Fragen und Antworten

by f.luebberding on 13. Juni 2014

Gestern ist Frank Schirrmacher gestorben. Nach meiner Erfahrung hätte er auf so ein Ereignis mit Fragen reagiert, deren Antworten er noch nicht wusste. Was bedeutet das für diese Gesellschaft, wenn einer ihrer besten Köpfe mit 54 Jahren unerwartet stirbt? Schirrmacher war nicht nur Journalist und Publizist, sondern hat die Debattenstruktur und damit die politische Agenda in den vergangenen 20 Jahren maßgeblich beeinflusst. Die Antwort sagte zugleich etwas über die Rolle des Individuums aus. Schirrmacher hätte sich nicht für unersetzbar gehalten, aber immer gewusst, dass manche Menschen nicht zu ersetzen sind. Was bedeutet das eigentlich, wenn in manchen Nachrufen aus seinen Mails zitiert wird, um den Menschen Frank Schirrmacher zu charakterisieren? Man hätte mit ihm über den kategorialen Unterschied zwischen einem Brief und einer Mail diskutieren können, ohne deshalb gleich in das Lamento über das Ende der Briefkultur zu verfallen. Ihm wäre aber das Phänomen sofort aufgefallen, da bin ich mir sicher. Vor allem hätte ihn die Frage interessiert, was diese Mails eigentlich über ihn aussagen, womit man mitten in der Digitalisierungsdebatte wäre, die er in den vergangenen Jahren angestoßen hat. Seit gestern Nachmittag kann man unzählige Nachrufe auf Schirrmacher lesen. In den analogen Zeiten wäre die Zahl überschaubar gewesen, die meisten Eindrücke privat geblieben. Lässt sich jetzt über eine Datenanalyse sein Leben rekonstruieren? Wissen wir so alles über den Menschen Frank Schirrmacher?

Schirrmacher war kein Feind der Digitalisierung. Er nutzte sie und besaß zugleich das Bewusstsein dafür, wie es in den Zeiten davor gewesen war, und was mit ihr verlorenzugehen droht. Die Kritik am homo oeconomicus in Ego ist von dieser Erfahrung geprägt worden. Für seine Skepsis gab es aber auch einen Grund, der ihn wie kaum einen anderen auszeichnete: Schirrmacher selbst dachte kybernetisch und handelte in Netzwerken. Über Metadaten und die Analyse digitalen Handelns brauchte man ihm daher nichts zu erzählen. Er kannte die Bedeutung von Schlüssen und Fehlschlüssen, wusste nur zu gut, wie mit dieser Deutungshoheit Macht verbunden ist. Er konnte Nachts auf Mails reagieren, oder welche schreiben, und er bekam viele. Wie er das alles zusammenhalten konnte, weil auch sein Tag nur 24 Stunden hatte, blieb mir allerdings immer ein Rätsel. Computer haben es da leichter. Sie können eine Unmenge an Daten erfassen und strukturieren. Schirrmacher machte eigentlich nichts anderes, ob nun online über Mails oder offline im persönlichen Gespräch. Es war eine einzigartige Fähigkeit von ihm, Kontakte zu knüpfen, und auf dieser Grundlage Zusammenhänge zu erkennen. Aber er wusste natürlich, wo der Unterschied zwischen Mensch und Computer zu finden ist. Ein Mensch strukturiert am Ende diese Daten (früher nannte man das Eindrücke) indivduell auf Grundlage seiner Lebenserfahrung. Schirrmacher fürchtete sich vor einer Digitalisierung, die diesen Lernprozeß in der Logik von Nummer 1 kollektiviert, und damit am Ende die Individualität auslöscht.

Das alles diente einem Zweck: Eine Zeitung herausgeben, Bücher und Artikel schreiben, Vorträge halten. In einer Gesellschaft, die nur noch in Subsystemen funktionieren kann, konnte man von Schirrmacher lernen, wie und warum Medien als Schnittstelle zur Herstellung von Kommunikation von Bedeutung sind – und welchen Widersprüchen sie ausgesetzt sind bis sie ihre Rolle im Zeitalter der Digitalisierung gefunden haben werden. Das prägte auch seine Beziehung zur Politik. Wenn sie nicht nur von ihrer eigenen Logik namens Machtgewinn und Machterhalt dominiert werden soll, müssen Medien für die Irritation dieses Selbstverständnisses sorgen. Frank Schirrmacher konnte das alles, wie niemand anderes. Auf meine Fragen wird er mir nicht mehr antworten können. Wer ihn kennenlernen durfte, weiß den Verlust zu ermessen. Ich verdanke ihm viel, beruflich und persönlich. Es ist heute die Trauer über den Verlust eines Menschen, der mir viel bedeutet hat.

update 14.06.2014

Auf Anregung von Marco Herack eine Linkliste zum Tod von Frank Schirrmacher. Sie wird nicht vollständig sein. Findet man dort ein Leben?

 

15.06.2014

Die Ausgaben der FAZ von gestern und der heutigen FAS sind Schirrmacher gewidmet. Es steht nicht alles online. Einer formulierte zwei Sätze:

“Alle, die ihm viel verdanken, wissen, dass sie sehr zahlreich sind. Die Welt wird jetzt öder und dümmer. Schrecklich.”       Dietmar Dath

Was fehlt? Immer noch was. Dafür Goodnight nicht mehr. Anke Domscheit-Berg, Volker Zastrow, Michael Seemann, Kutter, Titel, Thesen, Temperamente, Nico Hofmann, Niklas Maak, Stefan Niggemeier, Nicola Wessinghage, Bülend Ürük, Juli Zeh, Philipp GollHans-Ulrich Gumbrecht, Stephan Nollar, Hans-Werner Sinn. Außerdem das heutige Altpapier von Matthias Dell mit weiteren Hinweisen – und dem Blick auf Grenzen und Möglichkeiten des Datenjournalismus. Was man schon immer wusste: Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Satire sind bisweilen fließend. Dell hat aber den Nachruf von Jakob Augstein im Spiegel nicht berücksichtigt. Was nicht fehlt? Die heutige Frühkritik von Günther Jauch. Mein Tipp: Um 18:00 Uhr bloß kein Fußball sehen. Fortsetzung folgt.

17.06.2014

Volker Schlöndorf, Daniel Martienssen, Herbert Burda 2, Bettina Röhl, Verboten (taz), Hansjörg Müller, Muriel, Dieter Stein, Philip Oltermann.

Der Tag im HR heute zum Thema Nachruf.

18.06.2014

Ronnie Grob, John Brockman 2, Sascha Lobo, Harry Nutt, Jens Jessen 2, Lutz Hachmeister 2, Sandra Kegel, Wolfram Schütte.

19.06.2014

Michael Wuliger, Wolfgang Röhl, Jörg Sundermeier, Joachim Petrick, Georg Seesslen.

20.06.2014

Vor- und Nachruf auf Frank Schirrmacher, Thomas Wagner, Ursula Weidenfeld.

22.06.2014

Arno Orzessek, Sebastian Loudon, Letztes Geleit, Heike Ellersiek, Der Tod, die Worte – und ein Pfau, Uwe Kammann, Jürgen Kaube.

23.o6.2014

Andreas Unterberger, Daily Telegraph.

30.06.2014

Jetzt erst gesehen: Oliver Driesen.

05.07.2014

Ulrike Herrmann.

 

 

{ 222 comments }

ruby Juni 13, 2014 um 15:49

Vielleicht ist es passend (ohne Ankündigung) aus dem Jetzt (mitten in neuen Gedanken) voranzugen (Zukunft erleben)?
Individualität ist nicht auslöschbar.

Linus Juni 13, 2014 um 16:21

@fl: Mein aufrichtiges Beileid.

Es erstaunt mich immer wieder, wie es Menschen wagen können, sich mitten ins Kollektiv zu stürzen und dies als eine Art natürlichen Lebensraum zu akzeptieren. Das käme mir überhaupt nicht in den Sinn. Denn gerade dort, in diesem Meer von schwankenden Gestalten, ist es unglaublich schwierig, zu haltbaren und verlässlichen Aussagen und Grundsätzen zu kommen. Mehr als Schemen lassen sich da nicht mE nicht erkennen. Und umgekehrt: Wer sich da hineinbegibt, der riskiert, dass seine eigene Identität wie in einem Säurebad zersetzt wird.

Insofern kommt mir das immer wie ein schauriges Selbst-Experiment vor, das manche Leute ganz bewusst eingehen. Hut ab vor soviel Mut, auch wenn mich dieser “Forschungsansatz” persönlich nicht überzeugt.

Ich für meinen Teil fand viele seiner Gedanken sehr inspierend, wenn man mal die nötigen Abstriche an Ungestüm und Alarmismus gemacht hatte.

Hans Huett Juni 13, 2014 um 20:25

Es bleibt die Frage, wie über die Betroffenheit und persönliche Trauer hinaus nach einem solchen Verlust die Vakanz beantwortet wird.

Die Frage illustriert die besondere Unersetzbarkeit von FS und die Nötigung, diese Nachfolge in verteilter Intelligenz und Strukturen zu denken. Überall wo er durch seine Inspiration Spuren hinterlassen hat, komnt es darauf an, ihnen auf eigene Faust zu folgen.

Linus Juni 13, 2014 um 22:14

@Huett:
In der Tat. Mir fiele jetzt auf Anhieb überhaupt niemand ein, der diese Lücke füllen könnte.

Interessant fand ich auch das hier:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/frank-schirrmacher-nachruf-auf-den-faz-herausgeber-a-974861.html
Das öffnet einen simultanen Blick auf Nachgerufenen wie Nachrufer.

Innerhalb der Medien ist es sicherlich von Vorteil, einen schillernden Charakter zu besitzen. Dies allein wäre also nicht bemerkenswert. Schirrmachers Kunst bestand vielmehr darin, genau diese Eigenschaft ins Konstruktive, Inspirierende und damit Positive zu wenden.

Morph Juni 13, 2014 um 23:01

@Hans Hütt

“über die Betroffenheit und persönliche Trauer hinaus”

das braucht wohl noch einige Zeit, dass diese Perspektive kommuniziert werden kann.

Zunächst einmal fallen Missverhältnisse auf. Z.B. dass der deutsche Vizekanzler behauptet, einen Freund verloren zu haben. Wer soll das glauben? Und was ist das für einer, der glaubt, solch eine Botschaft könne glaubhaft sein.

Es gibt Menschen, die Näheverhältnisse auf eine unheimliche Weise inszenieren können. Und es gibt Menschen, die in solchen Inszenierungen auf unheimliche Weise mitzuspielen geneigt sind.

Wir werden sehen, ob ein Text Schirrmachers oder gar eine Idee, die mit seinem Namen verbunden ist, den Test der Zeit bestehen wird.

Stephan Juni 14, 2014 um 00:23

@morph

“Wir werden sehen, ob ein Text Schirrmachers oder gar eine Idee, die mit seinem Namen verbunden ist, den Test der Zeit bestehen wird.”

Ich glaube das nicht. Die mediale Orgie Frank Schirrmacher irgendwelche Orakel-Seher-Fähigkeiten zuzuschreiben ist wohl eher ein Medien-Reflex um die eigene Wichtigkeit zu betonen. Aber es ist trotzdem doof in der Früh aufzustehen und am Abend plötzlich tot zu sein. Insofern sollten wir Normal-Sterblichen auch jeden Tag entspannt weiterfeiern. Das scheint mir die einzige Lektion aus diesem frühen Tod zu sein? Life is a bitch.

Natalius Juni 14, 2014 um 00:31

@Hans Huett Juni 13, 2014 um 20:25
“Es bleibt die Frage, wie über die Betroffenheit und persönliche Trauer hinaus nach einem solchen Verlust die Vakanz beantwortet wird.”
Er ist nicht mal unter der Erde – und Sie schreiben diesen Satz.
Ich wette darauf: Sie nicht!

Morph Juni 14, 2014 um 00:44

@Stephan

“Life is a bitch.”

Zweifellos.

“Zum Tode von Frank Schirrmacher” (was für ein schönes Dativ-e!)

“Ein sehr, sehr treuer Freund” (das doppelte “sehr” vertreibt jeden Zweifel)

“von Günther Jauch” (dem demoskopisch verifizierten intelligentesten Deutschen).

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tode-von-frank-schirrmacher-ein-sehr-sehr-treuer-freund-12988839.html

Wir leben in sehr dürftigen Zeiten.

Haben sich eigentlich Stefan Raab und Jürgen Drews schon geäußert?

Hans Huett Juni 14, 2014 um 02:08

Morph
“Es gibt Menschen, die Näheverhältnisse auf eine unheimliche Weise inszenieren können. Und es gibt Menschen, die in solchen Inszenierungen auf unheimliche Weise mitzuspielen geneigt sind.”

Du beschreibst damit ein Epiphänomen, das den Blick auf das Phänomen FS verstellt, besonders seine hybride Seite intellektuellen Managements. Die Neugier und Elektrisierbarkeit, die ihn kennzeichnete, funktionierte nicht in der tradierten vertikalen Logik eines Ressorts, sondern in einer Form des transversalen Durchmessens immer wieder neuer Räume. In seiner Praxis als hybrider Manager ersetzte er ehrwürdige Traditionen habilitierter Literatur- und Gesellschaftskritik durch neue Diskurse, die er gar nicht einmal selbst als Autor bespielen musste. Das unterschied ihn von jemandem wie Thomas Steinfeld und auf noch einmal gänzlich andere Weise von outriertem Feuilleton des F.J. Rabatz (sic).

Das Bestehen eines eigenen Textes verblasst als Bewertungskriterium gegenüber dem Sachverhalt, was er als Manager für einen Textkorpus anderer ermöglicht hat.

ruby Juni 14, 2014 um 08:40

Brasilien, Beckenbauer und Bayern nicht vergessen…
http://www.youtube.com/watch?v=-VfkmVKKhwk
und den Bäcker !

Linus Juni 14, 2014 um 09:30

@Huett:
“Das Bestehen eines eigenen Textes verblasst als Bewertungskriterium gegenüber dem Sachverhalt, was er als Manager für einen Textkorpus anderer ermöglicht hat.”

That’s it! Er war wohl der geborene Schirmherr.
Solche Verdienste werden halt nicht schriftlich fixiert und geraten daher schnell in Vergessenheit. Wer redet schon über die Mütter von grossen Geistern?

Ich habe sein Buch Ego gelesen und war enttäuscht. Neben einem störenden Alarmismus fehlt es nach meinem Geschmack an der gebotenen Präzission und Stringenz.

Trotzdem demonstriert er dort eine gute Intuition für die Zusammengehörigkeit und Relevanz von Themenbereichen, für Vielversprechendes und Interessantes. Im Gespräch wirkt sowas befruchtend, weil die Ahnung stimmt, auch wenn der genaue Zusammenhang noch unklar ist.

Und das konnte man in all seinen öffentlichen Auftritten sehen: Er hat seine Gesprächspartner intellektuell beflügelt und war damit häufig ein Garant für eine interessante Runde. Eine Wohltat in der Ödnis des heutigen öffentlichen Diskurses.

Morph Juni 14, 2014 um 10:46

@Hans Hütt

“In seiner Praxis als hybrider Manager ersetzte er ehrwürdige Traditionen habilitierter Literatur- und Gesellschaftskritik durch neue Diskurse, die er gar nicht einmal selbst als Autor bespielen musste.”

Stimmt. Schirrmacher hat sich seine Deutungsmacht in einer Art intellektuellem Hedgefondmanagements erarbeitet. Eine sehr zeitgemäße Erscheinung.

Einige von Schirrmachers Interventionen waren billiant. Zuletzt seine Stellungnahme zu dem geistbeleidigendem Gebahren des Herrn Kleber: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/echtzeitjournalismus-dr-seltsam-ist-heute-online-12867571.html

Und sicher ist jetzt nicht der geeignete Anlass, Schirrmachers Praktiken kritisch zu beleuchten. Nur soviel: Wer erlebt hat, mit welchen psychologischen Mitteln Schirrmacher Menschen gefangen hat, wer Arbeitnehmerrechte für ein hohes Gut hält und ein kritisches Verhältnis zum Institut der ‘freien Mitarbeiterschaft’ hat, dem werden zu Schirrmacher zunächst einmal einige bedenkliche Eigenschaften einfallen.

Selbstzweckhafte Begeisterung ist eine gefährliche Zielorientierung.

Goldkäferhochzeit Juni 14, 2014 um 13:16

@22:14
“die Lücke die wir hinterlassen ersetzt uns vollkommen”

aifran Juni 14, 2014 um 13:32

http://www.heise.de/tp/artikel/41/41887/1.html

…… Die privaten Verleger Lateinamerikas haben sich zu einer publizistischen Kampagne gegen die sozialistische Regierung von Nicolas Maduro zusammengeschlossen ……

…. Die Medienhäuser begründen den ungewöhnlichen Schritt, durch inhaltliche Absprachen politisch Einfluss zu nehmen und dies auch öffentlich bekannt zu geben, mit der angeblichen Bedrohung der Meinungsfreiheit. “Die lateinamerikanische Presse kann nicht passiv bleiben angesichts der Belästigungen aller Art, denen sich venezolanische Zeitungen, die letzte Bastion der freien Meinungsäußerung in diesem Land, weiterhin ausgesetzt sehen” ……

Was hätte F.S. wohl dazu gesagt, geschrieben?

Kampf der Medien für die Demokratie? Oligarchie?

Eric B. Juni 14, 2014 um 14:18

Ein Schock. Für mich war Schirrmacher der Gegenpol zu V. Flusser, der das Computerzeitalter enthusiastisch begrüsste. Schade, dass ich ersteren nicht persönlich kennenlernen konnte, und dass letzterer schon vergessen ist…

aifran Juni 14, 2014 um 14:38

http://www.faz.net/aktuell/kosovo-regierungschef-gewinnt-parlamentswahl-12979808.html

vor nicht allzulanger Zeit …

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kosovo-die-uck-und-der-organhandel-1626888.html

was gestern war muss heute ja nicht mehr thematiesiert werden

ja der Frank S. war wohl auch ein Flexibler -

BB Juni 14, 2014 um 18:49

Der beste Nachruf, den ich bisher gelesen haben:

http://feynsinn.org/?p=1233

Hier stimmt jedes Lob, jede Kritik, jede Spitze.

wowy Juni 14, 2014 um 19:34

Schirrmacher war ein Intellektueller, ein Herausgeber, ein Debattenermöglicher, ein Mentor, auch ein Manipulator.

Schirrmacher war ein Kind der Zeit. Aufsaugend, verschlingend, selbstausbeutend.
Nachts um 1/2 2 Mails von einem Menschen zu bekommen, sollte einem erwachsenen Gegenüber nicht zur Befriedigung der eigenen Eitelkeit dienen, sondern eine kritische Besorgnis aufkommen lassen. Zumindest dann, wenn man mehrfach solche Kontakte hat.
Was ihm offensichtlich fehlte waren Menschen, die ihn zur Ruhe, zur Pause, zum Ausgleich mahnten und von denen er sich das gefallen ließ.

In jedem Fall ein großer Verlust.

wowy Juni 14, 2014 um 20:13

…und Nachrufe von Jauch hat wirklich niemand verdient. Grausam.

The Real Slim Shady Juni 14, 2014 um 22:31

Schade, dass es ihn nicht mehr gibt. Aber auch er war nur ein Mensch, und richtig schlau geworden bin ich aus ihm nie. Wir hatten die letzten Monate wenig Kontakt, aber es war irgendwie beruhigend zu wissen, dass man Kontakt haben könnte. Jetzt nicht mehr. Traurig.

petervonkloss Juni 14, 2014 um 22:46

Ich sah ihn als junges, freundliches Gesicht, das ob der Bürde seines Amtes, zusehends alterte;
Mit dem ich einst zechte in einer Spelunke in Schöneberg, morgens um 4; und versuchte, ihm
Heidegger nahe zu bringen; um uns herum, Huren und Stricher.

„Es ist der Tod, der alles in Bewegung setzt“,
„Ein Niedagewesen –Sein, darauf läuft es hinaus“ F. S..

Balken Juni 14, 2014 um 23:21

Nun auch noch pvk! :roll:

Noch jemand, der sich hier seiner Bekanntschaft mit dem großen Verstorbenen rühmen muss?

"ruby" Juni 14, 2014 um 23:25
Balken Juni 14, 2014 um 23:36

Nun auch noch der große pvk.

Noch jemand, der sich hier seiner Bekanntschaft mit Schirrmacher rühmen will’?

Danke @ruby.
Der Nachruf ist eine ziemliche dekonstruierende Abrechnung. Mit eimen agent provokateur des Kampagnenjournalismus.

Balken Juni 14, 2014 um 23:56

@Morph
Sehr passender Hinweis gerade jetzt auf Schirrmachers fulminanten Artikel zu Kleber versus Kaeser. Irgendwie aber auch bedrückend (wieder)zulesen, jetzt. Der Eindruck lässt sich nicht ganz vertreiben, dass Schirrmacher da auch über sich selbst schrieb und mit sich selbst abrechnete, dem thementreibenden Echtzeit-Kampagnenjournalisten. Mit der für ihn nun zu spät gekommenen ‘Einsicht, Entschleunigung tue not.

Keynesianer Juni 15, 2014 um 07:54

Es war sein Lebenswerk, nur aus Stapeln Papier und Kanistern voll Druckerschwärze Geld zu machen für seine Auftraggeber mit nichts als leerem Geschwätz und geschraubtem Geschwalle, vorgetragen in höchstem Pathos; sich eigenhändig an der Ausraubung der Rentner im Interesse der Finanzwirtschaft noch mit einem “Methusalem-Komplex” betitelten geistigen Dolchstoß in den Rücken der Alten zu beteiligen, das Schreckgespenst der “Demografie” für die Talk-Shows und Feuilletons popularisierend.

Keynesianer Juni 15, 2014 um 07:58

Es sollte natürlich “Das Methusalem-Komplott: Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß, Wir müssen das Problem unseres eigenen Alterns lösen, um das Problem der Welt zu lösen” heißen.

chabis Juni 15, 2014 um 08:40

Die Linkliste aus Ihrem Update hat es in sich und hilft. Heraussticht John Brockmann, Scheuklappen fallen ab und auch ein Leser im
hinteren Winkel kann verstehen, wer und was vermisst werden wird.
Frank Schirrmacher fast 3 Stunden mit Fefe und Frank Rieger diskutierend (über die Manipulation unserer Weltbilder am Beispiel der Idee, dass unsere Gesellschaft immer egoistischer werde) http://alternativlos.org/29/

Andreas Kreuz Juni 15, 2014 um 11:22

Zur Ergänzung der Link-Liste:

http://www.titanic-magazin.de/news/gaertners-kritisches-sonntagsfruehstueck-schluss-mit-der-debatte-6543/

Das kann ich auch ohne Fremdwörterbuch lesen (da nicht von HH).
Ich entschuldige mich hiermit für meine mangelnde Bildung,
aber ich habe nur die Stufe wie die beliebteste Kanzlerin und mächtigste Frau der Welt erreicht, zur gleichen Zeit an anderem Ort, aber doch im ideologisch doppelt genähten Korsett… ;-)

BB Juni 15, 2014 um 11:43

… “Oberkonfusionsrat” … *kecker, lach* – sehr treffend!

Wer so alles unter den Krautreportern zu finden ist! 2500 bequeme Ocken pro Monat, ich fass es nicht.

Nee, ich glaub, dahin geht am Ende auch nur ein styroporener Pudel als Publizer-Preis. Den goldenen Straßenköter wird sich dieses Projekt nicht verdienen. …. *kecker, lach*

wowy Juni 15, 2014 um 15:09
f.luebberding f.luebberding Juni 15, 2014 um 15:32

BB

Zu den Krautreportern: Wieso bequem?

BB Juni 15, 2014 um 16:11

@fl

Na gut, den Einwand lass ich gelten. Das hängt natürlich von der Qualität der Beiträge ab und die kann gehen von einmal pro Woche Blogbeitrag (bequem) bis investigative Reportage (unterbezahlt). Man wird sehen.

Goodnight Juni 15, 2014 um 16:18

Frank Schirrmacher findet man nicht innerhalb der Strukturen.
Das zeigen die Nachrufe, eine Ansammlung an Enttäuschen: all diese Freunde, doch kein wirklicher… weil immer anwesend, doch immer auf dem Sprung…ganz viele Bücher, und doch kein wirklich Gutes…weil immer die Oberfläche nicht verlassend.
Frank Schirrmacher war kein wirklich guter Journalist, kein wirklich guter Autor, kein wirklich guter Freund, kein wirklicher Experte.
Frank Schirrmacher war all dies nicht, was wir in unserer Welt so wertschätzen. Und genau deshalb wird er jetzt vermisst wie kaum ein anderer.
Er führte zwei Leben: Er war Herrscher im Zentrum der deutschen Leitkultur, der FAZ. Zugleich war er ganz weit draußen, außerhalb aller Strukturen.
Das Leben in der FAZ war Schauspiel. Das andere nicht.
Er hat sich eine Fassade gezimmert, die es ihm ermöglichte, ein Leben zu führen, welches das Erleben der ganzen Welt ermöglicht. Man nennt das Freiheit. Nur mittels dieser Freiheit konnte er all seine Beobachtungen führen, d.h. die Welt so sehen, wie andere sie nicht sehen können.
Für Freiheit gibt es einen Preis zu entrichten, und dieser hoch, sehr hoch: Das Leben. Die Rebellen der Jugend landen six feet under oder hinter Gitter, die anderen passen sich an. Frank Schirrmacher hat ein Schauspiel erschaffen, keiner hat es erkannt, und dies ermöglichte ein freies Überleben innerhalb der Unfreiheit. Jetzt nach seinem Tod erkennen wir die Fassade und verstehen immer noch nicht: Er war nie wirklich hier, bei uns. Er war immer draußen. Immer schon weiter, nie irgendwo greifbar, nie wirklich fixiert.
Und hat deshalb etwas liefern können, was niemand anders liefern kann. Bilder von draußen.
Er wird kaum zu ersetzen sein. Alle Rebellen sterben früh. Das es noch einmal einer ins Herz der deutschen Bildungsbürgerschaft gelangt ist äußerst unwahrscheinlich.

“Mr. Kane was a man who got everything he wanted and then lost it. Maybe Rosebud was something he couldn’t get, or something he lost. Anyway, it wouldn’t have explained anything… I don’t think any word can explain a man’s life. No, I guess Rosebud is just a… piece in a jigsaw puzzle… a missing piece.”
(Citizen Kane)

aifran Juni 15, 2014 um 17:12

TTIP, TISA und die FAZ

Die FAZ hat sich wohl der Werbung für TTIP und TISA verschrieben, obwohl bisher nur wenige wissen, was TISA (Dienstleistungsabkommen) ist oder diesen Terminus vielleicht noch gar nicht gehört haben. …….

http://www.flegel-g.de/2014-06-13-TTIP-TISA-FAZ.html

Ein Text über Artikel der FAZ – die ja auch F. Schirrmachers FAZ ist – und die Gedanken die sich dabei schon mal drumherum entwickeln können.

Alles keinesfalls OT – F.S. war ja auch ein wirkmächtiger “Gestalter und Lenker” ……

donkey Juni 15, 2014 um 17:34

@ goodnight
Danke ganz großer Kommentar .

Linus Juni 15, 2014 um 20:09

@Goodnight:
Ich kann dir nicht recht folgen. Das mag v.a. daran liegen, dass ich FS persönlich nicht gekannt habe. Bei all seinem öffentlichen Auftreten habe ich auch nie das Bedürfnis empfunden, ihn persönlich kennen zu lernen. Insofern halte ich alles, was du in Bezug auf seine “Freiheit” sagst, für seine persönliche Angelegenheit. Ich hab dazu nie was von ihm gehört.

Interessant fand ich seine Themenwahl. Da ist wohl nicht soo viel auf seinem Mist gewachsen, aber der Strauss an Gedanken, den er da präsentierte, war allemal Beachtung wert. FS hat geholfen, den kybernetischen Diskurs ins Rampenlicht zu rücken. Der ist inzwischen prägend für unsere Zeit, und FS war einer seiner wichtigsten Multiplikatoren. Das ist mE einerseits zeitgemäss, andererseits eine Modeerscheinung und langfristig nebensächlich.

Zur Erläuterung: Der kybernetische Diskurs ist eine Reflexion über Metaebenen. Anders als andere Diskurse bewegt er sich problemlos von einer Ebene zur nächsten, ja macht eben diese vertikalen Bewegungen und Zusammenhänge zu seinem Untersuchungs-Gegenstand. Sicher hochaktuell, dabei dem Rationalen verschrieben und doch extrem verstiegen.

Doch mit welcher Wirkung? Es ist nicht der erste Diskurs, der unsere Welt umkrempelt. Ich bezweifle jedoch, dass er die Menschen ändert. Mir scheint im Gegenteil, der menschliche “Charakter” hat sich bisher als äusserst resistent gegenüber der Evolution erwiesen. So mag der Mensch seine Umwelt ändern, er selbst ändert sich kaum ( NB: Ich denke, die Sprache der menschlichen Handlungsweisen setzt sich im Grossen und Ganzen aus einer Handvoll Wörtern zusammen, die ihren Ursprung in ein paar Emotionen und Trieben haben. Da lassen sich dann zwar komplexe Satzgebilde aufbauen, aber der Wortschatz bleibt beschränkt und erstaunlich stabil).

Rein rational mag uns Menschen eine beeindruckende Akrobatennummer über Metaebenen möglich sein, emotional bleiben wir aber der Erde verhaftet. Resultat: Der Mensch findet sich in einer zunehmend komplexeren Umgebung wieder, die er selbst geschaffen haben, die er aber immer weniger emotional “versteht”.
Diese Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten ist ein grosses Problem. Der Mensch wird sich dem Fortschritt nicht anpassen können. Also wird es zwangsläufig andersherum gehen – wenn überhaupt.

Und warum auch nicht? Das Thema des Menschen ist der Mensch, nicht der Fortschritt. Und deshalb ist der Cyber-Diskurs bloss eine Nebensache, wenn auch eine sehr interessante.

"ruby" Juni 15, 2014 um 22:28

Schotter neu :
http://www.deutschlandradiokultur.de/philosophie-fortwaehrend-der-zukunft-entgegenstuerzend.1270.de.html?dram:article_id=289209
und das Individum

“Nota bene: ‘Individuum’ im spezifischen, nicht bloß generischen Sinn ist, wer im eigenen Dasein einen Kulturwandel austrägt.“

Der Skandal, den diese Sloterdijk-Lektüre aufdeckt, ist der, dass wir uns falsch verstanden haben – zu sehr als Ausgeburten der Herkunft anstatt als Zeugen des eigenen Tuns.

Fragen und Antworten…

Konstantin Juni 15, 2014 um 22:36

Einen sehr schönen Nachruf hat auch Bülend Ürük auf newsroom.de veröffentlicht. Auf den ersten Artikel von Schirrmacher, den Ürük in seinem Artikel erwähnt, ist am Sonntag in der WAMS auch Mathias Döpfner in seinem Nachruf eingegangen.

Balken Juni 15, 2014 um 23:42

“Nota bene: ‘Individuum’ im spezifischen, nicht bloß generischen Sinn ist, wer im eigenen Dasein einen Kulturwandel austrägt.“

Wollen mal hoffen, Sloterdijk trägt keinen aus. Obwohl, wenn auch, was würde es wohl sein, heiße Luft. Im spezifischen, nicht bloß generischen Sinne.

hans-jürgen michel Juni 16, 2014 um 00:32

Sein Tod ist so unhinnehmbar, weil er so
ungeheuer präsent war. Er hatte noch so ein jungenhaftes
Gesicht. Ich las gern, was er schrieb. Hörte ihm gern zu im TV. Er gab mir Denk-Anstöße.
Dabei sah ich die “Dinge” oft wie er.
Seine Familie, die große FAZ-Familie haben mein
tief empfundenes Beileid.

Folkher Braun Juni 16, 2014 um 03:43

Derzeit wundert es mich, warum Holger hier nicht einen Wutanfall bekommen hat. Fassen wir zusammen. Einer der wenigen Journalisten, die noch 2 und 2 treffsicher zusammenzählen konnten, ist verstorben. Er trieb sich nach der Einteilung von Krysmanski in der “Wissenselite” herum, die einen begrenzten Zugang zur “Polit-Elite” hat, aber keine zum Kern der Entscheider, der Geldelite. Denn die interessiert weder die Polit- noch die Wissenselite. Schirrmacher hat weder etwas zum Verständnis des “normalen Gangs der Produktionsverhältnisse” beigetragen, noch zur Einschätzung der Verselbständigung des Kapitals gegenüber der wirklichen Umformung des Naturstoffs, vulgo Arbeit. Nichts, null.

Keynesianer Juni 16, 2014 um 06:40

Schirrmacher hatte nicht die Aufgabe, irgendwas zum Verständnis der Verhältnisse beizutragen. Sondern er hat den Job bekommen, um die Schäflein zum Beispiel auf die große Verarmung der deutschen Rentner einzustimmen.

Dafür hatte er die geistige Einstimmung zu liefern mit seinem “Methusalem Komplott” und das vorgebliche Problem der Demografie so zu dramatisieren, dass man dem deutschen Rentner seinen Rentenanspruch nach Jahrzehnten Arbeit und Beitragszahlung auf den Sozialhilfesatz zusammenstreichen kann, auf den auch jeder Anspruch hat, der gerade zugereist ist oder aus anderen Gründen nie gearbeitet und eingezahlt hat. Die Finanzoligarchie hält sich dafür ihre Zeitungen und in den Zeitungen jemanden wie Schirrmacher, zu dem die Schäflein gläubig und bewundernd aufblicken können und der ihnen den großen Vordenker vorspielt mit dramatischen Gesten auf ihrem Weg zur Schlachtbank.

2 und 2 können alle Journalisten lange vor ihrer Karriere schon zusammenzählen, das ist ihr Job, denn die Oligarchen mögen es gar nicht, wenn sie jedem erst lang erklären sollten, woran er jetzt wieder mit allem gebotenen Eifer und Engagement mitzuwirken hat, wenn er den Job nicht verlieren möchte.

Da ist Weitblick und vorauseilender Gehorsam gefragt; nicht selten gefallen sich die Oligarchen sogar darin, sich von ihren Soldfedern und Mietmäulern geradezu ihre nächsten Schandtaten aufnötigen zu lassen und sich selber öffentlich zu zieren.

Bogus Juni 16, 2014 um 07:58

Keynes-Jünger,
hast du Schirrmachers “Ego” gelesen?

aifran Juni 16, 2014 um 08:41

… und Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr hat Schirrmachers FAZ die Botschaft und Warnungen aus Schirrmachers EGO mit aller Kraft auf allen Seiten verkündet und verbreitet …

oder etwa doch nicht?

Marktkonforme Schizophrenie –

ja die Nutzmenschenhalter haben einen Hirten verloren, einen der die Herde lenken und leiten konnte. Einen der sich bestens mit Beschäftigungstherapie auskannte … EGO bot tolle Beschäftigung und Ablenkung für die “Kritischen Schäfchen”

nur Fußball ist effektiver

Dingsbums vor noch ein Tooooooorrrr
Dingsbums vor noch ein Tooooooorrrr

Andreas Kreuz Juni 16, 2014 um 09:02

@aifran Juni 16, 2014 um 08:41

Ich finde die 4 ‘r’ am Ende von ‘Tor’ schon ein wenig anrüchig…

BB Juni 16, 2014 um 09:07

@Bogus,

die These von Schirrmacher in “Ego”, dass Spieltheoretiker des “kalten Krieges” danach zu Söldnern der Finanzindustrie mutierten, war schlicht Unfug. Schirrmacher hat die Möglichkeiten der Spieltheorie da völlig überschätzt und zwar sowohl, was deren Rolle im kalten Krieg als für die Finanzindustrie betrifft.

Das Buch ist Unsinn, auch wenn es deinem eigenen (oder unser aller) “kulturpessimistischen” Bauchgefühl entgegenkommt.

BB Juni 16, 2014 um 09:12

@ruby

“….Sloterdijk-Lektüre….Hyper-Individualismus….”

Pudel-Philosophie rezensiert von einem Pudel-Medium. Was soll da anderes rauskommen bei als Pudel-Darwinismus?

aifran Juni 16, 2014 um 09:24

… die Anrüchigkeit der rrrr’s am Ende … hab ich mir dann auch gedacht … aber da war es schon zu spät ….. -
:-)

http://hinter-der-fichte.blogspot.de/2014/06/ukraine-propaganda-die-unglaubwurdigen.html

Irak ….. und noch etwas Öl ins Feuer

Rollen Räder für den Sieg klappt es auch mit dem Wachstum ….

Bogus Juni 16, 2014 um 09:52

BB,
danke für deine Einschätzung. Kenne das Buch selber nicht, interessiert mich aber, nachdem ich Chabis’ Link zu http://alternativlos.org/29/ gefolgt bin.

Zumindest die erste Hälfte der Unterhaltung war doch recht interessant. Amüsant auch der kurze Ausflug ins Silicon Valley (vgl. eflation im Nebenthread), so um 1:38. Danach ließ meine Aufmerksamkeit nach, kann aber an der Sonne gelegen haben.

Doris Brockmann Juni 16, 2014 um 10:00

Wieso schweigt eigentlich Frau von Lovenberg?
Erziehungsurlaub kann doch wohl nicht der Grund sein.

f.luebberding f.luebberding Juni 16, 2014 um 10:59

Doris Brockmann

Aus dem vermeintlichen oder tatsächlichen Schweigen Rückschlüsse zu ziehen, ist absurd. Es gibt keine Verpflichtung, sich zu diesem Tod zu äußern. Schirrmacher selbst hätte das so gesehen: In der digitalisierten Gesellschaft erzeugt das Schweigen den größten Verdacht. Außerdem sollte ein Nachruf nicht zum Gesslerhut verkommen.

Feliks Dzerzhinsky Juni 16, 2014 um 11:27

“Wie er das alles zusammenhalten konnte, weil auch sein Tag nur 24 Stunden hatte, blieb mir allerdings immer ein Rätsel.” – Deshalb starb er ja auch so früh – das Leben ist bei den meisten bemessen nach hrer Gesamt-Arbeitsleistung. Wie eine Kerze, deren Docht länger herausragen und sie heller brennen lassen kann – dann ist aber das Wachs auch eher alle. Zumindest die Zeit zum “Nachfüllen” muss man sich nehmen. Viele, die so enden, hatten vor, das “demnächst” zu tun. Karmisch ist das dann im nächsten Leben …

Keynesianer Juni 16, 2014 um 12:47

@Bogus

Schirrmachers “Ego” habe ich nicht gelesen, nur ein kurzer Blick auf die Rezensionen anderer Leser. Wie zu erwarten: Geschwurbel – ein “Informationskapitalismus” stelle die Lebensläufe infrage und “Teil seiner operativen Logik” wäre die Amputation der Souveränität von Parlamenten und Staaten und in dem Stil weiter ohne Ende.

Damit werde ich meine Zeit nicht vergeuden, aber es klingt für einfache Ansprüche sehr kritisch und ungeheuer kompetent. Es gibt bei Amazon eine schöne Leserrezension unter dem Titel:

Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Leser mit krudem Geschreibsel zu verwirren

aifran Juni 16, 2014 um 15:15

… eines jedoch scheint klar zu sein. EGO und die darin enthaltene Kritik am Egoismus (“homo ökonomikus”) treibt,und tieb den Systemhörigen/Gläubigen Egoisten die Zornesröte ins Gesicht.

nun aber genug zum Thema F.S. von meiner Seite
Schöne Tage

übrigens – wie kommt die Ungeziefervernichtungaktion unserer Lieblingsnazis in der Ukraine voran? Alles im Plan?

topi Juni 16, 2014 um 15:31

ad Dzerzhinsky,

dass “Karma” nun streng mechanistisch funktionieren soll, halte ich für eine etwas absurde Vorstellung. (Wenn man es denn braucht, mein persönliches Rasiermesser verneint dies weitgehend)

Aber interessanter Aspekt.

Nicht erst der postmoderne Mensch hat sich dem cartesianischem Unfug ergeben, sein Funktionssystem “Körper” auszugliedern und der Hochschulmedizin zu überreichen. (allerdings hat erst er es geschafft, die Gesundheit dazu “marktfähig” zu machen, mit dem Ergebnis, dass mehr Leistungen produziert werden, ohne dass mensch zwangsweise gesünder wird; daraus folgt ja auch der teilweise Rückschwung des Pendels)

Nein, natürlich ist es nicht “der Körper”, der da Symptome “hat”, sondern das bin ich, Signale sendend, der Körper als Teil von mir.

Meist werden die körperlichen Signale stärker, von kleinen Zipperleins hin zu massiven Symptomen. Die übliche Überantwortung derselben an die Krankheitsindustrie verstellt den Blick auf die Signale, es kommen stärkere. Und die meisten “kämpfen” heldenhaft gegen die “Krankheit”.
Oft ohne jemals sich mit ihrem eigenen Signal auseinanderzusetzen, andererseits haben viele dadurch einen Anlass, gesellschaftlich akzeptiert das Hamsterrad etwas runterdrehen zu können/müssen.

Der Herzinfarkt hat etwas besonderes. Eine Art russisch Roulette, ganz anders geartet als ein Bandscheibenvorfall, ein Magengeschwür oder auch ein Krebs.

Man braucht sofort das volle Brett an Apparatemedizinischer Höchstleistung, begibt sich quasi zwangsweise mit seinem abgespalteten Funktionssystem “Körper” in externe Hände.

Danach, also für die, die es überstanden haben, kommt dann der Scheideweg.

Sagt das was zum Einzelfall? Bei solchen Zuschreibungen, Schubladen, ist immer Vorsicht geboten, es gibt Tendenzen, Muster, aber natürlich immer auch Zufall, Individualität.

holger196967 Juni 16, 2014 um 16:27

Folkher Braun Juni 16, 2014 um 03:43
—>>>Derzeit wundert es mich, warum Holger hier nicht einen Wutanfall bekommen hat”

Hab nichts zu sagen… und den Rest denk ich mir.

aifran Juni 16, 2014 um 17:04

Agenda 2010, Kapitalismus und Gesellschaft: Die “Spieltheorie” ist wieder Thema Von DANIEL NEUN | Veröffentlicht: 13. MÄRZ 2013

Am 27. Oktober 2012 startete Radio Utopie die dreiteilige Artikelserie (Teil I, II, III) zur BBC-Filmreihe “The Trap” aus dem Jahre 2007. Sie beleuchtete akribisch, wie zu Zeiten des Kalten Krieges von Mathematikern und Psychologen aus deren zutiefst düsteren Menschenbild heraus entwickelte Modelle der “Spieltheorie” über Jahrzehnte benutzt wurden um ganze Staaten und Gesellschaften nach diesem Menschenbild zu transformieren.

Im Februar 2013 erschien das Buch “Ego: Das Spiel des Lebens” von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Obwohl dieses Buch exakt das wiederspiegelte, was BBC-Autor Adam Curtis schon vor über fünf Jahren ausführlich und mit einer Fülle von Interviews, Daten und Fakten recherchiert hatte, taten nun in Deutschland alle so, als hätten sie weder die BBC-Dokumentation gesehen, noch unsere Artikel dazu gelesen. ….
https://www.radio-utopie.de/2013/03/13/agenda-2010-kapitalismus-und-gesellschaft-die-spieltheorie-ist-wieder-thema/

sorry dieser Nachschlag musste sein – “Thema Trap” drei wichtige BBC Dokus

aifran Juni 16, 2014 um 17:07

ich hasse Tablets :-( “The Trap”

Frankie (f.k.a.B.) Juni 16, 2014 um 19:41

@holger

“—>>>Derzeit wundert es mich, warum Holger hier nicht einen Wutanfall bekommen hat”
Hab nichts zu sagen… und den Rest denk ich mir.”

Well done , Holger.
Wutanfälle in Blog-Kommentaren gehören zum Lächerlichsten, was das Internet zu bieten hat.

BB Juni 16, 2014 um 20:12

@aifran

“…. Hartz IV vollzogene, zielgerichtete Zerstörung von sozialer Gerechtigkeit, Gerechtigkeitsgefühl und gesellschaftlichem Zusammenhalt – ….. folgte den in den Bunkern des Pentagon in den 50ern entwickelten mathematischen Spieltheorie-Modelle. ….”

Soviel ich weiß wurde die Spieltheorie entwickelt von John von Neumann, der dazu Spiele wie “Mensch ärgere dich nicht” (oder war’s Pokern?) untersuchte.

(Wikipedia. Googeln bildet)

"ruby" Juni 16, 2014 um 20:29

http://www.dfb.de/fileadmin/Image_Archive/News/Jubel_Hannover_Getty_59529_p880722.jpg

Leistung, Erfolg, Geld, System

irgendwo da im Haufen liegt der Sohn meines Siedlungsfußballkameraden mit dem ich Elfmeterschiessen auf dem Bolzplatz in Keitum zelebriert habe
;-)

“Bei allem Realismus in Bezug auf den begrenzten Einfluss des gesprochenen und geschriebenen Worts – vor allem auf einem Gebiet, das von mächtigen Konzernen und deren Lobbyisten, von machthungrigen Geheimdiensten und dem überschießenden Sicherheitsbedürfnis ganzer Staaten dominiert wird – war Schirrmachers Begeisterungsfähigkeit in der Lage, meinen gelegentlich schwindenden Glauben an die Sache immer wieder neu zu beleben.”
aus:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frank-schirrmacher/erinnerung-an-frank-schirrmacher-unser-leuchtfeuer-12991783.html
keine Antwort Merkel an Juli;
lieber Fußball in Brasilien mit Präsidentinnentalk vorab…
Pudel sind lebendige Vierbeiner.

aifran Juni 16, 2014 um 20:35

http://www.disclose.tv/action/viewvideo/145347/The_Trap_Fuck_You_Buddy_BBC/

Teil 1
BB …. hier kannst Du ja mal gucken was die BBC zur Spieltheorie so erzählt …

schöne Tage

Doris Brockmann Juni 16, 2014 um 20:39

@ f.luebberding

Weder habe ich schon Rückschlüsse gezogen noch gar den Gesslerhut geworfen.
Wenn nicht eigenartig, so ist es doch zumindest bemerkenswert, dass jemand in der Position der F.A.Z.-Literaturchefin nicht ein Wort über Schirrmachers Tod verliert.

BB Juni 16, 2014 um 22:27

@afrain Im ZDF gab’s auch schon Dokus zu Area 51.

Herrje, da hat der Schirrmacher den VTlern ja hübsch viel Honig gegeben, den sie saugen können. Und natürlich der übliche Appeal to Authority: Schirrmacher und die BBC haben’s gesagt, also muss es wahr sein!

Die Spieltheorie ist eine bestimmte Brille, durch die man die Welt betrachten kann. Und dann kommt man zu gefärbten Erkenntnissen. Die Färbung kann manchmal hilfreich sein, bestimmte Aspekte deutlicher zu erkennen. Dafür bleiben dann andere unsichtbar.

Die Spieltheorie ist höchstens von philosophischem Wert und eignet sich kaum als Engineering-Methode.

Ein Finanz-Zocker, der die Methode “R-Vielfache” einsetzt, handelt wie ein Pokerspieler, von dem er diese Strategie übernommen hat. Nun hat von Neumann Poker untersucht und solche Strategien in seine Spieltheorie eingebaut.

Haben die Finanzjongleure jetzt die von Neumann entwickelte Spieltheorie angewendet (die für Finanzjongleure und Pokerspieler in dieser Formulierung viel zu unpraktisch wäre für die konkrete Anwendung) oder haben sie sie schlicht nur den Poker-Spielern abgeschaut?

aifran Juni 16, 2014 um 22:51

BB – was ist los? Auf Finanz-Zocker und Finanzjongleure fixiert?

trotzdem eine ruhige Nacht und Morgen einen schönen Tag :-)

Natalius Juni 16, 2014 um 23:07

@BB & @Aifran

Na ja, bei der Spieltheorie würde ich dann doch empfehlen, mich in der Luhmann’schen Leineweberstadt umzuschauen. Da findet man statt Dr. Seltsam einen Prof. Selten. Bzgl. der Architektur von Informationsverarbeitung war FS sicherlich eher von Neumann als Kohonen – wie soll man sonst “Schirmherr” eines des Wortes Schwalle beherrschenden Schriftlingsclubs werden? Wie?
Aber son bischen Kohonen war bei FS schon drin: Bilder, Muster und Zeichen hat er schon besser in Themen übersetzt als der Rest der FAZ. Das müssen einige hier NEIDLOS anerkennen. Insbesondere diejenigen, die sich um seine Nachfolge Gedanken machen.

Bogus Juni 17, 2014 um 07:57

Mönsch BB,

alter Spiel(theorie)verderber! Soll diese schöne VT – die mit FAZ-Gütesiegel daherkommt und daher frei ist vom Verdacht auf antijüdische Rechtsesoterik – wirklich für den Orkus sein? Zu schade.

Interessant finde ich trotzdem was Schirrmacher im oben verlinkten Gespräch (und vermutlich auch in “Ego”) beschreibt. Du kennst das vielleicht auch aus deinem eigenen Umgang mit Medien: So ne Art totale Paranoia, dass man erstmal garnix mehr glaubt und hinter jeder Aussage – beispielsweise eines Politikers – das genaue Gegenteil vermutet. Ist ja auch kein Wunder, wenn man erlebt hat, dass Banken gegen ihre eigenen Produkte wetten und Politiker ohne rot zu werden Garantien geben, die sie niemals einlösen können… Ob man zur Erklärung dieses Phänomens allerdings die Spieltheorie bemühen muss ist eine andere Frage. Wahrscheinlich reicht das Pokerface.

Aber ich will hier – quasi am noch offenen Grab des Autors – nicht eine Buchdiskussion aufwärmen, die ich vor einem Jahr leider verpasst habe.

BB Juni 17, 2014 um 08:50

@Bogus

“…..So ne Art totale Paranoia, dass man erstmal garnix mehr glaubt und hinter jeder Aussage – beispielsweise eines Politikers – das genaue Gegenteil vermutet……”

Nenne es nicht “totale Paranoia” sondern “totaler Zweifel” und du hast den Schlüssel zur Erkenntnis in der Hand.

Einfach immer grundsätzlich erst das genaue Gegenteil von allem annehmen, was “Autoritäten” behaupten ist nicht krank, sondern eine unglaublich mächtige Kreativitätstechnik.

Natürlich darf man das Überprüfen des angenommenen Gegenteils nicht vergessen, sonst nützt es nichts.

Und dann liegt man erstaunlich häufig damit richtig. Wir leben schließlich in der Postmoderne.

Stoßt Politiker, Wissenschaftler, Bücherschreiber, Mainstream-Journalisten vom Sockel, auch wenn sie schon im offenen Grab liegen. Ihr Promi-StautusRuhm vernebelt nur den klaren Verstand.

petervonkloss Juni 17, 2014 um 08:57

Das Monstrum

Was meinte er……nichts anderes als den Abklatsch der heideggerischen Philosophie des Gestells, das er als einer der ersten unmittelbar aleatorisch begriffen hatte in seiner auf verschiedenste Weise geschehenden Verbalisierungen der jeweiligen Themen seiner jeweils neuen Erzählung, denen die Philosopheme entfleuchen.

Inzwischen hat die „Zeit“ in Gestalt einer etwas älteren und liebenswerten Literaturdame, Ihn als „Abenteuerliches
Herz“ im Sinn eines „modernen“ Ernst Jüngers bezeichnet.

Natürlich fängt die französische Revolution mit dem Hiatus des Paulus an, des ersten antigenealogischen Lügners, ausgerechnet der Nation, die sich selbst behalten will.

Und so haben wir schon längst die Keimzelle des Terreurs der Moderne.

Und die großen, heidnischen Völker werden weiterhin das Leid der Erde singen, zusammen mit ihren wunderbaren
Tieren.
Die letzte Erinnerung an eine singende Erde, deren Ökonomie, dem bösen Kind die ihm zustehende Ordnung gibt.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/peter-sloterdijks-neues-buch-die-schrecklichen-kinder-der-neuzeit-a-974984.html

Morph Juni 17, 2014 um 11:26
BB Juni 17, 2014 um 11:29

@pvk

Auch für Leute wie Dich gibt es noch Hoffnung:

http://www.jungewelt.de/2014/06-17/012.php

Vielleicht bald auch deine Religion?

Balken Juni 17, 2014 um 14:26

@pvk
Dass du spätbürgerlich-dekadentes und pseudointellektuelles, auf jeden Fall aber reaktionäres Götterdämmerungsgewäsch goutierst, war abzusehen.
Wünsche fröhliche Lektüre. Bestätigung in jeder Zeile? Schön für dich.

wowy Juni 17, 2014 um 16:39

Weil es in diesen Tagen wieder häufiger und meistens falsch zitiert/übersetzt wird, hier ein klärender Artikel zu:
De mortius nil nisi bene
http://www.onlinezeitung24.de/article/3545

sambossa Juni 17, 2014 um 17:05

Auch wenn jetzt wieder die “Experten” der reinen, allzu reinen Leere aufschlagen, sind ihre Linkverweise zu den Nachrufen wirklich hilfreich, meinen Dank dafür, habe auch bei den Stützen darauf hingewiesen. Frank Schirrmacher stelle ich mir gerade mit einem Lächeln vor, bei der Lektüre dieses babylonischen Summens über sein Schaffen hier.

Ostsächsischer Papierkorb Juni 17, 2014 um 20:56

Schon seit langem frage ich mich, was der Zeitvertreib eines Herausgebers ist und ich komme nicht von dem Bild eines Erdgeschoss- oder gar Kellerfensters los, das von einer linken Hand geöffnet wird. Als Mitmensch der Moderne ist mir klar, wenn auch nicht ganz, dass das Wesen des Herausgebens mit der Schaffung eines Mehrwerts und damit der Zahlung von Vorsteuer verbunden sein muss. Auch wenn die rechte so lange eine unsichtbare Hand bleibt, bis die linke das Fenster des Partykellers öffnet, scheint kein Grund (auf), der Sache noch länger zu misstrauen. Der Herausgeber gibt etwas heraus, und mit der Öffnung des Fensters entsteht ein Flow.

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, sich zu entscheiden. – Zu sagen, dass man nie etwas von Frank Schirrmacher gelesen hat. Ich weiß das. Aber ich mache das nicht mit. Ich kann nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, dass ich doch etwas von ihm gelesen habe.

Stattdessen sage ich, der Fall für mich erledigt. So gut wie. Denn im Hintergrund scheint die Frage auf, dass da noch weitere Hände im Spiel sein können (siehe auch Mittelhandknochen, siehe das Geworfensein von Hühnerknochen und wie sie dann da liegen.), als da sind der Heber, der Nehmer und hintendran, aber nicht zuletzt, der Leger. Der Leger legt den Heber herein, voll rechtens, da der ja der Urheber ist; er verlegt als Verleger den Flow samt den Rechten von ihm weg zum Nehmer, der er selbst ist, und zum Geber, der ihn herausgibt, ebenfalls an sich selbst und zurück zum Nehmer, der zum Unter-Nehmer geworden ist, fragt mich bitte nicht wie.

Soviel zum Verleger.

Irgendwann hört die Sache dann auf, der Leger wird Anleger, der Nehmer unternimmt nichts mehr und keiner gibt mehr etwas heraus. RIP, alte Rippe. Auch ich trinke ab und an mal was.

Balken Juni 17, 2014 um 22:40

@Morph
Danke. Ja, man kann eine arme Seele auch dadurch in Grund und Boden schreiben, dass man sie auf schon groteske Weise in den Olymp erhebt.
Aus seiner Fähigkeit, haltlose Aufreger zu setzen und den haltlosen Gegenaufreger gleich mitzuliefern (vom Methusalemkomplott zu Die Linke hat doch Recht), die Großartigkeit herauszulesen, alle möglichen Gesichtspunkte selbst schon in sich verkörpert zu haben, ist eine Überhöhung einer Eigenschaft, die man ebensogut auch als blasse Effekthascherei auffassen könnte.
Den Schmus, den man jetzt liest, und der ihn nebenbei (oder absichtlich?) ins Lächerliche zieht, weil die allzu hohe Pose vom Kitsch bekanntlich nicht weit ernfernt ist, hat der Gute denn nun doch nicht verdient. Denn eines war er doch immerhin: Eine tragische Figur. Der in seinem “Ego” womöglich ehrlich mit seinem Ego abgerechnet hat. Der Lächerlichkeit muss man ihn nun nachträglich wirklich nicht preisgeben.

wowy Juni 17, 2014 um 22:58
Balken Juni 17, 2014 um 23:20
Morph Juni 17, 2014 um 23:22

@Balken

“alle möglichen Gesichtspunkte selbst schon in sich verkörpert zu haben, ist eine Überhöhung einer Eigenschaft, die man ebensogut auch als blasse Effekthascherei auffassen könnte.”

oder auch schlichte Ratlosigkeit, das scheint mir eigentlich am naheliegendsten. Eine große (typisch konservative) Stilisierungs- und Pathosbereitschaft gepaart mit einer tiefen Ratlosigkeit.

Schirrmacher hat seine besten Texte m.E. dann geschrieben, wenn sein Enthusiasmus sich an einem ganz bestimmten falschen Pathos abarbeiten konnte (etwa in den Fällen Grass und Kleber). Wenn es eine solche Pathosvorlage nicht gab (wie im Fall Internet) oder er aus unbedingtem Enthusiasmus heraus schrieb (wie im Fall Cruise) wurde es irgendwie haltlos und hohl.

Er gehörte selbstverständlich zu den packenden Autoren des FAZ-Feuilletons. Ich denke, dass mit Minkmar, Kaube, Bahners und Geyer immer noch genug hervorragende Autoren an Bord sind und dass jetzt vielleicht die Literatur und die Künste wieder den ihnen gebührenden Stellenwert bekommen werden.

Das Verdienst Schirrmachers als Debattenanstifter kann ich mir nicht ohne die Debatten vorstellen, die nicht geführt wurden und werden: Verwahrlosung des Bildungs- und Gesundheitswesens, Hypertrophie des Unterhaltungswesens, Ressourcenproblematik, Klimawandel (um nur drei Beispiele zu nennen).

wowy Juni 18, 2014 um 00:46
Insider Juni 18, 2014 um 11:11

Die Schriftstellerin Eva Menasse schreibt in der Zeitschrift „profil“ über ihren einstigen Förderer, den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher:

Was Karl Kraus für die deutschsprachige Publizistik des frühen 20. Jahrhunderts, war Frank Schirrmacher für jene des beginnenden 21. Nein, das ist nicht zu hoch gegriffen. […]
Als Schirrmacher mit Mitte 20 in die Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eintrat, war er eine Art Wunderkind, hochintelligent und auf seine diabolische Weise charmant, und es gelang ihm schnell, sich den Einflussreichsten anzuempfehlen: Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest. Er beerbte bald, gerade 30 Jahre alt, Ersteren als Literaturchef und nur vier Jahre später Zweiteren als Herausgeber des Feuilletons […]
Schirrmacher war wahrlich ein Jahrhundertjournalist.“

Schirrmacher war der Popstar des deutschen Feuilletons.

Die deutsche Feuilletonszene beklagt den Verlust ihres „Kings“. Und die Art und Weise, wie dies geschieht, nämlich durch Superlative, realitätsferne Überhöhungen und Idealisierungen, gibt – so die These – Aufschluss sowohl über den psychologischen und mentalen Zustand dieser Szene wie auch der Konsumenten ihrer Produkte.

Für mich ist es Anlass, das „Phänomen Schirrmacher“ aus soziologischer und sozialpsychologischer Perspektive zu analysieren.

Dazu ist es erforderlich, Schirrmachers Funktion in und für die FAZ und die Funktion der FAZ für die Bewusstseinsbildung in Deutschland zu betrachten.

Wolfgang Lieb schrieb in den NDS:
„Die Linie der „FAZ“ [] hat der ehemalige Leiter der innenpolitischen Redaktion Friedrich Karl Fromme einmal treffend mit schwarz-rot-gold beschrieben: Schwarz für die konservative Politikredaktion, rot für das oftmals durchaus kritische Feuilleton und gold für den äußerst wirtschaftsliberalen Wirtschaftsteil.

Die FAZ ist ein Kampfblatt des Establishments. Sie betreibt Klassenkampf zum Zwecke des Systemerhalts, also zur Herrschaftssicherung der vermögenden Bürger. Eines Systems, welche eben diesen Bürgern durch die Art des Systems ein arbeitsfreies Einkommen ermöglicht, welches die Reichen immer reicher macht und die arbeitende Bevölkerung immer ärmer. Und die Gesellschaft immer mehr in die Zivilisationskatastrophe treibt.

Die FAZ ist für das Establishment das mediale Zentrum der deutschen Leitkultur. Die schwarz-rot-goldene Linie der FAZ entspricht dem Bewusstseinszustand des Establishments.

Als konservativ wäre die Generallinie der FAZ nur dann zu charakterisieren, wenn ihr Ziel wäre, die historischen Fortschritte und Errungenschaften zu bewahren.
Wenn jedoch eine Linie verfolgt wird, die notwendigen gesellschaftlichen Wandel und Fortschritt verhindert, dann ist dies gesellschaftspolitisch nicht konservativ sondern reaktionär. Soviel zum „schwarz“.
„Gelb“ steht für Wirtschaftsliberalismus, d.h. in heutigen Zeiten: für „Neoliberalismus“ und „Neue Soziale Marktwirtschaft“.

„Rot“ ist Ausdruck der kognitiven Dissonanz des Establishments.
Denn dieses möchte, auch wenn es gesellschafts- und wirtschaftspolitisch neoliberal ausgerichtet ist, in seinem Selbstbild als fortschrittlich, liberal und modern erscheinen.

Dieses psychologische Bedürfnis zu befriedigen, ist die Funktion des Feuilletons.

Das angepasste moderne Individuum verhält sich objektiv politisch reaktionär und wirtschaftlich sozialdarwinistisch, zugleich sieht es sich subjektiv als progressiv und modern. Letzteres, weil es sich hinsichtlich Konsum, Habitus und Sexualität tolerant und permissiv ist, weil es Greenpeace unterstützt, weil es das FAZ-Feuilleton liest und es als fortschrittlich ansieht, wenn dort systemerhaltende Reformlinke zu Wort kommen oder Katastrophenszenarien dort beschrieben werden.

Das FAZ-Feuilleton bedient das Bedürfnis nach kognitiver Dissonanz beim etablierten Bürger und Spießer. Moderne Reaktionäre geben sich als progressiv.

Schirrmacher hat diese Funktion des Feuilletons brillant ausgeübt. Er war ein Meister des Erhalts von Systemloyalität, ein Hoffnungsträger für alle, die am System nichts ändern wollen, aber zugleich für sich eine erfolgreiche, sicherere und friedliche Zukunft wünschen.

Er war ein hervorragender Medienmanager und Selbstvermarkter.
Bekannt ist seine Rekrutierung von brauchbaren pseudokritischen Systemapologeten aus der Internetszene fürs Feuilleton.
Populisten aus der aus Linkspartei – wie Lafontaine und Wagenknecht – fanden durch ihn Eingang ins Feuilleton der FÁZ und konnten dort ihre Illusionen über eine mögliche Rückkehr zur „Sozialen Marktwirtschaft“ propagieren.

Für die FAZ ist der Tod Schirrmachers ein großer Verlust, weil er über das Feuilleton Leser und Abonnenten an die FAZ band. Schirrmacher gab der FAZ im Feuilleton ein (pseudo)progressives Image. Man konnte die FAZ lesen und wertschätzen, ohne gleich als Reaktionär identifiziert zu werden.

Fürs Establishment ist der Verlust noch größer.
Denn es verliert einen exzellenten Meinungsmacher und Meinungsmanager, einen unübertroffenen Meister eines höchst intelligenten affirmativen Journalismus sowie einer pseudokritischen Systemapologetik.

chabis Juni 18, 2014 um 12:20

Weltkundiger werden mit Edge?
Aus John Brockman’s Nachruf auf Frank Schirrmacher:

“Introduced in early 2000 by German media mogul and digital pioneer Hubert Burda, we began a conversation which lasted until the week of his death. In May of 2000, based on our several long telephone calls, Schirrmacher wrote a manifesto, a call-to arms, entitled “Wake-Up Call for Europe Tech”, published in FAZ, which called for Europe to adopt the ideas of the third culture. His agenda: to change the culture of the newspaper and to begin a process of change in Germany and Europe. In the final paragraph he wrote:

“Over the next few months, to ensure we are informed slightly in advance, the Frankfurter Allgemeine Zeitung will be running a series of articles by the theoreticians of what John Brockman has dubbed the ‘third culture’. Europe should be more than just a source for the software of ego crisis, loss of identity, despair, and Western melancholy. We should be helping write the code for tomorrow.”

The Manifesto, and Schirrmacher’s publishing program, was a departure for FAZ which at that time had a somewhat conservative profile,. It was widely covered in the German press and made waves in intellectual circles.”
( auch der Link zu Burda lohnt sich)
http://edge.org/conversation/frank-schirrmacher-1959-2014

Um vorschnellen Schlüssen und Schwarzweißmalerei vorzubeugen
(möchte @Insider mit obigem nicht bestätigen), ein weiterer Link zu Edge
http://edge.org/conversation/gregory-bateson-the-centennial

Carlos Manoso Juni 18, 2014 um 13:01

@Insider Juni 18, 2014 um 11:11
„Schirrmacher war der Popstar des deutschen Feuilletons.
Die deutsche Feuilletonszene beklagt den Verlust ihres „Kings“. Und die Art und Weise, wie dies geschieht, nämlich durch Superlative, realitätsferne Überhöhungen und Idealisierungen, gibt – so die These – Aufschluss sowohl über den psychologischen und mentalen Zustand dieser Szene wie auch der Konsumenten ihrer Produkte….
Das angepasste moderne Individuum verhält sich objektiv politisch reaktionär und wirtschaftlich sozialdarwinistisch, zugleich sieht es sich subjektiv als progressiv und modern. Letzteres, weil es sich hinsichtlich Konsum, Habitus und Sexualität tolerant und permissiv ist, weil es Greenpeace unterstützt, weil es das FAZ-Feuilleton liest und es als fortschrittlich ansieht, wenn dort systemerhaltende Reformlinke zu Wort kommen oder Katastrophenszenarien dort beschrieben werden.
Das FAZ-Feuilleton bedient das Bedürfnis nach kognitiver Dissonanz beim etablierten Bürger und Spießer. Moderne Reaktionäre geben sich als progressiv.“

Insider, „Schirrmacher“ verkörperte – für mich – eine Form von geradezu fassungsloser Enttäuschung, denn gerade die Location Frankfurt als ein wichtiger „Hot Spot“ der „privatwirtschaftlichen Produktion von fiktivem Kapital“ bot spätestens seit dem Crash der „New Economy“ im März 2000 in Deutschland die allerbesten Voraussetzungen (durch die hohe Konzentration von in der „Finanzindustrie“ praktisch agierenden durchaus hochintelligenten Akteuren) um die entscheidende geistige Schranke zu durchbrechen und die Erkenntnis in die schwarz-rot-goldene Linie der FAZ dosiert einzuträufeln.

Insider Juni 18, 2014 um 13:32

@Carlos Manoso Juni 18, 2014 um 13:01
Insider, „Schirrmacher“ verkörperte – für mich – eine Form von geradezu fassungsloser Enttäuschung, denn gerade die Location Frankfurt als ein wichtiger „Hot Spot“ der „privatwirtschaftlichen Produktion von fiktivem Kapital“ bot spätestens seit dem Crash der „New Economy“ im März 2000 in Deutschland die allerbesten Voraussetzungen (durch die hohe Konzentration von in der „Finanzindustrie“ praktisch agierenden durchaus hochintelligenten Akteuren) um die entscheidende geistige Schranke zu durchbrechen und die Erkenntnis in die schwarz-rot-goldene Linie der FAZ dosiert einzuträufeln.

Carlos Manoso, Schirrmacher war gehörte lediglich dem Herausgebergremium der FAZ an. Er war hochbezahlter Medienmanager, aber eben nur Angestellter und nicht Eigentümer.

„Wer zahlt, befielt!” heißt es.“

Schirrmacher wurde bezahlt und war letztendlich – wie alle Lohnabhängigen – „Befehlsempfänger“. Die Macht, die Linie der FAZ zu bestimmen, haben und hatten andere. Seine steile Karriere bei der FAZ zeigt, dass er von diesen für den „richtigen Mann“ gehalten wurde.

Morph Juni 18, 2014 um 13:59

@insider

“Schirrmacher wurde bezahlt und war letztendlich – wie alle Lohnabhängigen – „Befehlsempfänger“. Die Macht, die Linie der FAZ zu bestimmen, haben und hatten andere. Seine steile Karriere bei der FAZ zeigt, dass er von diesen für den „richtigen Mann“ gehalten wurde.”

Ja, das ist so das Klischee. Geld regiert die Welt. Ist aber Quatsch. Geld bezahlt nur die Welt. MACHT regiert die Welt. ;-)

“Als wenig hilfreich erwies sich außerdem und erweist sich immer noch, dass die Macht der FAZ-Geschäftsführung vor den Bürotüren der fünf Herausgeber endet, die laut Vertrag die “geistige, politische und wirtschaftliche Haltung” des Blatts bestimmen, über die Zusammensetzung ihres Kreises selbst befinden, viele Entscheidungen blockieren können und fünfmal so teuer sind wie ein Chefredakteur, der ihre Arbeit genauso gut oder besser erledigen könnte. ”

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/faz-verluste-steigen-der-verlag-verliert-umsaetze-gewinne-und-kaeufer-a-945766-5.html

Morph Juni 18, 2014 um 14:02

..und, äh, die “Macht”, woher kommt die denn genau?

Na, aus den Institutionen, wie das Beispiel der FAZ hervorragend illustriert!

Carlos Manoso Juni 18, 2014 um 15:08

@Morph Juni 18, 2014 um 13:59
„Ja, das ist so das Klischee. Geld regiert die Welt. Ist aber Quatsch. Geld bezahlt nur die Welt. MACHT regiert die Welt. “

Morph, schätze mal, die Erfahrung „MACHT regiert die Welt“ ist dem hochintelligenten kleinen Frank S. schon ganz früh zur 2. Natur gemacht worden.

Immerhin brauchte der „jungenhafte“ Frank S. noch bis zum August 2011, bis eine seiner Gehirnzellen erstmals ein wenig aufzumucken begann: „Fehler machten ja auch die anderen, ist das Pfeifen im Walde. Aber es geht heute nicht allein um falsches oder richtiges politisches Handeln. Es geht darum, dass die Praxis dieser Politik wie in einem Echtzeitexperiment nicht nur belegt, dass die gegenwärtige „bürgerliche“ Politik falsch ist, sondern, viel erstaunlicher, dass die Annahmen ihrer größten Gegner richtig sind…. Die Atomisierung der FDP, die für den Irrweg bestraft wurde, ist rein funktionell. … Der Preis der CDU ist weit mehr als ein Wahlergebnis. Es ist die Frage, ob sie ein bürgerlicher Agendasetter ist oder ob sie das Bürgertum als seinen Wirt nur noch parasitär besetzt, aussaugt und entkräftet…. Angela Merkel war bisher nicht in der Lage, die moralischen Folgen der Krise in der Eurozone zu thematisieren. Das ist schlimm genug. … Schließlich: Der geradezu verantwortungslose Umgang mit dem demographischen Wandel – der endgültige Abschied von Ludwig Erhards aufstiegswilligen Mehrheiten – macht in seiner gespenstischen Abgebrühtheit einfach nur noch sprachlos. Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den „gierigen Wenigen“ (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden.“
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-11106162.html

Insider Juni 18, 2014 um 16:27

@Carlos Manoso

Schwer vorstellbar, dass Schirrmacher selbst glaubte, dass sein Appell ans wertorientierte Bürgertum über das Feuilleton hinaus auch im „schwarzen“ Polit- und „gelben“ Wirtschaftsteil der FAZ eine positive Resonanz finden wird.

Ganz abgesehen davon, dass jenes, an traditionellen bürgerlichen Werten orientierte Bürgertum längst untergegangen ist und heute nur noch eine Fiktion des Feuilletons darstellt.

chabis Juni 18, 2014 um 16:57
Carlos Manoso Juni 18, 2014 um 17:00

@Insider Juni 18, 2014 um 16:27
Schwer vorstellbar, dass Schirrmacher selbst glaubte, dass sein Appell ans wertorientierte Bürgertum über das Feuilleton hinaus auch im „schwarzen“ Polit- und „gelben“ Wirtschaftsteil der FAZ eine positive Resonanz finden wird.
Ganz abgesehen davon, dass jenes, an traditionellen bürgerlichen Werten orientierte Bürgertum längst untergegangen ist und heute nur noch eine Fiktion des Feuilletons darstellt.“

Insider, was „Schirrmacher selbst glaubte“, weiß Schirrmacher seit dem 12.06.2014 nicht mehr.

Ich vermute allerdings, dass Schirrmacher, als wichtige „Politikfachkraft“ tätig für einen Medienkanal der Macht, schon sehr lange auf einer speziellen Frequenz wusste, dass das „Bürgertum“ heute „nur noch eine Fiktion des Feuilletons darstellt“.

gelegentlich Juni 18, 2014 um 19:59

Wenn man die Betonung des Geldes herausnimmt liegen die Beiträge von @Insider und von @Morph doch gar nicht so weit auseinander.

wowy Juni 18, 2014 um 20:29

Die Sueddeutsche hatte in ihrem Nachruf Schirrmachers Auftaktartikel in der Causa Wulff erwähnt.
Dass die ganz Sache unverhältnismäßig ist, war damals mein Argument.
http://www.faz.net/aktuell/politik/vorwurf-der-rechtsbeugung-verfassungsjurist-zeigt-staatsanwaltschaft-wegen-wulff-affaere-an-12997882.html
#Rechtsbeugung

Morph Juni 18, 2014 um 20:29

@gelegentlich

“Wenn man die Betonung des Geldes herausnimmt liegen die Beiträge von @Insider und von @Morph doch gar nicht so weit auseinander.”

Abstände sind ja eine Frage der Perspektive.

Ich habe jedenfalls mit @insiders angeschimmelter Klassenkampfdiagnose nichts am Hut und seine latent vt-lerischen Vorstellungen von Medienleuten als “Befehlsempfängern” finde ich auch sehr weit ab von meinen Positionen. @Insiders Vorstellungen liegen sachlich einfach völlig daneben (siehe den von mir verlinkten Bericht).

Die graue Eminenz im Hintergrund, die nach @insiders Meinung dem Schirrmacher Befehler erteilt haben soll, ihm also befohlen hat, die wundersamen Berliner Seiten zu gründen und dann aber irgendwann auch wieder einzustellen, Martin Walsers Paulskirchenrede supi zu finden, den Roman “Tod eines Kritikers” aber nicht, die ihn mit Kohl und Mitterand zu Jünger schickt und mit Tom Cruise zur Bambiverleihung, die ihn mal das Alter, dann die Familie, dann das Internet ins Zentrum der Debatte rücken lässt, diese hypothetische graue Eminenz im Hintergrund wäre ein so schräger Typ wie, äh.. Frank Schirrmacher! – Warum soll also nicht gleich er selbst verantwortlich für das sein, was er geschrieben und bewegt hat.

Morph Juni 18, 2014 um 20:49

@goodnight hat ganz richtig auf die Modernität Frank Schirrmachers hingewiesen. Ich lese gerade etwas, das gut dazu passt. Peter Sloterdijk beschreibt die Modernität des Lebensentwurfs am Beispiel Napoleons und sagt über die nachnapoleonische Moderne: “Was kam, war eine Sintflut von napoleoniden Existenzen in allen Kontinenten und Fakultäten. Seine luftgezeugten Söhne bevölkern seit 1821, seinem Todesjahr, bis zum heutigen Tag die Gipfelkonferenzen der Staatsmänner auf allen Erdteilen. Sie animieren die Kunstakademien, die Lehrstühle für Philosophie, die russischen Romane, die Chefetagen der Großbanken, die Intendanzen der Opernhäuser, die höchsten Positionen multinationaler Konzerne – um von seinen klinisch auffälligen Nachkommen nicht zu reden, unter denen die eine Hälfte als er selbst, die andere als seine Söhne in Bicêtre, Charenton und vielen anderen Irrenhäusern Frankreichs und Europas auftauchten” (Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, S. 125).

Frank Schirrmacher war, glaube ich, so eine napoleonide Erscheinung der Moderne.

Morph Juni 18, 2014 um 22:01
Linus Juni 18, 2014 um 22:36

@Morph:
Insider hat mE eine funktionale Bewertung der Person versucht.
Die muss man nun nicht teilen, aber der Versuch ist allemal nützlich.

Deiner Einschätzung als “napoleonide Erscheinung” kann ich dagegen nichts abgewinnen. Ich habe nun keine Ahnung, welches Selbstbild FS von sich hatte (ich wüsste auch nicht, was ich mit diesem Wissen anfangen sollte). Exemplarisch scheint mir seine Person nicht gerade, auch im Nachhinein. Allenfalls scheint mir exemplarisch, wie jetzt mit ihm umgegangen wird (auch das muss nicht neu sein). Aus eben dieser Ecke kommend vermute ich auch deine Zuschreibung.

Morph Juni 18, 2014 um 23:07

@Linus

“Insider hat mE eine funktionale Bewertung der Person versucht. Die muss man nun nicht teilen, aber der Versuch ist allemal nützlich.”

Naja. So eine ‘funktionale Bewertung’ ohne Kenntnis der institutionellen Form der FAZ, ohne Kenntnis der letzten 15 Jahre FAZ-Feuilleton und des kulturellen Umfeldes, ohne Kenntnis des stilistischen Umbruchs vom Joachim-Fest-Feuilleton zum Frank-Schirrmacher-Feuilleton, was soll da rauskommen? Schlappe immergleiche Klassenanalyse: Die Journalisten sind Mietmäuler des Kapitals. Jaja. Nützlich? Na klar! @aifran wartet schon aufm Bekloppten-Spielplatz und gibt ‘ne Runde Hundekekse aus.

Balken Juni 18, 2014 um 23:43

Zu Sloterdijk habe ich mich gegenüber @pvk geäußert. http://www.wiesaussieht.de/2014/06/13/fragen-und-antworten/#comment-96305 Ich wiederhole mich. Und was kann es sein, das @Morph an dem salonphilosophischen Dessous findet, so dünn wie ein H & M – Fummel? Dass es gerade zu irgendetwas passt? (Dass man Schirrmacher unter die Reihe der sloterdijkschen “napoleoniden Existenzen in allen Kontinenten und Fakultäten” stellen könnte?)
Warum gerade napoleonid? Weil der philisophische Modist gerade einen Einfall hatte. Es hätten sonst auch brunoide, machiavelloide, name it, Existenzen werden können. Aber was schick ist und passt, bestimmt halt der Designer.
Es wäre ja alles eine nicht weiter bemerkenswerte, pfauenhafte Attitüde, wenn nicht eine Botschaft transportiert würde, die ich hier treffend dargestellt finde: “Dabei durchzieht der Ekel vor der vernunftgetriebenen Moderne sein ganzes Werk – und eine Weile war diese antiuniversalistische Negativität modisch, weil man glaubte, darin den Zweifel der Postmoderne zu entdecken: Aber in Zeiten, in denen die Welt sich rasant verändert mit dem Aufstieg der “anderen”, und der Westen sich seinen Verbrechen wie seinen Versprechen tatsächlich kritisch und offen stellen muss, wirkt so eine plumpe Breitseite wie die von Sloterdijk nicht nur opportunistisch, wobei sie vorgaukelt, originell zu sein, es züngelt und zündelt da was.” http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/peter-sloterdijks-neues-buch-die-schrecklichen-kinder-der-neuzeit-a-974984.htmlhttp://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/peter-sloterdijks-neues-buch-die-schrecklichen-kinder-der-neuzeit-a-974984.html

Morph Juni 18, 2014 um 23:59

@Balken

Georg Diez argumentiert nicht. Und ich mag mir nicht vorstellen, dass Du einer bist, der irgendwelchen Rezensionen nachplappert. – Es gibt in Sloterdijks Buch, S. 87ff. eine Liste aktueller Problemkonstellationen, die m.E. eine argumentative Auseinandersetzung fordern.

Vielleicht hast Du Zeit und Muße, das nachzulesen und zu kommentieren.

Linus Juni 19, 2014 um 00:42

@Morph:
Ich glaube, er war ein ziemlich guter Feuilleton-Leiter, nicht mehr und nicht weniger. Wie schwierig das ist, kann man an diesem Blog sehen, dessen Autor sich immer wieder heldenhaft bemüht, seiner verwöhnten Leserschaft interessante Inputs zu liefern.

Gerade in den letzten Jahren ist es FS zusehends gelungen, wirklich wichtige Debatten nach vorne zu bringen und durchzuhalten. Er hat dem Feuilleton wieder zu seinem Platz verholfen, als panoramischer Blick auf die Welt. Ich denke: Wenn man diese Perspektive halbwegs ernst nimmt, dann treten die wichtigen Themen von selbst hervor. Dabei hat er den Mut gehabt, an dieser Perspektive festzuhalten.
Und siehe da, er konnte seine Leserbasis erstaunlich verbreitern, weit über das Bildungsbürgertum hinaus.
Das scheint mir ein hohes Verdienst zu sein. Was will man mehr als Zeitungsmacher?

PS: Sein Buch Ego hat mich dagegen schwer enttäuscht.
Aber eine Berufung allein sollte reichen.

Morph Juni 19, 2014 um 08:24

@Balken

“Es hätten sonst auch brunoide, machiavelloide, name it, Existenzen werden können.”

Eben nicht. Napoleon, ein Aufsteiger, der quasi aus dem Nichts gekommen ist, ist von seinen Zeitgenossen als absolute Ausnahmeerscheinung gesehen worden (“Weltgeist zu Pferde”, Eroica usw.). Und dieses Bild ist in der europäischen Kultur und dann auch global zu einem zentralen Baustein der kollektiven Selbstdeutung geworden. Napoleon, das ist die bis heute gültige Personifikation dessen, der allein mit den Mitteln seiner Willenskraft die alten Machtstrukturen hinwegfegt und sich selbst inthronisiert. Napoleon gilt im kollektiven Bewusstsein (und zwar global!) als DER Held der Moderne (so wie Hitler – abenso global – als DER Schurke der Modern gilt).

Und wenn man Schirrmachers Aufstieg, seine konsequente Popularisierung und Enttraditionalisierung feuilletonistischen Schreibens, seine Polarisierungs- und Faszinationskraft bedenkt, dann drängt sich das Napoleonide als Lebensmotiv und als Interpretationshorizont dieses Lebens geradezu auf.

@Linus

“Ich glaube, er war ein ziemlich guter Feuilleton-Leiter” – Wenn das eine hinreichende Charakterisierung der öffentlichen Person Frank Schirrmacher wäre, würdest Du – gerade Du – seinen Namen nicht kennen, that’s for sure! ;-)

Linus Juni 19, 2014 um 09:42

@Morph:
“Wenn das eine hinreichende Charakterisierung der öffentlichen Person Frank Schirrmacher wäre”

Man muss wohl zwischen dem, was eine Person von sich aus mitbringt, und ihrer öffentlichen Wahrnehmung unterscheiden. War Napoleon ein aussergewöhnlicher Mensch? Wohl schon, aber bei weitem nicht in dem Masse, wie es ihm buchstäblich zu-geschrieben wird.

Vieles im Leben eines Menschen ist den jeweiligen Umständen geschuldet und wird dann als Werkzeug eingesetzt, um seinerseits weitere aussergewöhnliche Umstände produziert. Im Zeitalter Napoleons war Platz für genau einen Napoleon. Das relativiert seine Einmaligkeit gewaltig.

Öffentlichliche Bekanntheit ist gewiss kein zuverlässiger Gradmesser für Verdienste (wie viele verdienstvolle Leute kennen wir nicht beim Namen), v.a. aber ist sie kein Wert an sich.

Nichtsdestoweniger schafft öffentlichliche Bekanntheit besondere Möglichkeiten (da ist der Ruhm dem Geld verwandt), gerade für den Herausgeber einer Zeitung. Die Erfolge, die FS in der Öffentlichkeit erzielt hat, halte ich für durchaus bemerkenswert. Nur muss man sie im Kontext seines übrigen Wirkens sehen, nämlich in seiner Tätigkeit als Herausgeber. Sonst sind sie nichts wert (eine Option, die nicht genutzt wird, ist verschenkt).

Das “Napoleonide” gehört zum Narrativ, nicht zur Person. Es erscheint mir aussichtlos, hier mehr als die Begabung zur Selbstinszenierung entdecken zu wollen.

Insider Juni 19, 2014 um 10:08

@ gelegentlich
Wenn man die Betonung des Geldes herausnimmt liegen die Beiträge von @Insider und von @Morph doch gar nicht so weit auseinander.

Die Differenz liegt in der soziologischen Analyse und Diagnose. Ist diese Gesellschaft durch Herrschaft und Ausbeutung gekennzeichnet? Handelt es sich um eine antagonistische Klassengesellschaft? Herrschen Menschen willentlich, geplant und organisiert über Menschen oder handelt es sich um ein selbstorganisierendes System, welches als Subjekt fungiert und alle Menschen zu seinen ohnmächtigen Objekten macht?

Der Satz: „Geld regiert die Welt.“ ist natürlich platt und kein Soziologe würde dies so unterkomplex formulieren. Herrschaft erfordert das Eigentum bzw. die Verfügung über Macht- und Gewaltmittel, mittels derer Menschen beherrscht und manipuliert werden können.

Ob und wie mittels Geld Macht ausgeübt werden kann, ist eine Frage der gesellschaftlichen Ordnung, insbesondere der Rechtsordnung. Z.B. ob es erlaubt bzw. legal ist, Menschen auszubeuten und/oder wirtschaftlich zu exkludieren, politische Funktionsträger zu korrumpieren, private Massenmedien (Privatrundfunk, Privat-TV) zu besitzen, Privatarmeen zu unterhalten etc.

In einer antagonistischen Klassengesellschaft gibt es immer Klassenkampf, auch wenn er (pseudo)demokratisch-parlamentarisch, sozialpartnerschaftlich und marktförmig inszeniert, verschleiert und verleugnet wird und bei den beherrschten und ausgebeuteten Klassen kein entsprechendes Klassenbewusstsein hervorbringt.

Selbstverständlich funktionieren die Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse im Bereich der Medien anders als beim Militär. Einem Manager oder Journalisten werden meist keine direkten Befehle erteilt, sondern gibt es explizite und implizite Vorgaben sowie Zielvereinbarungen. Aber auch bei Managern gilt genauso wie bei jedem gewöhnlichen Lohnabhängigen, dass er die Interessen derer umzusetzen hat und keineswegs verletzen darf, die ihn anstellen und bezahlen. Ansonsten ist er seinen Job los.

So wurden bei der FAZ bereits zwei Herausgeber entlassen.

Die FAZ gehört mehrheitlich (zu 93,7 %) der Fazit-Stiftung.

Wie bei Wikipedia nachzulesen, geht die Gründung der FAZ im Jahr 1949 auf einen Beschluss der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (Wipog) zurück, eines zwei Jahre zuvor gegründeten Vereins von Unternehmern, die ihre Interessen in der Öffentlichkeit stärker vertreten sehen wollten.

Zum Stellenwert der Fazit-Stiftung ist u.a. der Artikel „Dahinter stecken zwölf kluge Köpfe – Wer sind die neuen Herren der „Frankfurter Rundschau”?“ informativ.

Daraus die folgenden Zitate:

Durch Vertrag ist den Herausgebern [der FAZ] anvertraut, „die geistige, politische und wirtschaftliche Haltung“ der „FAZ”-Medien zu bestimmen. Zu diesem Zweck halten sie jeweils einen repräsentativen Anteil der FAZ GmbH im Nennwert von 463.000 Euro. Diese kleinen, aber feinen Geschäftsanteile (knapp 1,26 %) sind laut Satzung „zwar stimm-, nicht jedoch gewinnberechtigt; sie sind nicht vererbbar und gehen beim Ausscheiden eines Herausgebers in die Hand des Nachfolgers über“.

Die FAZIT-Stiftung hält seit ihrer Gründung am 22. April 1959 die ausschlaggebende Mehrheit der Anteile und sichert so „die Unbeeinflussbarkeit der ‘FAZ’ unwiderruflich“.

Die FAZIT-Stiftung hat alles unter Kontrolle.

[D]ie Gründerväter der „FAZ” [strebten] eine Zeitung an, „die für die Idee der Sozialen Marktwirtschaft werben [sollte].

Damit ist klar, welche ideologischen Vorgaben und Aufgaben die Herausgeber der FAZ zu erfüllen haben.

Zugleich ist die FAZ ein Unternehmen, welches sich wirtschaftlich erfolgreich am Markt behaupten muss. Die finanziellen Probleme der FAZ thematisiert dieser Artikel.

Schirrmacher hat m. E. bezüglich der FAZ bzw. der Interessen und Ziele derer, welche die Fazit-Stiftung eingerichtet haben und kontrollieren, hervorragende Arbeit geleistet. Er war ein exzellenter Medienmanager und brillanter Selbstvermarkter.

Schirrmacher war Teil des systemerhaltenden Establishments. Seine Parteinahme war eindeutig für den Erhalt der herrschenden Eigentums- und Wirtschaftsordnung. Wenn man will, kann man ihn einer „neuen Rechten“ zuordnen, welche – anders als die traditionellen Rechten – alltagskulturell und ideologisch „modern“ auftritt.

Die „neuen Rechten“ – ob rot, grün, gelb, schwarz oder „links“ – sind vor allen erfolgreiche Karrieristen und Selbstvermarkter mit der Mentalität eines kleinbürgerlichen Anarchisten, denen es vor allen um die Befriedigung ihrer privaten Bedürfnisse geht und denen traditionelle Moral- und Wertvorstellungen sowie die Zukunft der Gesellschaft und Menschheit relativ gleichgültig sind.

Das Establishment handelt aus seiner egozentrischen und selbstvermarkterischen („betriebswirtschaftlichen“) Strukturierung des Bewusstseins gesamtgesellschaftlich reaktionär und irrational. Es ist unwillig und unfähig zu jenem gesellschaftlichen Wandel, welcher im Interesse der Gesellschaft und Menschheit notwendig ist. Aufgrund der herrschenden kognitiven Dissonanz handelt das Establishment gesellschaftlich und kulturell zerstörerisch und sägt sich – bildlich gesprochen – den Ast ab, auf dem es sitzt.

Diesen Aspekt hat @Carlos Manoso bereits angesprochen. Dort sehen wir auch die kognitiven und intellektuellen Grenzen der Funktionseliten. So auch bei Schirrmacher.

Allerdings ist dies eine Betrachtung aus der Außenperspektive. In ihrer subjektiven Selbstwahrnehmung sehen sich die „neuen Rechten“ häufig völlig anders.

Selbstverständlich war Schirrmacher als FAZ-Herausgeber Rollenerwartungen und –zwängen unterworfen. Insofern ist eine Kritik, wie jene von @Keynesianer vorgebracht, unsinnig, weil sie im Grunde Schirrmacher vorwirft, dass er seinen Job, der mit sehr viel Geld bezahlt wird, gemäß seinem Rollenauftrag exzellent gemacht hat. Allerdings war es ein neoliberaler Job mit dem Auftrag von „reaktionärer Modernisierung“.

Die von Schirrmacher produzierte kognitive Dissonanz wird insbesondere in den Nachrufen deutlich, die an intellektueller Peinlichkeit kaum zu überbieten sind.

Balken Juni 19, 2014 um 10:15

Was an Sloterdijk stört und verstimmt, ist die simple Absichtlichkeit, mit der er zu Werke zu gehen pflegt. Das Gegenteil von Philosophie, des Dranges nach Erkenntnis. Er hingegen hat eine Idee, und dann wollen wir doch mal sehen, was dazu passt oder passend gemacht werden kann. Wildern wir also mal quer durch den geistesgeschichtlichen Gemüsegarten. Einen trefflichen normativ klingenden Schreibduktus haben wir ja. Wir tasten nicht, wir suchen nicht, wir forschen nicht, wir wissen. Und das soll jeder wissen, der uns liest. Napoleonider Schreibstil. ;-)
Dass die Idee, die seinen Parforceritt leitet, regelmäßig eine reaktionäre ist, im vorliegenden Falle die säkularisierte Wiederaufwärmung der Erbsünde als “Schuster, bleib bei deinem Leisten”, ist da nur das kleinere Übel. Die höheren Damen der gebildeten Stände werden dankbar applaudierend seinen philosophischen Salon stürmen.

wowy Juni 19, 2014 um 10:22

OT
http://www.sueddeutsche.de/politik/entscheidungen-im-bundestag-gesetzemachen-im-wm-taumel-1.2004009
Ist wohl gerade im Trend darüber nachzudenken, was im WM-Taumel alles entschieden werden kann.
Wie wäre es mit aufklärender Berichterstattung? Mit Hintergrundberichten über die anstehenden Entscheidungen im Bundestag anstatt ausführlicher Artikel über Talkshows (@fl no offend)?
#Qualitätsjournalismus

Balken Juni 19, 2014 um 10:23

… Normativ klingend …
Ich glaube, auktorial trifft es besser.

wowy Juni 19, 2014 um 10:26

Worum es gehen soll findet man übrigens hier:
http://bundestag.de/tagesordnung

Soldat Schwejk Juni 19, 2014 um 10:28

Es gab aber noch größere Helden der Moderne als den Napoleon. Die von ihren Zeitgenossen als absolute Ausnahmeerscheinung gesehen wurden.

http://www.orlandos.de/stalin.htm

Das Genre der Nachrufe ist erledigt. Alle Nachrufe sind nur noch Fußnoten zu den Nachrufen auf den Genossen Stalin. Auch werden heute viele Nachrufe ja bereits zu Lebzeiten “auf Vorrat” geschrieben, damit sie beim Eintreffen der Nachricht zeitnah veröffentlicht werden können. Das hätte sich beim Genossen Stalin niemand getraut.

Balken Juni 19, 2014 um 11:12

Es ist überhaupt eine blöde Idee, Individualisierung und Entwurzelung so zwingend zusammenzudenken, wie Sloterdijk es zu tun scheint. Die Fähigkeit zur Selbstbestimmtheit im eigenen Leben kann gerade auch die Fähigkeit enthalten und begünstigen, sich eingepflichtet zu wissen in einen Zusammenhang, der mich verantwortlich macht. Dieser Zusammenhang bleibt dem zur größtmöglichen Individualität Befreiten, gerade weil er dazu befreit ist, inhaltlich aber stets diffus, abstrakt. Eben nur ein kategorischer Imperativ, der als solcher, wegen meiner eigenen offensichtlichen Kontingenz, aber unbezweifelbar bleibt. Konkret übersetze ich mir diesen Imperativ daher immer nur selbst, das lasse ich niemanden für mich übernehmen. Das genaue Gegenteil zu einer naiven zünftigen Eingebundenheit, die der postmoderne Retrosalon-Löwe da zu beschwärmen scheint, und die den Einzelnen wieder auf das zurück- und herumschubsbar macht, was er schließlich doch bloß ist.

@Schwejk
Wunderbar!

Ja, wieso ausgerechnet Napoleon? Wenn ausgerechnet er als das alles im Bewußtsein ist, @Morph, könnte dass dann an (deinem) Bewusstsein liegen?
Mir waren da z.B. Bruno, Machiavelli eingefallen. Wie wär ‘s mit Leonardo?
Oder, wenn es ein paar Zeitgenossen sein sollen, Goethe (der den Weltgeist zu Pferde so genannt hat hat eigentlich das tatsächliche Copyright darauf), Bettina v. Arnim, Caroline v. Günderrode, Chamisso. Irgendwie auch angenehmere Typen. Aber das individualisierte Kind musste ja ein schreckliches sein.
Warum also Napoleon? Wie schon gesagt, weil der zu Sloterdijks Idee zu passen schien. Und man muss ja beim Ritt durch den geistesgeschichtlichen Gemüsegarten nicht zu viele Pflänzchen mitnehmen, das verwirrt die Damen des Salons und schadet der “Stimmigkeit” des leitenden Einfalls für die leichte Kost.

Morph Juni 19, 2014 um 11:13

@insider

Du willst sagen, Schirrmacher sei kein Kommunist gewesen? Da hast Du wohl recht. Kann man aber auch kürzer sagen. Und haut mich jetzt auch nicht dermaßen vom Stühlchen. ;-)

gelegentlich Juni 19, 2014 um 11:15

@Morph
Mit dem letzten Beitrag von @Insider entfällt das hier:
„Naja. So eine ‘funktionale Bewertung’ ohne Kenntnis der institutionellen Form der FAZ, ohne Kenntnis der letzten 15 Jahre FAZ-Feuilleton und des kulturellen Umfeldes, ohne Kenntnis des stilistischen Umbruchs vom Joachim-Fest-Feuilleton zum Frank-Schirrmacher-Feuilleton, was soll da rauskommen? Schlappe immergleiche Klassenanalyse: Die Journalisten sind Mietmäuler des Kapitals.“
Wenn sich der Gegenstand nicht groß ändert – warum sollte sich dann seine kritische Beschreibung groß verändern. Mir geht es nicht um den Menschen Frank Schirrmacher, der wohl unstrittig einer Reihe von Leuten weitergeholfen hat. Aber es fällt doch auf, dass er immer dann, wenn er Seinesgleichen kritisiert hat, auch fundamental kritisiert hat, stets allgemein blieb. Auf der Ebene des Allgemeinen kann man kritisieren was man mag. Da das Niemandem weh tut riskiert man damit auch nichts.
Bei allen Erfolgen der Selbstinszenierung war er deshalb ein Mensch, der auch nur mit Wasser gekocht hat.

Morph Juni 19, 2014 um 11:28

@Schwejk

“Es gab aber noch größere Helden der Moderne als den Napoleon.”

Für Dich vielleicht. Gibt auch Koreaner, die andere Heldenmythen pflegen. Aber weltgesellschaftlich ist das Urteil, wer der größte Held und wer der größte Schurke ist, eindeutig.

@Balken

“Ja, wieso ausgerechnet Napoleon?”

Ich hab’s zu erklären versucht. Die medialen Indikatoren sprechen eine eindeutige Sprache. Wenn Dich das nicht überzeugt, sei’s drum.

Morph Juni 19, 2014 um 11:46

@gelegentlich

“Mit dem letzten Beitrag von @Insider entfällt das hier”

Naja, @insider hat sich jetzt mal was auf die Schnelle zusammengegoogelt. Was es mit Müller-Voggs Entlassung auf sich hatte, weiß er natürlich nicht (auf geht’s vielleicht findet sich was im Netz, hopp hopp! ;-) ). Und was den Stilwandel des FAZ-Feuilletons unter Schirrmacher angeht, dazu kann @insider auch nichts Gehaltvolles beitragen. Es bleibt beim oberflächlichen und uninformierten Befund, dass der herrschende Journalismus der Journalismus der Herrschenden ist. Dieser Befund ist seit schätzungsweise einem halben Jahrtausend richtig. Warum? Weil es eine Tautologie ist. Laaaaangweilich!

“Wenn sich der Gegenstand nicht groß ändert – warum sollte sich dann seine kritische Beschreibung groß verändern.”

Wiederum eine Frage der Perspektive. Der Gegenstand ändert sich derzeit in einer historisch beispiellosen Rasanz. Wer das nicht mitbekommt, leidet offenbar unter ideologischer Sinnesverstopfung.

Soldat Schwejk Juni 19, 2014 um 12:02

@ Morph —> “weltgesellschaftlich ist das Urteil, wer der größte Held und wer der größte Schurke ist, eindeutig”

Nö. Oder Preußen ist nicht Teil der Weltgesellschaft. Hier heißen Straßen nach Gneisenau, Blücher, Waterloo und so. “Napoleon” heißen hier die Kampfhunde aus… ähem… bildungsfernen Schichten. Und in Rußland wird Napoleon wohl so als ein Nachfolger von Karl XII. und Vorgänger vom “größten Schurken” angesehen. Die größte Heldin der Moderne ist dort Katharina die Große.

Stefan Zweig scheint Napoleon ja auch nicht für besonders interessant gehalten zu haben. Über Joseph Fouché und Marschall Grouchy hat er geschrieben. Nicht über Napoleon. Eigentlich ist Fouché ja auch viel moderner als Napoleon. Und Büchner hat in “Dantons Tod” erregende Psychogramme der Revolutionshelden geliefert. Ich meine, Danton und Robespierre regen doch die Phantasie an. Napoleon nicht. Über Napoleon, hat da überhaupt jemand irgendwas Bemerkenswertes geschrieben?

Aber man könnte ja eine Eurovisionsfernsehsendung machen mit Televoting: Wer ist der größte Held der europäischen Moderne? Der wird posthum Kommissionspräsident ehrenhalber. Da kannst Du dann für Napoleon voten. Aber selbst in Frankreich würde vielleicht eher De Gaulle gewinnen.

Ostsächsischer Papierkorb Juni 19, 2014 um 12:10

Für dieses Blog ist das Ableben eines wie auch immer genordeten Großgeistes natürlich von herr raus rragender Bedeutung. Denn wie Tanten zur Sahne versammelt sich im Nu das kryptosophische Quartett. Manche haben sofort ihren besten Anzug herausgeholt.
Bitte gönnt mir zum üblichen Schütteln diesmal auch ein kleines Schmunzeln.

Carlos Manoso Juni 19, 2014 um 12:15

@Morph Juni 18, 2014 um 20:29
“Wenn man die Betonung des Geldes herausnimmt liegen die Beiträge von @Insider und von @Morph doch gar nicht so weit auseinander.”
Abstände sind ja eine Frage der Perspektive.“

Morph, Abstände sind in der Tat eine Frage der Perspektive. Es existieren Perspektiven, die garnichts nichts mehr sichtbar machen. Nehmen wir z.b. das ahistorische Verständnis vom ewig immergleichen, abwechselnd expandierenden und kontrahierenden Kapital (wobei nach meinem Verständnis sowohl “Löhne“ als auch „Profite“ bloße Funktionsebenen des Kapitals sind).

An der Oberfläche des Weltkapitals nimmt der immer weiter in die ZUKUNFT hinausgeschobene Verbrauch zukünftiger „Profite“- nennen wir diese Ware virtuelle „Zukunftserwartungen“ – sowie „Löhne“ – real am Geldautomat verfügbar – entsprechend absurde Verlaufsformen an, z.B. die Funktionsteilung in „Überschussländer“ und „Defizitländer“. Die einen kaufen mit Geld aus zukünftigen Einnahmen Waren, deren Produktion von den anderen durch Zugriff auf zukünftige Erlöse vorfinanziert wurde.

Zwischen vergangener realer und virtuell vorweggenommener zukünftiger Wertschöpfung klafft ein zunehmend sich ausdehnendes schwarzes Loch, dessen schiere Masse klares Denken zunehmend unmöglich zu machen scheint.

Morph Juni 19, 2014 um 12:17

@Schwejk

“Über Napoleon, hat da überhaupt jemand irgendwas Bemerkenswertes geschrieben?”

Tolstoi? DEN Roman schlechthin?

Nein? Passt Dir nicht? Weil der nicht annähernd so häufig gelesen worden ist wie Harry Potter?

Uff, ja, ich geb’s auf… ;-)

Linus Juni 19, 2014 um 12:20

@Morph:
“Es bleibt beim oberflächlichen und uninformierten Befund, dass der herrschende Journalismus der Journalismus der Herrschenden ist.”
Dein Gröfaz-Ranking liefert da auch keine Erleuchtung, sondern bestätigt diesen Befund.

Soldat Schwejk Juni 19, 2014 um 12:32

@ Morph

Das ist ein historischer Roman, in dem Napoleon als eine von vielen handelnden Figuren auftritt. Aber nicht als weltgeisternde Ausnahmeerscheinung und auch nicht als zentraler “Held”. Kein Beleg für Deine These.

Muß jetzt aber weg.

Morph Juni 19, 2014 um 12:38

@Schwejk

die Frage ist ja nicht, wer ist am sympathischsten, kreativsten, reflektiertesten. Es geht bei napoleoniden Erscheinungen nicht um ‘menschliche’ Qualitäten, sondern um ein hochriskantes, eigentümlich selbstloses Spiel mit Machtchancen. Das setzt eine besondere Persönlichkeitsstruktur voraus. Und solche Leute werden zu Medien ihrer Zeit (durchaus im spiritistischen Sinn).

Hegels Diktum vom “Weltgeist zu Pferde” ist da wirklich treffend.

Morph Juni 19, 2014 um 12:42

@Schwejk

Napoleon ist bei Tolstoi eine bemerkenswert hintergündige Figur, unprofiliert, ohne sympathische Züge, gleichsam randständig. Aber Napoleon hält diesen Riesenroman zusammen.

Napoleon und der (Un-)Sinn der Geschichte, das ist das geheime Thema von Krieg und Frieden.

Insider Juni 19, 2014 um 17:57

@Linus Juni 19, 2014 um 09:42
Man muss wohl zwischen dem, was eine Person von sich aus mitbringt, und ihrer öffentlichen Wahrnehmung unterscheiden. …
Vieles im Leben eines Menschen ist den jeweiligen Umständen geschuldet …
Öffentlichliche Bekanntheit ist gewiss kein zuverlässiger Gradmesser für Verdienste …
Nichtsdestoweniger schafft öffentliche Bekanntheit besondere Möglichkeiten (da ist der Ruhm dem Geld verwandt), gerade für den Herausgeber einer Zeitung. Die Erfolge, die FS in der Öffentlichkeit erzielt hat, halte ich für durchaus bemerkenswert. Nur muss man sie im Kontext seines übrigen Wirkens sehen, nämlich in seiner Tätigkeit als Herausgeber.

Genau dies lässt sich am Beispiel der Schweiz aufzeigen.

Ronnie Grob verdanken wir den Hinweis, dass die SRF-Tagesschau Frank Schirrmacher in ihrer Hauptausgabe nur kurz würdigte und zudem seinen Namen falsch schrieb.

http://medienwoche.ch/beta/wp-content/uploads/2014/06/frank-schirrmacher-im-srf.png

Nota bene:

Man sollte Schirrmachers Wirkung aufs deutsche Feuilleton nicht mit seiner Wirkung auf die Welt oder gar Weltgeschichte verwechseln.

So schreibt Bettina Röhl:
Frank Schirrmacher war einer der Dirigenten der ganz eigenen und zum Teil in sich selbst rotierenden Feuilletonwelt, in der seine beiden hier beispielhaft heraus gegriffenen Bücher wie siebte Weltwunder gehandelt wurden. Genau so wurden auch seine späteren Bücher, “Payback” und “Ego Das Spiel des Lebens” etwa zu den Folgen des Internets und der Digitalisierung aufgezogen und wie gesellschaftliche Ereignisse, die die Welt verändert hätten, gehandelt. Das ist unbestreitbar das Phänomen Schirrmacher, das er sich in seinen Kreisen und vor allem medienintern zu einem Guru entwickeln konnte, dem Jahrhundert – oder gar Jahrtausendeigenschaften zugeschrieben wurden, wie sie jetzt in den Nachrufen Inflation haben.
http://www.wiwo.de/politik/deutschland/bettina-roehl-direkt-frank-schirrmacher-der-aufreger-seite-all/10054838-all.html

Offensichtlich haben wir es mit eine Art „Käseglocke“ zu tun, unter der das deutsche Feuilleton lebt und für sich eine Wichtigkeit und Wirkung imaginiert, welche sich von der Realität abgelöst hat.

Carlos Manoso Juni 19, 2014 um 18:00

@Morph Juni 19, 2014 um 12:38
„Es geht bei napoleoniden Erscheinungen nicht um ‘menschliche’ Qualitäten, sondern um ein hochriskantes, eigentümlich selbstloses Spiel mit Machtchancen. Das setzt eine besondere Persönlichkeitsstruktur voraus. Und solche Leute werden zu Medien ihrer Zeit (durchaus im spiritistischen Sinn).
Hegels Diktum vom “Weltgeist zu Pferde” ist da wirklich treffend.“

Morph, hmm. so so. Das „abendländische Subjekt“ mitsamt der „(un)kritischen Subjektideologie“ ist also bei den Luhmännnern nicht an sein definiertes Ende gekommen ?

Carlos Manoso Juni 19, 2014 um 19:06

@Insider Juni 19, 2014 um 17:57
„Man sollte Schirrmachers Wirkung aufs deutsche Feuilleton nicht mit seiner Wirkung auf die Welt oder gar Weltgeschichte verwechseln….
Offensichtlich haben wir es mit eine Art „Käseglocke“ zu tun, unter der das deutsche Feuilleton lebt und für sich eine Wichtigkeit und Wirkung imaginiert, welche sich von der Realität abgelöst hat.“

Insider, man sollte Schirrmacher von Morphs „napoleoniden Erscheinungen“ etwas differenzieren.

Wie das warenproduzierende System scheinbar alle Formen von Kritik selber in Waren verwandeln und dadurch „strukturell“ unschädlich machen kann, so scheinen Luhmänner (abgesehen von singulären Autonomie- und Souveränitätseruptionen a la „napoleonide Erscheinung“ (so Morph über Schirrmacher) alles in jeweils höhere und elaborierterere Formen der Selbstaffirmation umbiegen zu müssen. Geld ?Macht grenzt fast schon die Geistesverfassung von geisteskranken Triebttätern.

gelegentlich Juni 19, 2014 um 19:14

Vielleicht reden wir ja nur aneinander vorbei und es geht den jeweiligen Autoren nur um ein anschaulich darstellbares Beispiel zur, ähm, Komplexitätsreduktion? Sozusagen um ein Stück fleischgewordenen Zeitgeist?
„Georg Diez argumentiert nicht. …Es gibt in Sloterdijks Buch, S. 87ff. eine Liste aktueller Problemkonstellationen, die m.E. eine argumentative Auseinandersetzung fordern.g Diez argumentiert nicht. Und ich mag mir nicht vorstellen, dass Du einer bist, der irgendwelchen Rezensionen nachplappert.“
Dass er polemisch ist – akzeptiert. Dass er weniger argumentiert als Du würde ich nicht sagen. Und wenn auf S. 87 ff. so Wichtiges steht wäre es nett, wenn Du oder Einer, der das auch findet, wenigstens ein paar Sätze dazu schreiben könnte. Ich bin im Moment im Ausland; egal, ein Buch dieser Figur würde ich nicht kaufen. Mir gebet nix, sein Gehalt reicht.

Morph Juni 19, 2014 um 20:54

@gelegentlich

Ich wollte auch nicht für Sloterdijk argumentieren, sondern @Balken einen Hinweis geben, welche Seite er mal aufblättern könnte, wenn er das nächste Mal in eine Buchhandlung geht und sich einen eigenen Eindruck verschaffen will.

@CM

“abgesehen von singulären Autonomie- und Souveränitätseruptionen a la „napoleonide Erscheinung“ – so Morph über Schirrmacher”

von Autonomie und Souveränität habe ich nichts geschrieben. Sondern von einer eigentümlich selbstlosen hochriskanten Nutzung von Machtchancen. Und auch geht es mir nicht um die Person als historisches Subjekt, sondern um die Person als historisches Medium. Zwei völlig verschiedene Kategorien. An das olle “Männer machen Geschichte” habe ich noch nie geglaubt. Auch nicht an “Klassen machen Geschichte”. Ich halte es da ganz mit Tolstoi und Luhmann: Geschichte ist eine schrecklich wuselige Kette von Missverständnissen und Zufällen. Aber manchmal verdichten sich Geschehnisketten zu sich selbst verstärkenden Trends, und zuweilen gibt es Personen, die den Drachen reiten, auf einen Trend draufspringen und ihn verkörpern.

Schirrmacher hat die Krise der Buch- und Printkultur verkörpert. Und dazu brauchte es ein napoleonisches Temperament. Das ist jedenfalls mein Eindruck und das ist sozusagen die Kollektivbotschaft der Nachrufe.

The Real Slim Shady Juni 19, 2014 um 21:00

>Wer erlebt hat, mit welchen psychologischen Mitteln Schirrmacher Menschen gefangen hat,

Sag doch mal: mit welchen psychologischen Mitteln hat er dich denn dazu gezwungen, dein Konterfei auf einer FAZ-Doppelseite ablichten zu lassen und einem waschechten Bundeskanzler-Kandidaten die Hand zu schütteln? Wieso kannst du ihm nicht einfach dankbar sein für das, was er dir ermöglicht hat, genauso wie die vielen anderen (mich und Lübberdingens selbstredend eingeschlossen), die ihm dankbar sein sollten? Schirrmacher war ein Mensch und kein Heiliger. Er hatte zahlreiche Schwächen, und letztlich ist er an ihnen gestorben (Übergewicht, Kettenraucher, no sports, Stress total). Aber als Mensch war er eine Bereicherung. Zumindest für diejenigen, von denen er aus irgendeinem Grund fasziniert war (yes, baby, that includes you, too!!!). Ich mochte ihn. Nicht alles was er sagte oder schrieb, gefiel mir. Ich mochte ihn trotzdem. Schirrmacher war 100% Schirrmacher. Schade um ihn.

The Real Slim Shady Juni 19, 2014 um 21:05

@Goodnight

>Und hat deshalb etwas liefern können, was niemand anders liefern kann. Bilder von draußen.

Er war übrigens Zeit seines Lebens brennend daran interessiert, dich kennenzulernen. Und würdest du dummer Hund deine Scheiß-Emails lesen, wer weiß was da Tolles draus werden hätte können…

The Real Slim Shady Juni 19, 2014 um 21:10

>Das ist unbestreitbar das Phänomen Schirrmacher, das er sich in seinen Kreisen und vor allem medienintern zu einem Guru entwickeln konnte, dem Jahrhundert – oder gar Jahrtausendeigenschaften zugeschrieben wurden, wie sie jetzt in den Nachrufen Inflation haben.

und deshalb wird die liebe Bettina Röhl auch nie kapieren, warum die BILD-Zeitung die demokratiepolitisch wichtigste Zeitung Deutschlands ist. Aber daran hat FS wohl keine Schuld….

Morph Juni 19, 2014 um 21:40

@TRSS

“Wieso kannst du ihm nicht einfach dankbar sein für das, was er dir ermöglicht hat”

Ich bin nicht undankbar. Aber Dank ist für mich eine Kategorie symmetrischer Beziehungen. Und ich habe nie die Illusion gehabt, mit einem Herausgeber der FAZ in einer symmetrischen Beziehung stehen zu können. Bei dem Steinbrück-Interview habe ich in dem Bewusstsein mitgemacht, dass ich da bei einer Inszenierung mitmache, die ein Beispiele für die kommunikative Abstandslosigkeit im Online-Zeitalter geben soll. Ich habe da freiwillig mitgemacht, aus Neugier und der üblichen Portion Eitelkeit. Hat auch Spaß gemacht.

Ich schreibe Frank Schirrmacher nichts Schlechtes hinterher, wenn ich das Ausmaß und den Ton der Nschrufe verblüffend finde. Du sagst ja selber, dass er kein Heiliger war. Und ich glaube, dass diese bemerkenswerte Art der Nachrufe mit der Art zu tun hat, wie FS Leute für sich eingenommen hat. Und da habe ich halt vielleicht eine etwas ambivalentere Einschätzung als Du, Frank und Hans.

BB Juni 19, 2014 um 21:57

@Goodnight

“……Er führte zwei Leben: Er war Herrscher im Zentrum der deutschen Leitkultur, der FAZ. Zugleich war er ganz weit draußen, außerhalb aller Strukturen…….”

War Schirrmacher schwul? Hat er sich öfter mal ‘ne Nase gegönnt? Hat er nach 21 Uhr Frauenkleider angezogen? War er Latex-Fetischist?

Oder ist’s nur das übliche dünkelnde pseudo-pfiffige Geraune, um Leute wie TRSS zu beeindrucken? Deine Follower, diese halbwissenden Zombies, die auf deine unverständlichen Chiffren mit Kennerhaftem Kopfnicken abfahren, während die Dich durchschauenden proletarischen Intellekte draußen bleiben sollen?

Hosen runter! Alter Schönschwätzer!

Natalius Juni 19, 2014 um 23:14

@all, ab Juni 19, 2014 um 21:00

Interessantes Rennen – auch gut mal wieder ein “Machtwort” zu hören. Ich hatte erst schon gedacht, ich les nicht recht. Da isser noch nicht mal beerdigt und die Aasgeier kreisen schon und können es nicht lassen. Aber Gott sei Dank, werden jetzt erst mal Nonnen gemacht – Nomen est omen. Nonnen sind Frauen, die einen wenig lustvollen Beruf antreten, um zu helfen. Wir laufen nämlich in eine riesengrosse Schei..e hinein. Wir alle. Ego – so what, sorry Frank S. Wieviel Prozent Ego sind wir eigentlich? Ich meine zu 99% sind wir als Egos gemacht – selbst diejenigen, die sich als Ego-Macher verstehen – (Hab Dich hoffentlich nicht missverstanden, Frank S) – sind gemacht! Jetzt brauchen wir Nonnen, vielleicht eine Nonne und ich verlass mich darauf, dass derjenige, den es jetzt trifft, mit tapferem Wikinger-Blick die Küste und das Land erahnt, wo noch Nonnen existieren. Eine Beratung bei Sister Sorcha Faal kann nicht schaden – whatever wikipized writers will write.

Folkher Braun Juni 20, 2014 um 02:49

@Natalius. Ganz falsch: Der FS hat innerhalb weniger Jahre es geschafft, zu einer “Marke” zu werden. Mit welchen Inhalten auch immer. “Methusalem” war ja von der Sache her nicht der Brüller, aber ein “Aufreger.” Im Grunde hat er nur die Brüll- und Zeterkultur heutiger Medien-Erschaffung praktisch zu akademischen Weihen geführt. Wer in der FAZ zetert, kann nicht falsch liegen. Dass ihm wesentliche Entwicklungen der bürgerlichen Produktionsweise am “Ar$$$” vorbei gingen, bestätigen nur den Eindruck des intellektuell höherwertigen”eventmarketings”.

petervonkloss Juni 20, 2014 um 08:32

„Gegen die Heerden – Moral. Eine Kriegserklärung.“ F. N.

“Im Weltprozeß nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können.” P. S.

„Das Wesen der Technik ist nichts Technisches.“ Martin Heidegger.

-Unsere Welt der kommunizierenden Computer ist keine Welt nach dem Maß des Menschen. Dem Kult der sozialen Netzwerke zum Trotz deuten Datenverwaltung, Expertensysteme und Suchmaschinen auf die geheime Wirklichkeit des Gestells: Maschinen kommunizieren mit Maschinen. Ob man das nun Gestell, Matrix oder “the cloud” nennt – entscheidend ist nur, dass es sich by technology for technology vollzieht.-

Aber warum ist das so?

Von dem Moment an, wo sich die Technik zum Gestell geschlossen hat,…….. wiederholt sich hier die reine Mystik
auf dem Niveau der Seinsverlassenheit, siehe Meister Eckart.

(Meines Erachtens ist es auch keine katholische Noosphäre oder Weltgeist nach Teilhard de Chardin, geschweige denn ein hegelscher (Habermas), oder die List der Vernunft, die dem wie auch immer gearteten Telos Vorschub geben könnte.)

Sie ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch der Einholung des immerwährenden Jetzt und Da-Seyns, durch das judäo-christliche Denken (Paulus und Christus) entstandenen Utopos. (insgesamt der mosaischen Religionen);

Dagegen Friedrich Nietzsche: „Der Sinn des Werdens muß in jedem Augenblick erfüllt, erreicht, vollendet sein.“.

Die Technik ist also ein Corpus mysticum, das in seinen Emanationen über die Zeitgeister der Renaissance via
Leonardo da Vinci seine Strahlkraft entwickelte und entfaltete, und die des Adlers in seinem Seyn vergessen hatte!

Es gab übrigens ein Atom U-Boot Namens Corpus Christie.

Darüber entstanden per klassischer Metaphysik die Massen der Menschheit und die Techniken zu ihrer „ewigen“ Befreiung, die
unweigerlich das Desaster herbeiführen, da alle Kulturen ihr natürliches Ende haben, so wie es Geburt und Tod gibt.

„Von einem unbewußten Ziele der Menschheit zu reden halte ich für falsch. Sie ist kein Ganzes wie ein Ameisen-
haufen. Vielleicht kann man von dem unbewußten Ziele einer Stadt, eines Volkes reden: aber was heißt es, von
dem unbewußten Ziele a l l e r A m e i s e n h a u f e n der Erde zu reden!“.

„Gegen die Theorie vom „m i l i e u“. Die Rasse unsäglich wichtiger. Das milieu ergibt nur „Anpassung“;
innerhalb derselben spielt die ganze aufgespeicherte Kraft.“ Friedrich Nietzsche.

wowy Juni 20, 2014 um 09:21

@BB
:-)

petervonkloss Juni 20, 2014 um 11:15

Anbei:
„Acta diurna“ mit Hochachtung!

19. Juni 2014

Es müsste doch eigentlich zu denken geben, dass das autoritäre, ständestaatliche, militaristische, reaktionäre, frontalunterrichtende, vom Untertanengeist bis in die Bandscheibenschäden des letzten Dorfbeamten durchdrungene Zweite deutsche Kaiserreich sowohl wissenschaftlich als auch kulturell unendlich bedeutender war als die freie, aufgeklärte, weltoffene, tolerante, zivililgesellschaftliche, diversifizierte und kolossal bunte Bundesrepublik.

18. Juni 2014

Niemand habe “die Streitkultur dieses Landes so befeuert wie Jürgen Habermas”, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ zum 85. Geburtstag des Kommunikationstheologen und Transzendentaldemokraten, dem Leser selbst die Lösung des Rätsels anheimstellend, wie jemand deutsche Debatten “befeuern” will, der kein Deutsch kann – und überdies beharrlich einen Generalverdacht nach dem anderen gegen die Bevölkerung des von ihm federführend bewohnten Landes formuliert (wenn auch meist miserabel). Der Panegyrikus verliert kein Wort über die Intrigen, Hinterzimmer-Ränke und Denunziatiönchen des Starnberger Seismographen, der mehr Debatten verhindert, Karrieren beeinflusst, Diskutanten gerufmordet oder rufmorden lassen hat als jeder andere lebende deutsche Intellektuelle.
Kein schöner Land in dieser Zeit…

(Was ist los mit Ihnen Kaube? Schon neulich Ihre Heidegger-Denunziation: Werden Sie bedroht? Ist Ihr Altenteil gefährdet? Sie sind doch sonst bei Trost!)

Insider Juni 20, 2014 um 12:19

@Carlos Manoso Juni 19, 2014 um 19:06
Geld ?Macht grenzt fast schon [an] die Geistesverfassung von geisteskranken Triebttätern.

Carlos Manoso, ein wichtiger Hinweis!

Denn es stellt sich die Frage nach dem geistigen Zustand jener Individuen, welche z. B. den Zusammenhang zwischen Geld und Macht negieren oder die Menschheit als beherrscht von extraterristischen Existenzen erleben – und dies aus vollster subjektiver Gewissheit.

Das Bewusstsein dieser Individuen hat sich losgelöst von dem, was von der Allgemeinheit der geistig Gesunden als rational und wahr angesehen wird, und wird von subjektiven Konstrukten bestimmt.

Werden derartige subjektive Konstrukte zur Normalität bei den Individuen in einer Gesellschaft, dann hat sich diese in ein Irrenhaus entwickelt.

Früher war Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft ein Referenzsystem für Rationalität, aber inzwischen dominiert auch dort die Marktlogik. Auch Wissenschaftlern geht es vor allem, sich selbst erfolgreich zu vermarkten und zu verkaufen.

Die Irrationalität des Systems – das „irre Ganze“ (Adorno) – manifestiert sich in den Köpfen vor allen bei jenen Individuen, die im ideologischen Bereich sozialisiert wurden und dort ihr Geld verdienen müssen.

Denn im ideologischen Bereich kann man sich – wenn überhaupt – nur als Systemapologet erfolgreich vermarkten, eben als jemand, der Herrschaft, Ausbeutung, Barbarei und Autodestruktivität des kapitalistischen Systems leugnet und umdeutet. Dauerhaft praktiziert wird diese Realitätsverleugnung gewissermaßen zur zweiten Natur und läuft dann automatisiert und unbewusst ab.

Zudem fehlt diesen Individuen beruflich der praktische Bezug zur materiellen Wirklichkeit und folglich ein entscheidendes Korrektiv für ihre realitätsfernen subjektiven Konstrukte.

Die Arbeitstherapie mit handwerkliche Tätigkeiten ist daher fester Bestandteil des therapeutischen Angebotes in Psychiatrien.

Morph Juni 20, 2014 um 13:14

@CM & @Insider

“Geld ?Macht grenzt fast schon [an] die Geistesverfassung von geisteskranken Triebttätern.”

Sicher. Dänemark grenzt ja auch fast schon an Italien. Ihr seid schon zwei ausgebuffte Logiker! ;-) Mal ein Beispiel extra für Euch, auf Sendung-mit-der-Maus-Niveau:
http://www.youtube.com/watch?v=k25wI_TiYuU

Und was lernen wir aus diesem Clip, liebe Kinder?

Dass mehr oder weniger instituationalisierte Amtsinhaber, Leute mit Macht/Einfluss, in diesem Fall ein Klatschreporter, käuflich sind, wohl wahr. Aber eben auch, dass Geld und Macht getrennte Sphären sind und dass die korruptionstechnische Überwindung der Schranke eine prekäre Angelegenheit ist. Von Geld = Macht kann jedenfalls keine Rede sein.

Es gilt folgende Gesetzmäßigkeit: Je transparenter politische Entscheidungsverfahren und je sachpolitisch illegitimer eine Entscheidung, desto unwahrscheinlicher bzw. kostspieliger der Korruptionserfolg.

“Die Arbeitstherapie mit handwerkliche Tätigkeiten ist daher fester Bestandteil des therapeutischen Angebotes in Psychiatrien.”

Ach Gottchen, alter Mann, kommste jetzt wieder mit Deiner Ab-ins-Arbeitslager-Erregung? Da werde ich richtig wehmütig, die haste auch schon im alten Weissgarnixblog draufgehabt, wenn Dir Deine windigen Argumente davongeflogen sind. Mach Dich mal locker! ;-)

Balken Juni 20, 2014 um 13:51

Ein hübscher Schaukampf. Henne oder Ei, was war zuerst da?
Geld gleich Macht, Geld ungleich Macht.

Die Frage stellte sich nicht, befänden wir uns nicht in einer 0,1 % – Gesellschaft. Mein Ceterum censeo. Schaut in die hochoffizielle Statistik der Vermögensverteilung.
Es gibt in jeder Kultur offenbar nichthinterfragte vollständig irrationale Grundsetzungen. Die Menschenopfer der Inkas, um die Sonne zu befriedigen, die absolute Präferenz des shareholder value, der mitten im zivilisiertesten Europa Menschenopfer der “Struktureformen” einfordert (die wir natürlich mit den Toten stalinistischer Regimedurchsetzung niemals nie nicht vergleichen wollen), sind beide eine clamheimliche Durchsetzung besonderer Ansprüche auf die Zuteilung der Allmende. Nur dass die modernere Herleitung wesentlich unverstellter ist, weil sie sich nicht mehr in irgendeiner unangreifbaren Transzendenz zu begründen versucht.
Das zu sagen, heißt noch nicht, es zu ändern. Aber es ist die Voraussetzung dazu (Hessel, sinngemäß).
“Ich beginne zu glauben, dass die Linke doch Recht hat” ;-) war immerhin ein -wie ernst oder unernst auch immer gemeinter – Aufreger, der der Ausgewogenheit wegen halt auch mal sein musste.

Natalius Juni 20, 2014 um 13:55

@Insider,

“Denn es stellt sich die Frage nach dem geistigen Zustand jener Individuen, welche z. B. den Zusammenhang zwischen Geld und Macht negieren oder die Menschheit als beherrscht von extraterristischen Existenzen erleben – und dies aus vollster subjektiver Gewissheit.”

Was @Morph und @Natalius verbindet ist, dass beide supra-anthropozentrische Standpunkte einnehmen. Während @Morphens institutionelle Selbstreferentialität über der Selbstreferentialität des einzelnen Akteurs angesiedelt ist, betrachtet @Natalius die Selbstreferentialiät einer gesamten Spezies als fragwürdig. Erstens, weil wir nicht die einzige uns bekannte Lebensform auf diesem Planeten sind, zweitens, weil es (stark umstrittene) historische, paläontologische und archäologische Befunde gibt, die unsere Megalomanie, die erste intelligente Zivilisation auf diesem Planeten zu sein, doch sehr in Frage stellen, und drittens, weil der Panspermiegedanke in den Naturwissenschaften so alt wie Svente Arrhenius ist – und selbst von Leuten wie Francis Crick (hardcore materialist) sogar als “directed panspermia” aufgewärmt wurde.

Ich gebe dir Recht, @Insider, normaal ist das nicht? Aber welchen Wissenschaftler interessiert das, wenn er nicht gerade in die von Dir umrissene Kategorie fällt.

“Das Bewusstsein dieser Individuen hat sich losgelöst von dem, was von der Allgemeinheit der geistig Gesunden als rational und wahr angesehen wird, und wird von subjektiven Konstrukten bestimmt.”

Auch das Bewusstsein von Kopernikus, Bruno und Gallileo hatte sich losgelöst von dem, was von der Allgemeinheit der geistig Gesunden als rational und wahr angesehen wurde. Trotzdem kam es zum Übergang des geozentrischen in das heliozentrische Weltbild.

Carlos Manoso Juni 20, 2014 um 15:45

@Natalius Juni 20, 2014 um 13:55
„Was @Morph und @Natalius verbindet ist, dass beide supra-anthropozentrische Standpunkte einnehmen. Während @Morphens institutionelle Selbstreferentialität über der Selbstreferentialität des einzelnen Akteurs angesiedelt ist, betrachtet @Natalius die Selbstreferentialiät einer gesamten Spezies als fragwürdig.
Während @Morphens institutionelle Selbstreferentialität über der Selbstreferentialität des einzelnen Akteurs angesiedelt ist, betrachtet @Natalius die Selbstreferentialiät einer gesamten Spezies als fragwürdig. Erstens, weil wir nicht die einzige uns bekannte Lebensform auf diesem Planeten sind, zweitens, weil es (stark umstrittene) historische, paläontologische und archäologische Befunde gibt, die unsere Megalomanie, die erste intelligente Zivilisation auf diesem Planeten zu sein, doch sehr in Frage stellen, und drittens, weil der Panspermiegedanke in den Naturwissenschaften so alt wie Svente Arrhenius ist“

Natalius, dass „@Morphens „institutionelle Selbstreferentialität über der Selbstreferentialität des einzelnen Akteurs angesiedelt ist“, ist im System des Kapitals eine extrem banale Erkenntnis, die in jede einzelne Zelle jedes einzelnen Akteurs einprogrammiert ist.

Daß „@Natalius die Selbstreferentialiät einer gesamten Spezies als fragwürdig“ betrachtet, scheint mir logisch zwingend. Denn operational geschlossene Systeme beziehen sich in ihren Prozessen ausschließlich auf sich selbst und greifen nicht über sich selbst hinaus. Meines Wissens wurde bislang nur auf der Erde Leben nachgewiesen. Im Umkehrschluß müsste man aus dieser unbestreitbaren schlußfolgern, dass irgendwo im Universum noch viel mehr Lebensformen existieren müssen. Diese Schlussfolgerung ist allerdings total irrelevant, weil die Wahrscheinlichkeit, Lebensformen außerhalb der Erde irgendwo im Universum faktisch nachweisen zu können, faktisch unendlich gering ist und wegen der unendlich großen Entfernungen für unser praktisches Leben hier und jetzt faktisch überhaupt nicht relevant ist.

Natalius Juni 20, 2014 um 16:13

@Carlos Manoso,

“Meines Wissens wurde bislang nur auf der Erde Leben nachgewiesen.”

Dein Wissen ist aktuell, da es ein offizielles statement des US governments aus 2013 reflektiert:

“The U.S. government has no evidence that any life exists outside our planet, or that an extraterrestrial presence has contacted or engaged any member of the human race. In addition, there is no credible information to suggest that any evidence is being hidden from the public’s eye.”
https://petitions.whitehouse.gov/response/searching-et-no-evidence-yet

Und die müssen es ja wissen. Ähnliche offizielle statements gibt es auch im Mordfall Kennedy und dem involvement von Osama Bin Laden in der Sache 9/11.

gelegentlich Juni 20, 2014 um 16:33

„…und wegen der unendlich großen Entfernungen für unser praktisches Leben hier und jetzt faktisch überhaupt nicht relevant ist.“
@CM: mit einer Ausnahme, die Du vergessen hast. Es könnte ja sein dass so viele Menschen das nicht wahrhaben wollen und dadurch, durch ihre schiere Masse, für unser praktisches Leben schon relevant werden. Wie das mit anderen Religionen ja auch der Fall ist.

Natalius Juni 20, 2014 um 16:48

Manche werden von manchen Themen wie Motten vom Licht angelockt. In diesem Thread geht es aber um alles, was sich mit Frank Schirrmacher’s Lebenswerk verbinden lässt. M.W. hat er sich nicht zu dieser Frage geäussert. Vielleicht wäre es daher besser, wenn solche Nebengleise hier nicht weiter ausgebaut werden.

Zum Hauptgleis zurück käme man eher über die Frage: Welche Themen könnte das Feulleton der FAZ in Zukunft neu aufnehmen, die bisher noch son bischen ä ä sind?

Insider Juni 20, 2014 um 16:53

@Morph
Ach Gottchen, alter Mann, kommste jetzt wieder mit Deiner Ab-ins-Arbeitslager-Erregung?

Wer die Arbeitstherapie in der Psychiatrie, bei der es darum geht, den Patienten einen sinnlich-praktischen Zugang zur Realität zu ermöglichen, mit „Arbeitslager“ gleichsetzt, dem mangelt es offensichtlich an der Fähigkeit, realitätsgerechte Unterscheidungen vorzunehmen.

Die Arbeitstherapie in der Psychiatrie ist ein Angebot, niemand wird dazu gezwungen. Es ist auch keine Arbeit zum Zwecke ökonomischer Verwertbarkeit. Sondern Ziel ist, dem Menschen zu helfen, aus seiner psychopathologischen Verirrung herauszukommen.

Sorry, wer dies nicht unterscheiden kann, dem mangelt es offenkundig an geistiger Gesundheit.

Pipi Langstrumpf Juni 20, 2014 um 16:57

@insider

Kleiner Tipp

Geld = Illusion von Macht
Macht= Illusion von Kontrolle

Wirkliche Macht über uns hat nur die Natur.

aifran Juni 20, 2014 um 17:01

Wenn es mit der Systemkonformen Verdrängung der Realität nicht mehr so recht klappt:
Die letzte Hoffnung der Hoffnungslosen/ desillusionierten
– kleine grüne Männchen mit blauen Tupfen
- rituelle Tänzchen im Wald – natürlich bei Vollmond
- ergriffen dem lieben, heilbringendem Franziscus in Rom lauschen
- Krimis lesen – da gewinnen immer die Guten, egal wie böse die Schurken auch sein mögen …

F.S. ist nicht tot – zusammen mit den blaugepunkten grünen und Elvis arbeitet er gerade an einem neuen Buch. Arbeitstitel: “Gesellschaft in der Krise – Flucht in die Blödheit”
… ist Kapitalismus nicht etwas schönes? So Flexibel, so offen für alles :-)
schöne Tage

gelegentlich Juni 20, 2014 um 17:07

@ Natalius Juni 20, 2014 um 13:55
, dagegen:
„Vielleicht wäre es daher besser, wenn solche Nebengleise hier nicht weiter ausgebaut werden.”
Genau! Und genau darum wollte ich gebeten haben. Mal den eigenen Beitrag dazu lesen.

Insider Juni 20, 2014 um 17:16

@Natalius

Es gibt keinen – zumindest ist mir keiner bekannt – Grund. der zwingend ausschließt, dass extraterrestrisches Leben existiert. Zugleich gibt es aber auch keinen zwingenden Beweis, dass dieses existiert.

Es ist daher eine offene und mit derzeitigen wissenschaftlichen Mitteln nicht entscheidbare Frage. Aber es gibt Menschen, welche über die subjektive Gewissheit verfügen, dass es extraterrestrisches Leben gibt, andere Menschen wiederum sind völlig davon überzeugt, dass nicht der Fall ist.

Zur geistigen Gesundheit gehört nach unserem modernen Verständnis, dass ein aufgeklärter und gebildeter erwachsener Mensch zwischen Glauben und Wissen unterscheiden kann. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung der Fähigkeit zu kritischer Realitätsprüfung. Wobei letztere – systembedingt – nur von einer kleinen, zumal ständig abnehmenden Minderheit in dieser Gesellschaft erreicht wird.

Allerdings ist der allgemeine Wahnsinn in dieser Gesellschaft so weit vorangeschritten, dass der Paranoide, der sich überall als überwacht, kontrolliert und fremdgesteuert empfindet, der nicht selten Realität näher ist, als jener, der dies als VT abtut.
Reinhard Jellen hat dazu einen lesenswerten Artikel geschrieben.
http://www.jungewelt.de/2014/05-20/015.php

Der Mensch hat seine natürlichen Feinde besiegt, aber der Mensch ist zum größten Feind und der größten Bedrohung für die Menschheit geworden, und zwar deshalb, weil er in einem menschenfeindlichen System dazu sozialisiert und konditioniert wird.

Es ist ein falsches System, welches die Menschen zu Menschenfeinden und Menschheitszerstörern macht.

Zu glauben, es gäbe extraterrestrische Wesen, welche die Menschen beherrschen und zu menschenfeindlichen Wesen machen, ist eine Fiktion, wie dies der frühere Götterglaube war, der Herrschaft in den Himmel projizierte.

Imagine there is no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today
Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too
Imagine all the people
Living life in peace
You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you will join us
And the world will be as one
Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world
You, you may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you will join us
And the world will live as one

http://www.youtube.com/watch?v=yRhq-yO1KN8

Insider Juni 20, 2014 um 17:55

@Pipi Langstrumpf Juni 20, 2014 um 16:57
Kleiner Tipp
Geld = Illusion von Macht
Macht= Illusion von Kontrolle

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Max Weber)

Die offensichtlichste Form der Machtausübung ist die Anwendung von physischer Gewalt, mittels derer andere Menschen zu einem erwünschten Verhalten gezwungen werden, z.B. zur Sklavenarbeit.

Geld beinhaltet Kaufmacht auf dem Markt.

Man kann sich Söldner und Waffen kaufen und sich eine Privatarmee aufbauen, die physische Gewalt ausübet. Man kann sich Schläger und Killer mieten, die entsprechende Aufträge ausführen. Man kann Unternehmen aufkaufen, mittels derer Menschen ausgebeutet werden oder man kann, wie es heutzutage häufig geschieht, diese Unternehmen zerschlagen und deren Bruchstücke profitabel verkaufen, ohne Rücksicht auf die beteiligten Menschen, welche arbeitslos werden und verarmen. Man kann ideologische Söldner (Journalisten), Spin Doctors, Psychologen etc. anstellen oder anmieten, welche mittels informationeller und psychologischer Manipulation Macht zur Durchsetzung von Interessen ausüben.

Mit Geld kann man käufliche Menschen kaufen: Politiker, Wissenschaftler, Richter, Moderatoren …

Es ist umso leichter in einer Gesellschaft, je mehr in einer Gesellschaft die Individuen die Marktlogik verinnerlicht haben und es als normal und keineswegs unmoralisch gilt, sondern als erfolgreiche Selbstvermarktung angesehen wird, sich zu verkaufen und dabei möglichst viel Geld zu erzielen.

Plutokratische Herrschaft benötigt daher den freien Markt und tendiert dazu, mittels Deregulierung die Rechte der Menschen, mittels derer sie Widerstand gegen die Geldmacht leisten können, möglichst außer Kraft zu setzen.

Wirkliche Macht über uns hat nur die Natur.

Ein folgenschwerer Irrtum.
Nicht die Natur versklavt den Menschen, es sind Menschen, die über andere Menschen herrschen und diese versklaven und ausbeuten. Im Zentrum steht dabei die Rechts- und Eigentumsordnung.
Die Natur hingegen kennt keine Eigentumsordnung, kein Privateigentum, kein Rechtssystem, keine Arbeitsverträge, kein Geld und keinen Markt.

Carlos Manoso Juni 20, 2014 um 18:52

@Insider Juni 20, 2014 um 17:55
„Wirkliche Macht über uns hat nur die Natur.
Ein folgenschwerer Irrtum.
Nicht die Natur versklavt den Menschen, es sind Menschen, die über andere Menschen herrschen und diese versklaven und ausbeuten. Im Zentrum steht dabei die Rechts- und Eigentumsordnung.
Die Natur hingegen kennt keine Eigentumsordnung, kein Privateigentum, kein Rechtssystem, keine Arbeitsverträge, kein Geld und keinen Markt.“

Insider, der Mensch ist das „instinktlose Tier“, weil er sich vom Instinkt der Tiere entkoppelt hat. Der Mensch tritt somit der „ersten Natur“ als Subjekt gegenüber, aber er kann dies nur als Mensch tun und das heißt: als gesellschaftliches Wesen.

Als gesellschaftliches Wesen wird der Mensch jedoch subjektlos konstituiert, als subjektlose Konstitution „zweiter Ordnung“. Der Mensch entsteht als Subjekt gegenüber der „ersten Natur“, weiß aber oder ist sich nicht bewusst als das, was er geworden ist, nämlich zum gesellschaftlichen Wesen oder „Naturwesen zweiter Ordnung“.

Pipi Langstrumpf Juni 20, 2014 um 20:08

@insider
Die meisten Menschen leben in einer Welt in der weit weg von ihnen, über sie entschieden und verfügt wird. Sie leben in der Illusion und mit der Hoffnung, dass ihr Schicksal den Menschen in den oberen Ebenen der Hierarchien nicht gleichgültig ist. Und mit der Hoffnung das da oben genug Verstand ist, damit wir nicht ausgebeutet, in Kriegen verheizt, zum Schweigen verdammt oder heimatlos werden. Jeden Tag sind wir Mächten ausgesetzt die wir nicht beeinflussen oder die wir überhaupt bekämpfen können.

Echte Kooperation funktioniert gerade mal in der Familie/Freundschaft/Notfall. Auf jeder weiteren Ebene scheitert sie, weil die Gesellschaft/Organisationen/Unternehmen hierarchisch strukturiert sind.

Kein Mensch ist Gleicher unter Gleichen und immer hoffen wir, dass „Da oben“ mal ein „Guter“/“Gerechter“ kommt. Hierarchien pervertieren unser Verhalten, machen uns zu dem was wir nicht sein wollen. Wir sind Opfer und Täter in einer Person.
Doch muss das so sein und ist das wirklich der beste Weg menschliches Miteinander zu organisieren? Sind es nicht die Menschen selber, die anderen Menschen das Recht geben derart zu dominieren? Was wäre wenn wir die Hierarchien abschaffen?

Da wo keine Hierarchien sind, dort wird mit einem Mal die Stimme aller wichtig. Eine Möglichkeit der echten Kommunikation – ohne Angst vor negativen Konsequenzen, ohne Taktieren zu Machterhaltung, Es entscheidet nicht mehr der, der die meiste Macht hat, sondern der, der den effizientesten Vorschlag präsentiert. Dringend notwendige Kooperation um große Probleme zu lösen.

Und wir haben es in der Hand. Die Hierarchien beginnen zu verflachen. Sieh dich um – es passiert gerade.

Insider Juni 20, 2014 um 20:13

@Carlos Manoso Juni 20, 2014 um 18:52
Insider, der Mensch ist das „instinktlose Tier“, weil er sich vom Instinkt der Tiere entkoppelt hat. Der Mensch tritt somit der „ersten Natur“ als Subjekt gegenüber, aber er kann dies nur als Mensch tun und das heißt: als gesellschaftliches Wesen.
Als gesellschaftliches Wesen wird der Mensch jedoch subjektlos konstituiert, als subjektlose Konstitution „zweiter Ordnung“. Der Mensch entsteht als Subjekt gegenüber der „ersten Natur“, weiß aber oder ist sich nicht bewusst als das, was er geworden ist, nämlich zum gesellschaftlichen Wesen oder „Naturwesen zweiter Ordnung“.

Carlos Manoso, „instinktloses Tier“ ist zwar zutreffend, aber ich würde den Menschen in Unterscheidung zum Tier als „entwicklungsoffen“ bezeichnen.
Aufgrund fehlender genetischer Determinierung ist der Mensch erziehungsfähig, aber zugleich auch erziehungsbedürftig.

Die Menschen machen einander.

Und deshalb gib es beim Menschen nicht nur kulturelle Progression, sondern auch Regression.

Zivilisationskatastrophen und schlimmste Barbarei sind möglich, wenn Gesellschaften dem Gebot der Erziehungsbedürftigkeit zum menschlichen Menschen nicht nachkommen.

Im Sozialisationsprozess ist der Mensch zwar Objekt der Gesellschaft, aber das gesellschaftliche System wurde und wird von Menschen gemacht.

Der Mensch hat das Potential, das historische Gewordensein seines sozialen Systems zu erkennen und damit die Bedingungen seiner Sozialisation und damit seines Wesens zu ändern.

Biographisch ist jeder Mensch zwar zunächst Objekt des Sozialisationsprozesses, aber er kann zum Subjekt einer gesellschaftlichen Umgestaltung, einer Strukturrevolution, werden.

Voraussetzung dafür sind eine Erziehung zu Humanismus und Mündigkeit.

Zivilisationen, die dazu nicht willens oder fähig sind, werden erstarren und aufgrund ungelöster innerer Widersprüchen dysfunktional werden. Daraus resultieren die bekannten historischen Dekadenzperioden, die in Zivilisationskatastrophen enden.

"ruby" Juni 20, 2014 um 20:35
"ruby" Juni 20, 2014 um 20:44
"ruby" Juni 20, 2014 um 20:51

Mit Konzernwirtschaftsprüfer Ökostrom für 2,1 ct aus Pflanzen und Tiergülle erkundet. Wettbewerbsfähigkeit und Strategien vor Ort vs.
http://www.handelsblatt.com/politik/international/laut-faz-eu-kommission-hat-zweifel-an-oekostrom-reform/10078548.html
Think it over
;-)

"ruby" Juni 20, 2014 um 22:03
Linus Juni 21, 2014 um 00:00

@Insider:
“Nicht die Natur versklavt den Menschen, es sind Menschen, die über andere Menschen herrschen und diese versklaven und ausbeuten. Im Zentrum steht dabei die Rechts- und Eigentumsordnung.
Die Natur hingegen kennt keine Eigentumsordnung, kein Privateigentum, kein Rechtssystem, keine Arbeitsverträge, kein Geld und keinen Markt.”

Was kennt die Natur? Die Natur kennt Nahrungsketten, Survival of the fittest, starre Rangordnungen, Triebe statt Sublimierung, Sex, Brutpflege, Emotion, einige rudimentäre Formen der Kooperation, die vorwiegend “emotional” getragen werden. Kurz, die Natur taugt nicht für Intelligenz und Reflexion.

Was kennt die Zivilisation? Sie kennt hoch evoluierte Formen der Kooperation bis hin zu komplexen Produktionsprozessen, sie kennt das Recht, sie kennt Konzepte wir Freiheit und Gleichheit, sie kennt Verantwortung, sie kennt Nutzenkalküle, sie kennt Eigentum, sie kennt Mechanismen der Machtkontrolle wie Gewaltenteilung, sie kennt “unverfälschte” Emotionen eher als Atavismus und kurioses Relikt, und setzt als Regulativ bevorzugt Gesetze und Bürokratie ein.

Kurz, zwischen der genetischen Information der Natur in Form von Genen und zivilisatorischer Information in Form von Wissen und Überlieferung liegen Welten.

Welchen Regeln und Evolutionsprinzipien gehorcht die Entwicklung von Zivilisation? Das ist weit weniger erforscht als die “Entwicklung der Arten”. Immerhin scheint sich abzuzeichnen: anstelle des Prinzips Vielfalt ist weit mehr das Prinzip Ordnung bestimmend.

Ich will das jetzt nicht vertiefen. Mein Punkt ist der: Klar ist Sklaverei unmenschlich. Aber sie kommt wohl nicht von ungefähr. Mir scheint da mehr dahinter zu stecken als nur der Wille zur Macht oder sonstige archaische Triebe.

ruby Juni 21, 2014 um 09:21

(But) Have a nice Day
http://www.youtube.com/watch?v=1rPe0BtYvTA
;-)

Insider Juni 21, 2014 um 12:30

@Linus Juni 21, 2014 um 00:00
Was kennt die Natur? Die Natur kennt Nahrungsketten, Survival of the fittest, starre Rangordnungen, Triebe statt Sublimierung, Sex, Brutpflege, Emotion, einige rudimentäre Formen der Kooperation, die vorwiegend “emotional” getragen werden. Kurz, die Natur taugt nicht für Intelligenz und Reflexion.

Im Zentrum der Natur stehen Stoffwechsel, Reproduktion und Vermehrung der Art sowie die zeitliche Begrenzheit alles Lebens.
Auch Mensch ist als Teil von Natur ein „Stoffwechselwesen“, im Unterschied zum Tier kann der Mensch diesen Stoffwechsel verändern, jedoch nicht in der biologisch-somatischen Dimension, aber in der Art und Weise der Produktion und -beschaffung der Mittel zum Leben.

Das ist der Zweck von Ökonomie, nämlich Menschen mit Mitteln zum Leben zu versorgen. Anders als tierische Arten kennt die Menschheit historischen Fortschritt. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt ermöglicht eine kontinuierliche Verringerung menschlicher Reproduktionsarbeit.

Der Kapitalismus pervertiert diesen Zweck von Ökonomie, weil die Vermehrung von Geld (G -> G´) zum obersten und alles beherrschenden Prinzip dieser Ökonomie wird.

Die Befreiung vom – von der Natur vorgebenen – Zwang zur Reproduktionsarbeit ist nur für die herrschende Klasse jener Privateigentümer möglich, welche im kapitalistischen System aufgrund ihres Vermögens ein arbeitsfreies Einkommen erzielen können.
Sie lassen ihr Geld “arbeiten”, aber dies ist eine Täuschung und Lüge, denn Geld arbeitet nicht.

Es sind die Lohnarbeiter, welche arbeiten. Sie sind moderne Sklaven, welche der herrschenden Klasse ein Leben in ohne Arbeit und mit zunehmenden Reichtum ermöglichen.

Um den Kapitalismus als pervertierte Ökonomie zu erkennen, seine Transformation als für die Menschheit notwendig und unerlässlich zu begreifen und Partei zu nehmen für dessen Transformation, muss man nicht Kommunist sein. Auch nicht den Glauben hegen, dass nach dem Kapitalismus der Sozialismus komme und eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Geld und ohne materielle Ungleichheit entstehe.

Es reicht aus, so intelligent zu sein, diese sozio-ökonomischen Zusammenhänge zu erkennen und so mutig zu sein, für die Transformation des Kapitalismus in eine Gesellschaft, deren Ökonomie rational und gemeinwohlorientiert funktioniert, zu arbeiten und kämpfen. Also Partei für den menschlichen Fortschritt zu nehmen.

Beides trifft – um einen Punkt in der bisherigen Diskussion aufzugreifen – für Schirrmacher sowie dessen Freunde, Protegés und Parteigänger nicht zu.

Kurz, zwischen der genetischen Information der Natur in Form von Genen und zivilisatorischer Information in Form von Wissen und Überlieferung liegen Welten.

So ist es. Deshalb ist der Mensch ein „Doppelwesen“, er ist ein Tier in der körperlichen Dimension und zugleich ein Geisteswesen.

Welchen Regeln und Evolutionsprinzipien gehorcht die Entwicklung von Zivilisation? Das ist weit weniger erforscht als die “Entwicklung der Arten”.

Davon ist bereits viel erforscht. Aber ein sehr großer Teil dieses Wissens ist jedoch der Unterdrückung, der Verdrängung und Vergessenheit anheim gefallen.

Mein Punkt ist der: Klar ist Sklaverei unmenschlich. Aber sie kommt wohl nicht von ungefähr. Mir scheint da mehr dahinter zu stecken als nur der Wille zur Macht oder sonstige archaische Triebe.

Völlige Zustimmung.

aifran Juni 21, 2014 um 14:36

also was steckt nun dahinter? – Raus damit
:-)

chabis Juni 21, 2014 um 15:00
Carlos Manoso Juni 21, 2014 um 17:18

@Linus Juni 21, 2014 um 00:00
„zwischen der genetischen Information der Natur in Form von Genen und zivilisatorischer Information in Form von Wissen und Überlieferung liegen Welten.
Welchen Regeln und Evolutionsprinzipien gehorcht die Entwicklung von Zivilisation? Das ist weit weniger erforscht als die “Entwicklung der Arten”. Immerhin scheint sich abzuzeichnen: anstelle des Prinzips Vielfalt ist weit mehr das Prinzip Ordnung bestimmend.
Ich will das jetzt nicht vertiefen. Mein Punkt ist der: Klar ist Sklaverei unmenschlich. Aber sie kommt wohl nicht von ungefähr. Mir scheint da mehr dahinter zu stecken als nur der Wille zur Macht oder sonstige archaische Triebe.“

Linus, der Mensch tritt als „instinktloses Tier“ als SUBJEKT der ersten Natur gegemüber. Die Herausbildung des Menschen als SUBJEKT der ersten Natur gegenüber ist aber notwendig selber subjektlos. Diese Subjektlosigkeit zweiter Ordnung“ ist der unvermeidliche Preis für das Subjektwerden gegenüber der unmittelbar natürlichen biologischen Subjektlosigkeit erster Ordnung Es entstehen also subjektlose Systeme zweiter Ordnung des entstehenden (und entstandenen) Menschenwesens. Genau das ist im Kern die Fetisch-Konstitution (Karl Marx).

Menschliche Geschichte wird unter diesem Gesichtspunkt zur „Geschichte von Fetischverhältnissen“, unter denen „Klassenkämpfe“ bloße Binnenkategien sind.

Die in Gestalt des KAPITALS zur allgemeinen gesellschaftlichen Reproduktionsform gewordene Warenform ist dann die letzte und höchste, den Raum der Subjektivität am weitesten hinausschiebende Fetischform, das Ende der Vorgeschichte (Karl Marx) und zugleich der Beginn der menschlichen Geschichte

gelegentlich Juni 21, 2014 um 17:23

Darf man an einem Tag, der subjektiv für Viele viele tausend Jahre lang als magisch galt, an die Albernheit des Erklärbärentums erinnern?

Carlos Manoso Juni 21, 2014 um 19:18

@gelegentlich Juni 21, 2014 um 17:23
„Darf man an einem Tag, der subjektiv für Viele viele tausend Jahre lang als magisch galt, an die Albernheit des Erklärbärentums erinnern?“

gelegentlich, erst auf dem Boden der aktuellen, von jeder Religiösität oder Magie gereinigten Fetisch-Form, die gerade einen umfassenden systemischen Charakter annimmt, können überhaupt Begriffe wie „System“ etc. entstehen.

Daneben existieren natürlich noch alte rationale Schatten von Resten versunkener Erinnerungsfetzen etwa an germanische Mythen (Siegfried tötet Hagen und Hagen verliert Macht und Leben) zur Sommersonnenwende, also Unterhaltungsfolklore.

gelegentlich Juni 21, 2014 um 23:08

@CM
„Daneben existieren natürlich noch alte rationale Schatten von Resten versunkener Erinnerungsfetzen etwa an germanische Mythen (Siegfried tötet Hagen und Hagen verliert Macht und Leben) zur Sommersonnenwende, also Unterhaltungsfolklore.“
Na ja, die Kosmosvorstellungen weit vor Siegfried und Hagen waren auch nicht soo viel weniger systemisch als die Erklärbärvorstellungen. Aber gut, das muss nicht in diesem Thread vertieft werden.
„Es reicht aus, so intelligent zu sein, diese sozio-ökonomischen Zusammenhänge zu erkennen und so mutig zu sein, für die Transformation des Kapitalismus in eine Gesellschaft, deren Ökonomie rational und gemeinwohlorientiert funktioniert, zu arbeiten und kämpfen. “
Schön. Wenn es doch ausreicht – worüber reden wir dann?

Balken Juni 21, 2014 um 23:09

Insofern hat @ Morph natürlich recht, dass es naiv ist, zu denken, hinter einem Schirrmacher, zum Beispiel, stünde quasi körperlich die Geldmacht der Fazit-Stiftung, die für die Unbeeinflussbarkeit und Unabhängigkeit der Zeitung (außer von der Fazit-Stiftung) sorgt.
Solche Vorstellung einer unmittelbaren Beeinflussung kann er trefflich lächerlich machen – doch hat hier jemand solches behauptet? Es ist aber ebenso naiv, die Institution FAZ selbst nebulös als eigensinnig agierendes Quasisubjekt zu denken, die luhmannsche Spielart gesellschaftlicher Mystifikation. Da begegnen sich übrigens Marxisten und Luhmannianer auf belustigende Weise. Der Mensch als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse (die selbst zum hypostasierten Quasisubjekt werden), sagen die einen. Institutionen sind die Ordnung und Ermöglichung sozialer Beziehungen, sagen die anderen. Beides ziemlich zirkuläre, tautologische Erklärungen, die wie alles, was alles erklären will, nichts erklären. Aber trefflich der Verschleierung der tatsächlichen Macht nützlich sind.
Der bestimmende Einfluss der (Geld)Machtverhältnisse auf das, was als gesellschaftlich nützlich und förderlich propagiert wird, vermittelt sich in einer 0,1%-Gesellschaft nicht mit direkter primitiver Intervention eines Politbüros der SED, das außer unmittelbarer Repression kein Disziplinierungspotential zu bieten hat, sondern mit Aufstiegschancen und Abstiegsängsten, die, und wenn nur, um sich noch im Spiegel ansehen zu können, tief verinnerlicht werden und zu eigenen Überzeugungen. Aussteigern, Widersetzlingen, bis auf wenige Ausnahmen, winkt die Bedeutungslosigkeit.

gelegentlich Juni 22, 2014 um 09:54

@Balken
„Solche Vorstellung einer unmittelbaren Beeinflussung kann er trefflich lächerlich machen – doch hat hier jemand solches behauptet?“
Da würde ich empfehlen ein wenig nachsichtiger zu sein. Das spektakuläre Demontieren selbst aufgebauter „Gegner“ ist doch spaßbehaftet und somit für die Spielwiese bestens geeignet.
Für die These der unmittelbaren Beeinflussung gibt es höchstens ab und zu Anläufe, bei Leuten wie Elsässer, Jebsen oder hier im Blog manchmal bei Natalius. Doof, aber auch nicht dümmer als die relativierenden Affirmationen der Modernisten. Letztere sind höchstens gefälliger formuliert.
Wie dem auch sei: ob ein Schirrmacher nach zahlreichen Gesprächen in irgendeinem uns unbekannten inneren Zirkel die Idee aufgriff, nun aber die umlagefinanzierte Rente angreifen zu sollen mit seiner Methusalem-Fiktion, oder ob er das selber kreativ als Ergebnis seiner Verdauung vieler Gespräche entwickelt hat ist egal. Die holzschnittartige Deutung von @Insider trifft im Ergebnis zu. Und irgendeine riskante, weil konkrete Kritik an den bestehenden Verhältnissen ist von ihm nach meinem Wissen nicht überliefert. Radikal klingend, gerne, aber dann bitte allgemein.

ruby Juni 22, 2014 um 10:29

@ gelegentlich

“Doof, aber auch nicht dümmer als die relativierenden Affirmationen der Modernisten. Letztere sind höchstens gefälliger formuliert.”

Das ist die Freude am Spieltrieb in Einschätzung der eigenen persönlichen Fähigkeiten. Was ist mit relativierenden Affirmationen anzufangen? Wo liegen die Nützlichkeiten – individuell, gesellschaftlich?

gelegentlich Juni 22, 2014 um 10:49

@ruby
Da bin ich ehrlich gesagt vollkommen überfragt. Relativierende Affirmationen sind sicher nützlich wenn man im akademischen Bereich arbeitet, auf dem weiten Feld der Medien, der Think Tanks und Lobbytätigkeiten (es heißt doch 3/4 der Journalisten heute machen eigentich PR). Da muss man wohl ein gut formulierender Differenzierungsheimer sein können bzw. in der Lage sein, eigene Schichtheit („der Russe neigt zur Tragik“, um mal eine Hausnummer zu nennen) durch allerlei selbstironische Girlanden zu relativieren. Eigennutz hat das vermutlich, weil es sonst nicht so viel davon gäbe.

Natalius Juni 22, 2014 um 11:10

Fazit-Kuratorium:
https://lobbypedia.de/wiki/FAZIT-STIFTUNG

Interessanterweise muss noch nicht einmal immer Geld im Spiele sein, wenn es darum geht, eine Berichterstattung oder eine politische Debatte in eine gewünschte Richtung zu lenken. Jeder Mensch hat Schwachpunkte, eine Achilles-Verse, oft im Triebhaften. Nicht alle Journalisten geniessen das Privileg eines Marcel Friedmann, Objekt einer öffentlichen Fleckenentfernung werden zu können. Und natürlich gibt es “Geheimdienste” auch im privaten Rahmen, die für ihre Auftraggeber Informationen sammeln, um sie in einer kritischen Situation gezielt einzusetzen.

Es ist also nicht immer rührende Fairness (die zur Zeit ein gewisser Herr Schulz erleben darf), die das öffentliche Leben steuert…

ruby Juni 22, 2014 um 11:44

FS braucht sich zum 60sten Feierschmaus der Chancelerin diesmal keine Gedanken mehr über die Kostentragung machen …
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/herzblatt-geschichten/herzblatt-geschichten-flachpass-mit-cathy-13002726.html
;-)
Dafür werden uns die tiefgreifende Erkenntnisse der dortigen Kontakte und Erkenntnisse fehlen .

ruby Juni 22, 2014 um 12:27
ruby Juni 22, 2014 um 12:32

NZZ
“Bei Kauen von Koriander wird [...] deutlich, wie schwer es ist, beim Moment selbst zu bleiben. Ja, man könnte die Art, wie sich der Koriander im Mund benimmt, im Spannungsfeld des Gegensatzes zwischen ‚Moment’ und ‚Bleiben’ lokalisieren. Vielleicht ist der Koriander eine aromatische Übersetzung des Verdachts, dass wir die grösste Nähe zum Moment wohl dann erleben, wenn wir noch spüren, dass eben etwas vergangen ist.”

also Korianderkörner können auch in der Mühle zermahlen werden und duften herrlich frisch

Carlos Manoso Juni 22, 2014 um 14:52

@gelegentlich Juni 21, 2014 um 23:08
„„Daneben existieren natürlich noch alte rationale Schatten von Resten versunkener Erinnerungsfetzen etwa an germanische Mythen (Siegfried tötet Hagen und Hagen verliert Macht und Leben) zur Sommersonnenwende, also Unterhaltungsfolklore.“
Na ja, die Kosmosvorstellungen weit vor Siegfried und Hagen waren auch nicht soo viel weniger systemisch als die Erklärbärvorstellungen. Aber gut, das muss nicht in diesem Thread vertieft werden.“

Gelegentlich, in dem Maße, wie der vermeintliche „religiöse Aberglaube“ einer „höheren“ oder „aufgeklärten“ Bewußtseinsfom Platz machen muß, die über sich selbst aber nicht aufgeklärt ist, verschwindet das subjektive Bewusstsein über die „Außenleitung“ des Menschen. Das „religiöse“ Bewusstsein der Vormoderne hatte damit noch null Probleme. Denn die Bewusstseinsform von der realen Existenz eines äußeren Subjekts als „Gott“, „Geisterwelt“ oder „Engelwelt“ oder„Beseelung der Natur“ war noch vollkommen selbstverständlich.

Denn die Subjektivität der Menschen war auf dieser Fetisch-Stufe nur embryonal existent, weil noch kein „Subjekt“ der zweiten Natur im eigentlichen Sinne existieren konnte und auch die „erste Natur“ noch nicht „Objekt“ war. Die Unterscheidung von „Subjekt“ und „Objekt“ hatte z.B. in der germanischen Welt noch nicht wirklich stattgefunden, und die Natur erschien noch genauso unberechenbar wie die anderen Menschen auch.

Die Natur ist gerade dadurch Objekt, dass sie in ihrer unaufhebbaren subjektlosen Naturgesetzlichkeit anerkannt wird. Das setzt aber voraus, dass der „Subjekt-Objekt“-Dualismus schon zum allgemeinen Funktionsmodus der „zweiten Natur“ geworden ist.

gelegentlich Juni 22, 2014 um 15:42

@CM
„Die Unterscheidung von „Subjekt“ und „Objekt“ hatte z.B. in der germanischen Welt noch nicht wirklich stattgefunden, und die Natur erschien noch genauso unberechenbar wie die anderen Menschen auch.“
Vielleicht mißverstehen wir uns da nur? Die Natur und das, was die anderen Menschen anrichten, ist doch, eben abgesehen von den Behauptungen der Erklärbären, Modernisten u.a. Vieler noch genauso unberechenbar. Weil deren Behauptungen entweder genauso viel magisches Grundvertrauen benötigen – oder aber allgeminplätzig und beliebig deutbar sind wie ein Horoskop. Soweit, mal eine Hypothese zu formulieren, die man am künftigen Ablauf prüfen könnte, geht doch Niemand.

Insider Juni 22, 2014 um 16:08

Hat sich Schirrmachen nach „links“ entwickelt, wie viele meinen?

Nicht wenige projizierten in Schirrmacher ihren Wunsch nach einen Wandel, “linke” Positionen stärkt.

Diese Projektionen werden deutlich in Nachrufen, z. B. bei einem links(verbal)radikalen Kritiker wie Erdmann (feynsinn) oder einem (retro)sozialdemokratischen Parteigänger wie De Lapuente (ad sinistram).

Sie halten ihre Wunschprojektionen für Realität, erkennen das Wesentliche nicht und sind Schirrmacher auf den Leim gegangen.

Insofern kann ich @BB auch nicht zustimmen.
http://www.wiesaussieht.de/2014/06/13/fragen-und-antworten/#comment-95129

Als Schirrmacher 2011 schrieb: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ haben sie ihm dies als bare Münze abgenommen.

Die Ex-Kommunistin und ehemalige radikale Kapitalismuskritikerin Sahra Wagenknecht bekam durch Schirrmacher zwar die Möglichkeit im FAZ-Feuilleton zu publizieren, aber sie publizierte dort nicht als radikale Kapitalismuskritikerin, sondern als Befürworterin der „Sozialen Marktwirtschaft“.

Wagenknechts Artikel hätte auch die Überschrift tragen können. „Ich glaube inzwischen, dass die Rechten recht haben, dass es zum herrschenden Kapitalismus keine Alternative als die „Soziale Marktwirtschaft“ gibt.
Es zeigt zugleich, dass die Linkspartei nur ein Remake der SPD ist, nämlich eine systemintegrierte und systemintegrierte Partei, eine TINA-Partei.

Schirrmacher ist nicht ins Lager der Linken gewechselt, sondern hat Linke ins Lager der Rechten gezogen. Die Reformlinke ist zugleich salonfähig bzw. FAZ-Feuilleton-fähig geworden.

Erst durch die Nachrufe erfahren wir, wer zu Schirrmachers Freundeskreis gehörte, wen er in sein Haus einlud (vgl. z.B. die Nachrufe von Döpfner, Jauch, Fleischhauer).

Die angebliche Linksorientierung Schirrmachers war m. E. vor allem Teil einer geschickten Verkaufsstrategie, die Verpackung des Produkts FAZ wurde etwas nach links diversifiziert und so konnte die FAZ ihren Leser- und Abonnentenkreis erweitern.

Auch bei jenen, die etablierte und eindeutige Parteigänger des Kapitalismus sind, findet man nicht selten Ambivalenz, Unsicherheit und Ängste. Sie wissen, dass das Leben im Kapitalismus ein Tanz auf einem Vulkan ist.

Karen Horn vom Institut der deutschen Wirtschaft beginnt in der FAZ vom 5.5.2009 ihren Artikel in der Reihe „Zukunft des Kapitalismus“ mit einem Zitat:

„Diese Krise zählt zu den unvermeidbaren. Nicht der geringste Abstrich ist zulässig von den drei Hauptsätzen der einzig treffenden Diagnose: Es lebt sich gut am Vesuv. Leider bricht er gelegentlich aus. Aber niemand weiß, wann.“

Mit dieser Metapher ist das ambivalente Lebensgefühl von intelligenten Menschen im Establishment beschrieben. Einerseits genießen sie ihre Privilegien, ihren Reichtum, ihre Macht, ihre Publicity etc., andererseits sind zugleich Katastrophenvisionen und Zukunftsängste präsent.

Aber dies hält die Reaktionäre nicht davon ab, gegen gesellschaftlichen Fortschritt und die Transformation des Systems zu kämpfen und gesellschaftlichen Rückschritt als Modernisierung zu verkaufen.

Carlos Manoso Juni 22, 2014 um 17:17

@Insider Juni 22, 2014 um 16:08
„Karen Horn vom Institut der deutschen Wirtschaft beginnt in der FAZ vom 5.5.2009 ihren Artikel in der Reihe „Zukunft des Kapitalismus“ mit einem Zitat:
„Diese Krise zählt zu den unvermeidbaren. Nicht der geringste Abstrich ist zulässig von den drei Hauptsätzen der einzig treffenden Diagnose: Es lebt sich gut am Vesuv. Leider bricht er gelegentlich aus. Aber niemand weiß, wann.“
Mit dieser Metapher ist das ambivalente Lebensgefühl von intelligenten Menschen im Establishment beschrieben. Einerseits genießen sie ihre Privilegien, ihren Reichtum, ihre Macht, ihre Publicity etc., andererseits sind zugleich Katastrophenvisionen und Zukunftsängste präsent.
Aber dies hält die Reaktionäre nicht davon ab, gegen gesellschaftlichen Fortschritt und die Transformation des Systems zu kämpfen und gesellschaftlichen Rückschritt als Modernisierung zu verkaufen.“

Insider, Krisen-„Diagnosen“ a la Karen Horn („Es lebt sich gut am Vesuv“ Leider bricht er gelegentlich aus. Aber niemand weiß, wann.“) sind ein Grund dafür, weshalb ich solche Selbstverständlichkeiten schrieb wie: „Die Natur ist gerade dadurch Objekt, dass sie in ihrer unaufhebbaren subjektlosen Naturgesetzlichkeit anerkannt wird. Das setzt aber voraus, dass der „Subjekt-Objekt“-Dualismus schon zum allgemeinen Funktionsmodus der „zweiten Natur“ geworden ist“.

Daß der Vesuv als Teil der „ersten Natur“ gelegentlich ausbricht, ist „unaufhebbare subjektlose Naturgesetzlichkeit“. Das System des Kapitalismus ist aber heute „zum allgemeinen (globalen) Funktionsmodus“ der „zweiten Natur“ gemacht worden. Oder wie ich schrieb: „Es entstehen also subjektlose Systeme zweiter Ordnung des entstehenden (und entstandenen) Menschenwesens. Genau das ist im Kern die Fetisch-Konstitution (Karl Marx).“

„Die angebliche Linksorientierung Schirrmachers war m. E. vor allem Teil einer geschickten Verkaufsstrategie, die Verpackung des Produkts FAZ wurde etwas nach links diversifiziert und so konnte die FAZ ihren Leser- und Abonnentenkreis erweitern.
Auch bei jenen, die etablierte und eindeutige Parteigänger des Kapitalismus sind, findet man nicht selten Ambivalenz, Unsicherheit und Ängste. Sie wissen, dass das Leben im Kapitalismus ein Tanz auf einem Vulkan ist.“

Insider, Schirrmacher war eine Charaktermaske des „Bürgertums“ in einem bestimmten Segment der Kapitalmaschine. Diese Charaktermaske hätte Schirrmacher als wichtiger Funktionszuträger im Ring der Macht niemals ablegen können und wollen.

Die Linksorientierung Schirrmachers war m.E. absolut zwingend, denn der intelligentere Teil des „Bürgertum“ hat m.E. zwar spät, aber nicht zu spät, verstanden, was für die Fetisch-Konstitution des „Systems“ wirklich bedeutet, wenn z.B. die EZB den Zinssatz aktuell auf 0,12% gestellt hat.

Morph Juni 22, 2014 um 17:47

@Balken

“Es ist aber ebenso naiv, die Institution FAZ selbst nebulös als eigensinnig agierendes Quasisubjekt zu denken, die luhmannsche Spielart gesellschaftlicher Mystifikation.”

Eigensinnig operieren Organisationen wie die FAZ insofern, als sie weder von außen, noch von innen willkürlich gesteuert werden können. Zwar können von außen institutionelle Vorgaben aufgenötigt werden, zwar können in der Organisation von Personen qua ihrer Positionsmacht in der Organisation Entscheidungen deklariert und organisationsweit verbindlich gemacht werden. Wie aber die Organisation auf solche externen und internen Oktrois eagiert, kann nicht bestimmt und nur in Grenzen vorhergesagt werden.

Gleichwohl sind soziale Systeme strukturell gekoppelt mit gleichartigen und ungleichartigen Systemen. Die FAZ evoluiert in Abhängigkeit von anderen Qualiktätszeitungen wie z.B. der SZ aber auch im Kontext von Boulevardmedien, und der massenmedialen und medienökonomischen Entwicklung generell.

Was ist an einer solchen Sichtweise naiv?

(Es ist ja immer leicht, Naivität zu attribuieren. Also, wenn Du meine Kritik an der Vorstellung, dass Top-Journalisten ideologische Befehlsempfänger seien, teilst, gleichwohl eine systemische Sicht naiv findest, wüßte ich gern den Grund. Denn mir fällt keiner ein).

Morph Juni 22, 2014 um 18:21

@insider

“Die Arbeitstherapie in der Psychiatrie ist ein Angebot, niemand wird dazu gezwungen.”

Heute nicht mehr. Leute Deiner Denkungsart haben halt keine Macht mehr, hi hi. Ist wie bei den säuselnden Faschisten.

Und, Insider, old man? Heute schon an China gedachtt? Ein dolles Land! Großartig! Wirklich großartig!!

;-)

Natalius Juni 22, 2014 um 18:41

“Leute Deiner Denkungsart haben halt keine Macht mehr, hi hi. Ist wie bei den säuselnden Faschisten”, den nivellierenden Systemapologeten, den pöstchensuchenden Sozialdemokraten, den TINA-Einsichtigen, den 3%-Liberalen, den celebrity Linken, usw. Manche reduzieren MACHT auf ein besseres “Einkommen”.

Andere haben sie wirklich – und komischerweise hat es mit Geld zu tun. Es sind vermutlich nicht mal 500 Personen, denen die halbe Welt im Endeffekt gehört. In der Forbes-Liste sucht man sie vergeblich.

Morph Juni 22, 2014 um 19:21

@Nataius

Ja, ja, schon recht, Du mit Deinem ewigen Knalldeppensenf. Ich persönlich habe mich schon dran gewöhnt, dass hier alle paar Posts hier irgendetwas Saudummes von Dir hineingeschlumpft kommt.

Trallalalaaa, 500 Leuten gehört die halbe Welt, keiner kennt sie, trallalalaaa!

Fünfhundert. Die halbe Welt. Keiner kennt sie. So so.

Aber faszinierend, dass Du Dich offenbar wirksam davor schützen kannst, den prangend offenkundigen Oberschwachsinn Deiner Posts einzusehen! Wirklich faszinierend!!

aifran Juni 22, 2014 um 19:40

… nichts hassen Pawlowsche Hunde mehr als die außerhalb “Ihres Umzäunten Geheges” herum streunenden Hunde
:-)

"ruby" Juni 22, 2014 um 20:17

@ aifran + Morph
http://www.youtube.com/watch?v=NFa6c-eP8KM
Ich war in der Küche,
Seamus, das ist der Hund, war draußen.
Nun, ich war in der Küche,
Seamus, mein alter Hund, war draußen.
Nun, die Sonne geht langsam unter
Aber mein alter Hund hat sich einfach hingesetzt und geheult.
http://de.wikipedia.org/wiki/Seamus_%28Lied%29
;-)

gelegentlich Juni 22, 2014 um 20:20

@Natalius
„Es sind vermutlich nicht mal 500 Personen, denen die halbe Welt im Endeffekt gehört. In der Forbes-Liste sucht man sie vergeblich.“
Aha, mal wieder: ein Kreter berichtet dass alle Kreter lügen? Ist die Forbes-Liste für die Nicht-Initierten? So dass nur die Initiierten die Personen kennen, aber eben nicht mitteilen und so die Wirkung des „Arguments“ nullen. Initiiert wie sie sind wissen die ja wie das geht? Und weiter: gehören Sie dazu? Warum brechen nur Sie das Schweigen?

"ruby" Juni 22, 2014 um 20:25
holger196967 Juni 22, 2014 um 21:25

Morpheus

—>>>Fünfhundert. Die halbe Welt. Keiner kennt sie. So so.”

Wenn das mit der Geld und Eigentums-Anhäufung so stimmt, läuft es sogar nur auf Black-Rock hinaus.

Ich sachte es schon mal, ein richtiger Kapitalist, also der was inner Murmel hat, also nicht du, das ist ausgeschlossen, braucht kein Geld.

Geld mein Lieber Morpheus ist nur für die Dummen erfunden worden. :D

Ich habe letztens inner “BILD” gelesen, das “Wetter wäre zu teuer” na dann :D nur stört es wohl den Planeten nicht ein Stück…

Außerdem scheint es auch nicht so schlimm zu sein, sollten wir mal aussterben. ;) Bis dahin kann man sich ja hier gerne das Eselgen um die Ohren werfen. Kostet ja nichts.

Ostsächsischer Papierkorb Juni 22, 2014 um 21:43

@ Balken

Es wäre wirklich schade, wenn jetzt Du dem unerschöpflichen Langweiler auf den Leim gehst. Den ersten nur mühsam zu entschlüsselnden Text hast Du bereits geschrieben.

petervonkloss Juni 22, 2014 um 22:58

“ruby” Juni 22, 2014 um 20:17

„Seamus, das ist der Hund, war draußen.
Nun, ich war in der Küche,
Seamus, mein alter Hund, war draußen.
Nun, die Sonne geht langsam unter
Aber mein alter Hund hat sich einfach hingesetzt und geheult.“

Hier der Besitzer Steve Marriott des Wolfs-Hundes Seamus (der heult).

https://www.youtube.com/watch?v=2rcuVamuGo8
https://www.youtube.com/watch?v=GK1KTQpG5cs

petervonkloss Juni 22, 2014 um 23:02

“ruby” Juni 22, 2014 um 20:17
@ aifran + Morph
http://www.youtube.com/watch?v=NFa6c-eP8KM
Ich war in der Küche,
http://de.wikipedia.org/wiki/Seamus_%28Lied%29

“ruby” Juni 22, 2014 um 20:17

„Seamus, das ist der Hund, war draußen.
Nun, ich war in der Küche,
Seamus, mein alter Hund, war draußen.
Nun, die Sonne geht langsam unter
Aber mein alter Hund hat sich einfach hingesetzt und geheult.“

Natalius Juni 22, 2014 um 23:21

@Mörphchen Juni 22, 2014 um 19:21

Knalldeppensenf. Fas..zinierend. Gute Wortkreation – aber wie schon @Aifran bemerkte – wohl doch eher konditionierter Reflex. Bist also noch dein Geld wert. Gibt allerdings viele, die diese Saliva produzieren können. Also: Bück dich hoch ( https://www.youtube.com/watch?v=wIXKtUaoiAs )

Glattfelder & Vitali mussten nach der Herausschälung von 147 Hubs natürlich irgendwann Schluss machen. Wie es dann in den inneren Kern weitergeht, weiss keiner. Da gibt es nur historische Faktizität, die extrapolierbar ist. Selbst, wenn die R&Rs auch nicht mehr das sind, was sie mal waren (war hier mal ein Argument anlässlich einer Rapper-Liebschaft): Es gibt immer noch solche, die in Napoleons “unsichtbarer Hand” ein Vorbild erkennen. Das sind NICHT ganze Familien sondern wenige, die es besonders gut können. Und für Otto-Normal-Ökonomik: Selbst wenn man nur die Lorenz-Kurve nimmt: Die auf der Abzisse aufgetragenen “Einkommens”-Klassen sind viel zu grob, um unterhalb von 1% noch irgendeinen Verlauf ableiten zu können. Meine Vermutung, dass sich die Lorenz Kurve hyperbolisch an die Ordinate “anschmiegt”, ist daher nicht irrational. Die Lorenz-Kurve steht im Übrigen nur für “accountable wealth”. Aber genau wie es “unacknowledged special access programs” (http://en.wikipedia.org/wiki/Special_access_program) gibt, gibt es auch “unaccountable wealth”. Ich bleib bei meiner Schätzung und es irritiert mich nicht, wenn ich eine Grössenordnung daneben liege.

petervonkloss Juni 23, 2014 um 01:40

Dies sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen, soweit man zu lesen bereit ist (mit dionysischem Wein). Auch hinsichtlich der Staatspädagogik und der 500 Besitzenden; denn sie sind, da sie die Erde zu besitzen vermögen, die Nichts-Besitzer.
Denn man kann die Erde weder pädagogisierend emanzipieren noch besitzen! Eher, wenn auch selten noch wird sie ihr überzeitliches
Vernichtungsspektakel von Fall zu Fall, und Faltung zur Faltung jeweiliger Seinsgeschichte, geschehend zur
Kennntnis geben.

D i e m o d e r n e U n k l a r h e i t

– daß im „P r o z e ß d e s G a n z e n“ d i e A r b e i t
d e r M e n s c h h e i t n i c h t i n B e t r a c h t k o m m t ,
weil es einen Gesammtprozeß (diesen als System gedacht -)
gar nicht giebt:
- daß es kein „G a n z e s“ giebt, daß a l l e A b w e r t h u n g
d e s m e n s c h l i c h e n D a s e i n s, der menschlichen Z i e l e
nicht in Hinsicht auf etwas gemacht werden kann,
das gar nicht existiert……………………………………………………………….
- daß die Nothwendigkeit, die Ursächlichkeit,
Zweckmäßigkeit nützliche S c h e i n b a r k e i t e n sind
- daß n i c h t Vermehrung des Bewußtseins das Ziel ist,
sondern Steigerung der Macht, in welche Steigerung die Nütz-
lichkeit des Bewußtseins eingerechnet ist, ebenso mit Lust als
mit Unlust
- daß man nicht die M i t t e l zum obersten Werthmaß
n i m m t (also nicht Zustände des Bewußtseins, wie Lust
und Schmerz, wenn das Bewußtsein selbst ein Mittel ist -)
- daß die Welt durchaus kein Organism ist,
sondern das Chaos: daß die Entwicklung der „Geistigkeit“
ein Mittel zur relativen Dauer der Organisation ist……………
- daß alle „Wünschbarkeit“ keinen Sinn hat in
Bezug auf den Gesammtcharakter des Seins.

Aus dem Nachlaß
Friedrich Nietzsche

petervonkloss Juni 23, 2014 um 03:58

Acta diurna

Aus Moskau schreibt Leser B. über Putins TV-Fragestunde, die ich hier auszugsweise verfolgt habe: “Obwohl mit Sicherheit eine gewisse Vorauswahl der Fragen und Frager stattfindet, zeigen sowohl unangenehme Fragen von Oppositionellen als auch kleine Ausrutscher, dass hier kein Theater gespielt wird und Putin sich durchaus nicht sicher sein kann, womit er als nächstes konfrontiert wird. Umso beeindruckender ist die Souveränität, mit der der russische Präsident über vier Stunden hinweg Fragen aus den verschiedensten Bereichen sachlich und bisweilen auch mit Humor beantwortet. Am meisten besticht Putin durch seine Zahlenkenntnis – ob dies nun der Brotpreis, das durchschnittliche Gehalt in St. Petersburg oder ein Ukas Katharinas der Großen über die Krimtataren ist. Man möchte sich nicht ausmalen, wie führende deutsche oder EU-Politiker sich in dieser Situation schlagen würden. Es wird einen guten Grund geben, warum wir sie jenseits von oberflächlichen, in der Regel bereits durch Themen- und Gästewahl durchorchestrierten Talkrunden kaum sehen.”

Dieser Gedanke ist in der Tat lustig; allerdings dürfte man sich in jenem Land, wo das öffentliche Tragen eines Maulkorbes als erste Bürgerpflicht gilt, ziemlich sicher sein, dass ohnehin niemand außerhalb der Anonymität des Internets die falschen Fragen stellen würde, weil ihm das in seinem v. a. beruflichen Umfeld erheblich schaden könnte, denn wir leben schließlich in einer überaus hilfreichen Gesellschaft. Es würde also wahrscheinlich niemand Frau Merkel höflich um Auskunft bitten, ob die Deutschenfeindlichkeit und Gewaltkriminalität zahlreicher jugendlicher Zugewanderter aus einer speziellen Weltkulturgegend ebenfalls, wie der NSU, eine “Schande für Deutschland” seien, ob das Abdriften ganzer sozialfinanzierter Stadtteile ins Asoziale, nicht nur in Duisburg oder Dortmund, sondern sogar in der alten und neuen Hauptstadt der DDR, noch zum Konzept der “bunten” Republik zähle oder bereits als Sezession zu betrachten sei, weshalb dort auch im Falle schwerster Gesetzesbrüche das “Doch seht, die brave Polizei/Eilt wie gewöhnlich schnell herbei!” (Wilhelm Busch) nicht mehr gelte. Wohl niemand würde Auskunft begehren, wieviele Schwarzafrikaner Europa bzw. wenigstens Deutschland ungefähr “brauche” – und vor allem wofür –, und was mit den Überzähligen geschehen solle, die dort dermaßen schnell nachgezeugt werden, dass man in Europa mit den raumschaffenden Abtreibungen kaum hinterherkommt; warum ferner die grünen Bestmenschen oder die spitzbübischen Weltbeglücker von Pro Asyl nicht wenigstens ein paar hundert Flüchtige bei sich daheim oder in ihren Büros aufnehmen, wieviele Millionen kommen wollen sollen oder gekommen sein werden müssen, bis man Schiffe wieder nach Afrika zurückschickt, wieviele Windräder es pro Afrikaner zusätzlich braucht und ab wann man öffentliche Plätze einfach komplett überdacht, damit die Neuankömmlinge nicht nass werden, während sie für ihr Bleiberecht streiten und der dafür notwenige Wohnraum requiriert wird. Zum Beispiel. Oder warum Italiener und Griechen ein größeres Pro-Kopf-Privatvermögen haben als Deutsche, welchletztere diese Länder gleichwohl so fröhlich alimentieren dürfen wie u. a. auch die wahrscheinlich nur wenigen Nicht-Ärzte und Nicht-Ingenieure aus Rumänien. Oder wieviele “Transphobe” es hierzulande nach Zählungen des Verfassungsschutzes oder der NSA (Pro Asyl?) gibt, dass man ihre dringend gebotene Bekämpfung in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat. Fragen nach den außenpolitischen deutschen Interessen verböten sich ohnehin aufgrund der erwartbar EU-kompadebilen Antworten. Womit wir wieder bei der Fragestunde von Wladimir dem Schrecklichen wären, ich zitiere weiter:

“Apropos Krimtataren: Auf die Frage eines solchen nach Wiedergutmachung für die Repressionen unter Stalin antwortete Putin, dass dies auf jeden Fall auf seiner Agenda wäre, allerdings müsste eine solche Wiedergutmachung auch andere Völker umfassen, die unter Stalin gelitten hätten, beispielsweise Armenier oder Deutsche (!). Es ist schon erstaunlich, dass der Sproß einer Leningrader Familie, die unter der deutschen Belagerung litt, sich so um die Deutschen bemüht, auch wenn es in dieser Situation (wie auch sonst meistens) für Deutschenfreundlichkeit garantiert keinen Blumentopf zu gewinnen gab.”

Vor allem in Deutschland nicht. Spätere Historiker, vornehmlich wohl Asiaten, werden zu diesem Thema interessante Abhandlungen verfassen. Weiter im Text:

“Von diesen Dingen wird man aber wohl kaum etwas in den Zusammenfassungen der westlichen Presse lesen. Am wenigsten über folgende Bemerkung: Auf die Beziehungen zu Westeuropa angesprochen sagte Putin, es bereite ihm Schwierigkeiten, außenpolitische Fragen mit den westeuropäischen Staaten zu besprechen. Da diese einen Gutteil ihrer Souveränität bereits abgegeben hätten, sei es überhaupt nicht mehr möglich geopolitische Fragen vernünftig zu diskutieren. Darüber hinaus würden sie selbst zu Hause nur flüstern aus Angst, abgehört zu werden. Dieser letzte Satz – und nur dieser – findet sich auch auf Spon. Von dem viel grundsätzlicheren Problem – der deligierten Souveränität an EU und Nato und im Falle Deutschlands auch der Unfähigkeit, eigene Interessen zu verteten, ja überhaupt die Formulierung derselben als ureigenes Recht einer souveränen Nation und als Pflicht ihrer gewählten Vertreter zu sehen – findet sich nichts.”

Was dieses Problem irgendwie bestätigt.

Putin wiederum – ich wiederhole mich hier – ist keineswegs der schlimme Autokrat, der sein Volk knebelt und Russland wieder zur Weltmacht führen will, sondern, auf die gesamte Geschichte gesehen, der moderateste russische Herrscher überhaupt. Die UdSSR-Nachfolgerin GUS ist unter ihm quasi verschwunden. Den Afghanistan-Krieg des Westens, der nicht legitimer ist als die Krim-Annexion, hat er unterstützt. Als Dank rückten ihm die Amerikaner via Nato noch ein bisschen näher auf den Bärenpelz. Nur dass die Krim eben so russisch ist wie Helgoland deutsch. Noch nie herrschte ein so businessfreundlicher, öffentlich kritisierbarer, westlich orientierter Regent über das russische Reich. Es könnte alles viel schlimmer sein. Wir sollten aufhören, dem Rest der Welt unsere Kriterien aufzunötigen. Die anderen haben keine zwei Weltkriege verloren, sie wollen nicht aus Selbstekel und Toleranz aussterben – natürlich nur als “Volk”, keineswegs als “Individuen” –, und sie haben auch keinen “Nato-Partner”, den sie, närrisch fixiert wie Lorenz’sche Graugänse, für ihren großen Bruder halten und hinter dessen Hosenbeinen sie sich vor der Welt verstecken (manche haben es auch bis hinauf ins Gesäß geschafft). Es wird interessant sein zu beobachten, was passiert, wenn der vermeintliche Bruder seine eingebildeten Verwandten einfach abschüttelt und sich absentiert. Also zu wem sie dann hilfesuchend krabbeln bzw. watscheln. Denn Irgendjemand muss es ja sein, seitdem der Führer tot ist.

P.S.: Nichts gegen die USA übrigens. Einem Land, in dem die Freiheit der Rede zumindest theoretisch (und außerhalb der Universitäten) gilt, in dem jeder, der will, eine Waffe tragen oder auch nur für den Fall der Fälle daheim im Nachttisch deponieren kann, in dem ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Staat als seinen natürlichen Feind betrachtet, wo man aber dennoch besser die Hände am Lenkrad lässt, wenn die Polizei einen anhält, und das Einwanderern die offenbar immer noch zündende Idee zu vermitteln versteht, dass sie Amerikaner seien, gehört durchaus meine Sympathie.

P.P.S.: Aber muss man den armen Flüchtlingen aus Schwarzafrika nicht helfen? Am 20. Mai 1996 erschien im Focus ein Interview, das ich mit dem Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt führte; ich gestatte mir, zwei Passagen aus seinen Antworten zu zitieren, weil damit im Grunde alles gesagt ist: “Ich würde vorschlagen, daß sich Europa unter Einbeziehung Osteuropas großräumig abschottet und die Armutsländer der Dritten Welt durch Hilfen allmählich im Niveau hebt. Wenn wir im Jahr 1,5 Millionen Menschen aus der Dritten Welt aufnähmen, würde das dort überhaupt nichts ändern – das gleicht der Bevölkerungsüberschuß (…) in einer Woche wieder aus, solange es keine Geburtenkontrolle gibt. Man kann gegen eine Bevölkerungsexplosion in diesem Ausmaß sonst nichts tun, bestenfalls das Problem importieren, wenn man dumm ist.” – “Der Mensch kann alles pervertieren, auch Freundlichkeit oder Gastlichkeit, und wenn die Folgen sich als katastrophal erweisen, schleichen sich die Wohlmeinenden meist davon und sagen: Das haben wir nicht gewollt.”

Es gibt natürlich noch die christliche Version: Gehe hin und tue desgleichen, also nimm einen armen afrikanischen Flüchtling auf, unterweise ihn im Gebrauch von Alphabet, Zahnbürste, Kondom und Kolonialschuldvorwurf oder finanziere ihm eine Ausbildung; dass diese Version so unpopulär ist, hängt mit der pervertierten Tugendauffassung hierzulande zusammen, welche darin besteht, dass sich diejenigen als moralisch Edle feiern lassen, die von den anderen fordern, die Integrationsleistungen zu erbringen – ein Vorgang, den man gar nicht oft genug und heftig genug denunzieren kann (insofern und am Rande: Applaus für Pirincci!). Jeder, der fordert, Deutschland solle noch mehr ungebildete, alimentierungsbedürftige Zuwanderer aufnehmen, müsste in einer Gesellschaft, die nicht völlig verblödet oder moralisch bis zur Selbstaufgabe erpressbar geworden (also ebenfalls völlig verblödet) ist, gefragt werden, was ihn zu dieser Forderung legitimiert und was er bzw. sie selber dafür leistet, dass diese Leute, bildlich gesprochen, nicht mit Fischen versorgt, sondern zum Angeln angeleitet werden.

gelegentlich Juni 23, 2014 um 06:58

@pvk
Herzlichen Dank für diesen sachlich gehaltenen Einblick in eine mir fremde Gedankenwelt! Was ich persönlich nicht verstehe ist, wie man bei dieser sich immer wieder erneuernden Regenwurmperspektive auf die Welt Anhänger elitistischer Auffassungen sein kann. Weil ich doch gerne auf die politischen Konsequenzen dieser Haltung vorzustellen versuche.
Selbstkasteiung?

Morph Juni 23, 2014 um 08:29

@Natalius

Dass es auf der Welt die fünfhundert größten Privateigentümer gibt, ja selbst, dass es das größte Privateigentum gibt, ist in einer Privateigentumswirtschaft trivialerweise zu erwarten.

Die Frage ist, was daraus folgt. Dafür braucht man eine Sozialtheorie. Und da kommt eben von so Clowns wie Dir, @Aifran und dem ganzen Rest des hier begriffslos herumkrakeelenden Kommentariats nicht einmal das Fitzelchen eines Hinweises. Außer das dummüberhebliche Aburteilen von Theoriebeständen, in denen man sich ganz offenkundig nicht auskennt.

Die Frage ist, wie eine gegebene Verteilungsstruktur von Zahlungsfähigkeit die Organisation von Macht konditioniert. Die Antwort auf diese Frage ist keineswegs trivial. Man kann nicht einfach behaupten, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte, man kann aber auch nicht einfach behaupten, dass der Kontrolleur des größten Einzelvermögens oder der fünfhundert größten Einzelvermögen eo ipso die laufenden politischen Entscheidungsprozesse determiniert. Das ist erstens kommunikationslogistisch komplett unrealistisch und zweitens eine völlig zufällig gegriffene Größe: Warum die fünfhundert größten Vermögen, warum nicht die fünfzigtausend größten. Oder die fünfmillionen größten?

Die Vorstellung, dass da irgendwie eine Gruppe von Superreichen oder ganz ganz Reichen oder jedenfalls reicheren Leuten als Unseresgleichen die Strippen ziehen, ist intellektuell dermaßen dürftig, dass man sich schon fragen muss, wie diese Vorstellung motiviert ist. Denn im Ernst kann niemand so doof sein, das für wahr zu halten. Ich denke, es ist tatsächlich, horribile dictu, die Selbststigmatisierung des Opfers, die hier läuft, Revers des Sündenbockdiskurses.

gelegentlich Juni 23, 2014 um 09:10

@Morph
„Dafür braucht man eine Sozialtheorie. Und da kommt eben von so Clowns wie Dir, @Aifran und dem ganzen Rest des hier begriffslos herumkrakeelenden Kommentariats nicht einmal das Fitzelchen eines Hinweises. “
Wer so redet muss dann aber selber liefern. Ich habe bestimmt das Eine oder Andere übersehen, aber mehr als ein paar argumentlose abfällige Sätze über H.J. Krysmanski und seine Herrschaftsstrukturforschung-Forschung sind mir nicht in Erinnerung geblieben.

Morph Juni 23, 2014 um 10:02

@gelegentlich

“Ich habe bestimmt das Eine oder Andere übersehen”

Vermutlich. Wobei das insofern erstaunlich ist, als ich kaum etwas anderes hier mache, als Begriffe von sozialen Gebilden (Interaktion, Organisation, Gesellschaft, Sprache, Buchdruck, elektronische Medien, Öffentlichkeit, Macht, Geld, Recht, Liebe usw.) ins Spiel und gegen diesen elenden verschwörungsmythischen Personalismus in Stellung zu bringen.

Dieser Krysmanski ist ein schlechter Wissenschaftsfake. Müsste gerade Dir auffallen. “Power Structure Research” – dieses Blähsprech sagt alles, was man wissen muss.

Zweifellos gibt es ein eigenes, mittlerweile globalisiertes Milieu der Superreichen. Aber dieses Milieu ist so klein und Einzelpersonen sind heute derart überfordert damit, informationsmäßig mit dem für sie relevanten gesellschaftlichen Geschehen Schritt zu halten, dass die Personengruppe der Superreichen unmöglich das Subjekt ihrer Stabilität sein kann. Das Milieu der Superreichen ist nur als Epiphänomen der modernen Gesellschaft erklärbar, ebenso wie die Milieus der Exklusionszonen.

Gesellschaftliche Strukturen beruhen auf Technologie, Institutionen (Codes, Programme, Organisationen) und nichtgesellschaftlichen Umweltbedingungen. Deren Wechselspiel muss begriffen werden, wenn man sich über Entwicklungswahrscheinlichkeiten und Interventionschancen verständigen will.

aifran Juni 23, 2014 um 11:01

http://m.youtube.com/watch?v=Li73k5QfTeg&feature=kp Luhmännchens Theorie in Kurzfassung …

Nur nichts ändern – die Vibrierende (Wachstumszwang) Schiefe Ebene des Systems “Kapitalismus” lässt die darauf herumkullernden Talerchen/Eigentumtitel immer auf der Richtigen Seite, in der Richtigen Ecke landen. Da muss trotz Chaos nichts Manipuliert werden – die Schiefe Ebene reicht vollkommen.

Und die Gewinner und Nutzmenschenhalter lieben Sie – und Luhmännchen :-) – aber wehe an der Neigung soll auch nur ein klein wenig, entgegen Ihren Interessen herumgeschraubt werden …. dann ist Schluss mit Lustig und Toleranz – Dann kommt der Hammer!

schöne Tage :-)

BB Juni 23, 2014 um 11:10

@Morph

*Kecker, Lach*

…. erklärt einfach mal das Milieu der Superreichen als Epiphänomen und hält nix von Krysmanski und seiner Power Structure Research und damit ist für ihn die Sache erledigt, es gibt kein Problem mit der Verteilung von Geld und Macht auf dem Planeten.

Er selbst kennt aber einige Binsenweisheiten, z.B. dass gesellschaftliche Strukturen auf BlaBla basieren und man BlaBla Wechselwirkungen begreifen muss, um Entwicklungen und Interventionschancen blabala abschätzen zu können.

Man hat zwar von ihm außer wolkigen Verweisen noch keine solche Abschätzungen bisher gesehen. Sein alternativer methodischer Ansatz bleibt komplett im Dunkeln und er selbst macht sich permanent mit Rundumschläge auf alles, was seinen Horizont – also seine soziologische Verbildung – überschreitet, lächerlich.

*kecker, lach*

Linus Juni 23, 2014 um 11:11

@petervonkloss:
“D i e m o d e r n e U n k l a r h e i t
– daß im „P r o z e ß d e s G a n z e n“ d i e A r b e i t
d e r M e n s c h h e i t n i c h t i n B e t r a c h t k o m m t ,
weil es einen Gesammtprozeß (diesen als System gedacht -)
gar nicht giebt:”

150 Jahre später …
Falsch! Natürlich gibt es das Ganze. Die Welt fällt NICHT auseinander. Man kann dieses Ganze naiv als Chaos (ungeordnet) bezeichnen, im Gegensatz zum System (geordnet). Doch auch das Chaos kennt Ordnung, wie man jeden Tag an Emergenz-Phänomenen beobachten kann. Nimm eine Kiste voller Murmeln und schau dir ihre räumliche Anordnung an. Beobachte mal Verkehrsstaus usw.. Jeder Baum zeugt davon. Wer diese Ordnung der Dinge nicht sieht, der ist buchstäblich naiv.

Wichtig ist wohl der Blick aufs Ganze. Wer sich nur auf das Einzelne/ den Einzelnen konzentriert, der verliert sich im Ungewissen.

BB Juni 23, 2014 um 11:14

Aha, ich weiß, warum Morph von Krysmanski nichts hält:

http://de.wikipedia.org/wiki/Power_Structure_Research

In der Tabelle dort zur Rolle von Machteliten im Produktionsprozess stehen Sozialwissenschaftler ganz weit unten rechts :-)

Insider Juni 23, 2014 um 11:32

@Carlos Manoso Juni 22, 2014 um 17:17
Insider, Schirrmacher war eine Charaktermaske des „Bürgertums“ in einem bestimmten Segment der Kapitalmaschine. Diese Charaktermaske hätte Schirrmacher als wichtiger Funktionszuträger im Ring der Macht niemals ablegen können und wollen.

Carlos Manoso, Schirrmacher wollte bei der FAZ Karriere machen und hat sie gemacht. Selbstverständlich wusste er, dass die FAZ ein Kampfblatt des Establishments ist.
Gemäß seinem Rollenauftrag hat er immer im Interesse der FAZ und des Establishments gehandelt. Wobei ich dieses Establishment nicht als „Bürgertum“, auch nicht in Anführungszeichen, bezeichnen würde, denn politisch und kulturell ist es in Wirklichkeit anti-bürgerlich, weil anti-emazipatorisch, und weiß auch nicht, was die untergegangene bürgerliche Kultur auszeichnete.

Nach Marx sind die Menschen das, was sie tun. Insofern sind alle Menschen, die im arbeitsteiligen System des Kapitalismus eine Funktion ausüben „Charaktermasken“, egal ob Kapitalist, Lohnarbeiter, Zirkulationsagenten …
Sie sind Personifikationen von Kapitalverhältnissen.

In nicht-marxistischer Terminologie würde man von Rollenträgern sprechen. Die Rolle erzwingt ein rollenkonformes Verhalten, und nicht nur beim „Knecht“, sondern auch beim „Herrn“. Der Knecht zwingt den Herren zu Rollenkonformität, d.h. zu einem unfreien Verhalten. Denn dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Knechte ihre Herren als Herren anerkennen (vgl. Hegel).

Das ist auch der Grund dafür, warum freiheitsliebende und besonders intelligente Individuen aus der bürgerlichen Klasse zu Revolutionären wurden, weil sie die Zwänge und Unfreiheit in der kapitalistischen Gesellschaft überwinden wollten, da diese Gesellschaft den Menschen ein fremdbestimmtes Leben aufzwingt und diese an ihrer Selbstentwicklung und damit an einem erfüllten Leben hindert.

So wird im Kapitalismus die geistige und kreativ-künstlerische Arbeit den Zwängen der Ökonomie – dem Zwang zur Vermarktung – unterworfen. Dies bedeutet, dass die bürgerliche Hochkultur zu einer sterbenden Kultur werden musste und das gebildete Bürgertum zu einer untergehenden Klasse.

Klaus Harpprecht verglich einmal Schirrmacher mit dem Hochstapler Felix Krull.
Nun, der gesamte, für den Markt produzierende Kulturbetrieb hat etwas Hochstaplerisches an sich, weil er mit seinen Werken eben nicht „Große Kunst“ schafft, so aber tut, als ob.

Zusammen mit den Medien bringt die Kulturindustrie Pop-Stars hervor, deren Werke jedoch im Wesentlichen nur aus modisch-affirmativer Unterhaltungskultur bestehen und wie Modeartikel keinen dauerhaften Bestand haben, sondern Teil der marktförmigen Obsoleszenz- und Wegwerf-Produktion sind.

Den Marxschen Begriff der „Charaktermaske“ sehe ich als problematisch an, weil er allein an die objektive Funktion des Individuums gebunden ist und das Subjekt darin verschwindet.

Den Rollenzwängen der arbeitsteiligen kapitalistischen Gesellschaft unterliegen zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, sich in der kapitalistischen Gesellschaft in toto als Subjekt ausliefern und seine Subjektivität aufgeben zu müssen.

So konnte Friedrich Engels Unternehmer und revolutionärer Geist in einer Person sein.
Das wäre jedoch als FAZ-Journalist und –Herausgeber unmöglich.

Wer den Weg des Aufstiegs ins Establishment wählt, wählt den Weg in die geistige Unfreiheit. Das derart angepasste Individuum versucht sich und anderen Pseudo-Subjektivität und Individualität dann durch wirtschaftlichen Erfolg, Sozialstatus, Konsumgüter, Äußerlichkeiten etc. vorzugaukeln.
Denn je weniger diese Individuen geistig zu unterscheiden sind, umso mehr versuchen sie es durch Äußerlichkeiten.

holger196967 Juni 23, 2014 um 11:39

BB

—>>>In der Tabelle dort zur Rolle von Machteliten im Produktionsprozess stehen Sozialwissenschaftler ganz weit unten rechts”

Allein das die noch aufgeführt werden ist ein Schande :D

Morph Juni 23, 2014 um 11:46

@BB

zu Deinem Wiki-Link: schönes Beispiel für die rhetorischen Möglichkeiten des Tabellierens. Die Tabelle ist systematisch-begrifflich betrachtet kompletter Murx. Was soll das sein? Eine Kreuztabellierung? Eine Systematisierung der Kombinationsmöglichkeiten von Eigenschaften? Jede mir bekannte Möglichkeit des Tabellierens läuft hier vor die Wand. Es ist einfach Mumpitz, pure Systematizitätssimulation.

Und wozu werden hier die Zelleninhalte ganz offenkundig ohne Sinn und Verstand herbeiassoziiert? Und warum stehen Sozialwissenschaftler unten rechts?

Na, weil der Krysmanski selber ein Sozalwissenschaftler ist und mit dieser bekloppten Tabelle signaisieren will, dass sein Stand im Spiel der Macht involviert ist, er also systematisch affiziert ist, aber genügend Distanz hat um kritisch sein zu KÖNNEN.

Die Liste von Vertretern der sog. “Power Structure Research” in diesem Wiki-Eintrag (den wahrscheinlich der Krysmanski selber verfasst hat) ist schlicht zusammengelogen. Wieder einmal muss der arme Noam Chomsky dafür herhalten, von ‘kritischen’ Wirrköpfen vereinnahmt zu werden (das macht ja auch @Natalius hier im Blog).

Ich bin übrigens sowenig ein Sozialwissenschaftler wie Du ein respektables Beispiel für proletarische Intelligenz. ;-)

Natalius Juni 23, 2014 um 11:49

“Dieser Krysmanski ist ein schlechter Wissenschaftsfake. Müsste gerade Dir auffallen. “Power Structure Research” – dieses Blähsprech sagt alles, was man wissen muss.”

Dummerweise erklärt das “Zwiebelschalenmodell” Krysmanskis sehr gut die von der ETH-Gruppe um Battiston gefundene Netzwerktopologie: http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0025995

Plos one – ist hinsichtlich impact etwa vergleichbar mit PNAS – also fake science ist das nicht. Klar, dass es einen Biedermeierling ärgern muss, dass so etwas wie “systems design of global corporate control” im 21. Jahrhundert stärker zieht als das völlig zahlenlose Phänomenologiegeschwafel eines Bielefelder “Philosophen”. Natürlich gibt es neben Geld auch noch weitere “Metriken” – das bestreitet ja keiner.

Find dich einfach damit ab, dass “Systemtheorie” gegenüber “systems design” einfach schlecht abschneidet. Zahlenlos ist heute zahnlos. Und dieser Krysmanski hat immer grossen Wert darauf gelegt, seine Aussagen empirisch zu belegen. Aber damit haste es ja nicht so – stattdessen zunehmend hohle Polemik. Tu Dir mal selbst nen Gefallen: Mach mal ne Bestellung an den Dampfboot-Verlag fertig.

holger196967 Juni 23, 2014 um 12:15

Wir halten fest:

Es gibt keine Kartelle der Macht. Es gibt definitiv keine OPEC es gibt Siemens GE Alstom BMW Mercedes Monsanto Black Rock und die all die ganzen Banken NICHT.

Keiner von denen hat das Ziel der “Gewinnmaximierung”. Nie und Nimmer.

Man hat Nigger nicht in Sklavenschiffen verschickt. NEIN, das war nicht so wie es aussieht.

Wir haben kein KASTEN-System… NEIN natürlich nicht. Und die Kasten haben auch gar kein Interesse daran, Kaste zu bleiben. NEIN, man unterhält auch keine Armee… ach iwo… alles Mumpitz.

Rockefeller gabs auch nicht, und die A-Bombe ist nur eine Fiktion unverbesserlicher VT ler.

Nur der Große MORPH weiß komplett alles. Weil er hat ja studiert, was, weiß er wohl selber nicht. Und das berechtigt schon, alles zu wissen. Weil, weil ein MORPH es eben kann. Monty Pyton hat schon recht: “Rüben-Nasen” eben.

Aber auch er ist Teil einer Gesellschaft. Alimentiert von der Gesellschaft für die Gesellschaft.

Naja, die wm2014 hat mehr zu bieten.

BB Juni 23, 2014 um 12:23

@Morph

“….Jede mir bekannte Möglichkeit des Tabellierens läuft hier vor die Wand. Es ist einfach Mumpitz, pure Systematizitätssimulation. ….”

In dieser Gegenrede zeigen sich die ganzen Kurzschlüsse deiner Argumentationsweise.

Eine solche Tabelle ist erst mal nichts anderes als ein Hilfsmittel zur Strukturierung eines Problemfeldes, zur Veranschaulichtung eines Zusammenhangs, whatever.

Allgemein akzeptiert auch in der Wissenschaft und bisher meines Wissens außer von dir noch nirgends kritisiert, solange der Inhalt plausibel ist.

Plausibel ist der Inhalt, solange die Argumentation, die zu der Tabelle geführt hat und die in der Regel irgendwo nachzulesen ist, plausibel (valide) ist.

Eine Tabelle ist ein Visualisierungshilfsmittel für Ergebnisse, keine wissenschaftliche Methode und kann als solche deshalb auch nicht angegriffen werden, wie du es versuchst.

Ansonsten ist über den Link über Krysmanski und seine Methodik zu lesen:

“…..Bislang fand die Forschung durch intensive Nutzung von Bibliotheken und Archiven, Beobachtung der Presse, Durchforstung von Regierungsdokumenten und Interviews mit Insidern statt. Die Recherchen zu dieser Forschung werden heutzutage durch intensive Internet-Recherchen ergänzt…..”

Eine absolut anerkannte wissenschaftliche Methodik besonders in den Geisteswissenschaften (meiner Meinung nach nicht die schlechteste), wenn quantitative Methoden (z.B. Statistik) nicht möglich oder sinnvoll sind.

Ergänzt und bestätigt wird diese Art von Forschung mit ihren Ergebnissen etwa durch “ernsthafte Wissenschaftler” (Noam Chomsky, Verweis von Natalius also berechtigt) welche die USA heute als Polykratie bezeichnen sowie natürlich auch durch empirische Ergebnisse etwa aktuell von Thomas Piketty.

Da fragt man sich, wie Du zu deiner Einschätzung kommst, dass das alles Quatsch sein soll.

Stattdessen behauptest du mal einfach, dass die Liste der PSR-Forscher in Wikipedia natürlich Blödsinn sei, wie du genau meinst zu wissen, aber – geschweige denn einen Beleg – nicht einmal eine Begründung lieferst (außer, dass Noam Chomsky da nicht hingehört). Ich habe aber selbst ein Buch von Noam Chomsky im Bücherregal und nach allem, was ich jetzt zur “deskriptiven” Methodik von PSR weiß, kann man den ruhig dazu zählen.

Deine Argumentation besteht nur aus “Von-dem-halte-ich-nix”-Urteilen. Meiner Meinung immer dann, wenn sie dein Wording zur Beschreibung eines Gegenstandes nicht verwenden. Du selbst verwendest aber dein “deskriptives” Wording komplett ohne Belege (nicht mal per Link).

Es ist (!) eine Methode, wenn man zur Begründung auf Presseartikel und Internet-Dokumente verweist/verlinkt, insbesondere üblich in eher geisteswissenschaftlichen Diskziplinen und wenn quantitative Methoden nicht zur Verfügung stehen.

Es ist keine (!) Methode, wenn man nur “eleganten Unsinn” daher redet.

Morph Juni 23, 2014 um 12:24

@Natalius

“Dummerweise erklärt das “Zwiebelschalenmodell” Krysmanskis sehr gut die von der ETH-Gruppe um Battiston gefundene Netzwerktopologie.”

Behauptest Du mal so. So wie Du die Existenz von jüdischen Reptilienorks from Outer Space behauptest.

Dass es bemerkenswerte Vermögenskonzentrationen und zentrale Finanzierungsagenturen gibt, ist bekannt. Weder aber wird diese Tatsache durch K.s ‘Zwiebelschalenmodell’ erklärt, noch ist klar, was aus diesem Faktum gesellschaftlich folgt.

Außer dass irgendwelche Ressentimentalen im long tail des Internet rote Öhrchen bekommen. ;-)

Und nochmals: Die technologische Entwicklung, die Institutionalisierung gesellschaftlicher Rechte und Pflichten sowie die Entwicklung der nichtgesellschaftlichen Faktoren der gesellschaftlichen Reproduktion (Ressourcen und demographische Entwicklung) sind wichtiger als die Eigentumsstruktur. Sowas ähnliches hat ja schon der Marx gewusst. Der nannte das Basis/Überbau. Ihr Schnullis.

@Insider

Und Du solltest Dir bei Gelegenheit nochmal das Herrschafts-Knechtschafts-Kapital in Hegels Phänomenologie vornehmen. Oder hast Du das vielleicht noch nie gelesen? Ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass jemand diesen schwierigen Text durchgearbeitet hat und derartigen Blödsinn darüber schreibt.

Linus Juni 23, 2014 um 12:25

@BB:
“Sein alternativer methodischer Ansatz bleibt komplett im Dunkeln”
Das stimmt so nicht ganz:

Morph bringt zunächst “Epiphänomen” gegen “Personalismus” in Stellung. Dieser Gesichtspunkt ist eine Prüfung wert. Leider macht hier jeder einen grossen Bogen drumrum.
Nach meiner Erinnerung lässt sich Krysmanskis Studie in BEIDE Richtungen interpretieren!

Das ist aber letztendlich egal. Die gegenwärtige Verteilung ist, grob verharmlosend gesagt, nicht “legitim”. Also gehört sie geändert. Die Frage ist nur, wie? Es geht um das Verständnis der Mechanismen, die zu diesem Missstand führen und ihren intelligenten Umbau. Sonst haben wir morgen wieder den gleichen Schlamassel.

Dabei sind auch und gerade Mächtigen gefragt. Oder sind die auch nur Opfer der Verhältnisse?

BB Juni 23, 2014 um 12:34

Im übrigen – Morph – mein proletarischer Intellekt ist absolut authentisch :-) Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Nicht unbedingt das aktuelle, aber das Sein in Zeiten der Prägung.

BB Juni 23, 2014 um 12:45

@Linus

Mit Epiphänomen will Morph doch wohl nur sagen, dass die Reichtumsverteilung im Grunde irrelevant ist, d.h. in der Konsequenz: keine Gefahr für die Demokratie, keine gefährliche Machtkonzentration, keine zunehmende Deprivierung bzw. Schrumpfen der Mittelschichten, etc.

Es ist die Linie: Regt euch doch nicht auf. Die Reichen sind nicht unser Problem. Er übernimmt damit die betäuben-wollende Position der Eliten und das auf ganz schwachen Füßen.

Er bringt das auch nicht gegen “Personalisierung” in Stellung. Die Personalisierung benutzt er nur als Punching-Argument gegen seinen aufgebauschten Intimfeind Natalius. Wenn er seine schwache Argumentation als Kampf gegen VT verkaufen kann, wirkt es größer.

Ich würde ihn jetzt nicht mit Napoleon vergleichen wollen, sondern mit Siegfried, der im Kampf gegen den Drachen unverwundbar wurde (Der Vergleich ist jetzt gelungener als der Vergleich Schirrmachers mit Napoleona *kecker, lach*)

Morphs Argument “Epiphänomen” beinhaltet (!) die Personalisierung und ist keine Gegenposition dazu.

Deshalb – sorry Linus – An Morphs Argumentation ist nix methodisch, aber auch gar nix.

Insider Juni 23, 2014 um 12:59

@Morph

Sie behaupten vieles, aber begründen nichts.

Sie treten mit aggressiver Arroganz auf, werten andere Kommentatoren ab, verdrehen deren Argumentation und beleidigen diese. Wahrscheinlich erscheinen Sie nicht nur mir als ein Blender. Als ein Loser ohne Erfolg im Wissenschaftssystem, der hier im Internet den Professor spielt, den er im Real Life nicht erreicht hat und auch nie erreichen wird.

Sie wollen mit wissenschaftlicher Terminologie beeindrucken, aber das ist nichts weiter als im Wissenschaftssystem gängige Papageiensprache. Zum erfolgreichen Wissenschaftler fehlt ihnen m. E. vor allem die Argumentationskraft sowie Originalität.

Zudem weist ihr anti-soziales, hooliganhaftes Sozialverhalten auf einen eklatanten Mangel an psychischer Reife und Gesundheit hin.

Beeindrucken können Sie mit Ihrem Verhalten nur Ihresgleichen.

kecker Juni 23, 2014 um 13:15

@ BB “Deshalb – sorry Linus – An Morphs Argumentation ist nix methodisch, aber auch gar nix.”

Ehe man den Kopf schüttelt, vergewissere man sich, ob man einen hat. (Truman Capote)

*kecker,lach*

Ostsächsischer Papierkorb Juni 23, 2014 um 13:20

Im Wissenschaftssystem gängige Papageiensprache. Diese Bezeichnung kannte ich bisher nicht. Ich nannte es deshalb Birnenquarkproduktion.

Schatten Juni 23, 2014 um 13:21

“500″? Dass dies nicht so einfach ist, dafür ist ja der Putin das beste Beispiel: Dem haben die “Oligarchen” den Wahlkampf finanziert und er hat sich bedankt, indem er sie aus der Politik rausdrängte, nach London oder ins Straflager schickte.

Selbst wenn den “500″ die halbe Welt gehört (China?), dann gehört sie ihnen als Eigentum, sie haben sie aber nicht in Besitz, unter Kontrolle.

Es geht als “geheime Macht” nämlich nur dann höchstens gut, wenn es für viele ein gutes Geschäft ist. Ist es kein gutes Geschäft mehr, klappt nix. Dann bricht das Chaos aus und die Condottieres kommen.

Früher ging es hier öfter mal um Keynes: Der hat in seinem Buch “Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages” die “starken Männer” für Deutschland vorhergesagt, weil eben der Versailler Vertrag D ausbluten würde. Und bevor man jetzt mit Prescott Bush kommt – den WKII hat niemand so gewollt!

Aber das ist vielleicht das Gute an der heutigen “Opposition”, dass sie sich auf unbeweisbare graue Eminenzen konzentriert, “die Kreatur von Jekyll Island” und so Zeugs, statt auf naheliegende Dinge, wie demokratische Partizipation; den Staat, vielleicht EU-Verbund, als ordnende Hand, usw.

Wenn ich Illuminat wäre, würde ich diese unbeweisbaren Theorien noch befördern. Auch dieser Esoterik-Scheiß ist super! Leuten, die irgendwo zwischen freier Energie, Reptilien-Aliens und Metawellen des Bewusstseins sich ihre Theorien zusammenbauen, die sind beschäftigt…

Morph Juni 23, 2014 um 13:36

@Insider

;-)

Okay, ich will mal nicht so sein:

In Hegels Analyse des Verhältnisses von Herrschaft und Knechtschaft geht es um die Genese des Selbstbewusstseins. Hegels ganz gute Ausgangsidee ist, dass Selbstbewusstsein nur im Spiegel von Seinesgleichen möglich ist. D.h. Selbstbewusstsein ist nur als anerkanntes möglich. Das reflexive Ich kann sich als selbständiges Selbstbewusstsein nur erleben und erfahren, indem es von einem anderen Selbstbewusstsein (einem anderen reflexiven Ich) als solches anerkannt wird. Und darin liegt eine Spannung, denn damit sich die eigene Unabhängigkeit/Selbständigkeit des Selbstbewusstseins für sich beweist, muss das je andere Selbstbewusstsein sozusagen den ersten Anerkennungsschritt machen. Das aber will es nicht, denn es will sich ja gerade nicht in der Abhängigkeit vom je anderen Selbstbewusstsein sehen.

Diese Spannung begründet einen Kampf um Anerkennung, der in seiner ersten, ursprünglichen Form tatsächlich ein “Kampf auf Leben und Tod” ist. Das Problem aber ist, dass der Sieg in diesem Kampf ein Pyrrhus-Sieg ist, denn das ‘gewinnende’ Bewusstsein verliert in diesem Kampf seinen Gegenpart, den es doch anerkennungstechnisch braucht.

Aus dieser Erfahrung entspringt das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft. In diesem Verhältnis ist das im Kampf auf Leben und Tod strukturell unterlegene Bewusstsein aber auf eigentümliche Weise dann doch der eigentliche Held, denn es ist, zur Knechtschaft und zur Arbeit gezwungen, damit das Subjekt der Produktion objektiven Geistes.

Mit Rollensoziologie und einer Komplementarität von institutionalisierten Handlungsprogrammen hat das nichts aber auch gar nichts zu tun.

Gern geschehen!

;-)

aifran Juni 23, 2014 um 13:40

Wachstumszwang – (Wachstum oder Krise) macht mächtig Stress … weil wenns mit dem Wachstum nicht mehr klappt rappelt es in der Kapitalismuskiste :-)

Wachstumszwang (sonst Krise) – was ist der Auslöser, die Ursache?

aber darüber zu Reden ist ja Pfui Gack …. Warum?

gelegentlich Juni 23, 2014 um 14:27

@Morph @Natalius
„Dummerweise erklärt das “Zwiebelschalenmodell” Krysmanskis sehr gut die von der ETH-Gruppe um Battiston gefundene Netzwerktopologie.”
Nein, das Modell erklärt gar nichts, die Netzwerktopologie auch nicht. Die beschreiben nur. Struktur und Funktion sind doch verschieden voneinander.
Dass Jemand in einem Gremium zusammen mit einem Anderen sitzt könnte etwas zu bedeuten haben, muss es aber nicht. Vielleicht schnarchen sie nur nebeneinander und kassieren das Sitzungsgeld. Dass sie sich dort miteinander zu bestimmten Handlungen verabreden müßte man halt getrennt beweisen können. Das gelingt selbst einem Chomsky nur selten.
Am absurdesten fand ich das mal im Netz. Da hat ein zwielichtiger Blogbetreiber (Opablog) die Tatsache hochgehalten, dass Beckstein und ein wichtiger Staatsanwalt im gleichen kirchlichen Gremieum saßen – als Entdeckung.
Da schlägt dann VT ins Denunziantenhobby um.
Ob die 500 Reichsten mit ihrem Geld tatsächlich das tun, was sie damit tun könnten, ist kaum zu untersuchen. Diejenigen, die sie kennen (laut @Natalius), sagen uns ja nicht einmal wer das sein soll.

topi Juni 23, 2014 um 14:42

“Und nochmals: Die technologische Entwicklung, die Institutionalisierung gesellschaftlicher Rechte und Pflichten sowie die Entwicklung der nichtgesellschaftlichen Faktoren der gesellschaftlichen Reproduktion (Ressourcen und demographische Entwicklung) sind wichtiger als die Eigentumsstruktur. Sowas ähnliches hat ja schon der Marx gewusst. Der nannte das Basis/Überbau. Ihr Schnullis.”

Na klar.
Und wenn einem alles gehört, macht nix.
Er muss doch nur sein Vermögen so einsetzen, dass die Einkommen aus der gemeinschaftlichen Produktion so verteilt sind, dass sie von einer deutlichen Mehrheit irgendwie als fair empfunden werden.

Es gibt so tolle Sonnenbrillen mit auswechselbaren Gläsern, da kann man sich ein sattes gelb einsetzen; damit sieht die Welt noch viel besser aus als rosarot. :rolleyes:

topi Juni 23, 2014 um 14:42

oder :roll:

Carlos Manoso Juni 23, 2014 um 15:33

@Morph Juni 23, 2014 um 12:24
„Dummerweise erklärt das “Zwiebelschalenmodell” Krysmanskis sehr gut die von der ETH-Gruppe um Battiston gefundene Netzwerktopologie.”
Behauptest Du mal so. So wie Du die Existenz von jüdischen Reptilienorks from Outer Space behauptest.
Dass es bemerkenswerte Vermögenskonzentrationen und zentrale Finanzierungsagenturen gibt, ist bekannt. Weder aber wird diese Tatsache durch K.s ‘Zwiebelschalenmodell’ erklärt, noch ist klar, was aus diesem Faktum gesellschaftlich folgt.
Außer dass irgendwelche Ressentimentalen im long tail des Internet rote Öhrchen bekommen.“

Morph, du schreibst: „Weder aber wird diese Tatsache („bemerkenswerte Vermögenskonzentrationen „) durch K.s ‘Zwiebelschalenmodell’ erklärt, noch ist klar, was aus diesem Faktum gesellschaftlich folgt.“ Dieser Satz ist m.E. völlig wirr. Krysmanski will das Zustandekommen der „bemerkenswerten Vermögenskonzentrationen“ als solche nicht mir seinem ‘Zwiebelschalenmodell“ erklären. Es geht Krysmanski darum, die gesellschaftlichen Folgewirkungen dieser „bemerkenswerten Vermögenskonzentrationen“ mit Hilfe seines ‘Zwiebelschalenmodells“ systematisch zu beschreiben

„ Und nochmals: Die technologische Entwicklung, die Institutionalisierung gesellschaftlicher Rechte und Pflichten sowie die Entwicklung der nichtgesellschaftlichen Faktoren der gesellschaftlichen Reproduktion (Ressourcen und demographische Entwicklung) sind wichtiger als die Eigentumsstruktur. Sowas ähnliches hat ja schon der Marx gewusst. Der nannte das Basis/Überbau. Ihr Schnullis.“

Vergiß dieses schablonenhafte alte Denken, Morph. Lies Marx neu mit dem gesellschaftlichen Wissen des Jahres 2014! Marx Denken spiegelt seine Widersprüchlichkeit und seine Doppelbödigkeit wider, weil es seinem historischen Standort entsprechend einerseits die Modernisierungsaufgabe des Kapitalismus denkt, aber andererseits auch die (finale) Krise und die (überwindende“) Kritik am Ende des Modernisierungsprozesses mitdenkt. Erst am Ende des Modernisierungsprozesses des Kapitalismus kann z.B. die finale Krise der immer unhaltbarer werdenden Warenform viel konkreter als noch vom exoterischen Marx formuliert werden wie auch die Kritik subjektloser Herrschaft endlich vom sich auflösenden Paradigma des sog. „Klassenstandpunkts“ entkoppelt werden.

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