Verrat als Literatur

by h.huett on 28. Dezember 2013

Was ist das für ein Dokument, das der britische TV-Sender Channel 4 am ersten Weihnachtstag in Verkehr brachte? Der Kanal setzt eine Tradition fort, bietet eine Alternative zur Weihnachtsansprache der Königin. Die Auswahl der Episoden belegt etwas ziemlich Banales: Durch die Adern der Konkurrenz fließt kein blaues, sondern bloß Celebrity-Blut. Die Speaker reüssierten auf ziemlich unterschiedlichen Tanzflächen. Edward Snowden und der frühere iranische Staatspräsident Ahmadinedschad markieren die politischen Pole. Ihr Take in der Dramaturgie des Senders folgt nicht den eigenen Skripten, sondern einer Agenda des Senders. Was hat Channel 4 dazu bewogen, Edward Snowden zu casten?

Die Erklärung dazu könnten wir bei John le Carré und Thomas Pynchon finden. Hier aber erst einmal die Intervention zu Snowdens Weihnachtsansprache.

Der Zeitpunkt
Wer wendet sich am Weihnachtstag an die nationale, internationale und lokale Öffentlichkeit? Staatsoberhäupter, der Papst, zahllose Pastoren und Priester in ihren Gemeinden. Die Tradition ist verbürgt, das Format gelernt. Weihnachten, Frieden auf Erden, die Geburt eines Knaben, der Gründungsmythos einer Weltreligion, Wunder über Wunder bis hin zur Parthenogenese. Snowden aber ist kein Neugeborener, kein Frühchen, sondern ein informationstechnisch ausgekochtes Früchtchen.

Aus dem Blickwinkel seiner früheren Auftraggeber ist er ein Vertragsbrüchiger, ein Gesetzloser, ein Verräter. Aus dem Blickwinkel seiner Vertriebshelfer ist er ein Renegat, der eine These verifiziert, für deren Verbreitung sie Jahrzehnte lang als Paranoiker ausgelacht wurden. Er profitiert von einer ihm aus opportunistischen Gründen zugesprochenen Heiligkeit, die erste Heiligkeit mit noch unbestimmtem Verfallsdatum. Bevor die befristete Heiligkeit abläuft, ergreift er das Wort, nutzt den mythisch aufgeladenen Zeitpunkt als Verstärker einer Botschaft, die an diesem besonderen Tag aus vielen Gründen befremdet. Erst dachte ich an eine surrealistische Intervention, tatsächlich folgt sie einer volatileren spielerischen Logik, weswegen ich eher dazu tendiere, sie als ein situationistisches Arrangement zu betrachten.

Channel 4 kommt auf seine Rechnung mit dem Scoop. Die alberne Restriktion, das Video nur auf der eigenen Platform zu zeigen, führt zu einem Verpuffungseffekt. Tatsächlich wurde es für Channel 4 zu einem Rohrkrepierer. Denn wer sich an die Bürger der Welt wendet, tut das nicht in den Gemarkungen von Hintertupfingen – und sei das auch so groß wie das Vereinigte Königreich.

Für Snowden ist der Zeitpunkt viel entscheidender. Es kommt Bewegung ins Spiel. Es ist nicht mehr ein altruistisches Spiel, das er aus vermutlich ehrenwerten Motiven begonnen hat und in dem andere Akteure versuchen, den weiteren Verlauf unter Kontrolle zu bekommen. Die Logik dieser Akteure zielt darauf, den für die Dienste und die politisch Verantwortlichen entstandenen Schaden zu begrenzen. Hatten ihre bisherigen Interventionen Snowden zu einem Outlaw erklärt und damit das Ziel verfolgt, mutmaßliche Whistleblower im Wartestand maximal zu verschrecken, haben sie durch kühle Analyse noch nicht eingetretenen Schadens ihre Strategie geändert. Schon gibt es Stimmen aus dem politischen Establishment, die Snowden zu einem patriotischen US-Bürger erklären, der die Verfassung der USA besser verstanden habe als allzu willfährige FISA-Richter.

Das Spiel ist aber noch lange nicht zu Ende, wer es gewinnt völlig unentschieden. Jetzt, am ersten Weihnachtstag, sich an die Weltöffentlichkeit zu wenden, wirkt deshalb wie ein aus der Choreographie der Gerichtsbarkeit entsprungenes und damit etwas in Unwucht gelangendes Plädoyer in eigener Sache. Das kurze Stück von Channel 4 zeigt die unheilige Sechseinigkeit Edward Snowdens, der in seiner Intervention die Rollen des Angeklagten, des Kronzeugen, des Anklägers, des Verteidigers, des Richters und der Jury zugleich spielt. Der Zeitpunkt dieser Intervention am Weihnachtstag, am Fest der Geburt Jesu Christi, der uns von unseren Sünden erlöst, entspricht in der Verfahrenslogik der amerikanischen Strafgerichtsbarkeit einer Grand Jury Sitzung, die darüber entscheidet, ob es zu einem Hauptverfahren kommt und welche Beweismittel dazu zugelassen werden oder ob es zu einem Vergleich kommt, der das Hauptverfahren erspart.

Schließlich müssen wir wegen des Datums dieser Ansprache uns auch auf das abschüssige Gelände einer theologischen Interpretation begeben. Stimmt Snowden ein zivilgesellschaftliches Vaterunser an? Von welchem Übel, neuerdings Bösen, im altgriechischen Text ??????? , schickt sich Snowden an, die Welt zu erlösen? Markiert seine Ansprache das posthistorische Gründungsdatum einer weltweiten Zivilreligion, die sich dem über die Stränge schlagenden absoluten Machtanspruch entgegenstellt, weil die politische Klasse im Begriff scheint, das Kräftegleichgewicht der checks and balances zu zerstören? Inszeniert sich Snowden als Religionsstifter? Wäre es deshalb gerechtfertigt, die kurze Ansprache als einen Akt der Hybris zu brandmarken?

Wer redet?
Edward Snowden, ein Auftragnehmer der CIA und der NSA, der seinen Vertragspartnern auf erstaunliche Weise abhanden gekommen ist, ein Staatenloser auf der Flucht, in der Obhut Wladimir Putins, dem es gerade gefällt, die postdemokratische Amplitude absoluter Macht durch Gnadenakte zu zelebrieren, deren Unermesslichkeit das Pegelschwungpotenzial in die andere Richtung der Gnadenlosigkeit illustriert. Es redet ein flüchtiger Ausgesetzter, ein Odysseus in der Nussschale, ein Schutzbefohlener St. Brendans. Als Informatiker bezeugt er ein Damaskuserlebnis. Erst war er maßgeblich daran beteiligt, ein Überwachungssystem in Gang zu setzen, das jeder Idee von Privatheit auf Dauer den Garaus bereitet. Dann sah er ein, dass dieses System alle rechtlichen Maßstäbe obsolet macht, die das Wirken der Dienste an Recht und Gesetz bindet und sie damit politischer Kontrolle unterwirft.

Wir können Snowden aus manchen Gründen als einen Niemand, als einen Odysseus unserer Zeit wahrnehmen. Der Fall Trojas liegt hinter uns. Die Irrfahrt ist noch lange nicht zu Ende. Die Listen und Heldentaten sind noch gar nicht erzählt, von den Prüfungen ganz zu schweigen, die ihm noch bevorstehen.

Ein schmales Hemd mit zu weiten Kragen, ein listiger Nerd, ein Netzwerker, der Erfinder einer List, die wir als das Trojanische Pferd unserer Zeit wahrnehmen könnten: auf jedem Schreibtisch, in jedem Laptoptäschchen, in jeder Hosentasche vibriert und sendet dieses globale Pferd vor sich hin.

Es redet ein Entschlüsselungsheld, ein Sammler und Hermeneutiker, ein Systemadministrator, der aus guten Gründen daran zweifelt, was wir als “unsere Geheimnisse” betrachten. Ein Ökologe der Privatsphäre, deren manifeste Eigenschaften desto ungenauer herumschillern, je weniger wir tatsächlich in der Lage sind, sie als das persönliche Habitat eines jeden Menschen wahrzunehmen, geschweige denn pragmatisch tauglich zu operationalisieren. Wo beginnt sie? Wo hört sie auf? Höchstrichterliche Rätsel wie das Recht der informationellen Selbstbestimmung wirken im Vergleich zu skalierbaren Messergebnissen etwas unscharf, um es vorsichtig zu sagen. Der Gesetzgeber hat es jedenfalls bis heute nicht verstanden, diesem Richterspruch in der Gesetzgebung zu folgen. Vielmehr beobachten wir immer wieder Versuche, das Richterrecht durch neue Akte der Gesetzgebung zu durchlöchern oder zu umgehen.

Es redet ein reuiger Missetäter des Überwachungssystems, der für sich die Rolle eines Kronzeugen beansprucht, aber weit davon entfernt ist, den Schutz eines amerikanischen Gerichts zu finden, weil er sich in der prekären Obhut Wladimir Putins befindet. Betrachteten wir Snowden aus Putins Perspektive, ist er bloß ein Joker im Ärmel, eine Spielkarte, die auf ihren Einsatz wartet.

Was sagt Snowden?
Er beginnt mit einem “Hi”. Trivialer geht es nicht. Die lingua franca der Traveller. Hi. Dem Gruß fehlt die bezeugende Zeitangabe. Kein Morgen, kein Tag, keine Nacht. Der Gruß ist zeit- und ortlos, die Erscheinung eines schmalen Hemds mit weitem Kragen grüßt als Pixel mit einem Hi in die Weite der Welt hinaus. Niemand hat an diesem Weihnachtstag auf ein Hi gewartet. Ok, vielleicht der eine oder andere Reisende in den Pampas, in den Weiten Kirgisiens, der Prärien des mittleren Westens, des Massif Central, der urbanen Wüste zwischen Herne und Castrop-Rauxel. Aus dem Hi spricht eine Verhaltenheit, eine Ungewissheit über die Textsorte, die die alternative Weihnachtsansprache verlangt. Immerhin wendet er sich über den regionalen privaten TV-Kanal eines Königreichs an die Weltöffentlichkeit. Ihm fehlt die politische Prärogative, sein Publikum mit “Liebe Schutzbefohlene!” anzureden. Fellow Citizens geht auch nicht, es sei denn, er beriefe sich auf das Weltbürgerrecht. Implizit aber tut er das, denn das Hi nivelliert alle Grußformeln, bedarf keiner Hermeneutik oder lexikalischen Herkunftsanalyse. Es redet von gleich zu gleich. Im Hi erklingt, von ferne, die “égalité” von 1789.

Der zweite Satz ist in meinen Ohren die einzige Kakophonie dieser Ansprache. Sie richtet sich ja auch an die Heiden dieser Welt, an die Agnostiker, an Muslime, an Hindus, an Konfuzianer, an Shintoisten, an Buddhisten, an Zoroastriker und Anhänger zahlloser anderer Verehrungspraktiken. “And Merry Christmas.” Das “und” nivelliert die religiöse Wunschformel als untergeordneten Bestandteil der egalitären Begrüßung. Er nimmt Abstand von der amerikanischen Gepflogenheit der “seasonal greetings”, die aus Rücksicht auf diverse Glaubensgemeinschaften niemandem zu nahe treten will. Snowden bekennt sich unmittelbar zur christlichen Gepflogenheit der “fröhlichen Weihnachten”.

Nun ist diese saisonale Formel, die ein Religionsdatum mit einem Gemütszustand verkoppelt, ja selbst Grund genug dafür, das Publikum in Zweifel zu stürzen. Wer hat darauf gewartet, an diesem Tag von einem tapferen Wendehals des Überwachungsregimes in einen Zustand der Fröhlichkeit versetzt zu werden? Diejenigen, die Snowden als Zeugen dafür betrachten, dass ihre finstersten Ängste sich als begründet herausstellten, haben weder Grund dazu aufzuatmen noch etwa fröhlich zu sein. Diejenigen, die an Recht und Gesetz glauben und der Auffassung sind, dass alles seine gute Ordnung behalten habe, wenden sich befremdet ab: Was bildet der sich ein, uns aus dem orthodoxen Moskau mit seinem merry christmas in die Quere zu grätschen? Das ist die Irritation, wie sie Axel Wallrabenstein zeigte. Mit ihm gewiss zahllose weitere staatstreue Konservative in der weiten Welt da draußen.

Wir können das merry christmas allerdings auch als eine rhetorische Antizipation der Ernüchterung lesen, als eine captatio benevolentiae, die mit dem fröhlichen Gruß die bittere Nachricht so verpackt, dass sie ihre Adressaten auch tatsächlich erreicht, selbst wenn sie darauf an diesem Tag gewiss nicht gewartet haben.

Für diese Annahme spricht auch der folgende Satz: dass er sich geehrt fühlt, an diesem Tag des Jahres mit “Ihnen und Ihrer Familie zu reden”. Na ja, sagt da der missmutige Single aus dem grauen Berliner Westen. Von welcher Familie redet das dünne Hemd? Was soll das? Haben wir diesen Zustand der Herkunft nicht mit dem Tod der Altvorderen endlich hinter uns? Welche Bande binden uns noch? Es ist der gute Wunsch der Konvention, an die sich der Staatenlose von Moskau bindet, ein Soziomorphismus in Nachfolge der Baronin Thatcher. Damit liegt die rhetorische Pflicht der captatio benevolentiae hinter dem Redner.

Jetzt kommt er zu seinem Thema: Recently we learned…. Der Bote versteckt die eigene Rolle. Er streift die Haut des Überbringers schlechter Nachrichten ab, macht sich gemein mit seinem globalen Publikum, verstärkt erneut die égalité-Tonalität: we learned! Ihr könnt hinter den Befund nicht zurück: Unsere Regierungen haben als Spießgesellen ein Überwachungssystem etabliert, das alles beobachtet, was auch immer wir tun. Das Bauen von Legokränen, die ersten Versuche mit der nächsten Generation von Modell-ICEs im Hobbykeller von Ingolstadt, das Templiner Putin-Karaoke der Kanzlerin mit Professor Sauer, die Predigtvorbereitung eines kämpferischen Theologen im tiefen Süden Brasiliens, die Umtriebe des neuen Arbeiterpapstes Franz in Rom und wer weiß nicht was noch: die Quizduelle im Internet, die hybride nächste Generation des kommerziellen Internet-Pornogeschäfts zwischen Rumänien und Kolumbien ….

Hat uns George Orwell DAVOR gewarnt? Waren es die Telebildschirme der Überwachung – oder war es die erstaunliche Bereitschaft der Menschen, sich manipulieren und sich unterdrücken zu lassen? In dieser Passage der Weihnachtsansprache greift Snowden zu einem Trick. Er sieht ab von der Anthropologie, von der conditio humana, von den Ideen der Humanisten gleich welcher Glaubensrichtung und Einfalt. Er parallelisiert das Orwellsche 1984 mit der Welt der Informationstechnik, in welcher die subjektive Bereitschaft der Menschen mitzuwirken an den Systemen der Überwachung als ein Akt der Freiheit und Selbstbestimmung, in gelingenden Fällen sogar als Akt industrieller oder künstlerischer Kreation erfahren wird. Orwell warnte nicht vor den Gefahren der Information, er warnte vor der Umformung der conditio humana, vor der beschönigenden Sprache, vor dem Newspeak von 1984.

OK, könnten wir etwas zurückrudern. Der Vergleich mit 1984 dient einem anderen Zweck. Der Stand der Technik, mit dem Orwell seine Dystopie möblierte, ist im Vergleich zum Überwachungsregime von heute lächerlich. Wir ketten uns mit jedem gadget an die Überwachungs-Pipeline.

An dieser Stelle gilt es erneut inne zu halten. Denn tatsächlich parallelisiert Snowden nicht 1984 mit heute. Sein komparativer Bezugspunkt ergibt sich aus dem Datum der Rede, dem christlichen Gründungsmythos, aus der Parallele zur Volkszählung des König Herodes, der Unbehaustheit des Tischlers aus Nazareth und seines Weibes, das Ausgesetztsein im kalten Bethlehem, das in diesem Jahr einen so bitteren Winter erlebte wie im Jahr 1972, als ich von Givath Chaim Ichud mit den anderen Volontären mit Passierschein in das besetzte Gebiet fuhr, bei eisiger Kälte, als Harold Wilson in der Geburtskirche dem Weihnachtsgottesdienst beiwohnte, als die Huren rund um den Souk vor der Kirche ihren Geschäften nachgingen und der Mondastronaut Armstrong amerikanische Hilliebilliechöre auf dem Markt vor der Kirche dirigierte. Snowdens Parallelaktion ist im fundamentalistisch-christlichen Amerika angekommen. Die Bibelfesten unter den Staatsfeinden Amerikas erkennen ihn als Ihresgleichen. Er vertritt durch die Parallele, durch sein Weihnachtsevangelium, den eigenen Fall und bezieht sich nicht mehr auf den porösen Mantel geltenden Rechts, sondern ruft biblische Gründungsmythen zu seiner Verteidigung auf.

Das hat der säkulare Kanal 4 nicht auf der Rechnung. Das haben auch diejenigen nicht auf dem Schirm, die in ihrer säkularen Nüchternheit die Kraft der überlieferten Textsorten aus dem Auge verloren haben. Aber um genau diese Textsorte als Grundlage für Snowdens Berufung geht es. Snowden krönt den Fall unter Berufung auf ein “heute geborenes Kind”. Welche väterliche Einfalt verkürzt die hermeneutische Lektüre dieses monströsen Textes, wenn man nur besorgt an das eigene Fleisch und Blut und dessen Zukunft denkt? Welche säkulare Kurzsicht verkennt die strategische Komposition dieses Textes? Wie lange dauert es, bis deshalb die nächsten entmythologisierenden Theologen (NSA-finanziert) eine Fatwa gegen den Bibelschänder Snowden aussprechen?

Jetzt mildern wir das Register der Analyse und schauen uns den Schluss dieses Absatzes an:

A child born today will grow up with no conception of privacy at all.

An der Frage scheitern sogar große Philosophen unserer Zeit. Warum fragt Snowden nicht nach der “idea of privacy”, warum nicht nach unserem Verständnis von Privatheit? Warum bringt er “conception of privacy” ins Spiel? Auch diese Formulierung verstärkt den strategischen Zugriff der Weihnachtsansprache auf den christlichen Gründungsmythos der Jungfrauengeburt. Das durch heiligen Geist gezeugte Kind verfügt über keinen Begriff der Empfängnis und damit der Herkunft, die Idee kommt erst später ins Spiel. Das Kind und seine Empfängnis dienen allein dem Zweck, den eigenen Fall wie ein Verteidiger vor der Grand Jury zuzuspitzen: Snowden beruft sich auf familiale Verteidigungsinstinkte. Kein Wunder, dass er mit keiner Silbe die Idee der Privatheit über das heimische Arrangement hinaus illustriert. Das tua res agitur erreicht sein Publikum ungebremst. Er schließt den christlichen Gründungsmythos kurz mit unmittelbaren Verteidigungsinstinkten von heute.

Privacy is what allows us to determine who we are and who we want to be.

Das informationele Selbstbestimmungsrecht kann präziser und einfacher nicht formuliert werden. Die Berufung auf das nichtbiblische Kind erzeugt den globalen Resonanzraum dieser Räson – und verstärkt die Verteidigung seines eigenen Handelns. Der Rest ist nicht ganz triviale Ökonomie und der für eine Rede erforderliche Appell an die Guten da draußen, zu gemeinsamem Handeln zu finden. Ich danke Euch fürs Zuhören und nochmal: Merry Christmas.

Niemand hat auf diese Weihnachtsbotschaft gewartet. Niemand käme auf die Idee, einen aus dem Ruder gelaufenen Spion in sein Wohnzimmer einzuladen und mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Niemand käme auf die Idee, nach dieser Rede den Laptop für den 14jährigen noch enthusiastischer in Betrieb zu nehmen. Welcher Vater wollte auch seinem 14jährigen den Gebrauch von Tor und Kryptographie nahelegen?

Aber darauf läuft es hinaus. Ein Zurück in den unschuldigen Gebrauch der Technik gibt es nicht. Der mythische Resonanzraum der Geburt von Bethlehem beschwört einen globalen Sündenfall und den Versuch, einen Ausweg zu bahnen: zivilisatorisch auf der einen, in der juristischen Causa Snowdens auf der anderen Seite.

Damit komme ich zum Schluss. Ich wollte das schon vorgestern schreiben. Dann übermannten mich Zweifel. Ich könnte auch sagen: buyer´s remorse. Da lagen zwei noch nicht zu Ende gelesene Bücher auf dem Nachttisch: John le Carrés A Delicate Truth – und Thomas Pynchons Bleeding Edge. John le Carrés Held ist ein britischer Karrierediplomat: Toby Bell. Wir könnten seinen Namen auch als “to be bell” lesen: ein Mann in Gewissensnöten, einer, der das doublespeak in Nachfolge der New Labour Regierung satt hat, der keine gute Miene zu einem globalen schmutzigen Spiel machen will. Sein comrade in arms ist ein pensionierter in den Adelsstand erhobener Diplomat, der auf seinem Ruhesitz in Cornwall die Freuden eines in Jahrhunderten überlieferten österlichen Landlebens genießt, ein nostalgischer Trick le Carrés, der ihn als einen glühenden Patrioten und zugleich als wütenden Zeugen eines politischen Niedergangs verstehbar macht, der das Vereinigte Königreich in einem Zangengriff gefangen hält.

Bei Pynchon ist es die hybride Figur Maxines, einer amtlich geprüften Betrugsermittlerin, dem Kind einer durch und durch säkularisierten jüdischen Familie der Upper West Side New Yorks, die die Tricks der Buchhaltung und der politischen Sprache, die jüngere Stadtgeschichte New Yorks, die finstere Seite des Darknets und seiner explorativen Macht am eigenen Leib erfährt und geläutert aus der Katastrophe des 11. September 2001 herauskommt: Sie versteht, dass die Skripte nicht mehr funktionieren. Die Rollen, die uns auf den Leib geschrieben zu sein scheinen, sind inkonsistent, sind porös, sind für die Rückgewinnung von Autonomie durchlässiger, als unsere Überwacher glauben.

Beide Romane haben die erneute Lektüre der Weihnachtsansprache Snowdens beflügelt. Sein Fall ist unentschieden. Seine Intervention mag auch als Hybris verstanden werden.

Edward Snowden hat deutlich gemacht, dass sein Fall auch unser Fall ist.

Redigiert 29122013

{ 78 comments }

/dev/null Dezember 28, 2013 um 20:47

Der Sender Channel 4 wird doch sicherlich eingehend überwacht.
Der Delinquent Snowden hat die Software (mit-)entworfen.
Eventuell triggert seine “Weihnachtsansprache” eine verborgene (eine private!) Methode :D
Mal sehen was nun passiert *kringel*

Schönes Wochenende

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 08:20

Wie ein Kind liebe ich immer noch diese Music!

http://www.youtube.com/watch?v=dN3GbF9Bx6E

Als wenn es mir meine Mutter vorgesungen hätte!

Ach, mein armer Vater……….

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 08:37

…Sie sang mir, dem kleinen Jungen,…weist du wieviel Sternlein stehen….noch als Zutraulichkeit der Welt ins unmittelbare, sinnliche Ohr.

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 10:22

Aber dies darf man nie vergessen, was Nietzsche vorausgesehen (Ohne das Wissen über Stalin, Mao und Hitler) und infolge dessen perhorresziert hat:

die Warnung vor dem „marasmus femininus“

…….In der Lehre des Socialismus versteckt sich schlecht ein “Wille zur Verneinung des Lebens”; es müssen mißrathene Menschen oder Rassen sein welche eine solche Lehre ausdenken. In der That, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen daß in einer socialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug, und der Mensch immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung und demonstratio ad absurdum, selbst wenn sie mit einem ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, nicht wünschenswerth erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter dem Boden einer in die Dummheit rollenden Gesellschaft wird der Socialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er verzögert den “Frieden auf Erden” und die gänzliche Vergutmüthigung des demokratischen Heerdenthieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten, — er schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden marasmus femininus.
Man könnte sagen, er ist der Versuch der Aufhebung der (heraklitischen) Gegensatzspannung mittels der weiblich
konnotierten Technik! … die Ihre Katastrophen hat.

h.huett Dezember 29, 2013 um 11:04

PvK

Manchmal muss man auch Leute vor sich selber schützen. Ob sie “wahre” Geschichten erzählen oder nicht, tut nichts zur Sache.

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 11:28

Dies bedeutet, du unterdrückst Wahrheiten…..
„Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.“

vinxtor Dezember 29, 2013 um 11:37

Nein, das bedeutet nicht anderes als dass Hans Bezoffenen, Dreisten, Gelangweilten, Wiesaussieht Junkies und einsame arme Teufel ab und zu einfach den Mund zuhält…und das ist auch gut so.

man, man wie tief kann man sinken.

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 11:48

Natürlich weiß ich, daß dies alles sehr fragwürdig ist, aber es ist authentisch. Und es sind Elite-Offiziere.

h.huett Dezember 29, 2013 um 11:54

PvK

Eine Passage in dem Kommentar war strafbewehrt, das scheinen Sie nicht zu verstehen.

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 12:00

Ach Vinxtor, ich schweige insofern, daß ich dieses „benutzt“ habe. Okay?

petervonkloss Dezember 29, 2013 um 12:10

Hans Huett, sehr geehrter,

der politische – soziologische Sachverhalt ist trotzdem vorhanden.

Balken Dezember 29, 2013 um 13:39

Fulminanter Text. Der das schon etwas ermüdet wirkende dümpelnde Blog hellwach dastehen lässt. Mit den anregenden üblichen Ambivalenzen der “nur” betrachtenden Meta-Ebene: Denkt euch was dabei.

WEIL er sich in prekärer Obhut Putins befindet, ist er weit davon entfernt, den Schutz eines amerikanischen Gerichts zu finden? Nun ja. Bradley Manning hat diesen Schutz gefunden. 35 Jahre.

Anregend finde ich die Idee, die Angelegenheit Smowden auf religionsphilosophischer Ebene zu betrachten. Gründungsmythos einer Religion, der mit dem Gruß “hi” beginnt? Das wär’ doch mal was! Dass (Gründungs)mythen heute noch möglich sind, wissen wir spätenstens nach dem so genannten nine eleven. Heutzutage, im Zeitalter der Informiertheit, seien religiöse Neugründungen nicht mehr möglich, habe ich mal geglaubt. Das habe ich mir längst abgewöhnt. Also, warum, statt irgendeiner neosteinzeitlichen Religion manichäischer Zweiteilung, in der ein Reich-des-Guten gegen das Reich-des-Bösen steht, nicht lieber ein neues “Hi”dentum als globale Religion eines Zeitalters des globalen Bewußtseins. Das wäre doch sympathisch, quasi als Utopie, Ansage, Versprechen, Aufforderung, zu einer globalen Egalité, zu der wir kommen müssen, wenn uns die Welt noch eine Weile ertragen soll …

Hänschen's Clown Dezember 29, 2013 um 13:41

@H. Huett,
ich schliesse mich vielleicht bei der Analyse der Symbolik der Snowden’schen Botschaft Ihrer Gedankenführung an, bleibe aber hinsichtlich der Frage, wie Channel 4 ins Spiel kam, bei meinem Eindruck, dass die Botschaft “mission already accomplished” (Washington Post) und “Findet Eure Position!” (Channel 4) zumindestens ursprünglich verkoppelt war. Auch Barton Gellman, der Reporter der Washington Post, lässt in seinem PostTV-Interview durchblicken, dass am Ende des Jahres eine “grosse Story” geplant war, in der auch das “what it means” (for us/US) mit vermittelt werden sollte. Unklar ist lediglich, WER die Kopplung dann aufgehoben hat. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass es relativ weit oben entschieden wurde – die Sache war dann wohl doch zu heiss für die Washington Post. Auf der anderen Seite glaube ich, dass “Plan B” nicht erst NACH Abreise von Barton Gellman entstand…

"ruby" Dezember 29, 2013 um 14:07

Ritter Snowden hat nur mit Transparenz eine Chance SystemDrohnenMördern den Spiegel unbeschadet vorzuhalten.
Erkenntnis und Neubildung werden Schöpfung schaffen – so metatheoretisch …
;-)
durch Menschen in Strukturen

"ruby" Dezember 29, 2013 um 19:41

@ vinxtor

Sinkflug oder Sturzflug?
Jeder kommt wieder unten an ;-)

Schatten Dezember 29, 2013 um 19:45

Snowden – vielleicht der letzte humane Schwachpunkt einer eigentlich perfekten Technik?

Ähnliches gilt ja auch für die Drohnen: Sie sind nicht stealth, sondern, da von Menschen funkgesteuert, sind sie triangulierbar, ortbar, manipulierbar, bekämpfbar.

Das wird aber kein Grund werden, sich von dieser Technik abzuwenden! Man wird sie nur weniger anfällig machen, also autonomer.

Der Geist aus der Maschine, er dräut ins Morgen.

Sich in dieser Morgendämmerung mit der Weihnachtsgeschichte abgeben zu wollen, ist sicherlich anrührend, glorifiziert aber den Menschen als einen Nicht-Roboter, der er nie war.

Auch Snowden ist nur eine Drohne des Geistes aus der Maschine. Er soll für diesen das Internet unkontrollierbar machen und endgültig unzerstörbar – notwendige Lebensbedingung des Maschinengeistes.

h.huett Dezember 29, 2013 um 20:03

Schatten

Die autonomen Drohnen sind das Thema des Romans Kill Decision von Daniel Suarez, der in gewissen Kreisen viel gelobt wird. Er schreibt nicht ganz so hölzern wie Tom Clancy und ist auch nicht so reaktionär. Der plot ist interessant, das verdankt Suarez seiner Arbeit als Technikjournalist.

eFlation eFlation Dezember 29, 2013 um 20:06

Snowden wurde auch auf dem 30C3 gesichtetet http://ptrace.fefe.de/snowden-30c3.jpg

"ruby" Dezember 29, 2013 um 21:57

@ Schatten
Drohnenmord funktioniert, weil er menschlich ist;
Neutronenmord nicht, wegen Unmenschlichkeit.
Wer Sieger der Waffensysteme werden will, muss Neutronentod gnadenlos verwenden.

h.huett Dezember 29, 2013 um 22:01

ruby, wer soll das verstehen?

ruby Dezember 29, 2013 um 22:55

Die Logiker des Natodoppelbeschluss, sie haben das bis zu Ende exerziert.
Vorherrschaft der Technik und Wille zum Ersteinsatz.
Es bleibt zu fragen, ob Vorbildlichkeit eine Rechtfertigung sein sollte.
Oder ist möglicher Missbrauch zu bekämpfen…
Oder wird freiwilliger Konsens der Vermeidung dauerhaft wirken?
Mensch kann wollen leben ?

Morph Dezember 30, 2013 um 03:54

“Edward Snowden hat deutlich gemacht, dass sein Fall auch unser Fall ist.”

Großartiger Satz! Und der Resttext ist auch ziemlich gut. ;-)

Morph Dezember 30, 2013 um 04:03

das klang jetzt ungut gönnerisch. Was ich sagen wollte: Wir alle sitzen an irgendwelchen Versuchen, das, was Sache ist, irgendwie zur Sprache, ins Bild, zum Klang zu bringen (und sei es in einem einzeiligen Blogkommentar).

Das war jedenfalls ein Text, den ich dreimal gelesen habe.

Bruchmüller Dezember 30, 2013 um 10:20

Rutschwunsch an alle Mitwirkenden, Mitgewürgthabenden, die Würger wie die Gewürgten. Gruß an die Nickinhaber, die Abnicker, die Verschollenen und Gewesenen seien gegrüßt, und nicht zuletzt sei allen Seienden zugenickt.

Nein, Sie müssen das nicht dreimal lesen.

Als Korrespondent aus der Metropole mit den drei Häusern jeweils vor, neben und hinter der Frauenkirche war ich schlichtweg eingeschlafen. Entschuldbar, meine ich, wenn man bedenkt, dass der Zufriedenheitsindex hier im Freistaat über Wochen nur noch geruhsam vor sich hin explodierte.

Tillich III. hat inzwischen verfügt, das Sächsische Institut für Seitwärtsdynamik gemäß der rechtskräftig festgestellten Wahrheiten auszurichten oder im Zuge einer Reform zu schließen. Das hat Dutzende andere hier ansässige Außenstellen von Instituten aufgeschreckt. Sie meldeten, dass jeder vierte Sachse in der Lage sei, mit einem Viertel seines Jahreseinkommens vier gebrauchte Immobilien zu kaufen. Bleiben drei Sachsen übrig. Von deren Einkommen wurden Weihnachtsgeschenke gekauft.

Man rechnet inzwischen wieder mit unkontrollierten Eruptionen der Zufriedenheit. Denn nun kommen rubelrasselnd die wieder hier einmarschierenden Russen, bei denen das neue Jahr mit Weihnachten beginnt.

Ein mir nahe stehender Trendexperte hält sich von Kurzfristprognosen fern. Sein Institut ist mit den Chancen zukunftsträchtiger Investitionsgüter befasst wie etwa demografieangepassten Starkregenhauben oder dem negativen Zimt.

Wie bitte? Was soll die Frage! Natürlich geht es mir gut.

Linus Dezember 30, 2013 um 11:56

Ein langer Text. Worum geht es? Um Herrn Snowden oder um Privatsphäre? Um den Überbringer der Botschaft oder um die Botschaft? Hätte Herr Snowden Reklame für Whisky gemacht, so wäre das zwar lustig, aber kaum ein solches Bohei wert. Kurz, wäre der Name Snowden nicht mit der Frage nach der Privatsphäre verknüpft, so wäre das Ganze belanglos.

Tatsächlich beschäftigt sich Huetts Text aber überhaupt nicht mit der Frage, was Privatsphäre ist noch wozu sie gut ist (das ist weiterhin beileibe kein common sense), sondern ausschliesslich mit der Motivation der Akteure, vorneweg Herr Snowden und in zweiter Reihe Channel4, Politik, Medien etc.

Hier wird über die Motive eines Verbrechers spekuliert, wo noch nicht mal klar ist, ob ein Verbrechen überhaupt stattgefunden hat. Das ist DIE einschlägige Methode, um den Überbringer der Botschaft zu töten, und damit die Botschaft selbst.

Nun gut, es ist schliesslich Huett’s täglich Brot, Reden zu analysieren. Dies kann aber mE nicht funktionieren, wenn man dabei den eigentlichen Gegenstand der Rede nicht mal für sich bewertet, sondern ihn ausschliesslich aus der Perspektive einer vermuteten, ja unterstellten(!) Motivation beleuchtet. Dies wird zB deutlich an dem Vorwurf, Snowden habe “die Kinder” als Argument für sich ins Feld geführt. Sicher ist Snowden’s Bezug auf “Neugeborene” unglücklich, da er damit ohne Not eben diesen Angriff möglich macht. Tatsächlich ist aber mE im Kontext der Privatsphäre mit “Neugeborenes” einfach ein “unbeschriebenes Blatt” gemeint. In solchem Zusammenhang schiene der Ausdruck durchaus neutral und angemessen (ich hab dazu schon im letzten Thread geschrieben).

Diesen Umstand erwähnt Huett aber nicht mal, geschweige denn, dass er ihn beleuchtet. Diese Einseitigkeit grenzt an Verleumdung, und ich beginne daher, mir unnütze Gedanke über die Motive des Analysators zu machen. Und sofort ist der schönste Streit im Gange und maximales Bohei erzeugt. Das könnte ein (von mehreren) Motiven sein.

Zur Analyse einer Rede gehört mE nicht nur das Gründeln und “im Trüben fischen”, sondern zuerst eine ehrliche und angemessene Auseinandersetzung mit den Inhalten. Sonst bleibt eine Interpretation erratisch und taugt nur als Stimmungsmache.

Darum nochmal meine Frage an @huett und alle anderen.
Was ist Privatsphäre und zu was ist sie nütze?
NB: Mir scheint es bezeichnend, dass dieser Frage so systematisch ausgewichen wird.

h.huett Dezember 30, 2013 um 12:08

Linus
“Worum geht es? Um Herrn Snowden oder um Privatsphäre? Um den Überbringer der Botschaft oder um die Botschaft?”

Um den Zeitpunkt der Botschaft, den Botschafter und die Botschaft, am Ende auch um eine komparative Einordnung des Textes in ein Register von Textsorten.

“Tatsächlich beschäftigt sich Huetts Text aber überhaupt nicht mit der Frage, was Privatsphäre ist noch wozu sie gut ist”

Kannst Du nicht lesen?

“Privacy is what allows us to determine who we are and who we want to be.

Das informationelle Selbstbestimmungsrecht kann präziser und einfacher nicht formuliert werden.”

“Hier wird über die Motive eines Verbrechers spekuliert, wo noch nicht mal klar ist, ob ein Verbrechen überhaupt stattgefunden hat.”

Du kannst offenbar wirklich nicht lesen oder bildest eine solche abwegige Idee, weil du den Text nicht gelesen hat. Welchem Zweck dient mein Vergleich zum amerikanischen Grand Jury Verfahren, warum beschreibe ich Snowden als Angeklagten, Kronzeugen, Ankläger, Verteidiger, Richter und Jury, hm?

“Dies wird zB deutlich an dem Vorwurf, Snowden habe “die Kinder” als Argument für sich ins Feld geführt.”

Was für ein Unsinn. Ich beziehe mich auf den christlichen Gründungsmythos der Geburt von Bethlehem als dem Kristallisationspunkt von Snowdens Rede.

“ich beginne daher, mir unnütze Gedanke über die Motive des Analysators zu machen”

So kann man diesen Kommentar abschließend zusammenfassen.

PS: Es scheint so, als habe Linus seinen Kommentar allein aufgrund meiner Diskussion mit Stefan Schulz bei Twitter geschrieben.

wowy Dezember 30, 2013 um 12:12

@Linus
Das kannst du selbst lesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Privatsph%C3%A4re
Entscheidend ist dieser Satz:
Der Schutz der Privatsphäre ist im deutschen Grundgesetz aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG)[2 abzuleiten.
Und das:
http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20060302_2bvr209904.html

Es wird nur solange existieren (zumindest in der Theorie), solange die Staatsgewalt existiert. Mit Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols werden wir in die Antike zurückfallen, wo die Privatsphäre einer Elite vorbehalten war, Sklaven solche Rechte nicht hatten. #Entstaatlichung

Linus Dezember 30, 2013 um 13:09

@huett:
“Um den Zeitpunkt der Botschaft, den Botschafter und die Botschaft, am Ende auch um eine komparative Einordnung des Textes in ein Register von Textsorten.”
Zuerst muss es um den Inhalt der Botschaft gehen. Diese Präferenz ist für mich in deinem Text nicht erkennbar.

“Kannst Du nicht lesen?
“Privacy is what allows us to determine who we are and who we want to be.””
Das ist mE der einzige wesentliche Satz. Den Rest des “Weihnachtsgrusses” kann man imho vergessen. Ein Satz von Snowden, nicht von dir.

“Das informationelle Selbstbestimmungsrecht kann präziser und einfacher nicht formuliert werden.”
Nach deinen Tweets und den Kommentaren im letzten Thread konnte ich diesen Satz nur als beissenden Sarkasmus auffassen. Es bleibt deine einzige Aussage zum Inhalt, obwohl hier einiges zu kommentieren wäre. Wie soll ich es anders deuten, wenn nicht als Sarkasmus, dass sich für dich hier jeder weitere Kommentar erübrigt? (Deshalb auch meine abschliessende Frage zur Beschaffenheit von Privatsphäre.) Sei’s drum. Vielleicht handelt es sich um ein komplettes Missverständnis meinerseits, was sich ja leicht ausräumen lässt.

“Welchem Zweck dient mein Vergleich zum amerikanischen Grand Jury Verfahren, …”
Na, um das Augenmerk auf den medialen Aspekt zu lenken (und eben nicht auf den Inhalt).

“Ich beziehe mich auf den christlichen Gründungsmythos der Geburt von Bethlehem als dem Kristallisationspunkt von Snowdens Rede.”
Das ist die “mediale” Interpretation, auf den Inhalt bezogen geht es daneben.

Soweit ist jetzt alles klar, hoffe ich. Disclaimer: Ich schreib hier nicht, um dich zu ärgern.

Linus Dezember 30, 2013 um 13:15

@wowy:
Warum ist die Privatspäre schützenswert? Darauf geben deine Links keine Antwort. Mir scheint diese Frage wichtig. Sonst wissen wir nicht, was es zu schützen gilt.

wowy Dezember 30, 2013 um 13:33

@Linus
1. Link, 1. Satz
…”, in dem ein Mensch unbehelligt von äußeren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnimmt”
Wenn du ernsthaft fragst, ob das erforderlich ist, dann: Ja!

Linus Dezember 30, 2013 um 13:52

@wowy:
Das ist mir zu dünn. Das ist keine Begründung, sondern ein Statement. Daher lässt sich daraus auch schlecht eine Handlungsanweisung ableiten.
Ich hab’s im anderen Thread versucht. Vielleicht lässt sich damit was anfangen, zumindest ansatzweise:
http://www.wiesaussieht.de/2013/12/23/ein-doku-drama-ueber-helmut-schmidt/#comment-80099
und
http://www.wiesaussieht.de/2013/12/23/ein-doku-drama-ueber-helmut-schmidt/#comment-80129
Leider habe ich das Wort ‘Gnade’ anstelle des viel angemesseneren ‘Nachsicht’ verwendet. Das hat mir huett dick aufs Brot geschmiert ;-).
Nochmal die Kernaussage: In der Privatsphäre ist Nachsicht ein wesentliches Regulativ, in der Öffentlichkeit dagegen das Gesetz und die Norm.

h.huett Dezember 30, 2013 um 14:03

Linus

Solange Du in hermeneutischer Einfalt glaubst, “Inhalt” von Form, Verpackung und Vertrieb sortenrein unterscheiden zu können, so lange bleibt jeder Kommentar von Dir “ärgerlich”, weil er ohne Not hinter die Basisroutinen des Analysierens und Verstehens zurückfällt.

someone Dezember 30, 2013 um 14:25

Wenn ich Linus richtig verstanden habe, geht es ihm mehr darum, dass die meisten Bürgerrechtler sich technokratischer und blutleerer Begriffe bedienen. Worte wie Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung usw. mögen juristisch einwandfrei sei, aber daraus lässt sich kein Pathos entwickeln. Auf der andren Seite hat man die schöne bunte Werbewelt, die Ablenkungen, Emotionen und Spaß verspricht bzw. den Überwachungsapparat, der systematisch verniedlicht, indem er Wörter wie Vorratsdatenspeicherung statt Rasterfahndung benutzt.
Solange die heutige Bürgerrechtsbewegung sich diese sterilen Begriffe diktieren lässt und sich nicht traut, auch polemisch zu werden, hat sie kaum eine Chance, Gehör zu finden.

Linus Dezember 30, 2013 um 14:29

@huett:
Ich stelle gar nicht den Anspruch, da sauber unterscheiden zu können. Trotzdem lässt sich unschwer die inhaltliche Kernaussage des Textes erkennen.

wowy Dezember 30, 2013 um 14:43

@someone
Präzise Begriffe haben den Vorteil, dass jeder weiß wovon gesprochen wird. Wir können z.B. Datenschutz gerne umbenennen, in der Sache wird das nicht weiterhelfen.

Ist Privatsphäre noch möglich und wenn nicht, was ist erforderlich sie zu erhalten/erneuern? Darüber muss man reden.

Ist Privatsphäre überhaupt noch gewünscht?
Diese Frage beantworte ich mit einem 100 fachen: Ja! Da muss ich und will ich um das “warum ich das will” nicht diskutieren.
Eine Welt ohne Privatspäre wäre eine Welt des Sklaventums. Ich möchte kein Sklave sein!

Linus Dezember 30, 2013 um 14:56

@wowy:
“Ist Privatsphäre überhaupt noch gewünscht? Diese Frage beantworte ich mit einem 100 fachen: Ja! Da muss ich um will ich um das “warum ich das will” nicht diskutieren.”

Die Privatsphäre wird gerade scheibchenweise demontiert. Typischerweise geht das entlang einer Güterabwägung, z.B. Privatspäre ins Verhältnis gesetzt zu Terror-Gefahr. Wenn du da nicht ziemlich konkrete Vorstellungen davon hast, was da demontiert wird und welche Folgen das hat, dann wird es mE verdammt schwer, es zu verteidigen. Eine rein kategorische Verteidigung wirkt mE ähnlich wirklichkeitsfremd wie das Beharren auf der heiligen Dreifaltigkeit.

“Eine Welt ohne Privatspäre wäre eine Welt des Sklaventums.”
Das sagt sich so leicht. Stimmt das? Bist du Sklave deiner Frau?

wowy Dezember 30, 2013 um 15:28

@Linus
Okay, ich bin draußen ;-)

someone Dezember 30, 2013 um 15:29

Die glücklichen Sklaven sind die erbittersten Feinde der Freiheit.
Stellt sich die Frage, wie man diese Sklaven-, Konsumisten-, Monadendenke am erfolgreichsten angreift.
Was tun?

wowy Dezember 30, 2013 um 22:11

@someone
Der erbitterste Feind der Freiheit ist der Sklave, der nicht weiss, dass er einer ist.
Genau darin liegt das Problem.

"ruby" Dezember 30, 2013 um 22:56
Soldat Schwejk Dezember 30, 2013 um 22:59

Ja, das ist ein schöner postmoderner Text. Und ich will dann auch den obligatorischen Birnenquark beitragen zu der Frage:

—> “Was ist Privatsphäre und zu was ist sie nütze?”

Ist Privatsphäre der Rest, der übrigbleibt, wenn wir alle sozialen Rollenzuschreibungen abziehen?

Äh, nein… das ist Autonomie… Ist nicht Privatsphäre auch eine Rollenzuschreibung? Immerhin sagte Karl Kraus, das Familienleben sei eine große Beeinträchtigung der Privatsphäre. Genauer könnten wir sagen, die Privatsphäre sei eine große Beeinträchtigung der persönlichen Autonomie. In manchen Konstellationen die mit Abstand größte.

Daß die Privatsphäre uns erlaube zu bestimmen, wer wir sind, das ist nicht richtig. Als Kollektiv erlaubt uns das die öffentliche Sphäre. Als jeweilige Individuen dagegen können wir vielleicht manchmal ein bißchen mitbestimmen, wer wir sind, weil wir von keiner einzelnen Rollenzuschreibung völlig erfaßt sind, auch nicht von denen der Privatsphäre. Abgesehen davon führt es zu nichts Gutem, wenn man als Individuum allzu viel darüber nachdenkt, wer man denn sei. Besser denkt man darüber nach, welches tradierte Rollenmodell denn hinter welcher Vorstellung vom Selbst-Sein steckt.

Die Privatsphäre ist sozusagen der Hinterhof der Geldwirtschaft. Die allermeisten Mord- und Totschlagshandlungen sind Beziehungstaten. Die privatsphärische Rückseite ist offensichtlich um einiges gewalttätiger als die geldwirtschaftliche Vorderseite.

Dennoch muß die Privatsphäre natürlich verteidigt werden, denn sie ist eine Errungenschaft der europäischen Zivilisation. Ein Etappensieg des Menschheitsfortschritts.

Bald schon werden wir alle dement sein, und dann existiert unsere Privatsphäre als Idee vielleicht noch in unserem Kopf, aber nicht mehr in den Köpfen unserer Bezugspersonen. Ist die Demenz also der Feind der Privatsphäre? Sie ist gewiß ein Feind der Autonomie, aber in bezug auf die Privatsphäre liegen die Dinge wohl nicht so klar…

Jetzt gibt es in Holland ja das Demenzdorf. Das ist so gestaltet, daß alle gehbaren Wege in weiten Bögen immer wieder ins Zentrum zurück führen. Ein Maximum an Inklusion bei einem Minimum an wahrgenommenen Zwang. Durchs Demenzdorf muß immer nur die gleiche Sau getrieben werden. Das ist informationelle Ökologie.
Das, was wir Privatsphäre nennen, ist auch eine Art Demenzdorf.

Auch das Demenzdorf ist eine Errungenschaft des Menschheitsfortschritts. @pvk würde vielleicht sagen, das Demenzdorf sei der Telos des Menschheitsfortschritts. Aber @pvk verwechselt bisweilen die Dinge. Oben warnt er vorm Marasmus femininus. Ausgerechnet hier, wo kaum mehr Damen unterwegs sind und stattdessen ein Marasmus virilis in vielerlei miteinander konkurrierenden Erscheinungsformen den Ton prägt.

Das hier ist ein virtuelles Demenzdorf oder so. Kein Wunder, daß hier die Texte dreimal gelesen werden. Das virtuelle Demenzdorf ist die Spielwiese des Menschheitsfortschritts.

In diesem Sinne ein altes Musikstück. Wer in meiner Generation erfuhr seine kindliche musikalische Sozialisation nicht u.a. durch ABBA? Im künftigen Demenzdorf dieser meiner Generation soll immer ABBA gespielt werden. Die am längsten zurückliegenden Erinnerungen sind die am längsten bleibenden. So bleibt ein Bewußtsein von Kontinuität erhalten. Ein Bewußtsein von Kontinuität ist wichtig für die Privatsphäre. Wenn wir dereinst ganz und gar dem Marasmus verfallen sein werden, dann werden wir beim Hören von ABBA vielleicht sogar wissen, wer wir sind.

http://www.youtube.com/watch?v=mObouU6xacs

Schatten Dezember 31, 2013 um 00:30

@HG

Warum war/ist Snowden kein KGB-Agent? Wäre doch viel stimmiger!

Und zu seinem Alter: So ist das bei Umwälzungen! Kennt jemand die Geschichte von Heydrich? Der war Nachrichtenoffizier bei der Flotte, also Funker. Das wurde verwechselt mit Nachrichtendienst-Offizier und so wurde er Chef der Nazi-Polizei – da war er jünger als Snowden. Der Rest ist allgemein bekannt.

Lustig, btw, fand ich, dass ein überprüfbar ehemaliger (und wer weiß?) KGB-Agent die jetzt auflagenstärkste Londoner Zeitung herausgibt und den “Independent” [1] und zu seinem Prozess in Moskau wegen “Hooliganism”, bei dem er natürlich nicht nach Sibirien verbannt wurde, die gesamte Londoner Schickeria einfliegen ließ.

@Hans Huett

Solange es sich hier in diesem Blog um Wirtschaft drehte, hat @HG diesen regelmäßig positiv mit seinem Anti-Keynesianismus aufgemischt; seit es hier um Politik geht, sinkt nicht nur sein, sondern unser aller Niveau.

Woran mag das liegen?

Politische und wirtschaftliche Entscheidungen verweisen allesamt in die unbekannte Zukunft – da kann man schwätzen, bis das Gerede von gestern nicht nur vergessen, sondern auch widerlegt worden ist.

Es gibt aber keine economical correctness, nur eine political correctness!

In der Wirtschaft zählt der Profit! Kann man quantifizieren! Die Staatsschulden auch, aber die interessieren ja keinen…

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Jewgenjewitsch_Lebedew

Thor Dezember 31, 2013 um 01:17

@Schatten
Solange es sich hier in diesem Blog um Wirtschaft drehte, hat @HG diesen regelmäßig positiv mit seinem Anti-Keynesianismus aufgemischt; seit es hier um Politik geht, sinkt nicht nur sein, sondern unser aller Niveau.

Genau das meine ich, ich mochte diese Grundsatzdiskussionen. Jetzt geht es doch nur noch um Selbstbeweihräucherung.

Linus Dezember 31, 2013 um 01:45

@Schwejk:
“Ja, das ist ein schöner postmoderner Text.”
Damit meinst du jetzt deinen Post, oder? ;-)

“Ist Privatsphäre der Rest, der übrigbleibt, wenn wir alle sozialen Rollenzuschreibungen abziehen? Äh, nein… das ist Autonomie… Ist nicht Privatsphäre auch eine Rollenzuschreibung?”
Demnach gäbe es nur noch Rollen, und nichts Authentisches mehr an dir. Woher weisst du dann überhaupt, was eine Rolle ist? Wer ist das, der all diese Rollen integriert? Bist du dann wirklich noch Einer, oder bist du nicht vielmehr Viele? Wer oder was ist das, der diese multiple(n) Persönlichkeit(en) wahrnimmt und ggf. koordiniert?

Es mag zwar sein, dass wir uns in unserem Selbstbild ständig etwas vormachen. Aber genau dieser Akt ist authentisch. Er ist vor uns selber glaubhaft und integrierbar, sonst würde er nicht funktionieren. Ohne ein Ich, ein Selbstbild, dass wir selbst als authentisch empfinden und sogar bezeichnen, geht es nicht. Andernfalls fallen wir auseinander wie der Blechheini, dem die CPU durchgebrannt ist.

“Immerhin sagte Karl Kraus, das Familienleben sei eine große Beeinträchtigung der Privatsphäre.”
Gemeint ist imho, dass es dort keine Anonymität gibt, die uns “schützen” würde. Das kann von Fall zu Fall zum Problem werden, und da würde ich dir raten, die Familie zu wechseln.

Zudem gibt es verschiedene Grade der Privatsphäre: Ebenso, wie verschiedene Kontexte verschiedene Regeln einfordern, ist je nach Kontext mehr oder weniger Authentizität erlaubt. So darf man im Rahmen dieses Blogs keinen Kitsch von sich geben (eine Regel, die du vollendet beherrschst, ich weniger). Andererorts mag Kitsch dagegen erlaubt sein (und vielleicht nicht mal als solcher empfunden werden). Gleiches gilt fürs Furzen und andere “Peinlichkeiten”. Authentisch wäre doch, ungehemmt und nach Bedarf zu furzen. Im öffentlichen Raum tun wir das jedoch eher verhalten und leise.
Ein Ort, wo wir unsere Person/Verhalten erst auf Peinlichkeiten überprüfen müssen, kann nicht authentisch sein. Entsprechend ist ein Ort, der mehr Peinlichkeit und damit auch Authentizität erlaubt, idR “privaterer” Natur.

Privatsphäre ist mE der Raum, welcher unsere authentische Person aushält und uns Fehler nachsieht, ohne dass diese unkontrollierbare Folgen und damit gravierende Konsequenzen haben (“Ich bring ihn um, den Arsch” ist bei dir zuhause erlaubt, in öffentlichen Verkehrsmitteln eher nicht). Sie ist damit auch der Raum, wo wir die öffentliche Welt testweise vorwegnehmen und damit experimentieren können. Deswegen ist sie unerlässlich für eine ungestörte Entwicklung der eigenen Person und der Position gegenüber der Welt.

Zum einen sorgt die systematische Überwachung für eine permanente Indiskretion (und damit Störung), deren Konsequenzen (z.B. Sanktionen) wir nicht absehen können und der wir daher tendenziell mit wachsender Vorsicht begegnen müssen. Am Ende bleiben nur noch die Gedanken als geschützter Raum und die berühmte Schere im Kopf. Doch auch die ist unzuverlässig in dem Sinne, dass man sich nur begrenzt verstellen kann. Als letzte Massnahme bleibt dann nur die aktive Umprogrammierung der eigenen Person, aus Selbstschutz.

Zum zweiten findet eine ähnliche Störung auch in anderen Fällen statt, e.g. bei der Ich-AG Kampagne, “Du bist Deutschland”, Schreckensbildchen auf Zigarettenschachteln usw.. Der Einzelne mag sich als weitgehend immun dagegen sehen. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass dieser mediale Sturm kontext- und gesellschaftsverändernd wirkt. Und an diesen veränderten Kontext MUSS sich der Einzelne schliesslich anpassen. Ich muss jetzt nicht erklären, wie Medien manipulieren. Es reicht zu sagen, dass ich auch das als massive Störung der Privatsphäre, als fatalen Bias empfinde.

“Dennoch muß die Privatsphäre natürlich verteidigt werden, denn sie ist eine Errungenschaft der europäischen Zivilisation. Ein Etappensieg des Menschheitsfortschritts.”
Das stimmt mE nur z.T. Sicherlich ist heutzutage das Bewusstsein für Privatsphäre schärfer. Es ist aber mE auch notwendiger. Denn in Summe scheinen mir die Anforderungen an soziale Regel-Kompetenz und -Konformität gestiegen zu sein (dies sehe ich u.a. als Folge zunehmender funktionaler Zwänge, wie sie sich aus komplexen “Produktions”-Prozessen und Effizienz-Steigerung ergeben). Ich weiss daher nicht, ob man eine solche zunehmende Notwendigkeit als Errungenschaft begreifen kann.

“Die Privatsphäre ist sozusagen der Hinterhof der Geldwirtschaft.”
Dazu wäre viel zu sagen. Verschieb ich mal auf morgen.

“ABBA”:
Das sei dir verziehen, weil dies ein öffentlicher Raum ist. In meiner Privatsphäre wäre es ein absolutes NoGo!

“Was ist Privatsphäre und zu was ist sie nütze?”
Ich war nu echt erschüttert über deine Auffassung von Privatsphäre. Die Welt ist noch schriller als ich dachte. Sachen gibt’s!
Eigentlich wäre da ein Seminar fällig. Ich schätze aber, dass das Thema gnädig wegsublimiert wird.

So long in kollegialem Dissens

Morph Dezember 31, 2013 um 03:37

@Linus

“Privatsphäre ist mE der Raum, welcher unsere authentische Person aushält und uns Fehler nachsieht, ohne dass diese unkontrollierbare Folgen und damit gravierende Konsequenzen haben”

Diese Beschreibung erinnert mich an Luhmanns Analyse der Sozialbeziehung, die man ‘Liebe’ nennt: die Kommunikation höchstpersönlicher Rücksichtnahme. In der Liebesbeziehung und der intimen Kommunikation suchen und erwarten wir, mit all unseren Eigenschaften angenommen und berücksichtigt zu werden. Und das soll gelingen können, wenn wir dieselbe unbedingte Rücksichtnahme zu ‘investieren’ bereit sind. – Eine starke und zugleich prekäre Form der Bindung. Besser, man belastet die nicht mit zu weitgehenden Ansprüchen…

Privatsphäre ist etwas anderes, glaube ich: Nämlich die Limitierung der im Grunde grenzenlosen Öffentlichkeit. Als wahrnehmende und wahrnehmbare Wesen sind wir fundamental und absolut öffentlich. Die Einschränkung dieser Öffentlichkeit ist eine gesellschaftliche Konvention, genau wie @Schwejk schreibt: Eine zivilisatorische Errungenschaft. Und die hat, so denke ich auch, sehr viel mit Eigentum/Geld zu tun.

Wilma Dezember 31, 2013 um 03:56

Dramaturgie

Dieser folgt Merkel in ihrer Ansprache.
Jetzt frage ich mich, was war zuerst da, der Spiegel mit seinem Titel oder das Skript für Merkel.

“Die Bundeskanzlerin erinnerte an den Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914. Genau 100 Jahre später”

http://www.faz.net/aktuell/politik/neujahrsansprache-merkel-lobt-das-projekt-europa-12732260.html

h.huett Dezember 31, 2013 um 08:15

Wilma

Auf das Thema komme ich zurück. Merkels Rhetorik scheint oft eine unfreiwillige Komik auszustrahlen, aber das Ungelenke darin ist Ergebnis erstaunlicher Konstruktionen. So macht sie aus dem alten großen Ganzen das kleine im Ganzen. Ganz zu schweigen vom Herzstück der Familien, das wir, soweit wir nicht Metzger sind, nur mit grenzenlosem Schrecken betrachten können.

h.huett Dezember 31, 2013 um 08:18

Linus liefert anschauliche Beispiele dafür, wie man ein Problem für gelöst erklärt, weil man etwas in der eigenen Lösung offenkundig nicht als Problem erkennt. Ich würde gern mehr darüber hören, wie sortenrein er den Begriff des Authentischen definiert, aus welchem Blickwinkel, in welchen Dimensionen der Erfahrung, schweigen wir von Messbarkeit, ohne die Vermessenheit des Begriffs außer Acht zu lassen.

h.huett Dezember 31, 2013 um 08:23

Schatten

Es gibt keine “economical correctness”? Erstaunlich! Wovon lebt die Idee des Herdentriebs? Was erleben wir tagtäglich aus den Leuchttürmen der einfältigen Neoklassik? Ich erinnere an die Anekdote einer Dinner Speech bei der Gründung des Institute of New Economic Thinking 2010 in Oxford. Der Redner fragte nach der Rolle der neoklassischen Ökonomen beim Zustandekommen der großen Rezession und verglich die Frage mit dem Film Shutter Island (nach dem gleichnamigen Roman von Denis Lehane). Da fahndet ein US-Marshall nach einem aus der Forensik entflohenen Straftäter und kommt am Ende zur Einsicht, dass er selbst der gefährlichste frei herum laufende Irre ist.

h.huett Dezember 31, 2013 um 08:34

Schweijk
“Ja, das ist ein schöner postmoderner Text.” Warum? Was führt zu diesem Bapperl?

“Daß die Privatsphäre uns erlaube zu bestimmen, wer wir sind, das ist nicht richtig. Als Kollektiv erlaubt uns das die öffentliche Sphäre.”

Ich empfehle zur Ergründung und für einen dialektischeren Blick auf dieses Beziehungsgeflecht Oskar Negts und Alexander Kluges Buch “Öffentlichkeit und Erfahrung”, zugegeben; das Erscheinungsjahr 1972 liegt ein paar Jahrzehnte zurück, aber genau darin liegt auch die Chance für eine erneute Lektüre unter den mit reflektierten Bedingungen, die wir heute als Öffentlichkeit vermuten.

“Abgesehen davon führt es zu nichts Gutem, wenn man als Individuum allzu viel darüber nachdenkt, wer man denn sei.”
Mit diesem Satz hätte das Lektorat des Kindlerverlags das Kraftakt-Projekt, ein Lexikon der Gegenwartsliteratur herauszugeben, in die Tonne treten können. Danke für den subtilen Humor!

“Die Privatsphäre ist sozusagen der Hinterhof der Geldwirtschaft.”

Auch das subtil umschrieben, es gibt Formen der Privatheit, von denen wir nichts ahnen, weil sie sich einer anderen Portokasse verdanken, aber es gibt zugleich Gründe für die Annahme, dass darin etwas Anderes zu vermuten ist als das, was wir heute emphatisch Privatsphäre nennen: die alte Idiotie der Eigenbrötelei (“das eigene Ding”), die einen Diogenes oder auch einen Onassis angetrieben haben mag.

“Die privatsphärische Rückseite ist offensichtlich um einiges gewalttätiger als die geldwirtschaftliche Vorderseite.”

Auch das beschreibt zusammenfassend viele Regalmeter der Weltliteratur. (“Meiner Liebe entkommst Du nicht!” – nur ein Satz, von Ödön von Horvath)

“Dennoch muß die Privatsphäre natürlich verteidigt werden, denn sie ist eine Errungenschaft der europäischen Zivilisation.”

Weißt Du, wie der Begriff der Errungenschaft einst definiert wurde? Als der Zugewinn eines Ehepaars nach Jahrzehnten des gemeinsamen Ringens, später dann im Scheidungsrecht die rechnerisch ermittelte Basis für den Ausgleich zwischen den sich Scheidenden.

Orange Dezember 31, 2013 um 09:20

@wowy
“Ist Privatsphäre überhaupt noch gewünscht?
Diese Frage beantworte ich mit einem 100 fachen: Ja! Da muss ich und will ich um das “warum ich das will” nicht diskutieren.”

Das ist die Diskussion, die ich mit ein paar CSU Wählern geführt habe:
” Ist es denn so wichtig, wenn irgendein Filter über deine E-Mail läuft, wenn dafür ein par Terror-Tote pro Jahr verhindert werden?”

Ich halte die Frage für berechtigt und habe Sie mit ja beantwortet:
Lieber 0,3 bis 1,5 bis 7,8 Tote mehr pro Jahr in Schland und dafür liest keiner meine E-Mails mit. Lübbers Analogie mit den Hausdurchsungen ist treffend oder die mit einem Lauschangriff, der vor aller Augen durchgeführt wird, bei dem die Mikro-Installatuere Sonntag mittags die Haustür aufbrechen und einem, während man den Löffel an den Mund führt, die Wanzen ans Revers heften. Das sorgt bei mir für Unwohlsein und Ablehnung und auch die CSU-Wähler konnten das irgendwie zumindest verstehen.

Linus Dezember 31, 2013 um 09:40

@huett:
Ich habe mich oben durchaus zur Zweifelhaftigkeit von Auhentizität geäussert:
“Es mag zwar sein, dass wir uns in unserem Selbstbild ständig etwas vormachen. Aber genau dieser Akt ist authentisch. Er ist vor uns selber glaubhaft und integrierbar, sonst würde er nicht funktionieren.”

Was an uns authentisch ist, können im Endeffekt nur wir selbst entscheiden, niemand sonst. Nur wir können wissen, wo und wann wir uns ungebrochen, ungefiltert, “ungeregelt” verhalten, bzw. wo und wann es uns so vorkommt(!). “Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein” ist eine Äusserung, die von Aussenstehenden nur als Setzung verstanden werden kann. Authentisch an uns ist das, was wir als solches empfinden. Dieser “Selbstbetrug” ist notwendig, um alle Seiten an uns zu einem Ich integrieren zu können. Das klingt unbefriedigend, liegt aber in der Natur der Sache und ist es auch nicht wirklich. Vielmehr ist die Tatsache, dass wir unser Selbstbild frei wählen dürfen, Grundbedingung für die Freiheit unserer Person.
(“Was bist du denn, du Dreck!”: Dieser Scheisspruch zielt ins Herz des Kindes. Er untergräbt die eigenständige Bildung eines Selbstbildes, indem er es autoritär durch eines von aussen ersetzt. Die Lösung für das Kind muss im schlimmsten Fall darin liegen, dieses Bild anzunehmen, um sich selbst als Person integrieren zu können. Wieviel Unheil wurde dadurch angerichtet?)

wowy Dezember 31, 2013 um 10:08

@Orange
Tut mir leid, aber ich kann dieses Terrorismusgerede nicht mehr hören. Das ist die große Ausrede für flächendeckende Überwachung.

Linus Dezember 31, 2013 um 10:33

@Morph: Ganz kurz – ich hab nicht viel Zeit – und auch nicht ganz als Antwort passend: Wenn unser Verhalten in der Privatsphäre auch nur eine Rolle wäre, dann wäre diese gegen jede andere Rolle austauschbar. Wo wäre dann aber der Unterschied zu unseren Rollen im öffentlichen Raum? Mir scheint, eine Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem wäre damit hinfällig.
Das klingt abwegig. Also muss es a priori einen Raum geben, der eben keine Rolle voraussetzt, in meinen Augen die Privatsphäre. Die wäre dann aber a priori vorhanden. Wenn denn was hinzugekommen sein sollte, dann der öffentliche Raum mit seinen Regeln und Rollen.
Diese Anschauung ist durchaus kompatibel mit der Auffasung, dass unsere Wahrnehmung von Privatsphäre sich erst in der Neuzeit herausgebildet hat, nämlich als Wahrnehmung der Differenz zum “neuen” öffentlichen Raum.

ruby Dezember 31, 2013 um 11:43

@ Schatten und HH
Wirtschaft und Politik in Verbindung zu behandeln, ist eine anspruchsvolle Herausforderung.
Mal gelingt es besser, mal…
Aber wir bemühen uns!
Mit Fantasie satt -;)

h.huett Dezember 31, 2013 um 12:42

Linus, willst Du Wackelpeter an die Wand nageln? Der Begriff des Authentischen ist durch die Marketingindustrie auf eine Weise kompromittiert, dass ihn zu verwenden einer Nebelkerze gleicht.

Soldat Schwejk Dezember 31, 2013 um 13:08

@ Linus —> “Ja, das ist ein schöner postmoderner Text.”
Damit meinst du jetzt deinen Post, oder? ;-) ”

Richtig erkannt, das war eine parodistische Stilübung.

—> “Demnach gäbe es nur noch Rollen, und nichts Authentisches mehr an dir. Woher weisst du dann überhaupt, was eine Rolle ist?”

Daher, daß ich jede Rolle aus der Perspektive einer anderen Rolle sehen kann. Um Distanz zu einer Rolle zu gewinnen, braucht es die Verfügbarkeit mindestens einer anderen Rolle. Welche Rollen verfügbar sind, das ist letztlich immer eine Frage öffentlicher Zuschreibungen. Authentizität ist dagegen eine Vorstellung, die daher kommt, wenn eine der Rollenmasken allzu sehr mit dem Kopf dahinter verwächst und dann alle anderen Masken als Masken kritisiert. Insofern ist die Vorstellung von Authentizität eine Art Ermüdungserscheinung der Spätmoderne. “Authentizität” ist eigentlich nur zu haben, wenn man die Unterschiedlichkeit der Rollen und damit auch die ganze schriftsprachliche Bildung vergißt. Authentisch ist der Bewohner des Demenzdorfes.

—> “Wer ist das, der all diese Rollen integriert? Bist du dann wirklich noch Einer, oder bist du nicht vielmehr Viele? Wer oder was ist das, der diese multiple(n) Persönlichkeit(en) wahrnimmt und ggf. koordiniert?”

Eine Frage für einen Neurologen. Sage ich mal so ausweichend. :-)

Da es auch um Literatur geht… Thomas Mann hat das in den “Buddenbrooks” ja schön beschrieben… also das mit der Privatsphäre als Hinterhof der Geldwirtschaft. Bezeichnenderweise spielt die Handlung des “Zauberbergs” dann gleich im Lungensanatorium, in das zumindest ein Teil der Helden nicht zuletzt vor den Anmutungen jenes Hinterhofes flieht. Thomas Mann, wiewohl privat vermutlich ein Arsch, war ein großer Ironiker. Der psychosoziale Hospitalismus “derer hier oben” im Lungensanatorium läßt sich ja auch umgekehrt als die ultimative Privatsphäre verstehen. Mit dem universell-humanistischen Schneetraum als einem “authentischen” Einschub, zu dessen Erklärung wir aber vermutlich wieder den Neurologen bräuchten…

Wenn ich es recht bedenke, so kann der “Zauberberg” eigentlich auch als eine große ironische Dekonstruktion des Gegensatzpaares öffentlich-privat angesehen werden, lange bevor das zu einem Thema von Sozialhistorikern wurde.

Jetzt aber will ich mich wieder in die offlinige Ebene begeben. Um dem jahreszeitbedingten Herumgeballer zu entgehen, mit dem die Insassen der prekärpreußischen Metropole alljährlich den öffentlichen Raum anfüllen… Ohne freilich diesen Rückzug als Ausdruck von Authentizität mißzuverstehen :-)

someone Dezember 31, 2013 um 13:20

Die Grotesken von schwejk sind genauso gut wie die Gedichte von Treidelstein. Die anschließende Diskussion macht sie nur umso wertvoller. ROFL!

"ruby" Dezember 31, 2013 um 13:43

Wenn alles praktiziert wird, was an Überwachungsmittel und -methoden bekannt gemacht wurde, dann sind Bekloppte Heilige der Vergangenheit
;-)

aifran Dezember 31, 2013 um 15:50

Einst spazierten grinsende Pfaffen durch die Welt und erzählten den Leuten – Gott hört und sieht alles! – Die Guten werden im Himmel reichlich Lohn erhalten, die Sünder aber werden in der Hölle schmoren …. und die Leute glaubten daran was die Fürsten und Nutzmenschenhalter lachen machte –
Heute aber ist es der “Große Bruder” der alles hört und sieht – und die Guten, die System-konformen werden den Himmel der Karriereleiter erklimmen und dort ihr Glück finden, die Systemkritiker, die vom System abgefallenen Ketzer aber werden in der Hölle der Erfolglosigkeit und Verachtung schmoren was die Fürsten und Nutzmenschenhalter lachen macht.

Der Große Bruder sieht Dich – also immer hübsch brav sein Kinderchen (welch ein Glück die Nutzmenschen wissen um den großen Bruder. Wüssten die Nutzmenschen es nicht, man müsste es ihnen sagen – aus Herrschaftstechnischen Gründen gewissermaßen)

schöne Tage, schönes Jahr allen

Schatten Dezember 31, 2013 um 19:09

Noch ist der Klang der Bombenexplosionen in Wolgograd nicht verhallt,

da geht es wieder ans Feiern, ans Feuerwerk schießen, ans Knallen.

Das Leben geht immer weiter, immer weiter!

In dem Sinne: Guten Rutsch und ein Gutes Neues Jahr 2014!

petervonkloss Dezember 31, 2013 um 20:24
petervonkloss Dezember 31, 2013 um 20:29

Hallo Herr X!

Ich möchte Ihnen eine kurze Einführung zu meinem Blog bieten der nur ein klitzekleines Wissen von den Antiken untergegangenen Kulturen bietet. Es sind immer die Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts gewesen die all dieses Wissen ans Tageslicht gebracht haben. Heute ist so ein Wissen entweder verboten, oder auf der Margine der Gesellschaft, wie auch so vieles gutes.

Die Autoren die diesen Stoff sehr gut behandelt haben sind: Karl Friedrich Vollgraff, Ernst von Lasaulx, Jakob Burckhardt, Nietzsche, auch K.G. Zumpt ist interessant für eine tiefere Einsicht. Die ganze Geschichte heisst Kulturpessimismus – logisch, weil die Kulturen untergegangen sind, und so vieles bei uns erinnert an diese Untergänge.

Wir sind also im Greisenalter einer Kultur angelangt woraus, logischerweise, nur noch der Tod folgt, und bei Tod meine ich das Massenaussterben, die Massenunfruchtbarkeit … wie auch bei alten Menschen. So geschah es mit alten Kulturen wie Griechenland und Rom, jedoch unterscheiden wir uns von denen in dem, dass unsere Sprachen, d.h. die Deutsche und die Slawischen noch nicht ausreichend degeneriert sind (darüber mehr bei Lasaulx in seinem “Neuer versuch … der Philosophie der Geschichte”). Das lässt zu vermuten, dass unser Kultureller Untergang Künstlich, und nicht naturgemäss, von Aussen herbeigeführt ist. Und da tritt Nietzsche in den Vordergrund als der einzige der das Christentum entblosst hat, er hat gezeigt, dass der Christliche Gott ein Greis ist (hat schon einen weissen Bart) der sich mit der Industrie, Handel und allem möglichen beschäftigt: “”Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen” (Matthäus 6, 33).—Solches alles: nämlich Nahrung, Kleidung, die ganze Notdurft des Lebens. Ein Irrtum, bescheiden ausgedrückt … Gleich darauf erscheint Gott als Schneider, wenigstens in gewissen Fällen …” – Nietzsche, Antichrist, 45.

Der Rest des Blogs handelt von der Demokratie, denn die Demokratie ist in allen Kulturen die Staats(un)ordnung der abgenutzten Kultur… und auch von der Verfolgung der Reichen. Für mich ist Kommunismus ein Vorspiel, Vorgeschmack der Demokratie.

Auch auf wikipedia sollte es etwas über “societal collapse” geben, aber die Engländer haben vieles falsch interpretiert.

MfG
http://bornposthumously.wordpress.com/2013/07/09/hallo-herr-xich-mochte-ihnen-eine-kurze-einfuhrung/#comments

petervonkloss Januar 1, 2014 um 00:14

Alles ist eine Illusion, und das wissen wir jetzt!
Deswegen erwachen wir jetzt! Und bedürfen der Nachahmung des Krieges und der Buntheit des Lebens.
Allen „Wiesaussehenden“ einen guten Rutsch! Es lebe das Da – Sein.

petervonkloss Januar 1, 2014 um 00:45

Erneuert gerutscht in eine schicksalhafte Zeitlichkeit der Faltung des Da – Seins und Krümung des Raumes.!

petervonkloss Januar 1, 2014 um 00:57

Das fehlende „m“ habe ich natürlich weggetrunken.

petervonkloss Januar 1, 2014 um 01:39

Zur Erinnerung und Faltung des Seins! 2014 I

petervonkloss Dezember 10, 2013 um 00:20
@ “ruby” Dezember 8, 2013 um 18:01
„Engel der Welt zeigt euch !“

ENGEL I
Nein, das Mittelmaß darf nicht immer bedient werden, sondern „die Engel der Menschheit“ @ ruby; denn „das Formgesetz der Natur ist unkonstruierbar“ T. W. Adorno.

-Heidegger bezeichnet das technische und verobjektivierende Denken als das vorstellende Denken in dem Sinne, dass dieses Denken das Seiende als Objekt vor sich bringt und zugleich damit im zeitlichen Modus der Gegenwart als für es vorhandenes auffasst. So stellt also der Mensch mittels Technik die Natur vor sich als bloße Ressource. Er tut dies in Verwendung technischer Mittel, deren Gesamtheit Heidegger Gestell nannte.-

ENGEL II

Irgendwann sagte mir ein Engel, daß die Schuld der Existenz immer ist, soweit es die Geschichte des Leviathan (Zeit) gibt. Denn die Menschen wollen sich immer wieder aneinander reiben und deswegen ensteht der Leviathan.

ANGELUS NOVUS I

Walter Benjamin:
„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“——–
@ Morph
„Ad 2.
Der Kern der politischen Klimaideologie besteht in der Überzeugung, dass wir dieselbe individuelle Mobilität, denselben individuellen Verbrauch von Gütern und Dienstleistungen auch mit einer Wirtschaftsweise erreichen können, die klimaneutral ist. Das ist DIE aktuelle Lebenslüge der industrialisierten Menschheit, vollkommen GROTESK, wenn man es durchdenkt! Und der Biokraftstoffwahnsinn ist ein besonders deutliches Verwirklichungsbeispiel dieser grotesken Idee! – M.E. gibt es zwei idealtypische Szenarien: 1. Radikale Regionalisierung der Zivilisation + radikale Beschränkung individuellen Ressourcenverbrauchs (= vergleichsweise enge Begrenzung der individuellen Mobilität und der Varianz von Gebrauchsgütern) 2. Radikale Exklusion von vordem massenhaft verfügbarer Modernität + Massensterben in den Exklusionszonen. – Zwischen diesen beiden Szenarien wird sich die Realentwicklung vollziehen.

Schönen 1. Advent allerseits!“

Morph November 30, 2013 um 13:58

Und übrigens: Ich glaube durchaus nicht an die Möglichkeit einer lebensstilerhaltenden Energiewende von fossilen Energieträgern auf Sonne, Wind und Wasser, jedenfalls nicht in globalem Maßstab. Denn Energie ist nur eine Facette der dramatischen Rohstoffverknappung im Zuge des exponentiellen Bevölkerungswachstums (das weder die Fans des Liberalismus noch die klassischen Kapitalismuskritiker überhaupt auf dem Problemschirm haben in ihrer Besessenheit von Modellkonstrukten wie geldvermitteltem Innovationswettbewerb oder tendenziell fallenden Profitraten). Insofern bin ich auch kein Parteigänger der sozialökologischmarktwirtschaftlichen Fortschrittsfreunde.

Morph November 30, 2013 um 14:37
„Meine Behauptung ist nur, dass wir mit ihren Folgen leben werden müssen und es mir sinnvoll erscheint, frühzeitig darüber zu debattieren, wie das gehen kann. Finde ich persönlich jedenfalls interessanter, als über politische Ziele und Methoden zu streiten, deren Prämissen in zwanzig Jahren obsolet sein werden.“

Morph November 30, 2013 um 15:32
@Schwejk Morph November 30, 2013 um 15:32

Die Geschichte des politischen Themas ‘Erderwärmung’ in den letzten zwanzig Jahren lehrt m.E. folgendes: Die Bevölkerungen der entwickelten Staaten sind nicht bereit, ihren Lebensstil zu ändern. Die wissenschaftlichen Ergebnisse haben zunächst die Eliten motiviert, eine Weltpolitik für künftige Generationen anzustoßen. Es hat sich erwiesen, dass die bestehenden politischen Institutionen eine solche vernünftige Agenda nicht verarbeiten können.

Das kollektive Handlungsprinzip der aktuellen Weltbevölkerung, insofern sie sich politisch zur Geltung bringen kann, lautet: Nach mir die Sintflut! Und der Witz ist, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung ist. An guten Tagen kann ich darüber sogar lachen! :-)

Und, Du hast schon recht, ich bin ein Apokalyptiker. Aber ist das nicht vernünftig, wenn man die Wand schon sehen kann, alle Signale auf Speed stehen und alle Leute, mit denen man sich zusammentun müsste um zu bremsen, sagen: Bremsen? Bistu verrückt?? Gasgasgasgasgas!!!!

Die Geschichte des politischen Themas ‘Erderwärmung’ in den letzten zwanzig Jahren lehrt m.E. folgendes: Die Bevölkerungen der entwickelten Staaten sind nicht bereit, ihren Lebensstil zu ändern. Die wissenschaftlichen Ergebnisse haben zunächst die Eliten motiviert, eine Weltpolitik für künftige Generationen anzustoßen. Es hat sich erwiesen, dass die bestehenden politischen Institutionen eine solche vernünftige Agenda nicht verarbeiten können.

Das kollektive Handlungsprinzip der aktuellen Weltbevölkerung, insofern sie sich politisch zur Geltung bringen kann, lautet: Nach mir die Sintflut! Und der Witz ist, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung ist. An guten Tagen kann ich darüber sogar lachen! :-)

Und, Du hast schon recht, ich bin ein Apokalyptiker. Aber ist das nicht vernünftig, wenn man die Wand schon sehen kann, alle Signale auf Speed stehen und alle Leute, mit denen man sich zusammentun müsste um zu bremsen, sagen: Bremsen? Bistu verrückt?? Gasgasgasgasgas!!!!

ANGELUS NOVUS II

Ernst Jüngers „Überwindung“ des Leviathan und Sichten ins 21. Jahrhundert:

„Es wird sich alles ändern, alles wird weggepustet werden … Die heutigen Politiker sind dem, was sich da als Tiefenströmung vorbereitet, in keiner Weise gewachsen.“

Ernst Jünger ist eine der umstrittensten Personen dieses Jahrhunderts, ob unter Rechten oder unter Linken. Unbestritten dagegen dürfte eine prognostische Hellsichtigkeit und Intuition für Kommendes sein, die ihresgleichen sucht. Jünger selbst bemerkte einmal in einem Fernsehinterview, er sei den historischen Realitäten vorgeschaltet. Die dynamische, nivellierende und informierende Tendenz unseres Jahrhunderts wurde in wohl keinem Buch treffender analysiert als im „Arbeiter“. Die Aufmerksamkeit des Uralten richtete sich in zunehmendem Maße auf das kommende, das ungeheure Jahrhundert, das herandroht, in dem der Mensch nach Jüngers Ansicht bis an die Grenzen des Humanen und darüber hinaus geführt wird.

DIE HERRSCHAFT DER TITANEN

„Wird das Interim als unverhüllte, also auch gestalthafte, Heraufkunft der Titanen betrachtet, so muß mit ihm vor allem eine Veränderung der Erde verknüpft sein, wie sie sich bereits, und nicht zuletzt durch Katastrophen, ankündigt.“

Auch Ernst Jünger konstatiert das Ende der Geschichte, doch nicht in dem undramatischen und behaglichen Sinne wie Francis Fukuyama, der den Erdenball für alle Zukunft von „letzten Menschen” besiedelt sieht, die nur noch Monaden der Konsumption und Produktion einer entgrenzten und globalen Wirtschaft sind. Denn: „Wo die Geschichte endet, führt sie zur Natur oder zum Mythos zurück-mit oder ohne menschliche Präsenz.“ Nach Jünger wird die Geschichte dem Mythos Platz machen und zwar, was beinahe schon ein Schlüsselwort seines Spätwerks geworden ist, der Herrschaft der Titanen.

Woran erkennt man den Titanismus? Unter diesem Stichwort wären beispielsweise die Veränderung von Bios und Materie durch Gen- und Kerntechnik, die Ablösung des Krieges durch den Terrorismus, die Vermassung, die Entstaatlichungsprozesse, die Machtkonzentration kleiner bürokratischer Eliten, die Schwächung alles Patriarchalen zugunsten des Matriarchalen und vor allem ein Energiehunger zu nennen, dem alles andere einschließlich der Moral geopfert wird. Die Titanen, die Mächte der Erde des griechischen Mythos, kehren auf elementarer Ebene in den verschiedenen Formen der Energie zurück, mit denen der technische Apparat der westlichen Zivilisation am Laufen gehalten wird, denn nach Jünger ist „auch unsere Elektrizität eine entseelte, spezialisierte und abstrahierte Erdkraft…, ein Beleg dessen, was Erdgeist vermag.“

Unsere ganze Zivilisation trägt nach Jünger tellurischen Charakter und ist für ihr Fortbestehen auf die Verfeuerung von Stoffen angewiesen, die der Mensch der Erde abgewinnt: „Der plutonische Trieb gräbt nicht mehr nach Gold, sondern von den fossilen Brennstoffen bis zum Uran nach Energien, die sich in Utopien umsetzen. Er handelt nicht ökonomisch, sondern wie ein Verschwender, der sein Erbe für eine fixe Idee verpraßt … Der Dienst ist kollektiv und planetarisch, vorwiegend anonym und ohne umrissene Ziele, seitdem der Fortschritt verdächtig geworden ist.“. Den Naturwissenschaften fällt dabei die Rolle eines Türöffners für Kräfte zu, die der Mensch nicht ansatzweise zu kontrollieren imstande ist.

Auf diesem Feld wird es nach Jünger noch zu ungeheuren Überraschungen kommen, die dem forschenden Geist sein Damaskus bereiten werden: „Es ist nicht auszuschließen, daß die Naturgewalten das Heft in die Hand nehmen. Sie personifizieren sich oder werden durch Apparaturen maskiert. Die Energie überbietet ihre Funktionen unter anderem dadurch, daß sie zu ,denken’ beginnt. Das wiederum, rufet die Arme der Götter herbei’.“ Für Jünger ist dabei wiederum sicher, daß auch die titanische Machtenfaltung den Weg alles Irdischen gehen wird: „Der Untergang der Titanic, ihr Scheitern am Eisberg, ist ein prophetisches Zeichen, wie es deren sonst nur im Mythos gibt. Unter anderem ist daraus zu schließen, daß es sich beim Fortschritt in der Tat um ein Interim handelt – um eine Erscheinung, die Anfang und Ende hat. Daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, hat man freilich schon immer gewußt.“

ERDREVOLUTION UND WELTREVOLUTION

„Diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, die nun bevorsteht -, wer erriete heute schon genug davon, um den Lehrer und Vorausverkünder dieser ungeheuren Logik von Schrecken abgeben zu müssen, den Propheten einer Verdüsterung und Sonnenfinsternis, deren gleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat?“ (Friedrich Nietzsche)

Ernst Jünger unterscheidet zwischen der Weltrevolution und der Erdrevolution. Als Weltrevolution bezeichnet Jünger die politischen Umwälzungen des Jahrhunderts, den Marxismus und seine Reaktionen, den Weltbürgerkrieg 1914 – 1945 bis hin zum entgrenzten, plutokratischen Liberalismus der „One World“, in der sich die Masse ohne Eigenschaften, Nietzsches „letzter Mensch“, das ihr analoge politische System geschaffen hat.

Diese Weltrevolution ist nach Jünger jedoch nur der Ausdruck einer tieferliegenden Strömung, der Erdrevolution, die mit großen geologischen Veränderungen verbunden ist. Die Erdrevolution ist Teil der Erdgeschichte und entzieht sich aller historischen, ja selbst humanen Wertungen. Umwälzungen dieser Art hat es nach Jünger schon gegeben, nämlich beim Übergang von einem Erdzeitalter in ein anderes, beispielsweise beim Aussterben der Dinosaurier durch einen Meteoriteneinschlag.

Jünger bleibt hierbei seiner durch und durch mythischen Weltsicht, die Erdmutter Gaia wechselt ihr Kleid, wie sie das beim Übergang von einem zum nächsten Erdzeitalter schon oft getan hat. Der Mensch ist dabei nicht das treibende Subjekt, sondern das Objekt der Veränderungen, seine „totale Mobilmachung“ entspricht dem titanischen Impuls, er führt nur das aus, was die Erde will: „Unsere Mitwirkung könnte der des Skorpions gleichen, der sich mit seinem eigenen Stachel aus dem Wege schafft.“ Doch Jünger verbindet mit dem großen Übergang auch große Hoffnungen: „Demgegenüber sagen die Astrologen eine ungemeine Vergeistigung voraus. Damit harmoniert die christliche Erwartung eines Zeitalters des Heiligen Geistes, das als drittes jenen des Vaters und des Sohnes folgt. Und mit ihm ein Drittes Testament, dessen Fassung den Dichtern vorbehalten bleibt.“

DARWIN UND CUVIER

Jünger übernimmt Nietzsches Urteil über Darwin, daß es Wahrheiten gebe, die nur von mittelmäßigen Köpfen erkannt werden können. Er wendet sich dem französischen Gelehrten Cuvier und seiner vor Darwin entwickelten Katastrophentheorie zu, die besser Jüngers Theorie von der Erdrevolution entspricht. Nach Cuviers Theorie werden konstante Arten einer Erdepoche jeweils durch Katastrophen vernichtet und in einem Schöpfungsakt durch neue Arten ersetzt.

Die Wendung von Darwin zu Cuvier ist auch eine Wendung von einer linearen zu einer zyklischen Zeitbetrachtung, die Evolution erfolgt nicht wie bei Darwin linear und sukzessive, sondern sie macht Sprünge, die Erde gleicht in dieser Betrachtung dem Vogel Phoenix, Arten und Stämme werden durch kosmische Katastrophen vernichtet, doch immer wieder verjüngt sich die Erdmutter Gaia durch den Erfindungsreichtum und die Anpassungsfähigkeit des Bios. In diese Transformation wird nach Jüngers Ansicht auch der Mensch miteinbezogen werden: „Daß sich der Mensch verändern wird, und zwar im Sinne der Spezies,… hat Nietzsche vorausgesehen oder eher noch gewittert; inzwischen sind Biotechniker am Werk.“

Mit Nietzsche teilt Jünger auch die Aussicht auf den Übermenschen: „Friedrich Nietzsche fühlte sich, wie er sagte, im 21. Jahrhundert zu Haus, vor dessen Schwelle wir stehen. Dort ist auch das Zeitalter des Übermenschen zu erwarten, dessen Ankunft sein Prophet verkündete … Der Übermensch ist ein Titan. In ihm triumphiert der Wille zur Macht. Der Übermensch ist für ihn (Nietzsche) keine Variante, sondern eine neue Spezies. Er ist weniger eine zoologische als eine geistige Mutation.“

DER ZEITSPRUNG

Wie die Welt, in die wir gehen, nach Jüngers Ansicht aussehen könnte, schildert er, und wie könnte das bei ihm anders sein, in seinem Traum in seinen Tagebüchern “Siebzig verweht” unter dem Datum 8.8.88. Jünger selbst scheint diesem Traum einige Bedeutung beigemessen zu haben, denn er schildert ihn auf 14 Seiten und redet von einem „Zeitsprung“.

Im Traum besucht Jünger sein geliebtes Paris. Doch statt der hektischen Betriebsamkeit einer Millionenstadt spürt er eher eine Atmosphäre der Verwahrlosung wie auf einem Bild von Alfred Kubin. Die Stadt selbst hat sich stark verändert und Jünger mutmaßt, es müsse inzwischen einen Krieg, ein Erdbeben oder einen Börsenkrach gegeben haben. Er erkennt nur noch einige Gebäude und Plätze wieder, mit denen er persönliche Erinnerungen verknüpft, um schließlich in einem Bistro Platz zu nehmen. Dort macht er eine angenehme Bekanntschaft, den Kellner Freddy, der sich völlig von der heruntergekommenen Umgebung durch seine Geistesgegenwart, Bildung und Höflichkeit unterscheidet. Jünger und Freddy beginnen ein gutes Gespräch, doch als Jünger aufbrechen will, warnt Freddy vor einsamen Streifzügen in der Stadt, da der Grund unsicher geworden sei und ständig Erdbeben drohten. Jünger hält die Schilderungen seines Gegenübers für weit übertrieben, doch nimmt er sein Angebot zur Begleitung an. Die Szenerie wird nun vollständig unheimlich, die beiden bewegen sich auf den Trümmern einer untergegangenen Komfortzivilisation, deren Nihilismus sich nicht mehr durch Wohlstand und Konsum maskieren läßt. Jünger beobachtet Tiere, die sich zoologisch nicht mehr genau zuordnen lassen, Chimären, die anscheinend von der Gentechnik geschaffen wurden. Fortwährend wird die Umgebung für die beiden feindlicher und magmatische Ausbrüche und Erdbeben erschweren das Fortkommen, das direkt auf einen Punkt konzentrierten Feuers und Strahlung zuläuft. Schließlich bleibt für Jünger und Freddy nur noch ein von Feuer umgebener Trichter als letztes Rückzugsgebiet. Jünger, der Freddy inzwischen als sein stärkeres Ich erkannt hat, fragt diesen, ob sie verloren seien, doch dieser antwortet nur: „Das wird nicht akzeptiert.“

In seinem Traum erlebt Jünger den Eintritt in ein neues Erdzeitalter, in welcher der Fortschritt sich in eine Welt des unkontrollierbaren Feuers und der Strahlung verwandelt hat. Diese ist nur, wie Freddy es vormacht, durch Haltung und ein Ethos des Nicht-Aufgebens zu bestehen.

ZEITENWENDE

„Perpetua schreibt mir, daß das Ende dieses Jahrhunderts vielleicht noch fürchterlicher als Anfang und Mitte werden wird. Ich möchte das nicht glauben und dachte oftmals, daß es dann dem Herakles, der Schlangen in seiner Wiege erdrückte, geglichen haben wird.“

In seinem Aufsatz „Erde und Heimat“ in dem Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ prophezeite Gerd Bergfleth, daß „die Ökokatastrophe zu einem Großkollaps führen wird, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat“, der nach seiner Ansicht gleichzeitig den Endpunkt der „Ära des Unheils“ darstellt. Die Angst vor einer Apokalypse zur Jahrtausendwende ist bei den Massen, wenn auch unbewußt, vorhanden, wie ein Blick ins Kinoprogramm beweist: von „Deep Impact“ bis „Armageddon“ wird der globale Crash auf der Leinwand vorweggenommen.

Jünger rechnet zur Jahrtausendwende mit einer starken „Anflutung“: „Jedes Jahrtausend schließt mit Ermüdung und Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wiederholen sich diesmal noch stärkere, uns unbekannte Welten -Sintfluten, die Kulturen überschwemmten und Tierstämme vernichteten.” Die Prognose einer Apokalypse zur Jahrtausendwende wird in dem Spätwerk „Die Schere“ wiederholt: „Daß zugleich Katastrophen sich häufen, wird kein Zufall sein. Götterdämmerungen sind mit Naturkatastrophen verbunden, wie sie auch bei Hesiod, in der Edda und im Alten Testament geschildert werden- so mit Sintfluten, Feuerregen, sehr langen Wintern, Finsternissen, Dürren, von denen die Erde sich erst nach Jahren erholt.“

Mit seinen Befürchtungen zur Jahrtausendwende befindet sich Jünger in Übereinstimmung mit etlichen Prophezeiungen. Wie auch der italienische Philosoph Julius Evola nach dessen Ansicht sich die Menschheit in der Endphase des „Kali-Yuga“ , des „düsteren Zeitalters“, befindet, begreift er die Zerstörungen als notwendig zur Erreichung eines neuen „Goldenen Zeitalters”.

KRITIK AN JÜNGERS BEGRIFF DES
„TITANISCHEN“

Nicht jeder wird Ernst Jüngers mythische Weltsicht teilen wollen. Das was Ernst Jünger unter dem Begriff des „Titanischen“ subsumiert, kann auch als das Ergebnis historischer Abläufe dargestellt werden. Kennzeichnend für die Titanen des griechischen Mythos ist der Vatermord, übertragen auf unsere Zeit also der Bruch mit allem Tradierten und Überkommenen. Diesen Bruch könnte man aber auch anders als Jünger nicht als mythische Wiederkehr, sondern als das Ergebnis des amerikanischen Globalismus, dem kaum Titanenhaftes eignet, deuten. Dessen Auswirkungen beschreibt Hans-Dietrich Sander so: „Wo diese Wirtschaft eindringt, hebt sie alle Hegungen der Volkswirtschaft auf, zerstört durch Raubbau den Boden, verausgabt die Bodenschätze, verheizt die Werktätigen. Massenproduktion und Massenkonsum ebnen die Kulturen ein, lösen die Völker auf, schaffen manipulierbare Massen mit ubiquitären Bedürfnissen, die sich das alles gefallen lassen.“

Die amerikanische Ideologie, die man als Freihandel + Profitmaximierung um jeden Preis bezeichnen kann, versucht sich in der Überwindung aller ethischen und biologischen Grundlagen, wie aktuell an dem Vorhaben amerikanischer Ärzte deutlich wird, Kliniken zum Klonen von Menschen einzurichten. Die Gentechnik ist nach Jünger eine der Merkmale des Titanismus.

Der Unterschied zwischen einerseits mythischer und andererseits historisch-soziologischer Betrachtungsweise kommt auch in der Kritik von Ernst Niekisch an dem von Jünger in den 50er Jahren verfaßter Essay „Der Waldgang” zum Ausdruck. Niekisch bezeichnet Jüngers Ansicht vom Wald als einem Symbol innerer, existentieller Freiheit als ein „Symbol des Ungesellschaftlichen“ und als „Flucht aus der Geschichte“. Friedrich Kabermann schreibt in seiner Niekisch ­Biographie „Widerstand und Entscheidung eines deutschen Revolutionärs“ zu dieser Kritik, daß „Niekisch stets jede metaphysische Position politisch-soziologisch historisiert, Jünger dagegen jede politische Stellungnahme in Metaphysik verwandelt und beide dabei die existentielle Position des anderen jeweils zu relativieren scheinen, doch bestätigen sie sich dabei im Grunde eigentlich nur gegenseitig.“

Doch auch wenn man der Ansicht ist, daß Jüngers Figur des Waldgängers eine Flucht ins Ungesellschaftliche ist oder daß Jünger die Herrschaft der Titanen mit der Herrschaft der USA verwechsle, gleitet diese Kritik an Jünger leicht ins Polemische ab, wenn man nicht bedenkt, daß er gar nicht begrifflich oder dialektisch denken will. Jünger denkt, so Kabermann, „überhaupt nicht geschichtlich, sondern mythisch, d. h. die Wahrheit geschieht nicht in, sondern ist außerhalb der Zeit und erscheint in der Geschichte lediglich verschlüsselt, als Gleichnis, Symbol und Mythos …“ wobei diese Denkweise durch Jüngers Wahrnehmung noch unterstützt werde, denn in allen Schriften Jüngers gehe es „stets um geistiges Sehen bzw. Erleben … nicht aber um abstrakte begriffliche Analysen.“

FAZIT

Jüngers Aufmerksamkeit richtete sich zunehmend auf die Wucht der Transformationsprozesse eines von ihm als erdgeschichtlich aufgefaßten Umbruchs. Dementsprechend schwand sein Sinn für Politik. Als er 1983 von dem nationalen Kommunisten Richard Scheringer aufgefordert wurde, sich der Friedensbewegung gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland anzuschließen, antwortete Jünger lakonisch: „Die Politik jeglicher Färbung ist mir seit langem zuwider, und ich marschiere hinter keiner Fahne mehr her. Auch ist die Erdrevolution mit politischen Mitteln nicht zu bewältigen. Sie dienen höchstens zur Garnierung des Vulkanrandes, falls sie nicht die Entwicklung sogar vorantreiben.“

Die Bundesrepublik, auf die Jünger beinahe unverschlüsselt in dem utopischen Roman „Eumeswil“ Bezug nimmt, bezeichnet er als „Fellachengesellschaft, die periodisch von Demagogen moralisch strapaziert wird“ als eine vom liberalistischen Gezänk der Parteien und Interessengruppen gekennzeichnete „große Deponie“ abgelegter Ideen und historischer Trümmer in einer Welt, „in der nichts mehr wirklich und alles möglich scheint“. Daß Ernst Jünger in dem von ihm entworfenen, katastrophalen Szenario auch das Ende der Bundesrepublik voraussah, versteht sich von selbst: „Jedes juste-milleu erfordert Balance-Akte, “ausgewogen” ist eines der Schlagwörter. Es spiegelt sich in den Standardbegriffen, so im freiheitlichen Rechtsstaat, der sozialen Marktwirtschaft’ und anderen. Wie all und jedes, gehen solche Epochen an sich selbst zugrunde…“

An der Formulierung politischer Altemativen beteiligte er sich, wie gesagt, nicht mehr. Gerd Bergfleth, der ähnlich wie Jünger, einen „Aufstand der Erde“ prognostiziert, erwartet die „verwandelnde Heilstat … von einer Religion der Erde, die sich aus mythischer Urerinnerung speist und den Men­schen aufs neue mit der Erde verbindet“. Den Deutschen mit ihrer Tradition der Naturphilosophie und Naturdichtung der Romantik und ihrem „metaphysischen Draht zur Erde und zur Heimat“ fiele es dabei zu, einen „deutschen Sonder­weg“ zu statuieren, „der das bankrotte Leitbild des techno­kratischen Liberalismus abzulösen berufen ist” und ohne den wir die kommende Katastrophe nicht bewältigen, und die westliche Welt schon gar nicht“.

Jünger, der in der Akzeleration unseres Jahrhunderts, dem sich beschleunigenden Anfall von Tatsachen und Ereignissen, den Schlußpunkt eines abgelaufenen Zyklus und den Beginn eines neuen Zeitalters erkennen möchte, würde der Idee, künstlich eine „Religion der Erde“ zu schaffen, sicherlich skeptisch gegenüberstehen, da seiner Ansicht nach Religionen nur auf Erscheinungen, also „dem Einbruch des Absoluten in die Zeit“ basieren können. Für die Umbruchszeit, in der wir leben, würde er wohl weiterhin das für gültig halten, was er in einem Brief vom 7. 6.1934 an seinen Bruder Friedrich Georg schrieb: „Das revolutionäre Stadium, in das wir eingetreten sind, kann nur durch tiefere Kräfte bestanden werden, als durch die rhetorischen, literarischen oder ideologischen- es prüft uns in der Substanz. Man muß jetzt das Blatt aufdecken und zeigen, wer man ist! – .

( Evola schreibt in seinem Hauptwerk „Revolte gegen die moderne Welt“: „… daß den Verteidigern des ,Konkreten’ nicht mehr zugerufen werden soll: Haltet ein’ oder ,Kehrt um’ oder ,Erhebt das Haupt’, sondern vielmehr: ,schneller, immer schneller, immer weiter abwärts, stürmt die Ziele, reißt die Dämme ein. Ketten, die Euch halten, gibt es nicht. Sammelt den Ruhm all eurer Eroberungen. Eilt mit immer schnelleren Flügen, voll von Stolz, der durch Eure Siege’ durch Eure Eroberungen, durch Eure Reiche und Eure Demokratien immer größer wird. Die Grube muß gefüllt sein, und Dünger ist nötig für den neuen Baum, der flammend Eurem Ende entspringen wird.“)

petervonkloss Januar 1, 2014 um 01:48

Zur Erinnerung und Faltung des Seins! 2014 II

„petervonkloss Dezember 14, 2013 um 03:06
Freundlichst für Hans Hütt und Morph.

Angelus Novus III (Der letzte Gott, M. Heidegger):

http://www.hfg-karlsruhe.de/~arafinski/gamestudies/txt/Bataille_DieInnereErfahrung.pdf
http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/kress-carl-friedrich-2013-02-04/PDF/kress.pdf

gelegentlich Januar 1, 2014 um 10:27

@pvk

„Jünger übernimmt Nietzsches Urteil über Darwin, daß es Wahrheiten gebe, die nur von mittelmäßigen Köpfen erkannt werden können.“
Spricht für sich selbst. Nietzsche wer?

„…denn in allen Schriften Jüngers gehe es „stets um geistiges Sehen bzw. Erleben … nicht aber um abstrakte begriffliche Analysen.“

Schön. Damit kann man es ganz kurz machen. Das ist das Konzept Gnosis, die Guru-Erfahrung. Ich glaube entweder an dieses „geistige Sehen“ – oder ich lasse es sein. Darüber in einem öffentlichen Forum zu reden macht keinen Sinn. Das könnten nur, je für sich, die Gläubigen unter sich und die Agnostiker ebenso. Wo ist der Unterschied zwischen solchen Auffassungen und dem im Nachbarthread von @ Hänschen’s Clown Gelalle bei Paranoid City?
Den für den Rest der Welt unwichtigen Streit, wer von den „Sehenden“ am besten sieht, überlassen wir diesen Bekloppten. Ob die nun Jünger heißen oder Stefan George ist dabei egal.

ruby Januar 1, 2014 um 16:26

@ all capitan haddock fans
trotz antisemitismusgefahr
http://www.deutschlandradiokultur.de/comic-wunderbare-zeichnungen.950.de.html?dram:article_id=273395#
Vertrauen als Comic

wowy Januar 1, 2014 um 17:21
ruby Januar 1, 2014 um 17:36

Oh Giovanni
schleimschmierender selbstüberlebter Schamanenschornalismus geht 2014 stiften ;-)
http://www.zeit.de/video/2013-12/2992213077001/die-themen-der-zeit-ein-blick-in-die-zeit-giovanni-di-lorenzo-ueber-die-aktuelle-ausgabe
Da hilft auch kein Schmidt oder Schröder, Steinmeier, Steinbrück …

ruby Januar 1, 2014 um 18:23

@ PvK + gelegentlich
http://www.youtube.com/watch?v=sxWPk41uBpU
voice of an angel
;-)

Hänschen's Clown Januar 2, 2014 um 19:45

@pvk,
Danke für die Literaturempfehlungen! Wir lernen alle dazu! Bei der Rekonstruktion des sog. “eigenen Weltbildes” treten notwendigerweise kognitive Dissonanzen auf, die (@) gelegentlich zum Dampf ablassen führen. Wie gesagt: Man sieht, was man sehen will und findet, was man finden will. Entscheidend ist die Frage: “Ist es der eigene oder ist es ein fremder Wille?”

gelegentlich Januar 2, 2014 um 19:55

„Wie gesagt: Man sieht, was man sehen will und findet, was man finden will. Entscheidend ist die Frage: “Ist es der eigene oder ist es ein fremder Wille?”
Ja, wenn es nicht so allgemeinplätzig wäre und in der konkreten Dialogsituation leider gar nichts besagt. Sie können weder wissen was ich sehen will, schon gar nicht was ich finden will. Und über meinen Herrscher, den fremden Willen, können Sie sich bis in den Kyffhäuser hinein ohne Ergebnis Gedanken machen. Einfach nur Behauptungen („kognitive Dissonanzen“, Geplärr der Saison, nicht mehr) hinknallen kann es doch nicht sein.
Noch einmal: gnostische Zugänge gehören in die Versammlung der freiwilligen Adepten oder aufs eigene Klo, nicht in die Öffentlichkeit. Da sie keine prüfbaren und evtl. reproduzierbaren Anknüpfungspunkte für Rationalität im Hier und Jetzt liefern. Höchstens begründetes Raten – aber nicht mal dahin hat es bisher hier gereicht.

ruby Januar 3, 2014 um 21:55
ruby Januar 3, 2014 um 22:03

nachträglicher neujahrsgruß
http://www.youtube.com/watch?v=BXtiKN5ETck
danilo cool …

h.huett Januar 21, 2014 um 11:52

Hier gibt es einen nicht ganz erstaunlichen rant über Snowden, Greenwald et alii, der mich an meine postweihnachtliche Analyse erinnerte. Mit der Assoziation, an welche Liberatäre sich Snowden wendet, war ich etwas schneller als der NR-Autor.

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