MH17 im Nebel des Krieges

by f.luebberding on 18. Juli 2014

Interessanter Tag heute. In Gaza wird vor dem obligatorischen Waffenstillstand eskaliert, im Mittleren Osten zerfallen der Irak und Syrien, und im Osten der Ukraine wird der Flug MH17 der Malaysia Airlines abgeschossen. Die Ukraine war in den vergangenen Wochen aus den Schlagzeilen verschwunden, weil sich der Konflikt trotz der immer noch vorhandenen Einflußnahme ausländischer Mächte zusehens in einen Regionalkonflikt verwandelt hatte. Der Großkonflikt zwischen dem Westen und Russland schien eingefroren zu sein. Militärisch verloren die Separatisten trotz russischer Unterstützung zusehens an Boden. Ihre Niederlage eine Frage der Zeit. Dazu gehörte auch der zunehmende Einsatz der ukrainischen Luftwaffe. Die Separatisten hatten mehrere Maschinen abgeschossen, vor vier Tagen sogar eine Militärmaschine aus 6.500 Metern Flughöhe. Die Ukraine machte damals Russland dafür verantwortlich, weil die Separatisten “nicht über solche militärischen Fähigkeiten verfügten”. Zugleich wurden vergangene Woche aus Kiew mehr als 1.000 Tote nach Angriffen ihrer Luftwaffe gemeldet. Der Luftraum über den Osten der Ukraine wurde daher von einigen Fluglinien gemieden, wobei die Meldungen dazu widersprüchlich sind. Auf jeden Fall war der Luftraum über den Osten der Ukraine von der Regierung nicht geschlossen worden.

MH17 soll ohne Kennung durch den ukrainischen Luftraum geflogen sein. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Der Abschuss erfolgte kurz vor der russischen Grenze. Um die Schwierigkeiten einmal deutlich zu machen, die bei der Aufklärung dieses Abschusses existieren, einige Beispiele aus seriösen Medien. Es ist durchaus plausibel, wenn man den Abschuss mit diesen in der FAZ erläuterten Gründen den Separatisten zurechnet. Die Quelle kommt von der ukrainischen Regierung. Gleichzeitig wird aber in der NZZ gemeldet, die Separatisten hätten nicht die entsprechenden Fähigkeiten (dazu hier) zum Abschuss von MH17 besessen. Die Quelle stammt zufälligerweise auch aus der Ukraine. Aus Moskau kommen zum Tathergang ebenfalls widersprüchliche Angaben. Erst wird von einem Flugzeug gesprochen, das MH17 abgeschossen haben könnte, um aber später von der ukrainischen Luftabwehr zu berichten, die dort stationiert gewesen ist. Auch die Motive wechseln schneller als man denkt. Manchmal nennen russische Quellen den Versuch, die Maschine Putins abzuschießen. Dann wieder die Verwechslung mit einem russischen Spionageflugzeug.

Schon Clausewitz sprach vom “Nebel des Krieges”. Auf Basis dieser Informationslage ist es bestimmt möglich, politische Schlussfolgerungen zu ziehen, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Die kommen schneller als gedacht. Nun muss man etwa die Pensionärin Hillary Clinton nicht sonderlich ernstnehmen. Sie befindet sich im Vorwahlkampf. Daher kann sie mit lautem Getöse Entschlossenheit gegenüber Russland verlangen. Dieses Image braucht eine mögliche US-Präsidentin. Wer aber nicht zur Wahl steht, sind die Medien, trotz der Aufmerksamkeitsökonomie. Zwar sind sich die beiden Kriegsparteien noch nicht sicher, welche Lüge sie uns als ihre Wahrheit anbieten wollen. Dafür rufen deutsche Kommentatoren schon nach politischen Konsequenzen.

So in der Süddeutschen Zeitung der wirklich unvermeidliche Stefan Kornelius. Auf Zeit online schießt aber Carsten Luther den Vogel ab, wenn dieses Bild auch etwas unpassend erscheint.

“Denn – gehen wir einmal von der wahrscheinlichsten Variante aus – der Abschuss eines Passagierflugzeugs mit westlichen Insassen durch zumindest mittelbare Handlanger des Kremls lässt Putin eigentlich kaum eine Wahl, als den Rückzug: Es ist eine Sackgasse, er wird die Rebellen fallen lassen müssen, die Grenze für ihren Nachschub wie auch ihre mögliche Flucht schließen. Die Ukraine hingegen kann für ihre Offensive gegen die Separatisten auf noch mehr Hilfe setzen. An weiteren Sanktionen gegen Russland führt kein Weg mehr vorbei, chirurgisch und selektiv dürften sie diesmal nicht sein. Und selbst eine Beteiligung westlicher Kräfte an der Militäroperation ist unter diesen Umständen kein Tabu mehr.”

Selbst der Einsatz westlicher Truppen in der Ostukraine ist in der “wahrscheinlichsten Variante” kein Tabu mehr. Angesichts solchen Eifers fehlen einem die Worte. Immerhin vermeiden wenigstens die Bundeskanzlerin und der Bundesaußenminister dieses Säbelrasseln. Nach aller Erfahrung ist dieser Abschuss einer Zivilmaschine ein Versehen gewesen. Das ist der Sowjetunion und den USA ebenfalls schon passiert. Wer soll an dem Tod dieser Zivilisten aus verschiedenen Staaten ein Interesse haben? Bestenfalls die Kräfte auf allen Seiten, die eine Eskalation durchsetzen wollen. Die gibt es in der Ukraine und in Russland. Da sollte sich niemand etwas vormachen. Über die beiden genannten Abschüsse zirkulieren bis heute die wildesten Verschwörungstheorien. Das ist auch wieder mit MH17 der Fall, noch nicht einmal 24 Stunden nach dem Abschuss. Fefe liefert darüber einen guten Überblick. Allerdings hat es zur damaligen Zeit niemanden in der seriösen Presse gegeben, der so mit Kriegsgeschrei hantierte, wie der Kollege heute in der  Zeit.

Wer westliche Truppen in der Ukraine einsetzt, verlangt einen Krieg mit Russland. Gleichgültig, wer am Ende für diesen Abschuss verantwortlich zu machen ist. Das sollte jeder wissen, der solche Forderungen erhebt. Das scheinen einige Zeitgenossen vergessen zu haben.

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gelegentlich Juli 26, 2014 um 10:55

Hier die Ansicht von Willy Wimmer:
http://www.heise.de/tp/artikel/42/42364/1.html
Dort auch ein Titelbild von Newsweek. Für dieses Blatt arbeitet auch die von @fl verlinkte Journalistin von thedailybeast. Das widerlegt natürlich deren Artikel nicht, bestätigt aber den Eindruck, dass er Teil einer Kriegspropaganda ist.

Wilma Juli 23, 2014 um 01:17
glühwürmchen Juli 22, 2014 um 22:00

@fl
um meine Meinung zu ändern brauche ich (gute) Argumente, anders geht es bei mir nicht.

gelegentlich Juli 22, 2014 um 21:49

@sol1
Was ist so schwierig damit? In diesem Moment wissen wir viel zu wenig, es ist auffällig dass sich die Ukraine und die USA bei der Aufklärung zurückhalten – und dass deshalb solche Meinungsstückchen Kriegshetze sind:
„Die Ukraine hingegen kann für ihre Offensive gegen die Separatisten auf noch mehr Hilfe setzen. An weiteren Sanktionen gegen Russland führt kein Weg mehr vorbei, chirurgisch und selektiv dürften sie diesmal nicht sein. Und selbst eine Beteiligung westlicher Kräfte an der Militäroperation ist unter diesen Umständen kein Tabu mehr.“
Da nützt doch auch der eine oder andere Konjunktiv nicht mehr. Bisher kannte ich persönlich solche Dinger nur von jenem unglaublichen Poschardt.
Vernunft heißt im Moment: die Aufklärung des Sachverhalts abwarten, bis dahin mit dem Krieg um die Absturzstelle aufhören (Spurensicherung) und von irgendwelchen Konsequenzen nicht reden, schon gar nicht im jetzt zu beobachtenden Tonfall. Und natürlich daran denken dass man zeitnah miteinander zu verhandeln hat. Die durchsichtige Tour, man könne nicht mit Verbrechern verhandeln, sollte man sein lassen. Aus einer anderen Perspektive sind die Machthaber in Kiew eben auch alles Verbrecher.

f.luebberding f.luebberding Juli 22, 2014 um 21:27

glühwürmchen

Sicher nicht. Man sollte wirklich nicht alles glauben, was man im Internet so liest … .

glühwürmchen Juli 22, 2014 um 21:14

Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber der russische Geheimdienstchef soll öffentlich gesagt haben, dass ihn die mh17-story an 9/11 erinnert, welches nach seinen Erkenntnissen eine false flag-Aktion gewesen sei. Vielleicht sind die USA da vorsichtig geworden, auf jeden Fall denke ich, dass Moskau da noch ein Ass im Ärmel hat.

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