Anmerkungen zum Vortrag von Sascha Lobo auf der re:publica

by f.luebberding on 7. Mai 2014

In Berlin findet gerade die re:publica statt. In ihrer Selbstdarstellung bezeichnet sie sich “mit zuletzt 5.000 Besuchern” als größte “Social-Media-Konferenz Europas” und “durfte auf ihren Bühnen viele der wichtigsten Mitwirkenden der digitalen Gesellschaft begrüßen”. Mit der zunehmenden Bedeutung der Netzpolitik fand sie zugleich Zugang zu den klassischen Medien. Insoweit hat sich der Charakter der Konferenz verändert. Sie ist, wenn es gut läuft, eine Plattform zur Selbstverständigung der Gesellschaft über die Folgen der Digitalisierung. Das hat mit dem klassischen Selbstverständnis sogenannter Netzaktivisten nichts mehr zu tun. Diese waren in der Vergangenheit zumeist eine Gruppe avantgardistischer Konsumenten, die das Netz für sich als Kern ihrer Freizeitaktivitäten entdeckt hatten. Mittlerweile wird aber das Netz in seiner revolutionären Bedeutung erkennbar. Es verändert alle gesellschaftlichen Bezüge, selbst dort wo Menschen mit dem Internet nichts zu tun haben. Nur ein Beispiel aus der Medizin. In der Krebstherapie ist der Fortschritt abhängig vom Umgang mit dem netzbasierten Big Data.

“Einen Rückgang der Übertherapien erwartet er erst, wenn die flächendeckende Krebsregistrierung mehr Daten liefern wird. „Dann werden wir aus den Registerdaten ablesen können, welche Patientinnen von welcher Behandlung profitieren und die Empfehlungen entsprechend verändern können.“

Gegen diesen Fortschritt hat kaum jemand etwas einzuwenden. Wer will nicht Übertherapien vermeiden? Die entscheidende Frage liegt aber darin, wie dieser Nutzen ohne den Kollateralschaden einer Zerstörung der Privatsphäre zu sichern ist. Die Speicherung und Auswertung von Gesundheitsdaten bietet vielfältige Möglichkeiten zum ökonomisch oder politisch motivierten Mißbrauch. Das betrifft den berühmten Jedermann, selbst wenn er sich in seinem bisherigen Leben noch keine Minute im Netz bewegt haben sollte. Gestern hat Sascha Lobo in seinem Vortrag auf der re:publica politische Schlußfolgerungen aus dem Netz als soziale Infrastruktur gezogen. Er ist sehenswert, gerade weil er die Selbstreferentialität der Netzaktivisten thematisiert. Dazu einige Anmerkungen.

Lobo beginnt in seinem Vortrag mit einem klassischen Beispiel bürgerschaftlichen Engagements, das in der Zielgruppe der re.publica ansonsten sicher bloß auf mitleidiges Lächeln stoßen wird. Dem Landesbund für Vogelschutz aus Bayern. Für Lobo ist der LBV das Kontrastprogramm zur Wirkungslosigkeit der netzpolitischen Gemeinde. Sie generieren mehr Spenden (und vor allem Mitgliedsbeiträge), sowie verfügen sie über einen funktionierenden hauptamtlichen Apparat, um ihre Interessen namens Vogel- und Naturschutz durchsetzen zu können. In der Netzpolitik sei davon fast nichts vorhanden, so Lobo. Im Vergleich zum LBV ist etwa die von ihm genannte Digitale Gesellschaft schwächlich zu nennen. Das erkennt man nicht nur an den Finanzen (hier die der LBV) und der personellen Ausstattung, sondern vor allem an dem, was in der Netzgemeinde bis heute ein unverzichtbares Schlagwort ist: Vernetzung. Man muss sich einmal die Partner des LBV und seines Dachverbandes NABU ansehen, um zu sehen, was Vernetzung eigentlich bedeutet.

Davon ist bei den Netzaktivisten bis heute nur wenig zu sehen. Es sind im Vergleich zu den etablierten Strukturen im deutschen Verbandswesen Amateure, die Aktivismus vor allem als Beteiligung an öffentlichen Diskursen definieren. Verbände wie der LBV nutzen zwar das Internet als Werkzeug innerhalb der Vereinsarbeit oder als Plattform für ihre Öffentlichkeitsarbeit, aber das steht keineswegs im Vordergrund. Es sind auch heute noch unverzichtbare Hilfsmittel. Das Überleben der Verbände hängt von etwas anderem ab: Genügend Mitglieder (und vor allem Nachwuchs) zu finden, der sich dauerhaft engagiert, um in der Mühsal der Ebene die Kontinuität der Verbandsarbeit zu gewährleisten. Das verlangt, die Prozesse in den häufig komplexen Vereins- und Verbandsstrukturen kennenzulernen und in ihnen sprichwörtlich hineinzuwachsen. Es ist der in der Netzgemeinde so verlachte Vereinsmeier, der die Zukunft dieser Verbände gewährleistet. Seine einzige Motivation ist die Überzeugung, sich für eine lohnenswerte Sache zu engagieren. Ob es die Briefmarkensammler, die Kaninchenzüchter oder die Vogelschützer betrifft: Ohne sie geht es nicht. Es ist übrigens kein Zufall, dass sich solche funktionsfähigen Strukturen vor allem in der Provinz erhalten haben.

Die Netzgemeinde hat davon bis heute nichts. Dort herrscht immer noch jener Typus vor, der dem Selbstverständnis des Neoliberalismus verpflichtet ist. Er handelt in erster Linie als Konsument und/oder begibt sich auf die Suche nach einem netzbasierten Geschäftsmodell zur Sicherung des Lebensunterhalts. Handlungsfähige Strukturen, die Lobo mit guten Gründen einklagt, sind unter dieser Voraussetzung unmöglich. Unter Beteiligung wird der Kommentar verstanden und es existiert die Scheu, sich dauerhaft einer Sache zu verpflichten. Der Besuch der re:publica wird so zur politischen Ersatzhandlung, die sich vor allem an der öffentlichen Resonanz orientiert, oder wie jede derartige Veranstaltung als Kontaktbörse für die eigene berufliche Zukunft. Das Engagement zugunsten eines Rechtsstaat-konformen Netzes als unverzichtbare Infrastruktur, das Lobo von der Netzgemeinde als Lobby erwartet, bleibt derweil auf der Strecke. Man trifft sich und wartet auf ein Wunder, das von irgendjemanden das “kaputte Internet” wieder repariert worden ist. Ob angesichts dessen die Netzgemeinde auf der re:publica der richtige Ansprechpartner ist? Wird es dort jenen Mentalitätswandel geben, der für kontinuierliche Lobbyarbeit nötig ist? Aber ist überhaupt die Debatte über die Bedeutung der Digitalisierung dort in den richtigen Händen? Muss man die Grundrechte und den Rechtsstaat in gleicher Weise betrachten, wie den Vogelschutz, das Briefmarken sammeln oder das Musizieren? Der Rechtsstaat wurde auch bisher nicht in Deutschland durch eine Lobby gesichert, die sich seine Verteidigung auf die Fahnen schrieb.

Lobo sieht in der Umweltschutzbewegung der 1970er Jahre das große Vorbild. Er verkennt aber, dass der Naturschutz in Deutschland schon sehr viel älter ist. Der LBV wurde im Jahr 1909 im Auftrag des damaligen bayerischen Innenministers gegründet. Die Umweltschutzbewegung hatte mit Ausnahme des BUND keineswegs neue Strukturen geschaffen, sondern sein Erfolg hing im wesentlichen von der Blutauffrischung ab, den die alte Naturschutzbewegung durch sie erfahren hatte. Politisch fand das Thema Ökologie zwar mit der Gründung der Grünen ihren Niederschlag, aber diese Sichtweise ist irreführend. Die Grünen konnten parteipolitisch nur überleben, weil sich seit den 1970er Jahren ein spezifisches sozialmoralisches Milieu herausbildete, das ihr Überleben als einzige Parteineugründung seit 1945 gewährleistete. Der Niedergang der Piraten dokumentiert die Einzigartigkeit dieses Erfolges.

Lobo weist zum Ende seines Vortrages auf die Bedeutung der Politik hin, die letztlich für den zukünftigen Umgang mit der digitalen Infrastruktur verantwortlich ist. In Deutschland mit seiner korporatistischen Tradition ist bürgerschaftliches Engagement ohne den Staat nie zu denken gewesen. Vernetzung bedeutete immer etwas anderes als es sich Netzaktivisten vorstellen. Die Vogelschützer sind nicht immer der gleichen Meinung, wie die bayerische Staatsregierung, aber betrachten die Politik als unverzichtbaren Partner für ihr Interesse am Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen. Gleichzeitig ist man überparteilich, gerade weil jede Partei klug genug ist, solche Verbände nicht zu ignorieren. Die Hoffnung von Lobo, eine mit den Vogelschützern vergleichbare Lobby in der Zukunftsfrage “Digitalisierung” aufzubauen, ist trügerisch. Sobald die re:publica vorbei ist, wird sich die Versammlung sprichwörtlich verlaufen und jeder Besucher zieht seines Weges.

Über die Netzgemeinde ist der Schutz des Rechtsstaates vor den Folgen der Digitalisierung sprichwörtlich nicht zu organisieren. Erfolgversprechender ist ein anderer Weg: Die Vogelschützer und alle anderen relevanten Verbände in dieser Gesellschaft davon zu überzeugen, dass die Digitalisierung auch ihre Zukunft beeinflussen wird. In der Verbandsarbeit genauso wie im Leben als Staatsbürger. Wenn die Netzaktivisten dazu einen Beitrag leisten können, wäre das schon viel wert. Sie müssen halt nur die Vereinsmeier überzeugen – oder selber welche werden. Der Umweltschutz hat es vorgemacht. Sein Erfolg hing davon ab, dass sich auch alle anderen Verbände und Gruppen in dieser Gesellschaft diesem Thema verpflichtet fühlten, selbst wenn sie damit ursprünglich nichts zu tun hatten – oder die Umwetlschützer sogar als politische Gegner betrachtet hatten. Ein Beispiel ist der von Lobo erwähnte ADAC, der nicht gerade als Umweltschützer bekannt geworden ist. Selbst er konnte die Ökologie am Ende nicht mehr ignorieren.

Das Thema “Digitalisierung” braucht einen langen Atem, so Lobo. Die neoliberale Konsummentalität steht für jene Kurzatmigkeit, die die Netzgemeinde bis heute auszeichnet. So schließt sich übrigens auch der Kreis zu dem von Lobo in seinem Vortrag erwähnten Herbert Marcuse.

update

Dazu jetzt auch Stefan Schulz und Florian Zimmer-Amrhein in der FAZ.

Passt auch.

{ 43 comments }

Pavel Lokshin Mai 7, 2014 um 14:10

nur als randnotiz: die „netzgemeinde“ erinnert mich stukturell an die russische opposition. eine kleine gruppe behauptet zu wissen, was für die mehrheit gut ist. der mehrheit geht es am arsch vorbei, sie lebt in einer ganz anderen welt, wo andere werte zählen. selbst ein großes skandal bringt die gruppen einander nicht näher. ich denke, in dem fall kann man wie bei all things russian einfach auf das schlimmste wetten.

keiner Mai 7, 2014 um 14:29

Das Wissen von heute ist der Irrtum von morgen, gerade in der Medizin und das wird sich auch mit mehr Daten nicht ändern, auch wenn man davon träumen kann.

Was kann man wissen?

Welche Aussage kann die Statistik für die Therapie eines einzelnen Individuums liefern?

Mal einen Abend drüber meditieren und big data wird noch fragwürdiger.

f.luebberding f.luebberding Mai 7, 2014 um 14:35

keiner

“Welche Aussage kann die Statistik für die Therapie eines einzelnen Individuums liefern?”

Tatsächlich eine interessante Frage.

Schatten Mai 7, 2014 um 14:41

Netzaktivisten?

Sind die gender-Damen schon da? Mein Gott, wie die Piratenpartei gescheitert ist!

Abgesehen davon: Vereinswesen der Netzaktivisten? Klingt auch irgendwie nach einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme… Gegenstrukturen zu facebook, ja? Mit agenda setting und gate keepers?

Doktor D Mai 7, 2014 um 14:52

Das ist eine sehr gute Analyse, und nicht nur weil ich engagierter Vogel- und Naturschützer bin. Danke schön!
Am Wochenende ist übrigens wieder Stunde der Gartenvögel: das große Crowd Sourcing von Wissen zur Zahl der Vögel in unseren Städten http://baden-wuerttemberg.nabu.de/tiereundpflanzen/amselnmeisenundco/sdg/

wowy Mai 7, 2014 um 15:21

Der Vortrag von Lobo hat nur eines bestätigt:
Er ist ein Dummschwätzer mit Talent zur Selbstvermarktung.

Wer etwas über Zusammenhänge erfahren möchte, sollte sich, sobald er online ist, den Vortrag von Saskia Sassen ansehen. Der hatte Substanz.

f.luebberding f.luebberding Mai 7, 2014 um 15:34

wowy

Wer Saskia Sassen gut findet, muss ja Lobo nicht gleich schlecht finden … . Seine ohne Zweifel vorhandenen Fähigkeiten zur Selbstvermarktung machen ihn nicht gleich zu einem Dummschwätzer. Das schließt eine inhaltliche Kritik an seinen Positionen bekanntlich nicht aus.

wowy Mai 7, 2014 um 15:35

@fl
Ich fand Lobo aber schlecht.

f.luebberding f.luebberding Mai 7, 2014 um 15:41

wowy

Das ist jedem unbenommen. Nur warum ist die spannende Frage. Das bringt die von Lobo mit guten Gründen begonnene Debatte erst weiter.

Sven Mai 7, 2014 um 17:17

Die Piraten sind auch auseinandergeflogen, weil sie sich in das Bockhorn treiben lassen haben, sich von den ihnen zugestandenen Kernkompetenzen Netzpolitik/Transparenz weglocken liessen um eine Vollpartei mit Antworten auf jedes Politikfeld zu imitieren.

Zu Lobo: die Vogelfreunde haben es vglw gut. Eng begrenztes Politikfeld, Tierfeind mag keiner sein und man latscht keinem wirklich auf den Füssen herum. Wo die Piepmätze doch sooo niedlich sind.

Beim Netzsalat legt man sich auf breiter Front mit Wirtschaft und Sicherheitspolitik an. Wobei es mit EFF und Mozilla (andere Open Source Provider wie diverse Linux-Distributoren) ja Strukturen einerseits mit guter Verdrahtung in Brüssel und andererseits finanziellem Background gibt. Der CCC hat auch mediale Reichweite. Man darf die Netzgemeinde auch nicht so eng definieren. Wer soll das alles gleichzeitig beackern? Als Teil der Internetwirtschaft sind die Gestaltungsmöglichkeiten viel größer. Das B90/Grüne-Derivat um netzdingensdotorg ist nicht alles.

Wolfgang Michal Mai 7, 2014 um 17:17

Lobo repräsentiert “das Netz” und seine “Gemeinde” jetzt seit vielen Jahren. Warum hat er nichts Entsprechendes aufgebaut?

Sven Mai 7, 2014 um 17:27

@W.Michal – Wenn dieser Vorwurf nicht wohlfeil wäre, gäbe es keine Elfenbeintürme mehr. Oder Journalisten. Die leben ja faktisch davon, alles mögliche zu beklagen und es im Regelfall dabei dann auch zu belassen. *räusper*

Wolfgang Michal Mai 7, 2014 um 17:42

@Sven: Wenn einer Politiker sein will, muss er es halt auch sein. http://www.carta.info/56021/sascha-sei-du-unser-grillo/

f.luebberding f.luebberding Mai 7, 2014 um 18:20

Michal

Gute Frage. Nur deshalb ist es ja mein Plädoyer auf die etablierten Pfade im deutschen Korporatismus zu setzen. Deutschland hat nicht ohne Grund kein Silicon Valley. Das liegt auch nicht an Sascha Lobo, sondern eher an dem spezifischen Politikmodell, das sich in Deutschland historisch entwickelt hat. Es bewies – im Guten wie im Schechten – eine bis heute bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit.

Wolfgang Michal Mai 7, 2014 um 18:36

Der deutsche Korporativismus war vor allem zwischen 1895 und 1910 besonders stark. Und führte schließlich in den 1. Weltkrieg, pardon, verhinderte nicht den 1. Weltkrieg.

Ich würde lieber an die – auch von Lobo genannte – modernere Variante der Interessen-Organisierung anknüpfen: Umwelt-, Friedens-, Frauenbewegung.

f.luebberding f.luebberding Mai 7, 2014 um 18:39

Michal

Nur ist der 100 Jahre her. Und die Ukraine ist nun wirklich nicht den Verbänden in die Schuhe zu schieben, trotz Herrn McCain. Aber der hat vom deutschen Korporatismus genauso viel Ahnung wie die Netzgemeinde … .

Wolfgang Michal Mai 7, 2014 um 18:45

Weichen wir nicht in die Ukraine aus… wenn das Gute liegt so nah.

holger196967 Mai 7, 2014 um 18:48

Ach Lobo

Was ist denn die Netzgemeinde überhaupt? Ich bin ja nun Mitglied in einigen “Fachgremien” Die nutzen das Netz zum Austausch und zur Vernetzung mehr nicht. Getroffen wird sich immer noch persönlich.

Wenn Lobo Vogelzüchter mit der politischen Willensbildung gleich setzt, gebt ihm Trill… mit Jod S11

Welcher Verein schwebt ihm denn vor? Verein/Verband der Netzaktivisten? Mit welchem Ziel vor Augen?

Die Nerd-Brille unter Artenschutz zu stellen?

Lübberding was soll dieser Satz?

—>>> In Deutschland mit seiner korporatistischen Tradition ist bürgerschaftliches Engagement ohne den Staat nie zu denken gewesen. ”

Dann frag mal die Trümmerfrauen, die ganz ohne Staat es geschafft haben sich selbst zu organisieren.

Umgedreht wird ein Schuh daraus… Dieser Staat würde ohne Ehrenamtliche oder freiwillige Feuerwehren. Nicht Funktionieren. Genau das macht den Vereinsmeier aus. Deswegen ist auch ein e.V. und die Spendenquittung was? aber das muss ich gerade dir nun nicht erklären.

Und nun könnt ihr Gründen den “Netzaktivisten e.V.”

7 Mitglieder reichen aus.

f.luebberding f.luebberding Mai 7, 2014 um 18:57

holger

Dieser Staat funktioniert nur mit Ehrenamtlichen. Die Freiwillige Feuerwehr ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Die ist nämlich heute ohne den Staat gar nicht zu denken. Da treffen sich ja nicht ein paar Leute, um als Hobby Brände zu löschen … .

holger196967 Mai 7, 2014 um 19:07

Vielleicht sollte man aber auch darüber nachdenken, einen Verein zur Erhaltung der Netzaktivisten zu Gründen.

Daraus können dann die Lobos der Welt Unterstützung erfahren.

—>>>Davon ist bei den Netzaktivisten bis heute nur wenig zu sehen. Es sind im Vergleich zu den etablierten Strukturen im deutschen Verbandswesen Amateure, die Aktivismus vor allem als Beteiligung an öffentlichen Diskursen definieren.”

Also Empörung und Aufschrei…

Naja, ist ja wie im alten Griechenland, wo die Netzaktivisten noch irgendwelche waren, die ihre Meinung auf einem erhobenen Platze kund getan haben.

Wie sich das doch nicht alles gleicht! :D

Nur das eben nun die erhöhte Plattform in Bit und Byte und so… da schwebt ja ein Lobo auch über den Dingen…

Nun, ich komme nicht darum hin, zu sagen, diese Leute haben für das heilige BIP keine Bedeutung. Aus den politischen oder auch nicht Marktschreiern ist eh kein Mehrwert zu ziehen. Herr Lobo stellt keinen Mehrwert da. Weil sein ausgespuckter Schall sofort wieder geschluckt worden ist.

—>>> Sobald die re:publica vorbei ist, wird sich die Versammlung sprichwörtlich verlaufen und jeder Besucher zieht seines Weges.”

Lübberding, zu 100% richtig… :D

Auch die Bemerkung zu den Piraten.

holger196967 Mai 7, 2014 um 19:15

f.luebberding

—>>> Die Freiwillige Feuerwehr ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Die ist nämlich heute ohne den Staat gar nicht zu denken.”

Wie der Name es schon sagt “Freiwillige” Feuerwehr. Freiwillig… dazu braucht es keinen Staat.

lh Mai 7, 2014 um 19:22

@fl: Mit der “neoliberalen Konsummentalität” machst Du es Dir etwas zu einfach. An den Piraten und ihrer Weigerung Gehälter an ihr Personal zu bezahlen, konnte man meiner Einschätzung nach das Problem gut erkennen: Dahinter stand der Wunsch, keine traditionellen Machtstrukturen aufzubauen, bei denen die Inhalte wie in etablierten Parteien und Verbänden letztlich hinter den Kampf um die Fleischtöpfe und Posten zurücktreten. Diese traditionellen Organisationen wirken letztlich nicht durch Inhalte und Argumente, sondern durch ihre schiere Existenz als Macht- und Wirtschaftsstrukturen. Diese laufen aber darauf hinaus, dass “die Basis” ihre konkreten Interessen und Ideen zurückstellt, aber gleichzeitig Energie und Geld in die Macht ihrer Amtsträger steckt, ohne das diese tun würden oder müssten, was der einzelne Aktivist gerne hätte. Diese Struktur der traditionellen Organisationen stellt ein Ausbeutungsverhältnis dar, dessen Nutzen für den einzelnen Basisaktivisten so zweifelhaft ist, wie der des Staates und der etablierten Ordnung für den “einfachen Bürger”.

Ich sehe hinter der (bisherigen?) Weigerung der Netzgemeinde, sich eine solche Struktur zu geben, nicht nur jenes Konsumdenken, was die schnelle Belohnung will und auch nicht nur den Machtkampf der verschiedenen Kandidaten für die Posten, wo tatsächlich Macht entsteht, darin steckt schon auch ein schöner Individualismus, sich nicht für eine Sache benutzen zu lassen, die man eigentlich gar nicht will oder nicht so wichtig findet.
Wahrscheinlich ist das ein Problem. Man bildet keine Herden, weil man sich so mag oder weil es toll ist, der Chef zu sein, sondern weil die Herde stärker ist. Aber: Wozu sollen die in Gefahr geratenen Ideale vom freien Internet und freier Kommunikation überhaupt da sein, wenn nicht um diesem Individualismus den Raum zu geben?

Es wird dafür neue Strukturen brauchen. Versuche und Fehlschläge. Und ich finde es gar nicht dumm zu schauen, ob man vom bayerischen Vogelschutzbund nicht doch etwas lernen kann?

Frankie (f.k.a.B.) Mai 7, 2014 um 21:03

@holger

“Dann frag mal die Trümmerfrauen, die ganz ohne Staat es geschafft haben sich selbst zu organisieren.”

Schlechtes Beispiel.
Nix gegen Trümmerfrauen, der Fluch meiner Mutter soll mich treffen, wenn ich ihnen unrecht tun sollte. Aber “Selbstorganisation ohne Staat” sieht doch etwas anders aus?

…statistisch waren Trümmerfrauen zwischen 15 und 50 Jahre alt, weil die alliierten Besatzungsmächte Befehle herausgegeben hatten, wonach alle Frauen zwischen 15 und 50 Jahren sich zu dieser Arbeit zu melden hatten. Das Kontrollratsgesetz Nr. 32 vom 10. Juli 1946 hob frühere Arbeitsschutzbestimmungen der Frauen dafür teilweise auf…” (wikipedia)

BB Mai 7, 2014 um 21:46

Mal ährlisch. Macht der Mann jetzt eine Persönlichkeitsveränderung à la Putin durch (s. FAZ-Artikel Schluss)?

“…verpackte Lobo in eine Drohung: Wenn die Netzgemeinde nicht aufwache und ihre Anliegen in die eigenen Hände nehme, würde er die Sache eben selbst regeln, ohne weitere Rücksicht auf diejenigen zu nehmen, in deren Namen er dann öffentlich spräche. Den ersten Schritt dazu ging er schon, mit der Registrierung der Internetadresse „netzgemeinde.de”. …

Man gebe die die Url ein, und was kriegt man?

Den Lobo-Shop !

Vier Büscher, die SpOn-Kolumne und ‘nen paar Vorträge und Wordpress-Plugins.

Aber er hält eine “Rede an die Nation”!

Diese Hybris könnte er von mir haben. Reschpekt!

*kecker,lach*

wowy Mai 7, 2014 um 21:54

@BB
Das Beste hast du vergessen. Als er sagte, er habe die Domain erworben, vermittelte er den Eindruck, sie sollte eine Plattform für das Engagement der Netzgemeinde werden, verbunden mit der Drohung, dass wenn kein Engagement käme, er das dann für alle selbst erledigen müsse. Was einerseits wie eine Drohung klang, weckte beim einen oder anderen vielleicht Hoffnung?
Was kam dabei raus? Weiterleitung auf die Seite “Kauf mich!”.

Dennis Horn zieht eine richtige Konsequenz:
“Eine Rede zur Lage der Nation hält in der Regel deren Präsident. Und wo Demokratie und Freiheit herrschen, werden Präsidenten von Zeit zu Zeit neu gewählt. Es wird Zeit.”

http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2014/05/sascha_lobo_der_tyrannosaurus.html

FritzI Mai 7, 2014 um 21:56

Zustimmung zu @Sven: “die Vogelfreunde haben es vglw gut…”
Vogelschutzbund, Feuerwehr, Samariterbund, ADAC etc. – alle diese Clubs scharen sich um einfache Ziele, klare Aufgaben und den Wunsch, irgendwo anzupacken und zu helfen bzw. von der Mitgliedschaft zu profitieren. “Internet-Freunde” gibt es dagegen so wenig wie Freunde der Autobahn oder Wasserleitungen. Vielleicht würden ja gerne die einen oder anderen anpacken – aber wo denn nur? Wo kann ich da den selbstgebackenen Kuchen abgeben?
Sascha hat übrigens ausdrücklich nicht davon gesprochen, irgendetwas neu zu gründen, sondern hat eigentlich der lieben NG nahegelegt, sich als Minimum des moralischen Protests wenigstens finanziell mit den bestehenden Vereinen solidarisch zu zeigen. Es IST wirklich peinlich, genauso peinlich wie die TAZ am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, während man dauernd die Arbeit nutzt, die sich die Leute da machen.
Übrigens wäre als Vergleichspunkt zu den Vögelförderern als erstes an den CCC zu denken: Seit 30 Jahre unterwegs, rund 4.500 Mitglieder, 11 Mitarbeiter, rund 9.000 Anfragen an die Pressestelle pro Jahr, relativ reges Regionalleben, mit rund 25 Erfa-Kreisen usw. Das wäre doch der Nucleus, für den jetzt die Zeit gekommen ist.
Zu den Clubs, die man unterstützen könnte, zählte Sascha Lobo auch die SPD (oder so), also das Vorstoßen in den ganz ganz konkreten politischen Raum. Und spätestens an dem Punkt werden die Matrosen so still, ja so still, und gefähr so, wie sie der Artkel von Juli Zeh still machte, die zur Lehrzwecken an die Kompromissstruktur von politischen Entscheidungen in einer Demokratie erinnerte und tatsächlich – da schlägt sich die NG vor Schreck die Hand auf den Mund – empfahl, im Europaparlament die SPD zu stärken.
Es dürfte kaum etwas geben, was die NG mehr verunsichert und kopfscheu macht als das Nachdenken über konkrete Positionen, Kompromisse, Allianzen, diplomatisches Agieren, Beeinflussen etc. Wie sollte das auch anders sein? Die NG als eine Sammlung deutlich “unstrukturierter Daten” kann man leicht für irgendeine Maximalforderung erhitzen, aber kaum für ein Vorgehen, was mit Abwägen von Vor- und Nachteilen und dem Ausbalancieren von politischen Deals zu tun hat.
Die NG wird daher bleiben, was sie immer bestenfalls war: Ein Resonanzboden, aber keine politischer Körperschaft. Wer die schaffen will, muss zunächst einen edlen (!) Zweck erfinden (z.B. “Der Verein möchte allen Menschen ermöglichen, durch die Teilhabe am Netz die Welt zu verbessern … zu diesem Zweck schaffen wir … gehen in Schulen, Altersheime und Kommunalparlamente … spenden online für Afrika … ” etc etwas in dieser beglückenden Art, was jedenfalls alle gut finden müssen, die bei Facebook sind, und das Parteileben deutlich übersteigt).
Von diesem Startpunkt aus schafft man dann einen Akteur, der politisches Gewicht bekommt und dank seiner 790.000 Mitglieder (Like auf Facebook reicht, um einen Mitgliedsausweis zu erhalten) dann Rang 3 im deutchen Vereinsleben einnehmen könnte (nach ADAC und DFB). Problem: Jede Idee, die in diese Richtung ginge, mag die NG nicht, weil die NG generell sich lieber einfach gar nicht entscheidet – immer in Angst, man könnte eine Haltung einnehmen, die andere nicht faven … es ist kompliziert und nur zu wahr: Vogelschutzverein ist einfach, Kunstverein ist einfach, Fußballverein ist einfach, Verein zur Förderung des Frisbeespielens ist einfach … und die garantiert Letzten, die sich einem Verein anschließen, sind die Partikel der hochfluiden NG. Die zu Vertretungsgstrukturen und Aufstand bereiten wird man vermutlich eher bei denen finden, die gar nicht wissen, was die re:publica ist, was zum Teufel “Netzpolitik” sein soll etc. Wer täglich vor allem mit Fave-Sammeln beschäftigt ist, organisiert sich nicht.

BB Mai 7, 2014 um 22:44

@wowy

also ich hätte vor der Verkündigung der Url wenigstens eine kleine Landing-Page gebastelt.

wowy Mai 7, 2014 um 22:57
holger196967 Mai 8, 2014 um 08:59

Ok Frankie

Trümmerfrauen = schlechtes Beispiel kann ich auch nicht wirklich beurteilen.

—>>> Aber “Selbstorganisation ohne Staat” sieht doch etwas anders aus?”

Ich sag ja auch nur: Wenn jemand etwas freiwillig macht. Dann braucht es keinen Staat dazu. Siehe freiwillige Feuerwehr. Die machen das nicht nur aus der Notwendigkeit heraus, sondern weil es denen auch noch als Hobby Spaß macht. Erst wenn die nicht mehr sind, dann muss der Staat (Landkreis) sich was einfallen lassen.

Und ich bin halt als Anti-Staatler auf diese Aussage getroffen. Die bei mir eben gleich ins Auge hüpft. :D

—>>> In Deutschland mit seiner korporatistischen Tradition ist bürgerschaftliches Engagement ohne den Staat nie zu denken gewesen. ”

Und das dreht eben mal wieder alles auf den Kopf. Zuerst war eben nicht der moderne Staat. Sondern gerade in Deutschland viele kleine Stadtstaaten Fürstenhäuser etc.pp. Oder habe ich Hambach wieder nicht aufgepasst? Also aus vielen Interessen Gruppen entstand erst das Deutschland. Weil alle oder viele das Bedürfnis hatten, dass es eben einen Staat geben musste. Warum auch immer.

Die wohl wichtigsten Verbände gründeten sich in VDE und VDI die maßgeblich an der Gesetzesbildung Teil haben.

Am 21. und 22. Januar 1893 fand in Berlin die Gründungskonferenz des VDE (Verband Deutscher Elektrotechniker) statt. 37 Delegierte der Elektrotechnischen Vereine Deutschlands verabschiedeten das Gründungsprotokoll und wählten den ersten Vorstand. Im September hielt der VDE seine erste Jahresversammlung ab und bildete die erste technische Kommission des VDE zur Erarbeitung von Vorschriften über elektrische Anlagen. Die ersten VDE-Kommissionen für Errichtungs- und Betriebsvorschriften sowie für Kupfernormalien nahmen 1894 ihre Arbeit auf. Ihnen folgten in den später weitere Kommissionen, u. a. zur Erarbeitung von Normalien für Glühlampen, Eisenblech, Drähte und Leitungen, Installationsmaterial, Erdstrom, Lichtmessung und Zähler. Die erste „VDE-Vorschrift“ VDE 0100 zur sicheren Erstellung elektrotechnischer Anlagen wurde verabschiedet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Verband_der_Elektrotechnik,_Elektronik_und_Informationstechnik

Diese Verbände sind nicht entstanden, weil der Kaiser das so wollte, sie sind aus der Notwendigkeit heraus entstanden die Elektrifizierung in sicheren Bahnen zu verwirklichen.

Warum? Weil der Kaiser und Gefolge eben keine Ahnung von der Elektrizität hatte.

Das zieht sich bis heute hin. Es ist ein Selbstverständnis, nach den anerkannten Regeln der Technik zu arbeiten. Daran hat der Staat aber keine Beteiligung, außer dass er das als Gesetz oder Vorschrift anerkennt. Dem Staat bleibt also nichts anderes übrig.

Und wenn wir das uns eben so anschauen, waren die damals bei dem VDE dort, wo die Netzaktivisten heute sind. Am Anfang.

Bloß im Gegensatz zum VDE besteht nicht die Lebensnotwendigkeit einen VDNa zu gründen. Also eine Normung herbei zu führen.

keiner Mai 8, 2014 um 09:05

http://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article127744691/Mario-Draghi-koennte-eine-neue-Wunderwaffe-zuenden.html

Die Kindlein glauben wieder an Wunderwaffen, wie damals, als es zu Ende ging… traurigtraurig…

BB Mai 8, 2014 um 09:23

@keiner

Regiert Draghi jetzt auch im Bonker?

keiner Mai 8, 2014 um 10:04

Herr Lübberdinx, alter Europaexperte. glaubst du wirklich noch an die Wahl des Kommissionssprässidääntään am 25.05.? Wirklich so naiv wie der Gabriel?

http://www.cicero.de/weltbuehne/spitzenduo-schulz-juncker-wie-merkel-die-europawahl-torpediert/57530

robert j. pearson Mai 8, 2014 um 10:30

ich frage mich, welche strukturellen gemeinsamkeiten zwischen den kulturtechniken des bestimmens und schützens von vögeln einerseits, und dem navigieren des internets andererseits existieren.

ersteres kann unheimlich komplex sein und jahrzehnte bis zur meisterschaft dauern, letzteres lässt sich für den durchschnittlich kompetenten menschen innerhalb kürzester zeit erlernen und zu einem niveau weiterentwickeln, das nicht nur ausreichend ist, sondern das des durchschnitts weit übertrifft.

und da finde ich tut man den vogelschützern mit dieser impliziten gleichsetzung unrecht. genauso wie beispielsweise beim erlernen von musikinstrumenten, beim bestimmen von pilzarten, bei der haltung von geflügel, dem züchten von kaninchen oder dem löschen von bränden braucht es jahrelange gelebte erfahrung, die sich beinahe ausschließlich über den direkten austausch und die persönliche interaktion weitergeben lässt. und genau hierfür braucht es strukturen, in denen es möglich ist – gerade auch, wenn dafür notwendige, teure hardware beschafft werden muss.

ich würde sagen, die nutzung des internets ist eher so wie rauchen, bier trinken oder zeitung lesen. schnell zu erlernen und ohne größeren aufwand in den alltag zu integrieren. es ist aber nichts, was letztendlich auf einer inhaltlichen ebene eine wirklich lebendige auseinandersetzung mit sich selbst, seinen fähigkeiten bzw. seiner umwelt fördert.

wowy Mai 8, 2014 um 11:02

Jetzt ist der Vortragvon Saskia Sassen online. Unbedingte Sehempfehlung.
http://Www.youtube.com/watch?v=gKaA-mXhn-4

BB Mai 8, 2014 um 11:59

@robert j. pearson

“…..braucht es jahrelange gelebte erfahrung, die sich beinahe ausschließlich über den direkten austausch und die persönliche interaktion weitergeben lässt. und genau hierfür braucht es strukturen…..

Genau! Das ist das Grundproblem von allem!

Von denUS-EU-DiktaturWeltgroßmannssuchtträumen bishin zum TakeOver der sozialen Beziehungen durch soziale erzkapitalistische Netzwerke wie Facebook.

Die Lösung von allem heißt “Hyperlokal”.

Genau dafür haben die Marketing-Fuzzi-dominierte Spreeblick-Lobos Hubs in ihren Free-Scale-Power-Law Netzwelten noch nicht die richtigen “Frames” aufgebaut.

Es geht um die Rückeroberung des sozialen Raumes “Dorf”. In der globalisierten Welt dagegen werden die Menschen auf die Räume “Arbeit”, “Konsum” und “Famillje” reduziert. Das wird ihnen nicht reichen. Da wird es bald Revolution geben! Aber nicht ausgehend von den Jung-SchnöselInnen-Net-Citizen.

BB Mai 8, 2014 um 12:04

Is ja gräuslich. Kaum gibt’s hier Netzthemen, mischen sich sofort die Kapuzenpullis unter uns Muppets-Opas.

Ich finde, das ist auch ein Problem. Von Piraten bis Re:Publica-Volk. Die sind einfach noch zu grün hinter den Ohren. Deswegen kriegen die nichts zustande.

Das nächstemal gibt’s hoffentlich extrem verbilligte Sonderkarten für alle, die alle drei Stadien des Schnöseltums schon hinter sich haben:

- Jungschnösel (15-25 J : Besitzer von Linux-Gadgets)

- Professional Schnösel (26-35 J: Besitzer von iGadges)

- Abgeklärter Schnösel (36-45 J: Fühlt sich nackt ohne iPhone, kann es aber im Grund nicht mehr sehen und wäre doch viel lieber Bio-Bauer geworden)

Also an alle über 45: Die nächste Re:Publica bevölkern und die Podien entern. Die Kapuzenpullis dürfen nur noch andächtig zuhören. Und wenn der Eintritt mehr als 1 € kostet, dann zeigen wir denen mal, wie Revolution geht. Wie man das mit dem Diskurs so macht, das erklären wir ihnen dann auch.

robert j. pearson Mai 8, 2014 um 12:33

@BB

nee. ganz so einfach ist es auch nicht. ich glaube das hat was mit der expansion und gleichzeitigen geistigen verflachung des hochschulsystems zu tun: einfach zu viele absolventen der dummschnacker- und kreativstudiengänge treffen auf einen nur eingeschränkt absorptionsfähigen öffentlichen dienst.

der wiederum dominiert wird von jenen alterskohorten, die meinen, die revolution fände auf olivenöl-abholtagen oder an der wusttheke bei manufactum brot&butter statt.

robert j. pearson Mai 8, 2014 um 12:53

ich glaube, um das noch einmal zu vervollständigen: der aggresive individualismus der 90er und 2000er jahre lebt sich am besten und, vor allem: am deutlichsten, im internet aus.

hier übergeordnete strukturen herbeiwünschen zu wollen, die über geld und macht verfügen, ist ein klassisches vereinsmeierei-phänomen, das vor allem in, nun ja, vereinen, organisationen des dritten sektors und den prekären rändern des öffentlichen dienstes ausgeprägt ist: hier mal ein netzwerktreffen, da mal ein projektmittelantrag, dort mal ein fördertopf angezapft usw, da mal um verlängerung der 25% TVöD stelle gebettelt.

letztendlich geht es dem großteil der beteiligten darum, dass die öffentliche hand oder andere teile des gemeinwesens für den lebensunterhalt von praktikanten, BufDis, von volontären, campaignern oder geschäftsstellenleitern aufkommt.

ob das thema “internet” es allerdings wert ist, sich deswegen den buckel krumm zu machen, wage ich zu bezweifeln, schließlich wird ein großteil der entscheidungen, die “das internet” betreffen, in kalifornien oder in den bunkern der NSA gefällt.

egal Mai 9, 2014 um 00:27

“Ein Beispiel ist der von Lobo erwähnte ADAC, der nicht gerade als Umweltschützer bekannt geworden ist. Selbst er konnte die Ökologie am Ende nicht mehr ignorieren.”

Und was macht der ADAC heute?
http://www.adac.de/infotestrat/ratgeber-verkehr/verkehrsrecht/verkehrsgerichtstag/

“Arbeitskreis VII: „Wem gehören die Fahrzeugdaten?“
Neuartige Assistenz- und Chauffeurfunktionen in Fahrzeugen helfen, Unfälle zu vermeiden, die Umweltbelastung zu reduzieren und den Straßenverkehr effizienter zu gestalten. …
Der Arbeitskreis diskutierte die daraus resultierenden Gefahren für Datenschutz und Datensicherheit im Lichte der beteiligten Interessengruppen: Halter und Fahrer, Vertragswerkstatt- und Vertragshändler, freie Werkstatt und Pannenhelfer, Diensteanbieter und Versicherer sowie Polizei und Unfallgegner. ”

Der Kooperatismus ist zwar beständig, aber auch langsam.

BB Mai 10, 2014 um 15:16

BB zur Lage der Nation:

Conchita Wurst gewinnt Eurovision Song Contest (wahrscheinlich)

Adms74 Mai 10, 2014 um 18:05

@ FL
was ist mit dem *saftigem Knochen* Thomas Piketty und dem Kapital des 21. Jh. ?
Neuer Beitrag ???

Schatten Mai 11, 2014 um 16:41

Kulturen in Selbstzeugnissen: Heute – Hervorragende Frauenbilder

Nofretete, Cleopatra, Jeanne d’Arc, Queen Elisabeth I., Königin Luise von Preußen, Maggie Thatcher – Conchita Wurst

Was hat das mit dem Internet und unserer Zeit zu tun?

Das Internet hat noch nicht einmal angefangen! TV rules!

Warum: Diese ESC-2014-Mischung aus Televoting und Jury bringt genau das Ergebnis hervor, dass gesellschaftlich gewünscht wird. Also gibt es noch eine Gesellschaft! Mit Moden, Trends, Anpassungswünschen, name it.

Das Internet wirkt da eigentlich contraproduktiv – jeder kann sich seine Kleidung für wenig Geld selbst individualisieren, etwa durch T-Shirt-Druck; kann sich, den horror vaccui bekämpfend, an die Wand hängen, was ihm gefällt (per Internetdruck auf Leinwand); kann sich anschauen und anhören, was ihm gefällt (per Internet-Streaming. Kurzum: Eindeutige Ergebnisse à la Conchita Wurst sind eigentlich kaum noch möglich, wenn es nach dem Stand der Technik geht.

Aber die Menschheit scheint Schwierigkeiten zu haben, von der Fernsehcouch wegzukommen.

Pipi Langstrumpf Mai 11, 2014 um 20:00

Sascha Lobo will das Netz retten, indem er das was das Netz ausmacht zerstört. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.

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