV, Hifi …) z.B. vierstimmig.
Dann brauchst keine Dröhnung mehr!!!
Ob sich helles Bewusstsein einstellt – who knows?

Morph September 25, 2013 um 07:57

@ruby

“Ob sich helles Bewusstsein einstellt – who knows?”

Ich z.B.

Und ich kann Dir verbindlich mitteilen, dass sich durch irgendwelche ‘Dröhnungen’ kein helles Bewusstsein einstellt, im Gegenteil. – Aber Deine Signale aus dem dilirium tremens des Musikoholikers erinnern mich daran, dass in der von mir genannten Reihe der Emanzen natürlich noch ein ganz eminentes Mitglied fehlt: Die Bewusstseinsemanze! – die übrigens gern zusammen mit der maskulinen Vollpfostenemanze auftritt, ob in Personalunion, s.o., als Paar (in dem der maskuline Vollpfosten-Part durchaus auch von einer Frau bespielt werden kann) oder als Guru-zentrierte Gruppe.

Think positive September 25, 2013 um 10:58

@hardy September 24, 2013 um 20:55
in einem jahrzehnt sind wir so verklemmt und neurotisch wie der große bruder, weil unsere medien anfangen, das selbe entpolitisierende spiel zu treiben und sich lieber an “skandalen” aufgeilen …

Die Medien sind, wie ihr Name sagt, nur Mittler von gesellschaftlichen Prozessen. Es ist der Kapitalismus selbst, welcher die Natur zerstört und umformt. Und auch die menschliche Natur.

Es verschwindet die natürliche Polarität der Geschlechter. Heraus kommt ein unerotischer Anthropoid, welcher auf Geldverdienen und Konsum konditioniert ist.

Beim spätkapitalistichen Einheitsmenschen ist die Geschlechtsdifferenz reduziert auf einen “kleinen äußerlichen Unterschied”.

Der herrschende Feminismus mit Gendermainstreaming ist eine Ideologie des Spätkapitalismus (Vgl. Schwarzer: „Der kleine Unterschied …“)

Zugleich schwindet auch die Differenz zwischen einer heterosexuellen und homosexuellen Lebensweise.

In den USA ist – wie die soziokulturelle Dekanz überhaupt – auch die Neurotisierung weiter vorangeschritten.

Aber anders als es die Apologeten des Kapitalismus propagieren, handelt es sich nicht um ein globales Phänomen eines anthropologischen Fortschritts, sondern um ein Symptom kultureller Dekadenz im untergehenden Kapitalismus.

Die zukünftige Menschheit wird einen anderen Weg einschlagen. Das zeigen Entwicklungen in anderen Teilen in dieser Welt. Man muss daher nicht sein Leben in dieser unerotischen Dekadenzkultur vertun.

Think positive September 25, 2013 um 11:00

In den USA ist – wie die soziokulturelle Dekanz überhaupt – auch die sexuelle Neurotisierung weiter vorangeschritten.

"ruby" September 25, 2013 um 12:38

@ Morph

;-)

Linus September 25, 2013 um 13:01

@Think Positive:
“Die Medien sind, wie ihr Name sagt, nur Mittler von gesellschaftlichen Prozessen. Es ist der Kapitalismus selbst, welcher die Natur zerstört und umformt.”

Da unterschätzt du mE die Medien. Ihre Währung heisst allein Aufmerksamkeit. Bzgl. ‘wahr’ und ‘unwahr’ sind sie völlig leidenschaftslos. Im Gegenteil, es geht darum, in diesem ‘Informations-Environment’ auch noch die letzte Nische zu besetzen. Dafür ist jedes Desinformationsmittel recht.

Diese Art von Aufmerksamkeits-Ökonomie ist keineswegs nur aus einem kapitalistischen Gewinnstreben heraus motiviert. Sie ist vielmehr überall in der Natur anzutreffen.

Die Medien suggerieren, ja müssen suggerieren, dass all diese dargestellten Positionen – und seien sie noch so absurd – haltbar wären und eben nicht nur hohle Versprechen. Dies ist wesentlicher Teil des Kampfes um Aufmerksamkeit.

Schon daran lässt sich absehen, dass die Medien keineswegs nur Mittler oder Verstärker sind, sondern ein gewaltiges zusätzliches Rauschen mit einbringen.

Carlos Manoso September 25, 2013 um 13:53

@ Soldat Schwejk September 24, 2013 um 21:04
„@ CM 17:42
Ich muß schon sagen… also ich bemühe mich ja nach Kräften hier manche Haltungen zu ironisieren…
…aber was Du hier so aufbietest… … von der komparativen Festigkeit des Beckens über die Energieübertragungsmetaphorik bis hin zum freien Raum voller erotischer Energie…“

Soldat Schweijk, Beispiel „komparative Festigkeit des Beckens“. Wo in der deutschen Sprache der Komparativ der herabmindernden Überlegenheit steht (z.B. heißt es in Deutschland „kleineres weibliches Becken“), da steht in der französischen Sprache der Komparativ der heraufsetzenden Unterlegenheit (z.B. heißt es in Frankreich: „weniger großes weibliches Becken“).

Was sagt dir das?

Carlos Manoso September 25, 2013 um 14:08

@Linus September 25, 2013 um 13:01
Da unterschätzt du mE die Medien. Ihre Währung heisst allein Aufmerksamkeit. Bzgl. ‘wahr’ und ‘unwahr’ sind sie völlig leidenschaftslos. Im Gegenteil, es geht darum, in diesem ‘Informations-Environment’ auch noch die letzte Nische zu besetzen. Dafür ist jedes Desinformationsmittel recht.
Diese Art von Aufmerksamkeits-Ökonomie ist keineswegs nur aus einem kapitalistischen Gewinnstreben heraus motiviert. Sie ist vielmehr überall in der Natur anzutreffen.“
Linus, immerhin erkennst du leidenschaftslos, dass die „Währung“ der kapitalistischen Art von „ Aufmerksamkeitsökonomie“ „allein Aufmerksamkeit“ heißt. Mehr Aufmerksamkeit ist im kapitalistischen Medienbusiness der (einzige) Stoff, aus dem Gewinn entstehen (kann).

Deine Argumentation „Sie (die Aufmerksamkeitsökomomie) ist vielmehr überall in der Natur anzutreffen) wirft da einiges ziemlich durcheinander. Wenn ein Pfau in der Natur sein Rad schlägt, will er weibliche Pfaue beeindrucken, wenn z.B. die BILD-Zeitung auf Seite 1 ein Rad für Angela Merkel schlägt, will sie schlicht und ergreifend nix weiter als Auflage, sprich Money („G´“) machen.

Lina September 25, 2013 um 14:45

Carlos Manoso September 24, 2013 um 17:42

Die Angst vor der Rolle des Sir Chatterley ist der Vater des Gedankens, nicht wahr darling?
LOLLLLLLLL!
http://www.youtube.com/watch?v=hf_2w8A8_zw

Think positive September 25, 2013 um 15:06

@Linus

Medien vermarkten nicht nur ihre Produkte, sondern auch Interessen, Informationen und Meinungen.
Kunden sind seinerseits die Käufer der Produkte – bzw. beim ÖRR die Konsumenten – und andererseits die Werbekunden.
Weiterhin müssen die Redaktionen, Journalisten und Moderatoren insbesondere die ökonomischen und(!) politischen Interessen der Eigentümer – bzw. beim ÖRR der „Besitzer“ – berücksichtigen, denn im Verhältnis zu ihnen sind diese ihre Herren („Arbeitgeber“) und sie nur subalterne Lohnarbeiter oder Dienstleister.

„Aufmerksamkeit“ erzeugen alle, die etwas erfolgreich vermarkten wollen und sich in der Konkurrenz durchsetzen müssen.

„Aufmerksamkeitsökonomie“ als gängige Metapher für das Mediengeschehen greift zu kurz ebenso wie die Vorstellung, Medien könnten gesellschaftspolitische Prozesse auf dem Wege der informativen Verhaltenssteuerung nahezu beliebig manipulieren.

Wenn ich schreibe, dass „die Medien sind nur Mittler von gesellschaftlichen Prozessen seien“, dann meine ich damit, dass nicht die Medien den Neoliberalismus bzw. Spätkapitalismus „machen“, sondern dass der Kapitalismus aus innerer Gesetzmäßigkeit aus Gründen der Systemerhaltungslogik gezwungen ist, nahezu sämtliche Bereiche des Lebens der Kapitalverwertungslogik zu unterwerfen und daraus das Phänomen „Neoliberalismus“ und “Terror der Ökonomie” resultiert.

Selbstverständlich wissen die Konservativen, dass die Berufstätigkeit der Mütter schädlich für die Entwicklung der Kinder ist. Sie waren es ja, die in der Vergangenheit stetig darauf hingewiesen haben, auch wenn sie heute(!) von der Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit schwätzen, „weil die Wirtschaft auf die Berufstätigkeit der Mütter nicht verzichten kann“.

Wobei in den wirtschaftlich privilegierten Familien, wie bei z.B. bei Susanne Kladden, bei Jauch, Kerner etc., weiterhin das traditionelle konservative Familienmodell praktiziert wird, wo die Mutter für die Kinder da ist.

Ähnliches gilt übrigens auch für den Feminismus. Das ist vor allem ein Phänomen der unteren und mittleren Schichten.

Lina September 25, 2013 um 15:09

@Think positive

Ja, ja….die “Weiber” sind an allem schuld……
Da! Guck:

http://www.youtube.com/watch?v=NY2IpSCV-Nk

LOLLLLLLLLLLLLL!

Carlos Manoso September 25, 2013 um 15:19

@Lina September 25, 2013 um 14:45
„Carlos Manoso September 24, 2013 um 17:42
Die Angst vor der Rolle des Sir Chatterley ist der Vater des Gedankens, nicht wahr darling?
LOLLLLLLLL!“

Lina, Kurt Tucholsky schrieb z.b. völlig richtig über „D. H. Lawrences Roman „Lady Chatterley und ihr Liebhaber“:
„Es kommt nicht darauf an, alles auszusprechen. Es kommt darauf an, alles zu wissen oder doch vieles. Was Lawrence über die Liebe weiß, das ihm Selbstverständliche, ist schrecklich selbstverständlich. Ja, ja … so werden die Kinder gemacht … das ist wahr. Die Pantomime freilich ist überall gleich. Der Unterschied …. steckt nicht im Anatomischen. Er steckt im Kopf.“

Think positive September 25, 2013 um 15:26

@Lina
Ja, ja….die “Weiber” sind an allem schuld……
LOLLLLLLLLLLLLL!

Lina-Baby, der Versuch, Zusammenhänge auf banalisierende Weise ins Lächerliche zu ziehen, anstatt argumentativ zu entgegnen, ist ein Abwehrmechanismus, der häufig in der Pubertät aufgrund des Mangels an intellektueller Reife auftritt.

"ruby" September 25, 2013 um 15:26

@ Lina

Möchtest Du eine originale Autogrammkarte aus den 50ern von Rita Haywort – hat meine Ma mal mit ihrer Gang gesammelt ;-)

Lina September 25, 2013 um 15:33

Think positive

“Lina-Baby, der Versuch, Zusammenhänge auf banalisierende Weise ins Lächerliche zu ziehen, anstatt argumentativ zu entgegnen, ”

Dafür habe ich jetzt keine Zeit.
Muß noch Kuchen backen, Socken stricken und so
;)

“…ist ein Abwehrmechanismus, der häufig in der Pubertät aufgrund des Mangels an intellektueller Reife auftritt.”

Reine Anpassung, Schatz.
;)

P.S.:
Bin jetzt weg.
Immer noch lachend
:D

Think positive September 25, 2013 um 15:44

@Lina
Bin jetzt weg.
Immer noch lachend

Es scheint sich um pharmakogene oder endogene Freude zu handeln.

Carlos Manoso September 25, 2013 um 16:06

@Think positive September 25, 2013 um 15:44
„@Lina
Bin jetzt weg.
Immer noch lachend
Es scheint sich um pharmakogene oder endogene Freude zu handeln.“

Think positive, wenn es sich um“ endogene Freude“ („Bin jetzt weg, immer noch lachend“) handeln sollte, könnte es sich –positiv gedacht- U.U. nur um einen Mann handeln

Linus September 25, 2013 um 18:22

@Think Positive:
Denk dir den Kapitalismus weg. Ich bin mir sicher, dass die Medien nicht viel besser wären. Neben(!) dem Profitstreben wirkt ein starker Wunsch nach Aufmerksamkeit, nenn es Geltungsbedürfnis, Eitelkeit oder sonstwie. Dies ist ein autonomer Zug der Medien.

Soldat Schwejk September 25, 2013 um 19:27

@ TP – “Die zukünftige Menschheit wird einen anderen Weg einschlagen. Das zeigen Entwicklungen in anderen Teilen in dieser Welt. Man muss daher nicht sein Leben in dieser unerotischen Dekadenzkultur vertun.”

Wohin geht denn der Flieger?

@ CM – “Was sagt dir das?”

Glaub mir, das willste lieber gar nicht wissen…

"ruby" September 25, 2013 um 21:23

@ Morph

und aus den Sümpfen stiegen wir empor :
http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-09/panzerfisch-kiefer-fossil-palaeontologie
daraus:
“Wie kategorisieren Forscher Lebewesen und was tun, wenn ein urzeitliches Geschöpf auftaucht, das zunächst nicht in gewohnte Schemata gezwängt werden kann? Im Zweifel passiert das offensichtliche für Paläontologen: Was nicht passt, wird passend gemacht.”

hardy September 25, 2013 um 22:07

@Think positive September 25, 2013 um 10:58

ich verstehe das so … und nenne das in meinem eigenen “sound” die schulhofpöbeleien unerzogener jungs in der pubertät.

der rest deines beitrags ist der versuch, einen alten hippie mit den miißverständnissen der jugend zu überrennen. an mir prallen pender-paranoia oder die maskulistische attitüde unverrichteter dinge ab, wenn du wissen willst, was ih dazu denke, kannst du das nachlesen: ich mochte schon immer eher esther vilar

[..] Die Medien sind, wie ihr Name sagt,
[..] nur Mittler von gesellschaftlichen Prozessen.

oh, ich könnte mich jetzt auch mal für ne sekunde naiv stellen … aber du weisst ja, was dabei herauskommt.

@”ruby”

also für “ricochet” und “stratosfear”, ja selbst für “alpha centauri” oder “atem” wäre ich sofort zu haben, aber … naja, schulze habe ich in den 70er live gesehen und fand ihn öde, nur gut bei yamashta winwood shrieves “go”.

ich bin mehr so der can “tago mago”-typ ;-)

hardy September 25, 2013 um 22:19

@”ruby”

[..] Was nicht passt, wird passend gemacht.

ah, ich sehe, es ist zeit, mal wieder ein bißchen werbung für charles fort zu machen, der perfekt beschreibt, _wie_ es passend gemacht wird und … wie passend … am ende immer “sumpfgas” herauskommt ;-)

"ruby" September 25, 2013 um 23:01

@ hardy
ja, gegen can und holger czukay ist klaus schulze ein echter langweiler – aber ein echt schöner ;-)

auf der doppel lp alpha centauri und atem benutzten td eine Kaffeemaschine als Instrument …

hardy September 25, 2013 um 23:29

ah … holger czukay

das ist wirklich “helles bewusstsein” ;-)

h.huett September 30, 2013 um 11:10

Nachtrag

Lesenswert dieser Beitrag von Volkmar Sigusch aus der vergangenen Woche im Freitag http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-lust-am-kind

Linus September 30, 2013 um 12:10

@huett 11:10:
Danke! Bemerkenswert unaufgeregte Zusammenfassung der hiesigen Diskussion :-D

Think positive September 30, 2013 um 18:11

Sigusch zitiert den Psychoanalytiker und Sexualforscher Wolfgang Berner:
Zumeist sehr schnell wird offensichtlich, welche Elemente aus der Mutter-Beziehung des Pädophilen in seinen erotischen Phantasien und Handlungen wiederholend ausagiert werden, ohne eine Lösung für die dahinter stehenden Aggressionskonkonflikte zu finden.

Das ist ein diskreter – in der Sprache der Psychoanalyse formulierter – Hinweis auf die psychosoziale Genese der Pädophilie und die Rolle des mütterlichen Verhaltens dabei.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche negativen Folgen der Feminismus für die psychosoziale und psychosexuelle Entwicklung der Geschlechter haben wird?

Die Opfer des Feminismus sind ein Tabuthema, welches regelmäßig Widerspruch und Widerstand bei den weiblichen und männlichen Parteigängern des Feminismus hervorruft. Besonders – wie bereits hier geschehen – bei jenen mit der kognitiv dissonanten, pseudo-kritischen Attitüde, welche sich für besonders kritisch halten, jedoch mitten im Mainstream des Zeitgeistes schwimmen.

Linus September 30, 2013 um 18:47

@Think Positive:
“Hinweis auf die psychosoziale Genese der Pädophilie und die Rolle des mütterlichen Verhaltens dabei”

Wäre interessant, wenn du das ein wenig ausführen könntest! Gewissermassen, bevor sich jeder wieder sein eigenes Hörensagen-Süppchen kocht.

Think positive Oktober 1, 2013 um 10:29

@Linus

Es gibt unterschiedliche Beziehungs- und Erziehungskonstellationen, die eine höhere oder hohe Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer Psychopathologie oder eines devianten Verhaltens aufweisen.
Wobei es immer darauf ankommt, wie das Kind damit umgeht bzw. umgehen kann.
Besonders ungünstig sind Alleinerziehungskonstellationen.

Insofern müsste man zur Genese der Pädophilie ein Buch schreiben oder es lässt sich – wie beim Zitat von Wolfgang Berner – nur sehr allgemein formulieren. Auch bei Sigusch finden sich im Text nur andeutende Hinweise.

Leave a Comment

{ 4 trackbacks }

Previous post:

Next post: