Wie Akteure in einem Stück von Dario Fo

by f.luebberding on 9. Juli 2014

Manchmal passieren verrückte Dinge. Eine Staatenordnung zerfällt. Krieg, Tod, Verwüstung, Elend. Sicher kommt niemand auf die Idee, in dieser Situation die letzten Reste von Stabilität in Frage zu stellen. Den Zerfall und das Chaos perfekt zu machen. Es geht schließlich nicht um Fußball, wo alles möglich ist, wie gestern Abend wieder zu erleben war. In dieser Lage wäre eine Kultur der Zurückhaltung mehr als nur eine Phrase. Es liegt im wohlverstandenen Eigeninteresse aller Akteure. Aber manchmal passieren verrückte Dinge. Keiner der Akteure handelt so, wie es zu erwarten wäre. Sie handeln als politische Selbstmörder, die so ineinander verkeilt sind, dass sie die Umwelt nicht mehr wahrnehmen, in der sie leben. Das geschieht gerade im Nahen Osten.

Palästinenser und Israelis sind seit Jahrzehnten in Feindschaft verbunden. Sie können nicht ohne den anderen überleben, selbst wenn sie es versuchten. Weder werden die Israelis den wirren Traum von Großisrael verwirklichen, noch die Palästinenser die Juden ins Meer treiben. Jeder derartiger Versuch führte in den eigenen Untergang, vor allem dann, wenn er gelänge. Syrien und der Irak zerfallen, die Nachbarn wie der Libanon oder die Türkei müssen die Folgen fürchten, andere regionale Mächte betrachten den Zerfall als Kampf um die eigene Machtposition. Plötzlich wurde der klassisch gewordene Nahost-Konflikt zwischen Israel und Palästina zur weltpolitischen Marginalie. Die Weltöffentlichkeit ist aber schon längst ermüdet von diesem Dauerkonflikt. Sie hat andere Sorgen. Niemand will noch hören, was bornierte Israelis oder Palästinenser zu sagen haben. Beide Seiten wirken schon längst wie Akteure in einem absurden Stück von Dario Fo. Man müsste über radikale Siedler und Islamisten lachen, wenn es nicht so tragisch wäre. Mit dem jüngsten Krieg wirken beide so als wenn sie sich in dem Drama des Mittleren Ostens in Erinnerung bringen müssten. Hallo, wir sind auch noch da. Oder habt ihr uns vergessen?

Wahrscheinlich ist deshalb bei Israelis und Palästinensern das Erstaunen so groß, warum sich die Weltöffentlichkeit nicht mehr mit den aus früheren Zeiten bekannten dramatischen Appellen an sie wendet. Den Aufforderungen zur Vernunft und zur Rückkehr an dem Verhandlungstisch. Alle nehmen diesen archaisch gewordenen Konflikt nur noch zur Kenntnis. Wenn beide Seiten nicht verhandeln wollen, sollen sie es lassen. Man kann niemanden zur Vernunft oder zu seinem Glück zwingen. Wenn Israelis und Palästinenser das nicht einsehen wollen, werden sie Krieg führen müssen.

Ein bitterer Satz. Aber es ist die einzige Erkenntnis, die beide Seiten gewinnen müssen. Sie sind selbst für ihre Handlungen und die Folgen verantwortlich. Die ewige Debatte, wer Schuld an dieser Tragödie ist, muss uns nicht mehr interessieren. Das kann man getrost den Fanboys beider Seiten überlassen. In dieser Bitterkeit gibt es eine Hoffnung, die der große David Grossmann in der FAZ formuliert. Vielleicht findet sich auf Seiten der Palästinenser endlich jemand, der das in gleicher Weise für die eigene Seite macht. Und sonst?

Ich werde mich bis Sonntag mit Fußball beschäftigen. Es ist wahrscheinlich das Beste, was man noch machen kann.

update 25.07.2014

“Wenn beide Seiten nicht verhandeln wollen, sollen sie es lassen. Man kann niemanden zur Vernunft oder zu seinem Glück zwingen. Wenn Israelis und Palästinenser das nicht einsehen wollen, werden sie Krieg führen müssen.”

Dem ist nichts hinzuzufügen.

4.08.2014

Beide Seiten führen weiterhin Krieg. Dem ist nichts hinzuzufügen.

{ 223 comments… read them below or add one }

BB Juli 13, 2014 um 10:36

@ruby

Diesmal hast du den Link vergessen:

http://www.t-online.de/wirtschaft/jobs/loehne-gehaelter/id_70217142/oecd-generalsekretaer-mindestlohn-hilft-lumpenproletariat-.html

OECD: “…. hilft dem LUMPENPROLETARIAT in Deutschland …”

…. für das Archiv unter der Ablage: “Wie abgehobene ‘Institutionen’ über das Volk denken”.

Was natürlich nicht heißt, dass ich Morph recht gebe. Denn auch die OECD offenbart hier “Werte”, wenn auch primitiv “neoliberale”.

“Werte” sind eben die wichtigsten Grundlage für das konkrete Agieren einer Organisation oder einer Institution und eben nicht nur Regeln, die sich jederzeit an veränderte Werte anpassen können.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Werte von Institutionen nahe den axiomatischen Evidenzen z.B. eines radikalen Humanisten liegen. Im Gegenteil, sie können sich davon sehr sehr weit davon entfernt haben.

Genau deshalb dürfen sich Institutionen auch nicht der demokratischen Kontrolle z.B. in der Folge der Globalisierung entziehen.

Es sollte deshalb nur eine minimale Anzahl sehr schlanker internationaler Institutionen geben, damit die erst gar kein unkontrolliertes Eigenleben entwickeln können.

Das geht!

Schafft die Weltbank endlich ab! Zum Beispiel und so weiter …

"ruby" Juli 13, 2014 um 11:13

Kennt noch jemand den Lumpenhändler, -sammler?
Fuhr durch die Siedlung zu einem festen Termin, klingelte oder man legte die Lumpen an die Straße und es wurde fast alles mitgenommen.
http://www.wupperblog.de/2007/12/11/lumpensammler-das-taegliche-nerven/

f.luebberding f.luebberding Juli 13, 2014 um 11:27

Die alten Schlachtordnungen in der deutschen Innenpolitik lösen sich bei diesem Thema “Naher Osten” allmählich auf. Man sollte diese beiden Artikel in der Welt durchaus als Indikator für einen Stimmungswandel betrachten. Einmal zur Geschichte Gazas und die Sichtweise eines in Deutschland lebenden Palästinensers. Es dominiert mittlerweile der Überdruss an eine Region, die wie eine Endlosschleife aus Krieg und Waffenstillstand funktioniert.

wowy Juli 13, 2014 um 12:52
BB Juli 13, 2014 um 12:55

@fl

Also was soll denn an den Artikeln die “neue Sichtweise” sein?

Es ist das übliche Spiel der konservativen Presse, wie sie mit dem Thema umgeht.

Sie sucht sich einen “liberalen Intellekutellen, wie z.B. den Etgar Keret (FAZ) oder einen Palestinenser wie den Ahmad Mansour (Welt) als Zeugen der “Gegenseite”, schwurbelt ein bisschen scheinausgewogen herum und zitiert ihn am Schluss unvollständig oder falsch oder richtig (wenn er ein falscher Fuffziger ist) mit einem genehmen tendenziösen Zitat, z.B.:

“….Wer Palästinenser in der Abhängigkeit vom Opfermythos hält, der tut ihnen keinen Gefallen. ….”

Das ist kein Fortschritt in der Interpretation erkennbar. Z.B. wird der Scharon in dem Artikel nicht wirklich kritisiert, wenn man genau liest.

Ist doch durchschaubar. Braucht man nur Textanalyse für um den Trick zu merken :-)

Jackle Juli 13, 2014 um 13:25
f.luebberding f.luebberding Juli 13, 2014 um 15:26

BB

Die Veränderung liegt woanders. Es geht in der Berichterstattung nicht mehr in erster Linie um die Legitimation der Handlungen einer Seite, sondern um die Darstellung der faktischen Unlösbarkeit unter derzeitigen Bedingungen. Das heißt eine Distanz zu beiden Konfliktparteien einzunehmen, ohne sich aber auf die ewige Debatte um das jeweilige Existenzrecht einer der beiden Seiten einzulassen (Was bei Springer schon bemerkenswert ist). Vielmehr wird auf beiden Seiten nach den Leuten gesucht, die eine kritische Haltung zur eigenen Politik einnehmen.

Balken Juli 13, 2014 um 15:29

Schon ein bißchen zu lange her. Unter denen, die gegenwärtig aus Donezk in Richtung Osten flüchten, werden nur noch wenige Dabeisein, die das 1941 schon einmal erlebt haben.
Auch die begleitende Propaganda aus westlicher Himmelsrichtung ist jetzt eine andere. Es gibt auch mehr und willigere einheimische Hiwis, als damals. Denn man kann ja inzwischen die nationalistische Karte ziehen.
Man wird sehen, ob die als Staat noch relativ junge Ukraine (genauer: das, was davon noch übrig ist) diese vom Westen, und möglicherweise unbedacht und unbeabsichtigt, geschürte innere Auseinandersetzung als Staat überlebt. Sollte es mit Hilfe des Westens gelingen, den Gesamtstaat zu erhalten und also den gesamten Osten und Süden des Landes zu derussifizieren , wird ihm diese Verschiebung des NATO-Glacis über das Galizisch-Ruthenische ( kulturell noch von der polnisch-österreichischen Zugehörigkeit geprägte) westliche Gebiet hinaus bis in den russischen Donbass und nach Odessa teuer zu stehen kommen. Den USA kann es egal sein. Sie erhält das Gebiet für ihre NATO. Das teure Protektorat erhält die EU.

"ruby" Juli 13, 2014 um 15:30

@ pvk
Was ist “Ordnung der Zeit” im ewigen Krieg des “Nahen Osten”?
http://www.youtube.com/watch?v=4-CeOWDBoFg
Bei der dynamischen Investitionsrechnung kann man diese ja noch in Zahlen fassen und bewerten.
@ BB
Was sagt die kontextuelle Verwendung des Begriffs
LUMPENPROLETARIAT über den Benutzer aus …
gefühlter VERMÖGENSPHILOSOPH?
Wo liegt die Auflösung eines Gegensatzes?
Bestimmt nicht in der Negierung der Rente mit 63 durch den hyperalimentierten Bundesbankpräsidenten.

wowy Juli 13, 2014 um 15:32
ruby Juli 13, 2014 um 18:21

Fußball und Vorherrschaft
http://www.youtube.com/watch?v=BWAhVbayGv4
Pathos – Kampf
Hans Zimmer
Pokal in Brasilien
Schauma Schampoo in GAZA

ruby Juli 13, 2014 um 18:53

Journalismus statt Fußball
http://www.youtube.com/watch?v=slt9tuDiaGg

ruby Juli 13, 2014 um 19:13

http://www.youtube.com/watch?v=PfAWReBmxEs

Süsses Kind der Zeit, Du siehst die Linie
Grenze, die zwischen Gut und Böse trennt

Sweet child in time, you’ll see the line
Line that’s drawn between good and bad

Balken Juli 13, 2014 um 20:42

Einen gewichtigen Unterschied zu den westlichen Unterstützungen eines Ukrainischen Nationalismus im Zusammenhang mit dem ersten, dann nochmals mit dem zweiten Weltkrieg gibt es allerdings: damals wie heute war das Motiv die Spaltung des ostslawischen Kulturraums, gegen Russland gerichtet. Damals war Aber allein Deutschland der interessierte Sponsor des ukrainischen Nationalismus. Heute macht Deutschland nur halbherzig mit, als genötigter Ally, eigentlich treibend sind die Angloamerikaner. Es ist eine der größten Dämlichkeiten EU – Deutschlands, sich gegen seine Interessen vor diesen Karren spannen zu lassen. Ein eiserner Vorhang vor Osteuropa trennt Deutschland von seinen Nachbarn und seinen Investitionsmöglichkeiten, beseitigt die für die USA gefährliche Vision des Entstehens einer Union von Lissabon bis Wladiwostok, während die USA hinter diesem Vorhang, von lästiger Konkurrenz aus Europa entlastet, sich in ihrem “Asiatisch-Pazifischen Raum einrichten, ganz selbstverständlich auch Russland einbeziehend, von dem sie Europa erfolgreich wegsanktionieren konnten.

"ruby" Juli 13, 2014 um 20:53

@ carlos manoso
Wer macht es ?

Natalius Juli 13, 2014 um 21:00

Nach der “gezielten” Einblendung:
Blüüh im Glahanze deines Glühückes,
blühe deueutsches Muttihiland.

Natalius Juli 13, 2014 um 22:05

Mahann, UNglaublich wichtig:
Halbzeit, Krieg in Palästina und mehr als 5 Sekunden lang ARD: Lorin Maazel ist gestorben!

Balken Juli 13, 2014 um 22:34

Interessant, wie wenig es übrigens die geleakten Äußerungen des polnischen Außenministers Sikorski in unsere Mainstreampresse geschafft haben. Müssen ja noch peinlicher gewesen sein als Nulands Äußerungen über die Rolle der USA bei der Lenkung des Maidan und der Regierunsbildung: Yats soll’s machen.
In der Tat ist eine solche Stimme aus Polen beachtlich. Wenn den USA als Nebeneffekt ihres Ukraine-Engagements die unterwürfig-bewundernde Treue des “Neuen Europa” , im wesentlichen also Polens, verlorenginge, wäre das mehr als ärgerlich. Polen und Ukraine – das ist ein geschichtlich heikles Thema. Man hat die Glanzzeit des polnisch-litauischen Großreichs in Polen nicht vergessen. Wenn die ablolute Loyalität zur USA in Polen gerade an der Ukraine-Frage zerbricht – wen wollte es wundern? Vielleicht begreift man in Polen gerade, dass die große ferne transatlantische Schutzmacht vor der eigenen Hasutür Ränke schmiedet, un d sich dabei einen feuchten Kehricht schert um die Sorgen der Nachbarn um den Erhalt eines fragilen Zustandes in der Region. Womöglich dämmert es in Polen: Raketenschild doch lieber nicht bei uns, sondern von uns aus auf der Osterinsel? Oder auf Kuba?

Balken Juli 13, 2014 um 23:16

Interessant auch,welch eine geringe bis gar keine Rolle der Besuch Putins in Östereich in unsren MEdien gespielt hat. Ebensoseine Lateinamerikavisite kommt fast gar nicht vor. In unseren Nachrichten klang es heute fast so, als sei Putin zur MAFIFA-WM in Brasilien, und oder um sich dort mit Merkel zu unterhalten.

Irgrendwie witzig.
Man scheint noch zu glauben, was nicht in unseren Lautsprecher-Medien vorkomme, sei nicht geschehen.
Ok, Oma und Opa lesen noch Zeitung , sogar BILDzeitung, und hören noch Dampfradio.
Wenn euch diese Klientel reicht, die ihr noch erreicht, denn isses ja gut.

"ruby" Juli 13, 2014 um 23:54
petervonkloss Juli 14, 2014 um 07:17

Balken Juli 13, 2014 um 20:42

„Es ist eine der größten Dämlichkeiten EU – Deutschlands, sich gegen seine Interessen vor diesen Karren spannen zu lassen. Ein eiserner Vorhang vor Osteuropa trennt Deutschland von seinen Nachbarn und seinen Investitionsmöglichkeiten, beseitigt die für die USA gefährliche Vision des Entstehens einer Union von Lissabon bis Wladiwostok, während die USA hinter diesem Vorhang, von lästiger Konkurrenz aus Europa entlastet, sich in ihrem “Asiatisch-Pazifischen Raum einrichten, ganz selbstverständlich auch Russland einbeziehend, von dem sie Europa erfolgreich wegsanktionieren konnten.“

Noch müßte es „könnte“ heißen, und insofern ist noch Hoffnung und dazu bedarf es einer guten Rechten in der deutschen Politik..

petervonkloss Juli 14, 2014 um 07:47

Außerdem sind Linke in der Regel meist ungebildete Menschen, vor allem hinsichtlich ihrer Existenzialien.

Nionde Juli 14, 2014 um 15:19

interessante Neuigkeiten zum Gaza Konflikt

http://forward.com/articles/201764/how-politics-and-lies-triggered-an-unintended-war/?p=all#ixzz37RFj9n7J

Der Artikel steht stellvertretend für viele andere Konflikte.

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