Macht die GEW schwul? Ein Gastbeitrag von Stefan Sasse

by f.luebberding on 14. April 2014

In der Debatte um den Bildungsplan in Baden-Württemberg ist das letzte Wort bestimmt noch nicht gesprochen, auch wenn die Landesregierung in Stuttgart den Plan korrigieren will.  Aber ist das, was die Pietisten begrüßen, als Einknicken zu interpretieren? Eher müsste es darum gehen, was dieser Bildungsplan in der schulischen Praxis bedeutet. Es gibt bisweilen nichts Peinlicheres als die Empirie. Das hat sich auch Stefan Sasse gedacht. Er ist Blogger - und Lehrer. Er setzte im Unterricht um, worüber vor der Umsetzung schon alle möglichen Interpretationen in Umlauf sind. Über diese Erfahrungen berichtete er in seinem Blog. Den Beitrag übernehmen wir mit wenigen Änderungen als Gastkommentar. Sasses Experiment hat nämlich noch einen weiteren Aspekt. Wie entstehen eigentlich nicht nur bei Jugendlichen jene Weltbilder, die man etwa mit einem Bildungsplan wie in Baden-Württemberg beeinflussen will? Am Ende ist doch wohl nicht jene Form der Berichterstattung, die Günther Jauch in seiner verunglückten Sendung gestern Abend thematisierte, wichtiger als ausgefeilte Bildungspläne? Hier geht es zum Gastbeitrag von Stefan Sasse.

Macht die GEW schwul?

von Stefan Sasse

In der bisweilen grotesken Debatte um die Verankerung des Themas “Homosexualität” in der Schule gab es einen besonderen Stein des Anstoßes. Es ging um eine GEW-BW-Broschüre mit Unterrichtsmaterial zum Thema, die von 1993 stammt und seither mit rund 1800 Anforderungen pro Jahr verwendet wird. In diesem Material befindet sich auch der so genannte “Heterosexuellen-Fragebogen”, der typische Klischees umdreht und den jeweiligen Leser so zu einer Auseinandersetzung mit eben diesen Klischees zwingen will. Journalisten wie Matthias Matussek (“Das haben sich diese Frankensteins tatsächlich aus ihren wirren Schädeln qualmen lassen”) und Politiker wie FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrick Rülke (“in jeder Hinsicht unterirdisch”) oder CDU-Landtagsfraktionschef Peter Hauk (“unmöglich”) wandten sich im Lichte des vorherrschenden Kulturkampfs sofort gegen das Material. Ich habe mich entschlossen, die furchtbare Gefahr für die lieben Kleinen (O-Ton Mattusek: “pubertierende 13-14jährige”) einfach einem Praxistest zu unterziehen.

Die Bedingungen meines Experiments waren dabei folgende: ich verwende für die Unterrichtsdoppelstunde, die ich mir dafür Zeit genommen habe
(eine reicht niemals) ausschließlich das GEW-Material. Gehalten habe ich die Stunde in einer 9. Klasse, weil das aktuell meine jüngsten und
pubertierendsten Schüler sind. Geeignet ist das Material laut GEW für Siebt- (die pubertierenden 13jährigen) bis Zehntklässler. Ich bin also
im Rahmen. Die Klasse besteht aus insgesamt 11 Schülern, 10 davon männlich. Nicht unbedingt die beste Repräsentation, aber tauglich. Das
Alter der Schüler liegt zwischen 15 und 16 Jahren. “Pubertierend” kann anhand der inflationären Menge an zu ertragenden Furz- und Fäkalwitzen
im Alltag vorausgesetzt werden. Um nicht einfach “Ich habe es ja gewusst” schreien zu können, egal welches Ergebnis am Ende herauskommt, habe ich vor dem Unterricht auf Twitter sechs Voraussagen gemacht:

1) Der
Fragebogen wird problemlos funktionieren.

2) Das
Rollenspiel wird überhaupt nicht funktionieren.
[Und wird nur zu
Prüfzwecken integriert]

3) Ich
werde eine Reihe von Macho-Sprüchen und Hetero-Selbstbehauptungen hören.

4) An
einem bestimmten Punkt wird die Stimmung von betont witzig in angemessen
ernst umschlagen. Ohne dass ich das forciere.

5) Kein
Schüler wird Homosexualität bei Frauen überhaupt als Problem betrachten.
Fokus auf Homsexualität bei Männern.

6) Wenn
(falls) ich den Hintergrund
[des Streits um den Fragebogen] noch
thematisiere, wird das nicht als ernstes Problem wahrgenommen.

Ich habe die Stunde mit der Nachricht eines Freundes/einer Freundin (jeweils gleiches Geschlecht wie der Schüler/die Schülerin) begonnen,
auf die eine Antwort formuliert werden sollte. Die Nachricht enthielt das Geständnis, homosexuell zu sein und Gefühle für eine dritte Person
zu empfinden, gepaart mit großer Unsicherheit und der Bitte um Hilfe. Die Reaktionen unterschieden sich hier bereits drastisch. Während die
Jungs sich betont witzig gaben und sich gegenseitig die Autorenschaft der Nachricht zusprachen, nahm das Mädchen die Situation sofort ernst
und begann nach Bekanntgabe des Arbeitsauftrags sofort zu schreiben. Sie hatte eine halbe Seite Antwort fertig, als manche Jungs immer noch
brütend über einem leeren Blatt saßen. Kommentare wie “das ist so schwer”, “der verarscht mich” oder simpel “lol” bestimmten die
Reaktionen. Etwa die Hälfte schreib dann los, die andere tat sich bis zum Ende der vorgegebenen Zeit eher schwer.

Die Ergebnisse von insgesamt sechs Antwortbriefe fielen ebenfalls stark auseinander (ich habe nur freiwillige Meldungen berücksichtigt und
niemand zum Vorlesen gezwungen): das Mädchen bot sofort Hilfe beim Outing-Prozess an und zeigte sich sehr verständnisvoll, während die
Jungs ihrem imaginären Gegenpart rieten, sich keinesfalls zu outen, um negativen Reaktionen zu entgehen, ein Gespräch mit den Eltern anrieten
und bei der eher hilflosen Feststellung blieben “für mich bleibt alles gleich, aber du solltest besser nichts sagen, weil bei den anderen weiß man das nicht”.

Im anschließenden Gespräch über die Ergebnisse zeigte sich sofort deutlich, dass nur männliche Homosexualität als Problem wahrgenommen wurde, weibliche dagegen nicht. Dazu passt die nicht ganz überraschende Kenntnis, dass rund die Hälfte der Jungen den Unterschied von “schwul”
und “homosexuell” nicht bennenen konnte – die Gleichsetzung der beiden Begriffe und ihre klare Abgrenzung von “lesbisch” sind eine Konstante,
die ich noch aus meiner eigenen Schulzeit kenne. Ich vertiefte die Thematik an dieser Stelle noch nicht, stattdessen sprachen wir erst einmal über bekannte Homosexuelle (wie im GEW-Material). Neben einigen bekannten Beispielen (Hitzelsperger, Westerwelle, etc.) wurden überraschenderweise Lahm, Rösler und Justin Bieber genannt – weil sie “schwul wirken”.

Ich ging dann zu dem Was-Wäre-Wenn-Spiel über, bei dem einem Nebensitzer eine Frage aus einem vorgegebenen Katalog gestellt wird. Diese Fragen drehen sich nicht alle um Homosexualität, aber alle um Randgruppenerfahrungen und sexuelle Identitäten. Der Gefragte darf eine
Frage einmal ablehnen, muss dann aber die nächste nehmen. Die einzige Frage, die durch die Bank abgelehnt wurde, war “Was wäre, wenn dein
Vater dir erzählte, dass er schwul ist?” Dieses Szenario war den Schülern offenkundig unglaublich unangenehm (schwuler Onkel oder lesbische Tante waren kein Problem), ein Junge meinte noch außer der Reihe zu Bekräftigungen der anderen “das kann nur bedeuten dass er was von mir will”. Offensichtlich bereitet die Vorstellung von Schwulen im unmittelbaren Umfeld deutliche Probleme. Weitere Antworten (Anmerkungen
von mir in Klammern):

- Was wäre wenn du erfahren würdest, dass deine Klassenlehrerin lesbisch ist? – Wäre mir egal. (Schien genuin)

- Was wäre wenn du Elternteil eines 14jährigen Kindes wärst, das sich outet? – Würde es moralisch unterstützen. (Scheint mir Ausdruck
gesellschaftlichen Konsens)

- Was wäre wenn deine Freundin ein Poster abreißen würde, weil darauf eine Frau halbnackt und als Hure [sic!] dargestellt ist? – Würde ihr
sagen, dass sie es hängen lassen soll. Ist meins, geht sie nicht an (Ausdruck eines Wandels zu Individualrechten im gesellschaftlichen Wertesystem seit den 1990ern, behaupte ich. Schülern war nicht klar, warum jemand das überhaupt tun sollte)

- Was wäre wenn du zwei Männer siehst, die sich auf der Straße küssen? – Schaue ich weg, finde ich eklig.

- Was wäre, wenn du zwei Frauen siehst, die sich im Eiscafé küssen? – Geil, ich fotografiere/filme sie mit dem Handy. (Beides absolut zu erwarten)

- Was wäre wenn sich dein Bruder schämte, weil er keinen “männlichen” Körperbau hat? – Mir egal, soll halt trainieren gehen (wird nicht als
Problem wahrgenommen, bzw. als lösbare, individuelle Problemstellung)

- Was wäre wenn dein schwuler Onkel erzählte, dass er ein Kind adoptieren will? – Würde mir Sorgen um das Kind machen, das hätte es nicht leicht (wir kommen später auf diesen Punkt zurück).

- Was wäre wenn ein Freund/eine Freundin dir riete, ein Deo zu benutzen? – Wäre mir peinlich, ich will nicht stinken.

Zu diesem Zeitpunkt waren alle auf das Thema eingestimmt. Obwohl bei praktisch jeder Fragenbeantwortung irgendein Scherz oder eine relativierende Bemerkung gemacht wurde, um sich ja keinem Verdacht auszusetzen (siehe Prognose 3), wurden sämtliche Fragen ernsthaft beantwortet. Als wir nun zum Herzstück des ganzen kamen – dem Heterosexuellen Fragebogen – war die Stimmung umgeschlagen: vom
spielerischen, ständig deflektierenden Gestus hin zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema (siehe Prognose 4).

Ich teilte nun den Bogen aus und bat um Bearbeitung. Die Schüler reagierten mit bassem Unglauben. Kommentare wie “wtf”, “Woher soll ich
das wissen?”, “Alter!”, “Normal!” und “Sinnlos!” dominierten die Bearbeitungsphase. Meine Prognose 1 widerlegt sich daher deutlich. Den
Schülern wurde die Intention des Bogens nicht auf Anhieb klar (und auch nicht beim zweiten Hinsehen). Hier der Bogen mit den durchschnittlichen Antworten in seiner ganzen Pracht:

  1. Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität? (Angeboren)
  2. Wann und warum hast du dich entschlossen, heterosexuell zu
    sein? (Dito)
  3. Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine
    Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst? (Nein)
  4. Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer
    neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?
    (Nein, ich finde Schwule eklig)
  5. Wissen deine Eltern, dass du heterosexuell bist? Wissen es
    Deine Freundinnen und Freunde? Wie haben sie reagiert? (Klar, ist
    doch normal)
  6. Eine ungleich starke Mehrheit der Kinderbelästiger ist
    heterosexuell. Kannst Du es verantworten, deine Kinder
    heterosexuellen Lehrer/innen auszusetzen? (Sinnlose Frage)
  7. Was machen Männer und Frauen denn eigentlich im Bett zusammen?
    Wie können sie wirklich wissen, wie sie sich gegenseitig befriedigen
    können, wo sie doch anatomisch so unterschiedlich sind? (Weiß man
    doch)
  8. Obwohl die Gesellschaft die Ehe so stark unterstützt, steigt
    die Scheidungsraten immer mehr. Warum gibt es so wenige langjährige,
    stabile Beziehungen unter Heterosexuellen? (Wunsch nach Abwechslung)
  9. Laut Statistik kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben
    am wenigsten vor. Ist es daher für Frauen wirklich sinnvoll,
    eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von
    Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft einzugehen? (Ist doch
    normal)
  10. In Anbetracht der Übervölkerung stellt sich folgende Frage:
    Wie könnte die Menschheit überleben, wenn alle heterosexuell wären?
    (Sinnlose Frage)
  11. Es scheint sehr wenige glückliche Heterosexuelle zu
    geben; aber es wurden Verfahren entwickelt, die es dir möglich
    machen könnten, dich zu ändern, falls du es wirklich willst. Hast du
    schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschocktherapie zu machen?
    (Völliges Unverständnis an dieser Stelle)
  12. Möchtest du, dass dein Kind heterosexuell ist, obwohl du die
    Probleme kennst, mit denen es konfrontiert würde? (Dito)

Ich muss zugeben, dass ich anfangs etwas enttäuscht war. Die Schüler hatten tatsächlich den Eindruck, dass der Bogen schwul machen sollte, was gar nicht meiner Prognose 1 entsprach. Es zeigte sich aber schnell, dass dies in Wirklichkeit eine Chance bedeutet (und damit die Reaktion der GEW, das Material um mehr didaktische Bemerkungen zu ergänzen, absolut angemessen macht): die Schüler stellten schnell (und eigenständig) fest, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Ihnen war anfangs allerdings nicht klar, was. Der erhellendste Kommentar in diesem Zusammenhang war wohl: “Wenn man überall heterosexuell mit homosexuell ergänzt, macht es Sinn.” Obwohl die Aussage bei den Mitschülern instinktiv auf Zustimmung traf, war es offensichtlich immer noch nicht zufriedenstellend gelöst. Etwa die Hälfte der Klasse bohrte danach weiter.

An dieser Stelle verließen wir die Gefilde des Fragebogens, um mit dem Infomaterial der GEW aus der Broschüre (das die Schüler nicht vorliegen
hatten) einige Fragen zu klären, etwa den Zusammenhang von AIDS und Homosexualität, der Ursprung der Frage nach den Elektroschocks und, vor allem, die essenzielle Information, dass die sexuelle Orientierung keine Entscheidung darstellt, sondern angeboren ist, und dass etwa 5% der
Bevölkerung schwul sind (was sofort zu einem Abzählen und der Erkenntnis, dass statistisch nicht zwingend ein Mitschüler schwul sein musste, führte). Nachdem diese Fragen alle geklärt waren (was einige Zeit in Anspruch nahm) stellte sich nun die Frage, ob Homosexuelle gleiche Rechte wie Heterosexuelle haben sollten. Die Frage kam dabei von den Schülern selbst auf und wurde nicht von mir gestellt. Die Schüler bejahten die Frage vehement, um im gleichen Atemzug ein Adoptionsrecht für schwule Paare (nicht für lesbische!) auszuschließen, ohne dabei einen Widerspruch zu entdecken.

Mit diesem Widerspruch kamen wir in den abschließenden und fruchtbarsten  Teil der Stunde. Ich bat die Schüler unter ausdrücklichem Ausschluss einer Möglichkeit, “falsch” zu antworten, ihren Ausschluss für Schwule zu begründen. Das Resultat war überraschend auf Linie des Mainstreams und ruhte auf zwei Säulen: Erstens, da es aktuell (!) “unnormal” sei, werde das Kindeswohl gefährdet, da mit Mobbing zu rechnen sei (“Das wäre komisch, und dann wäre dem sein Freund zu sein auch komisch”). Zweitens, weil das Schwulsein der Adoptiveltern auf das Kind abfärben müsse. Wir begannen die folgende Diskussion mit dem ersten Argument. Ich stellte die Frage, wie es denn “normal” werden könne, so dass mit Mobbing nicht gerechnet werden müsse. Die Schüler erkannten sofort die Problematik und rückten von diesem Argument ab. Stattdessen versteiften sie sich nun auf die Vorstellung, dass das Kind irgendwie auch schwul gemacht werden würde. Ein Schüler hielt dagegen: die reine Existenz von Homosexuellen weise auf ein heterosexuelles Elternpaar hin (anders könnte es keine Schwulen geben), was diesen Schritt unlogisch macht. Die anderen wollten diesen Schritt gedanklich nicht nachvollziehen (ihr Widerstand war richtig spürbar), konnten sich der Logik aber nicht
verschließen, weswegen sie sich auf ein “bei Schwulen ist das aber anders” zurückzogen. Ich ließ – unter erneuter Bekräftigung, dass es keine falschen Antworten gibt – begründen, warum das so sei.

Die reichlich diffusen Antworten liefen darauf hinaus, dass Homosexualität eine Entscheidung darstelle, während Heterosexualität angebohren sei. Dies war für mich der ideale Zeitpunkt, wieder auf den Fragebogen zurückzuverweisen und die Schüler mit ihren eigenen
widersprüchlichen Ansichten zu konfrontieren. Unter dem Druck ihrer schriftlich vorher festgehaltenen Antworten (meine Sexualität ist angeboren und nicht durch die Eltern oder Freunde bestimmt), von denen sie nicht abrücken konnten, wenn sie ihre Selbstidentifizierung als 100% hetero aufrecht erhalten wollten, gaben sie ihrem Mitschüler dann Recht. Ein letztes Argument, wonach homosexuelle Paare “nur an sich selbst interessiert” und daher für die Elternschaft ungeeignet seien, wurde – nun von mehreren Mitschülern – sofort zurückgewiesen, weil es auch
ungeeignete Heterosexuelle gebe. Die Klasse einigte sich dann darauf, dass für alle ein Prüfrecht und eine Prüfpflicht gelten müsse. Das Rollenspiel selbst hätte durchgeführt werden können, wenn ich die Diskussion verkürzt hätte (diese dauerte bis ca. 5 Minuten vor Stundenende). Die Schüler baten jedoch darum, dieses nicht durchführen zu müssen, weil es ihnen äußerst unangenehm war (mehr oder minder meine Prognose 2). Ich kam diesem Wunsch nach, weil ich bei einem solch sensiblen Thema nicht gegen erklärten Schülerwillen handeln wollte und mir ohnehin nichts davon versprochen hatte. Ich nutzte die letzten paar Minuten noch, um den Hintergrund der Debatte zu erklären. Die Schüler reagierten mit völligem Unverständnis und konnten das Problem nicht nachvollziehen. Ich erläuterte ihnen die Argumentation der konservativen Seite (die andere war ihnen ja selbst klar geworden), was aber nur zu Kopfschütteln führte.

Was für mich auffällig war, ist weniger die klare Selbstidentifikation der Schüler als heterosexuell, die zu erwarten war, sondern die fast wörtliche Übernahme der konservativen Positionen zum Thema Adoptionsrecht von Homosexuellen. Für mich weist das auf eine klare Dominanz der konservativen Seite in dieser Frage hin, und zwar weniger in den Medien (wo es genügend Befürworter gibt), sondern in der Gesellschaft selbst. Dies konstituiert in meinen Augen eine Notwendigkeit für die Progressiven, hier ein Gegennarrativ zu bilden und besonders den Unsinn vom “Kindeswohl” zu widerlegen. Ebenfalls auffällig, wenngleich erwartet, war die starke Unterscheidung von schwuler und lesbischer Homosexualität. Während lesbische Homosexualität nicht als Bedrohung, sondern im Gegenteil sogar als ästhetischer Genuss empfunden wird, ruft schwule Homosexualität Ekel und Furchtgefühle hervor. Das ist keinesfalls neu. Bemerkenswert ist daher vor allem die Kontinuität und wie wenig sich hier geändert hat.

Für mich hat das Experiment gezeigt, dass das Unterrichtsmaterial der GEW, vor allem aber der Fragebogen, einen herausragenden didaktischen
Wert haben. Die Verwendung sollte vermutlich didaktisch besser geplant werden (ich hatte auch Glück mit sehr passenden Schülerantworten, die
ein Weiterarbeiten sehr leicht machten), aber da ist die GEW ja bereits dran. Offensichtlich ist das Sensibilisieren für die Thematik ein notwendiges Bildungsziel. Die Aufnahme in den Bildungsplan 2015 ist daher nur zu begrüßen.

{ 233 comments… read them below or add one }

petervonkloss April 23, 2014 um 09:01

@ Morph

Ich habe gelinde gesagt den Eindruck einer ungeheuren Kompression; eines sich entladenden Anti-Fa Kreuzzuges,
der Richtigkeit von Wahrheit gar nicht unterscheiden kann. Also pure Emotion, Ressentiment als Identitätsberichtigung.

petervonkloss April 23, 2014 um 09:33

@ Morph

„Deutsche Sprache und deutsche Aktualpolitik landet unvermeidlich beim philosophischen Faschismus Heideggers.“

Das ist explizit Antideutsch! Nun gut…Deine Absichten sind somit
klar.

petervonkloss April 23, 2014 um 09:35

also sollte man Deutschland abschaffen.

petervonkloss April 23, 2014 um 09:38

…Dein innigstes Bestreben.

Morph April 23, 2014 um 10:13

@pvk

“der Richtigkeit von Wahrheit gar nicht unterscheiden kann”

Heideggers Unterscheidung von ‘Richtigkeit’ und ‘Wahrheit’ ist ein rhetorischer Schachzug, der die Unterscheidung zwischen Wissen und Wirklichkeit noch einmal im Bereich des Wissens spiegelt, so dass er dadurch zwischen dem bekanntem Wissens (der ‘Richtigkeit’) und dem wirklichen Wissen (der ‘Wahrheit’) glaubt unterscheiden zu können. Unterscheidungslogisch handelt es sich dabei um einen Re-entry der Unterscheidung in das Unterschiedene, eine logische Paradoxie, deren kommunikative Funktion, nämlich semantische Repertoires gegen Kritik und Zweifel zu immunisieren, heute einigermaßen gut verstanden ist, aber gerade deshalb nicht mehr als ontologisch ‘wesentlich’ missvertsanden werden muss.

Im Bezirk der ‘Wahrheit’ (nach Heideggerschem Verständnis) ist eine kritische Diskussion unmöglich. Der einzige Kommunikationstyp, der im Bezirk der Wahrheit möglich ist, ist der der Offenbarung. Die Heideggersche Philosophie ist ein säkularisierter Priesterdiskurs, und der soziale Status des Priesters/Heideggers, nämlich ein katholisch sozialisierter deutscher Philosoph und Naturliebhaber zu sein, wird ihm zur Bibel und seinen Jüngern zum Evangelium.

Ziemlich komische Veranstaltung.

“also sollte man Deutschland abschaffen.”

nein, man sollte Deutschland wie alle anderen historisch kontingenten (d.h. veränderlichen) sozialen Institutionen lediglich realistisch beschreiben und beurteilen.

Soldat Schwejk April 23, 2014 um 12:23

@ Morph —> “Und ob Sätze die Eigenschaft haben, wahr zu sein, lässt sich immer nur vermuten bzw. bezweifeln. Und man kann mehr oder weniger gute Gründe finden, die für die Wahrheit bzw. Falschheit von Sätzen sprechen. Und wenn man einige gute Gründe hat, welche die Wahrheit eines Satzes über die Wirklichkeit rechtfertigen, dann neigt man, wenn man einigermaßen bei Trost ist, dazu, diesen Satz für wahr zu halten und gegen gegenteilige Behauptungen mit argumentativen Mitteln zu verteidigen.”

Aber diese Gründe werden mir vom kulturellen Umfeld mitgeliefert, sie sind nicht einfach da. Andere Umfelder liefern andere Gründe für andere Wahrheiten, und je mehr eine Gesellschaft in Schichten geteilt oder in Milieus fragmentiert ist, desto mehr Wahrheiten kann sie hervorbringen. Je weniger das Individuum nur einem Milieu zugehörig ist und dessen Habitus verinnerlicht, für umso mehr Wahrheiten müßte es prinzipiell auch empfänglich sein.

Sicher kann es für mich/ Dich unverrückbare Wahrheiten geben, die unbedingt zu verteidigen sind. Aber nicht wegen vermeintlicher Einsichten in eine logisch abzuleitende Richtigkeit, sondern wegen meiner/Deiner Impulse und Affekte, die mein/Dein In-der-Welt-Sein ausmachen, um es mal so zu sagen. Denk an Rortys Interpretation von “1984″!

Damit meine/Deine Wahrheit kollektive Geltung erlangen kann, muß sie möglichst anschlußfähig kommuniziert werden. Insofern stimmt auch Dein Satz “Wahrheit ist egalitär”, aber er stimmt nicht deskriptiv, sondern als ein normativer Anspruch, der von mir/Dir und anderen Sprechern erst eingelöst werden muß.

Soldat Schwejk April 23, 2014 um 12:26

@ pvk —> “Das ist explizit Antideutsch!”

Bei Dir frage ich mich immer, wie man von dem hohen Heideggerschen Anspruch so unversehens in die plumpeste politische Gesinnungssprache abgleiten kann. Das ist zwar auch irgendwie faszinierend, aber nicht schön anzuschauen, und ehrlich gesagt, es beleidigt mein Stilempfinden.

In manchen linken Milieus übrigens gilt man gleich als Antideutscher, wenn man den real existierenden Islam kritisiert. Das ist alles so gaga…

Wie Du weißt, bin ich sozusagen Euroskeptiker und Anhänger des souveränen Nationalstaats. Aber nicht wegen Deutschtümelei, sondern weil ich im Vergleich mit supranationalen Strukturen die Möglichkeit einer besseren, vernünftigeren und gerechteren institutionellen Ordnung eben im sprachlich relativ homogenen Einzelstaat sehe. Von mir aus kann man das “National” auch wegen Mißverständlichkeit ganz weglassen und vom “Rationalstaat” sprechen, um ein früheres @Morphsches Sprachspiel aufzugreifen.

Aber wenn dann Leute mit so einer ontologischen Überhöhung des deutschen Staates daherkommen, dann krieg ich immer die Krise und mag für den Moment gar kein Etatist mehr sein… Das ist aber nicht gut.

Morph April 23, 2014 um 12:41

@Schwejk

“Aber diese Gründe werden mir vom kulturellen Umfeld mitgeliefert, sie sind nicht einfach da.”

Manche Gründe sind kulturell bedingt (z.B. das sprachliche Vokabular und Beschreibungsmöglichkeiten und Beschreibungshürden, die mit ihm verbunden sind), andere Gründe sind ‘einfach’ da, nämlich die wahrnehmbare physische Wirklichkeit.

“Sicher kann es für mich/ Dich unverrückbare Wahrheiten geben, die unbedingt zu verteidigen sind.”

Da habe ich mich oberflächlich ausgedrückt. Es geht bei der Wahrheit nicht um die ‘unbedingte’ Verteidigung ‘unverrückbarer’ Wahrheiten. Ich meine folgendes: Wenn ich den Anspruch mitteile, dass ein von mir geäußerter Satz wahr ist, dann folgt aus diesem Anspruch das Recht eines Adressaten, überzeugende Gründe für diesen Wahrheitsanspruch zu fordern und meine Pflicht, solche überzeugenden Gründe vorzutragen. Und es kann gut sein, dass ich in der Begründung meines Wahrheitsanspruchs darauf stoße, keine hinreichenden Gründe geben zu können bzw. durch überzeugendere Gegengründe zur Revision meines Anspruchs gezwungen zu sein.

Wahrheit ist ein Kommunikationsspiel. Und am Ende einer jeden Partie steht idealiter eine gemeinsam geteilte Überzeugung, die durch die besten verfügbaren Gründe gerechtfertigt ist. Was nicht bedeutet, dass diese Überzeugung nicht durch neue, noch unbekannte Umstände entwertet werden kann. Das ist aber for the time being rein virtuell und taugt nicht dazu, etablierte, überzeugende Wahrheiten effektiv zu bezweifeln. – Außer natürlich bei Pubertierenden, die ohnehin nicht wissen, wo oben und unten ist, und bei Leuten, die traurigerweise ihrer Pubertät nie entwachsen sind.

Morph April 23, 2014 um 12:52

@Schwejk

“Insofern stimmt auch Dein Satz “Wahrheit ist egalitär”, aber er stimmt nicht deskriptiv, sondern als ein normativer Anspruch, der von mir/Dir und anderen Sprechern erst eingelöst werden muß.”

Ja, genau. Wahrheit ist eine Norm, keine positive Tatsache, die gemessen werden kann. Genauso wie Gerechtigkeit und Anmut.

Und weil es sich beim Schönen, Wahren und Guten um Normen und nicht um positive Tatsachen handelt, sind sie auch nicht kulturell relativ. Mich nervt es immer, wenn ich z.B. vom Schönheitsideal der Griechen lese oder von der Moral der Indianer. Solche Redeweisen sind falsch generalisierend. Sicher werden in jeder Menschengruppe, die sich als solche versteht, die allgemeinen Normen der Ästhetik, der Erkenntnis und des Handelns in konkreten Institutionen der Kunst, der Wissenschaft und des Rechts positiviert, aber es ist damit zu rechnen, dass solche Institutionalisierungen niemals von allen Gruppenmitgliedern unbedingt anerkannt werden. Kultur ist immer von Gegenkultur durchsetzt, die sich an den herrschenden Institutionen abarbeitet und für die innere Unruhe der Kultur sorgt.

Morph April 23, 2014 um 13:04

@Schwejk

“wie man von dem hohen Heideggerschen Anspruch so unversehens in die plumpeste politische Gesinnungssprache abgleiten kann.”

Na, der Meister hat es ja vorgemacht. Seitdem die schwarzen Hefte publiziert sind, liegt genug heideggersches Diskursmaterial vor, die rhetorischen Zusammenhänge zwischen Fundamentalontologie und faschistisch-rassistisch-apokalyptischer Gesinnung zu beobachten. Daran ist nichts rätselhaft. Aber für die Kirche der Heideggerianer kann das natürlich kein Thema sein.

Morph April 23, 2014 um 13:21

ganz aufschlussreich zu Heidegger ist diese Doku, insbesondere ab Min. 24:00.

Dass Heidegger noch immer, nach allem, was man über ihn, die Mechanik seines Diskurses und seinen philosophischen Größenwahn weiß und wissen kann, bei so unglaublich vielen Leuten als so unglaublich großartiger Philosoph gilt, ist ein wichtiges Indiz für die Latenz faschistischer Motive und die Bereitschaft der Leute, für ein bisschen Eigentlichkeitspornographie sich jeder, buchstäblich jeder nur denkbaren Barbarei anzuschließen.

Morph April 23, 2014 um 13:21
Frankie (formerly known as Bernankie) April 23, 2014 um 13:52

@Morph

“Mich nervt es immer, wenn ich z.B. vom Schönheitsideal der Griechen lese oder von der Moral der Indianer.”

Oder vom Demütigungs-Gefühl der Russen.

Frankie (formerly known as Bernankie) April 23, 2014 um 14:01

@soldat schweijk

“Wie Du weißt, bin ich sozusagen Euroskeptiker und Anhänger des souveränen Nationalstaats. Aber nicht wegen Deutschtümelei, sondern weil ich im Vergleich mit supranationalen Strukturen die Möglichkeit einer besseren, vernünftigeren und gerechteren institutionellen Ordnung eben im sprachlich relativ homogenen Einzelstaat sehe.”

Wenns nur ums “Innen” ginge, dann wärst Du wohl auf dem richtigen Dampfer. Aber es geht halt zunehmend ums “Aussen”. Und beim Blick nach “Aussen” sehe ich: grosse, sehr grosse Machtblöcke, die nicht nur meine Sprache nicht teilen, sondern auch meine Werte nicht. Da verbünd ich mich lieber mit jenen, die meine Werte teilen, Souveränitätsverlust in Kauf nehmend.

Schatten April 23, 2014 um 14:31

@Morph

>”Wenn ich den Anspruch mitteile, dass ein von mir geäußerter Satz wahr ist, dann folgt aus diesem Anspruch das Recht eines Adressaten, überzeugende Gründe für diesen Wahrheitsanspruch zu fordern und meine Pflicht, solche überzeugenden Gründe vorzutragen.”

Und da sagst Du immer, Internat-Blogs seien nix wert! Wenn genau das in ihnen stattfindet, sind sie doch äußerst wertvoll.

Ostsächsischer Papierkorb April 23, 2014 um 14:33

“Werte”

Wer teilt mir seine “Werte” mit. Wer teilt sie sodann mit mir? Ich spendier ´ne Rolle Alu-Frischhaltefolie. Sowohl für “Souveränität” als auch für “Werte”.

ruby April 23, 2014 um 19:50

@ Morph

Sind kollaterale Morde durch Drohnenangriffe Barbarei?
Wahrheit
oder
ist Barbarei zu rechtfertigen, dadurch, dass das selbstbestimmte Böse mitgemordet wird?
Zählt ein Leben anders als mehrere?

Morph April 23, 2014 um 21:17

@ruby

Warum fragst Du mich DAS? (Gesetzt, dass Du Dir diese Fragen nicht ernsthaft stellst).

Warum fragst Du MICH das? (Gesetzt, dass Du Dir diese Fragen schon längst beantwortet hast, Du MIR also durch rhetorische Fragen etwas mitteilen willst.)

Also: Was willst Du mir auf so aufgeregte, ja geradezu aufgedonnerte Weise mitteilen? In plain English, please!

ruby April 23, 2014 um 23:13

Die Drohnen arbeiten, wie letzte Woche im Jemen, und haben Menschen aus dieser Welt gerissen und auch verstümmelt.
Ist das unser System (Deins und meins?) – nope .
Es gibt einen Korridor in/mit dem Menschen die Chance haben das zu ändern. Dieser sollte nicht verpasst werden, wie im Timetunnel:
http://www.youtube.com/watch?v=D5R4mnUJIyU

“Die beiden zeitreisenden Wissenschaftler versuchen dabei, die Menschen vor den bevorstehenden Katastrophen zu warnen und ihnen zu helfen. Da sie die historischen Ereignisse jedoch nicht ändern können, gelingt es ihnen nur, einzelne Personen zu retten.

In der Gegenwart versucht das Team des Zeittunnelprojektes um General Kirk unterdessen, den Zeitreisenden in gefährlichen Situationen zu helfen oder sie in eine andere – jedoch ungewisse – Zeit zu transferieren.”

Ist gerade so Halbzeit mit dem Sonnensystem
;-)

ruby April 24, 2014 um 00:45

Freiheit im Sinne der Komödien von Shakespeare

Morph April 24, 2014 um 01:11

@ruby

“Es gibt einen Korridor in/mit dem Menschen die Chance haben das zu ändern.”

Es gäbe so unendlich viel zu ändern. Mit Appellen, Sci-Fi-Verweisen, Esoterik, ‘kritischen’ Theorien und politischer Eigentlichkeitspornographie kommt man da nicht dran.

Ich glaube, dass schon sehr viel mit der schlichten Darstellung dessen, was ist, getan ist. Wie gehen wir (!) mit Devianz um, das müsste die Leitfrage der Beobachtung sein. Und nicht: was stellen die da (die politischen Machthaber und die Superreichen) mit der Welt an.

Aufschlussreicher als der Krieg gegen den ‘äußeren’ Feind ist m.E. der Krieg gegen den inneren Feind.

http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/locked-up-in-america/#solitary-nation

Thor April 24, 2014 um 01:21

Alle flüchten sich in die Komplexität, scheiß auf Heidegger. Nietzsche
ist ja wenigsten verrückt geworden.

Andere behaupten immer noch sie verbreiten die “Wahrheit”.

Bogus April 24, 2014 um 09:16

“Wie gehen wir (!) mit Devianz um, das müsste die Leitfrage der Beobachtung sein. Und nicht: was stellen die da (die politischen Machthaber und die Superreichen) mit der Welt an.”

Lässt sich das denn trennen? Oder wird nicht unser Umgang mit Devianz (= Abweichung, Andersartigkeit) u.a. durch politische Propaganda und die Medien beeinflusst? Schwuppdiwupp sind wir wieder bei den “Machthabern und Superreichen” gelandet.

Genauso blödsinnig, wie hinter jedem Furz die Weltverschwörung zu vermuten, ist es, solche Zusammenhänge ganz auszuschließen.

g.w. April 24, 2014 um 10:50

@Thor
“Aus dem man sich mit Esoterik (viele Welten) zu retten versucht.”

es geht vielmehr darum, ganz im Hier und Jetzt zu sein, bewusst, wach, spontan und präsent. So wie Kinder. Die sind noch nicht mit ihrem Körper und Verstand identifiziert.
Das Bewusstsein lässt sich nicht manipulieren, es nimmt wahr und weiss. Der Mensch ist nur über die Gedanken zu manipulieren, mit denen er das Wahrgenommene interpretiert, bis er seine Interpretationen für wirklicher hält als das Wahrgenommene oder gar keinen Unterschied mehr kennt.

Und wer ganz in der Realität angekommen ist, weiss auch, dass die physische 3D-Welt nicht alles ist.

peewit April 24, 2014 um 11:29

@gw

–>”es geht vielmehr darum, ganz im Hier und Jetzt zu sein, bewusst, wach, spontan und präsent. So wie Kinder. ”

Sicher, aber aber wer möchte schon lebenslang Kind bleiben? Ich jedenfalls nicht. Es ist eine große evolutionäre Errungenschaft, nicht nur im Hier und Jetzt präsent zu sein (präsent sein zu müssen), sondern als erwachsenes menschliches Wesen mit zeit- und raumübergreifenden Bewusstseinsformen und Denkmöglichkeiten ausgestattet zu sein. Und Spontaneität ist m. E. eine partikulär-situativ erfreuliche Aktualisierungsmöglichleit von Verhalten, aber in ihrer dauerbereiten erwachsenen Variante wirkt sie doch eher kindisch, nervig und manieriert, jedenfalls für meinen Geschmack.

–>”Und wer ganz in der Realität angekommen ist, weiss auch, dass die physische 3D-Welt nicht alles ist.”

Na, ich glaube, für einen Satz wie diesen würdest du von jedem Zen-Meister der etwas auf sich hielte ganz spontan mit dem Stock eins über die Rübe gezogen bekommen.

Der übliche unerleuchtete Quark eben.

g.w. April 24, 2014 um 12:15

@peewit
“Der übliche unerleuchtete Quark eben.”

damit hast Du Deinen Kommentar ja schon bestens selber beantwortet lol

petervonkloss April 25, 2014 um 08:24

Heidegger!

Hannah Arendt sagte mal über Heideggers Einlassungen in den NS sinngemäß, dass selbst bei noch größerer Verwicklung in diesen, er trotzdem der bedeutendste Philosoph sei.

Für Genderstudies ist dies natürlich eine neurotische Reaktion ihrer sonderbaren „Verliebtheit“; und wurde (in vielen Dissertationen) auf diese zurückgeführt.

Man sollte diese linksideologischen Dissertanten teeren und federn, und ihre Lehrstühle evaluieren.

Ich möchte nicht wissen wie viel seltsam gesampeltes Gedankengut akademisch gewürdigt wurde,

und wie viele Moderatoren/innen und Journalisten/innen deswegen ihr mittelmäßiges Geschäft ver-

richten dürfen.

Ihr Einfluss ist sicherlich nicht unerheblich und immer wieder beschaulich in ihrer ideologischen

Blümlichkeit der rechten linksliberalen und proamerikanischen und guten Gesinnung. (man studierte

dort).

Der deutschamerikanische Jude Leo Strauss sagte hingegen einfach:

„Heidegger war der einzige deutsche Philosoph; er überragte alle seine Zeitgenossen an spekulativer

Intelligenz; er brachte einer ganzen Generation bei, wie zu denken und zu lesen sei; er ermöglichte

eine echte Rückkehr zur klassischen Philosophie, zur Philosophie von Platon und Aristoteles; im

Vergleich zu Heidegger war Max Weber ein Waisenknabe;

im Grund war Heidegger der einzige große Denker unserer Zeit“.

Einzig warf er ihm vor, zuwenig elitär gewesen zu sein! Und weiter…..

„Er ist einer der wenigen, die die entscheidenden Fragen gewagt haben.

Er ist einer der wenigen, die die reale Alternative zum modernen Denken erkannt haben.

Er ist einer der wenigen, die der mentalen und moralischen Katastrophe der Moderne

standgehalten haben.

Nahezu alle anderen verschmachten in ihren Käfigen, während er einer der wenigen ist, die

ihre Ketten gesprengt haben.“.

Ansonsten habe ich keine weitere Lust, hier Vorlesungen für die einschlägig bekannten „Erkenntnis-

theoretiker“ zu halten.

http://ifb.bsz-bw.de/bsz318822865rez-1.pdf

Natalius April 25, 2014 um 10:02

(@)PVK schreibt mit harten line breaks (LF/CR). In der Moderne macht man so was nicht mehr.
;-)

Carlos Manoso April 25, 2014 um 10:57

@Natalius April 25, 2014 um 10:02
„(@)PVK schreibt mit harten line breaks (LF/CR). In der Moderne macht man so was nicht mehr.“
Natalius, der pvk mümmelt halt noch in den Anfangszeiten der ollen Fernschreiber-Technik rum, um „Zeilenumbruch“ (LF/CR) am Bildschirm darzustellen.

In Zeiten des „Kalten Krieges“ funktionierte Propaganda deshalb, solange die Welt in „Blöcke“ geteilt war, die deshalb nicht miteinander kommunizieren konnten, weil das monolithische Prinzip der „Blockkommunikation“ nicht mit den Kommunikationsmitteln der „Moderne“ kompatibel war.

Nach dem Ende des „Kalten Krieges“ und der Globalisierung der Kommunikationstechnologien wird dies immer schneller ausgehöhlt. Propaganda überzeugt „die Massen“ immer kürzere Zeit (nur noch wenige Wochen lang), bis „die Massen“ verstanden haben, dass sie systematisch verarscht (manipuliert) werden.

Die Glaubwürdigkeit der daran beteiligten Mächte (Massenmedien, NATO etc) wird somit durch Bewußtlosigkeit untergraben. Die Grundlagen der Macht zersetzen sich somit zwangsläufig ganz von selbst (Hannah Arendt).

Natalius April 25, 2014 um 13:47

@Carlos Manoso,

immer mehr Massen zwischen 50 und 150 Kilogramm erkennen mit diesem Ding zwischen den Ohren, dass etwas an der “Berichterstattung” nicht stimmt. Ein wunderschönes Beispiel hat FL im Schalke-Thread verlinkt. Stichwort Montagsdemonstrationen. Der Artikel selbst ist ein kruder Diamant vorauseilenden journalistischen Gehorsams: So spricht Propaganda, wenn sie nicht von “oben”, sondern von “innen” spricht, wenn also der Sprecher oder Schreiber eine Geisteshaltung einnimmt, die Widersprüche seiner eigenen Wahrnehmung ausblendet (vermutlich angstgetrieben ausblendet – Verlust des redaktionenellen Status oder Einkommen betreffend), nicht erahnen wollend, dass man selbst Opfer eines gigantischen brainf..cks geworden ist. Das ist krude, nicht weil krude gerade so modern in der Moderne(n) klingt (da stereotyp mit VT assoziiert), sondern weil es erkennen lässt, dass die Antithese zur “kruden VT” noch kruder und geradezu “verrückt” vor dem Hintergrund einer “gemittelten” Faktenlage ist. Weniger krude hören sich die Leserkommentare an, die dem Schreiber Schamesröte in die Kopfhaut einhauchen wollen.

@CM, Sie haben vermutlich Recht, dass die 50 bis 150 kg-Massen allmählich aufwachen und den Kern des Massenproblems erkennen. Nennen wir es einmal – mit Blick auf Lorenz/Gini/Pareto: Die globale Beraubung. Es ist nicht nur Geld, was ich damit meine. Ich meine den Raub der Menschenwürde. Unendlich langsam, in kleinsten Stufen der Entfremdung, einem langsam aufgewärmten Frosch entsprechend. Oh yes – Cybersex ist goil, @TRSS. Virtualisierung ist goiil, wir kommen aus der Moderne in die Hypermoderne. Erst kauft Zuckerberg (Facebook) Whatsapp (2 Mrd USD – SMS war zu staatlich – kann man verstehen), dann Instagram (kann man auch verstehen: Konkurrenz plattmachen), zuletzt Oculus VR (2 Mrd USD für ein startup, das virtueller Realität den Drogenkick verschaffen soll. Ist offenbar so, dass es einem zunächst schlecht wird (so wie bei der ersten Zigarette). Aber dann…

Nur mal so als Einladung in die Vorstellung von Zukunft auf Farmland 147. @Aifran’s Nutzmenschentum ein glatter Euphemismus. Man stelle sich das Leben einer 50 bis 150 Kilogramm Masse vor – zwischen Arbeits- und Konsumrealität und Freizeitsvirtualität. Von der stupidesten Form sog. Entwicklertätigkeit, über physische oder geistige Resttätigkeit (für die Maschinen noch zu teuer oder zu dumm sind), bis hin zum Konsum “personalisierter” Produkte: Nahrung bis Klamotten. Dann die Freizeit mit dem Brett/VR-Brille vor dem Kopf. Ein bischen social trading, dann vielleicht der neueste Egoshooter mit – goil – richtig 3D ringsherum (auch für Esoteriker ist was dabei). Dann heisser Cybersex mit Freundin in Brüssel oder sonstwo auf dem Planeten. Nach einem virtuellen Dinner mit ihr – beide sitzen gegenüber an einem virtuellen Tisch, dessen realen Hälften 250 Kilometer auseinanderstehen – besorgt Sie’s mit Hilfe des Personal Masturbators (PM Trademark) im Internet der Dinge (kein Witz: auf Indiegogo gibt es bereits Kampagnenfinanzierung für so ein Ding). Wer keinen “Partner” hat macht’s mit einem S(Z)ucker(berg). Die Pornoindustrie – sagen wir pigs4bucks – ist dann schon längst ein seriöses Geschäftsfeld des “virtuell industriellen Komplexes”.

Farmland 147 ist durchvirtualisiert – Google’s glasses werden (VT: sollen) dazu beitragen, dass das Brett vor dem Kopf sozial akzeptabel wird. Die Entfernung zur “Matrix” wird kaum wahrnehmbar geringer. Fakt ist dabei, dass sich “Matrix” jemand zuvor ausgedacht hat. (VT: Wir sollten daran gewöhnt werden.)

Montagsdemonstrationen sind Willensbekundungen. Und vielleicht fällt es 50 bis 150 kg-Massen leichter, zu sagen, was man nicht will, als zu sagen, was man will.

Noch einen Toast auf die Moderne. Das war gestern.

gez. Schräg&Krude

wowy April 26, 2014 um 09:52
g.w. April 26, 2014 um 11:24

@Natalius
“Dann die Freizeit mit dem Brett/VR-Brille vor dem Kopf. ”

Niemand ist gezwungen, sich das Brett vor den Kopf zu nageln. die Nutzung der Medien geschieht immer noch freiwillig.

Natalius April 26, 2014 um 12:12

@g.W. “Niemand ist gezwungen, sich das Brett vor den Kopf zu nageln.” Das ist klar. Heidi Klum ist für Mädels zwischen 13 und 23 heute auch keine Pflichtsendung. Der Mensch ist aber ein soziales Wesen, und “Peer-Verhalten” schafft es dann, dass die grosse Mehrheit durch kulturelle Programmierung (freiwillig) verblödet, während eine winzige Minderheit an dieser Verblödung verdient. Auch aus Deiner Sicht – wenn man physische Existenz als Vehikel betrachtet – kann der Sinn des Lebens nicht darin bestehen, das Recht auf Gestaltung von Realität gegen das Recht auf Konsum von Virtualität einzutauschen.

gez. Schräg&Krude

Leave a Comment

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: