Was Griechenland mit dem Berliner Koalitionsvertrag zu tun hat

by f.luebberding on 24. Februar 2015

Heute Abend trifft sich der Koalitionsausschuss. Dabei wird es um lauter Themen gehen, die schon im Koalitionsvertrag der drei Parteien vom 17. Dezember 2013 formuliert worden sind. Weil den schon damals kaum jemand gelesen haben wird, ist hier der entsprechende Link zur Bundesregierung zu finden. In diesem Vertrag findet man sehr viele Absichtserklärungen und manches ist auch schon umgesetzt worden. Wir erinnern nur an die Verbesserungen in der Rentenversicherung oder die Einführung von Mindestlöhnen. Was man dort aber nicht findet? Weder Gesetzentwürfe, noch gar den Verwaltungsvollzug. Vieles von dem, was dort angekündigt worden ist, harrt auch immer noch der Umsetzung. Wir denken nur an die Maut. Im Gesetzgebungsverfahren zur Rente oder zum Mindestlohn gab es viel Kritik zu hören. Nichts war unumstritten und beim Thema Mindestlohn waren viel unzufrieden. Die einen kritisierten deren Einführung, während andere deren Aushöhlung beklagten. Das alles ist völlig normal. So funktioniert bekanntlich Demokratie. Offensichtlich spielt das aber keine Rolle, wenn es um Griechenland geht.

Das Land hat ein Problem. Es muss am Ende des Monats seine alten Schulden durch Neue ersetzen. Das macht jeder Staat in gleicher Weise. Nur kann sich Griechenland nicht mehr aus eigener  Kraft am Kapitalmarkt refinanzieren, weshalb es den Umweg über die EU-Rettungsfonds gehen muss. Das sind aber Kredite, die keineswegs mit Transferzahlungen aus dem Bundeshaushalt zu verwechseln sind. Diesen Eindruck werden aber die meisten Zuschauer haben, wenn sie von den “Hilfsgeldern der EU” lesen oder hören. Um diese Gelder zu bekommen, muss Griechenland entsprechende Reformzusagen machen. Die sind hier nachzulesen. Die Finanzminister der Eurogroup haben diese Planungen heute Nachmittag als ausreichend erachtet. Dem muss der Bundestag am Freitag noch zustimmen.

Die Kritik an der Athener Regierung ließ nicht lange auf sich warten. Patrick Bernau hat sie schon einmal formuliert.

“Nur auf eine Zahl lässt sich die neue griechische Regierung festnageln: Es soll weniger Ministerien geben. Viel konkreter werden Alexis Tsipras und Giannis Varoufakis nicht. Dabei umfasst die Reformliste, die sie zur Verlängerung des Hilfsprogramms an die Euro-Finanzminister schicken mussten, insgesamt sechs Seiten. Doch das meiste davon bleibt vage.”

Das meiste bliebe vage, so sein Argument. Aber wie hätte etwa der Koalitionsvertrag vom 17. Dezember 2013 abgeschnitten? War der konkreter? Kann so ein Dokument eigentlich mehr sein als vage? Besonders interessant ist aber sein Hinweis auf “die detaillierten Reformvorschläge der OECD und der Troika”, die Griechenland ja “einfach übernehmen” könnte. Dann kann man Parlament und Regierung in Athen tatsächlich einfach abschaffen, um sie durch die OECD und die Troika zu ersetzen. Wie wohl die Reaktion in Deutschland wäre, wenn man diesen Sachverhalt einfach umdrehte? Wir erinnerten uns sicher an das Besatzungsstatut nach Verkündung des Grundgesetzes, wo uns die westlichen Alliierten mehr Eigenständigkeit gaben als Bernau es für Griechenland vorschlägt.

Die Abhängigkeit Griechenlands zur Refinanzierung ihrer Staatsschuld kann nicht bedeuten, der dortigen Regierung weniger Rechte zuzubilligen als dem westdeutschen Nachkriegsstaat nach der Kapitulation am 8. Mai 1945. Das hat eine Konsequenz: Für Griechenland gelten immer noch die gleichen demokratischen Verfahren, die bei uns jeder mit guten Gründen für selbstverständlich hält. Deswegen können solche Vereinbarungen zwischen der Regierung in Athen und der Eurogroup auch nur so “vage” sein, wie es etwa in Deutschland Koalitionsvereinbarungen sind. Die gegenteilige Erwartung ignoriert demokratietheoretische Begründungen. Um das zu erkennen, muss man auch nicht Jürgen Habermas heißen.

Ob Athen diese Vorschläge umsetzen kann oder nicht, wird man sehen. Diese sind aber nur Mittel zum Zweck: Nämlich Griechenland wieder in die Lage zu versetzen, ohne die Hilfe der EU-Rettungsfonds auszukommen. Ob diese dafür geeignet sein werden? Sie müssten positive Einkommens- und Gewinnerwartungen zur Folge haben, ohne die es keine Investitionen geben wird. Die werden aber noch nicht einmal deutsche Juristen in einem Brüsseler Papier oder einem Koalitionsvertrag dekretieren können.

So haben wir heute Abend an dem Koalitionsausschuss eine einzige Erwartung. Sie sollten erst ihren eigenen Koalitionsvertrag lesen und danach über Griechenland diskutieren. Das gilt übrigens auch für die Berichterstatter in Berlin.

Update 25.02.2015

Egghat hat eine interessante Zusammenfassung der Kommentierung.

15:45 Uhr

Gestern gab es auf Arte den schon in den Kommentaren erwähnten Film von Harald Schumann über die Troika. Dazu auch einen Artikel von ihm im Tagesspiegel.

{ 235 comments… read them below or add one }

Soldat Schwejk Februar 26, 2015 um 17:05

Der Rohrstock ist doch also ein Seiendes, oder? Und die Beschreibung des Rohrstocks die Beschreibung eines Seienden. Der Hintern hingegen, teilt er dem Kopf nicht vielmehr etwas über die Bedeutung des Seins mit, in diesem Fall über die Bedeutung des Geschlagenseins?

Aber nu is genuch… :-)

Linus Februar 26, 2015 um 17:07

“Aber nu is genuch…”

So sei es …

gelegentlich Februar 26, 2015 um 17:14

@Soldat
Im Westen kam nur die Erzählung an, im Osten sei man durch das Zuchtmittel des gemeinsamen Gebrauchs des Nachttopfs im Zwangshort gedemütigt und seiner Würde beraubt worden, mit bekannten Folgen für Kognitions- und Demokratiefähigkeit. Der Begriff des Narrativs trifft es da wohl (einige Schuldige sind namentlich bekannt geworden)(.

Eagon Februar 26, 2015 um 17:15

@BB

“Und die Auffassung, dass jedes Land nur auf seine Inflationsrate aufpassen müsste, wie Flassbeck empfohlen haben soll, ist ja wohl auch typisch keynesianisch komplett naiv.

Nein. Die Lösung liegt in einer “intelligenten Zollunion”. Die EU muss das Gegenteil von TTIP, CETA und ECETERA machen und stattdessen eine länderübergreifende Industrie-Politik. In gewissem Sinne ist da Airbus ein positives Beispiel.”

Jetzt schlägt der Technokrat Industriepolitik vor.

Durch kräftig steigende Staatsausgaben soll die Gesamtnachfrage steigen.

Da lacht der Linke.

Es ist vollkommener Wahnsinn einen gemeinsamen Markt mit 500 Millionen Konsumenten unter seinen Verhältnissen leben zu lassen und auf Export zu trimmen.

Und dafür Tote(Schumann) in Kauf zu nehmen.

Das waren ja Beamte.

Merkel weiß ja nichts davon.

Ist doch nicht schwer zu verstehen.

Nur wenn die Gesamtnachfrage steigt können sich in Griechenland, Portugal, … neue Produktionen, Dienstleistungen etablieren.

Ideologische Schubladen ersetzen keine Argumentation.

QuestionMark Februar 26, 2015 um 17:52

@Schweijk
Ob das Seiende nur wirklich ist, das wage ich zu bezweifeln. Sofern der Zweifel überhaupt Wirklichkeit werden kann und nicht nur als Täuschung des Selbst in Erscheinung tritt. Also quasi als autotranszendentale Illusion. Sofern also der Zweifel über den Zweifel erhaben ist, so könnte man eventuell zu einer Schlußfolgerung kommen die auch mit Gewissheit geäußert werden kann. Ich komme allerdings zu einem anderen Ergebnis. Sofern ich zu einem komme. Wobei noch die Frage ungeklärt im Raume steht ob das Ich überhaupt dazu in der Lage sein könnte (theoretisch wie praktisch).
entnommen aus: Dummschwätze für Anfänger; Ode an die Bloggespenster

BB Februar 26, 2015 um 18:01

@Eagon

“…..Jetzt schlägt der Technokrat Industriepolitik vor……”

Nein. Aber ich bin dafür, die guten alten Techniken:
- Zölle (an den Grenzen der EU und
- Subventionen
wieder neu zu erfinden und intelligent einzusetzen.

Auch spielt weder die Inflation noch die Löhne die große Rolle, die ihnen Lobbyisten oder Keynesianer zubilligen.

Stattdessen sollte man Preisverhältnisse beachten, z.B.
- Lebensmittel
- Mieten
- Mobilitäts-Pendlerkosten (Ansiedlung von Unternehmen = Standortpolitik, Land-/Stadt-Bewegungen, etc. etc)
- Energiekosten

Was hab ich Lohnerhöhungen, wenn mein Vermieter sich die innerhalb der nächsten 14 Monate einverleibt?

Das sind alles Ansatzpunkte, wo der Staat eingreifen und Politik machen kann. Den Politikern wurde aber eingeredet, dass sie sich aus all diesen Dingen heraushalten sollen. Jetzt haben wir den Salat.

Und da die Politiker unseren (!) Willen umsetzen sollen, müssen wir kollektiv (!) überlegen, wie wir ihnen besser in den Arsch treten können, um sie wieder richtig (!) auf Trapp zu bringen.

chabis Februar 26, 2015 um 18:18

Varoufakis Text auf deutsch
“Rettet den Kapitalismus!
Der heutige griechische Finanzminister erklärt, warum man zunächst das System vor sich selber schützen muss. Bekenntnisse eines unorthodoxen Marxisten inmitten einer abstossenden europäischen Krise. ”
https://www.woz.ch/1509/yanis-varoufakis/rettet-den-kapitalismus

QuestionMark Februar 26, 2015 um 18:39

@chabis Februar 26, 2015 um 18:18
Das ist anscheinend die Übersetzung des englischen Textes auf Varoufakis Homepage. Es handelt sich um den Text der einem seiner Vorträge zugrundeliegt (du hattest den Vortrag hier auch mal verlinkt).
Die größte Schwäche seiner Argumentation: Er sagt selbst er hätte viel Zeit in die etablierten Wirtschaftslehren verwendet um diese zu widerlegen. Gleichzeitig sagt er: Das hat nichts gebracht, mir hört trotzdem keiner zu, wir brauchen noch mehr Zeit um eine Alternative zu erarbeiten.
Da tut sich doch die Frage auf: Warum hat er nicht die Zeit in die Entwicklung einer Alternative gesteckt?
Meiner Meinung nach ist Varoufakis einfach nur ein konventioneller Nachfragetheoretiker der sich als Marxist verkleidet. Varoufakis scheint ein linker Sozialdemokrat zu sein. Gut, das ist erstmal nichts schlimmes. Aber auch nichts Revolutionäres.

QuestionMark Februar 26, 2015 um 18:41

@chabis Februar 26, 2015 um 18:18
Interessant sind übrigens auch noch die inhaltlichen Unterschiede zwischen geschriebenem Text und dem vorgetragenen. Schau dir den Vortrag auf YouTube noch mal an. Ist amüsant.

g.w. Februar 26, 2015 um 19:15

“und Wegschauen hat noch nie ein Problem gelöst”

Der “Beobachter” war neulich von mir in einem ontologischen Sinne gebraucht, nicht im Sinne von “Zuschauer” wie bei einem fussballspiel o.d.
Im zen spricht man von dem “Zeugen” im Sinne von gewahr-sein. man kann der sinnesobjekte, der körperlichen Empfindungen, der Gedanken und der Gefühle gewahr sein.

manche fragen sich auch. wer oder was ist sich dessen und seiner selbst gewahr und womit.

Das Hinschauen im Sinne von zuschauen als auch gewahrsein ist natürlich der erste notwendige Schritt um ein Problem zu lösen.
Manchmal hilft aber auch aussitzen ;-)

ruby Februar 26, 2015 um 20:28

Die Griechenlandrettungsabstimmungen im Bundestag entsprechen in der Substanz nicht einem Hauch demokratischer Traditionen.
Die Sargnägel politischer Kultur.
Vorschlag : Vorratsbeschluss für Alles Nichts Oder
Und Tschüß

Morph Februar 26, 2015 um 21:45

@BB, @Schwejk, @?

Schon klar, dass Euch eine philosophische Diskussion über den Begriff des Beobachtens zu stärkeren Abgrenzungssignalen motiviert als die Einlassungen von @Systemfrager, @Keynesianer und @Natalius. Eure Verballhornungsreflexe, ‘Schön-’ und ‘Dummschwätz’-Verdikte sind sozusagen von vornherein eingepreist. Damit könnt Ihr höchstens den kleinen @Linus auf Linie bringen, der da ja ohnehin im Dunkeln tappt (“So sei es!” als Antwort auf das Merkelväterlicher Schwejkwort dass nu aber auch genuch sei; kein Zufall übrigens dass diese ‘Mahnung’ sich klanglich dem mundartlich-wir-sind-das-Völkische anschmiegt).

Schaut Euch mal die Parteigänger des sogenannten gesunden Menschenverstandes in der Geschichte an. Ach, stimmt ja, die findet Ihr ganz dufte und sympathisch…

Systemfrager Februar 26, 2015 um 23:03

Lieber Morph: ‘Dummschwätz’ ist ‘Dummschwätz’ und weird immer ‘Dummschwätz’ bleiben. Anders gesagt:
Die Dummheit mit der Methode

Denn die moderne Dummhiet hatte von Anfang an Methode. … Gäbe sich die Dummheit nicht den Anstrich von Intelligenz, sie könnte niemanden täuscehn und die Nichtigkeit ihrer Komödien würde keine Folgen haben. Sie ergeht sich in Scheingefechten und verbirgt sich somit hinter den konkreten Gebilden, die sie schafft. Da eine Dummheit, um sich nicht selbst zu verraten, niemals gänzlich dumm ist, wird man sie auf frischer Tat ertappen müssen und nicht bei dem, was sie anrichtet, ähnlich einem Denkprozeß, der fortwährend mit den Fakten operiert, in denen er sich tarnend offenbart.
Die Dummheit … erweist sich als eine vollkommene Methnode die jedermann handhaben kann und die allen Bedürfnissen gerecht ist. Eine Methode ist Mittel und Zweck in einem. Sie ist ein Weg, der seine Bestimmung vorwegnimmt, und ein Ziel, das den Weg vorzeichnet, der zu ihm führt. Im Griechischen heißt Weg odos, und Meta bedeutet »zu«.

Glucksmann, A.: Die Macht der Dummheit

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen”

“Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig.”

Ludwig Wittgestein, Tractatus logico-philosophicus

karla Februar 26, 2015 um 23:09

BB Februar 26, 2015 um 15:35

“Wer keinen klaren Gedanken zum Thema formulieren kann, wie man das Griechenland-Problem in den Griff kriegt oder die Ukraine-Krise, der wird auch nichts Intelligentes zum Thema “Brown’sches Kalkül” oder “Gesetz von den Sandkasten-Förmchen (LoF)” auf die Reihe kriegen, auch wenn er noch so gelahrt schönschwätzen duht.”

Von “Brown’sches Kalkül” habe ich keine Ahnung. “Klare Gedanken” zu Griechenland machen ist richtig. Mit “klaren Gedanken” aber das “Griechenland-Problem in den Griff” zu bekommen ist eine Anmaßung der Sonderklasse. Warum begnügt sich BB nicht damit sich klare Gedanken zu machen und die zur Diskussion stellen.
Sitzt du in der Troika, im IWF in der Euro-Gruppe oder in Schäubles Rollstuhl?

QuestionMark Februar 26, 2015 um 23:45

@Morph Februar 26, 2015 um 21:45
Vielleicht ein gütlicher Vorschlag: Du schreibst mal einen (möglichst verständlichen) Artikel zum Thema Luhmann (und dessen fundamentalen Erkenntnissen für die Soziologie) und gibst den an fl hier zur Veröffentlichung weiter.
Dann wäre wohl jedem damit geholfen. Und eine Diskussion über das Thema wäre so auch möglich. Ich denke der fl wäre wohl auch nicht abgeneigt die Sache hier zu bringen.

Morph Februar 26, 2015 um 23:50

@bb

Dieser Satz, dass wer sich nicht kompetent zur Griechenlandkrise äußern könne auch kein angemessenes Urteil über Spencer Browns Kalkül fällen könne, ist so dermaßen vollbekloppt, dass er schon wieder gut ist. Vielen Dank dafür! Man sollte das generalisieren: Hallo? Wer keinen klaren Gedanken zum Thema äußern kann, wie das Welthungerproblem zu lösen ist, der wird auch nichts Intelligentes zur althochdeutschen Lautverschiebung im Spätmittelalter beitragen können. Wer keinen klaren Gedanken zum Thema äußern kann, wie der perfekte Pflaumenkuchen zu backen sei, der wird auch nichts Intelligentes zur Quantenoptik beitragen können.

Du bist wirklich der absolute Vollhorst des Blogs. Das ist keine Beleidigung, sondern ein Befund.

Soldat Schwejk Februar 26, 2015 um 23:54

@ Morph

—> “Abgrenzungssignale”

http://www.allmystery.de/i/t3c7dd9_FA436EFC71589BD72370FB9003.jpg

—> “kein Zufall übrigens dass diese ‘Mahnung’ sich klanglich dem mundartlich-wir-sind-das-Völkische anschmiegt).”

http://nimg.sulekha.com/others/original700/angela-merkel-2011-1-12-8-0-26.jpg

Morph Februar 27, 2015 um 00:15

@schwejk

Sehr schön! Ich bin ja nicht nur ein böswillig-schlechtgelaunter Schwejk-Fan, sondern finde auch unsere Kanzlerin ganz furchtbar grandios.

Soldat Schwejk Februar 27, 2015 um 00:21

@ Morph

Aber nu is genuch.

Morph Februar 27, 2015 um 00:36

@schwejk

Ja, Mutti!

chabis Februar 27, 2015 um 00:50

Soldat Schwejk alias Treidelstein gewidmet
George Spencer-Brown – The Buzz
von Markus Heidingsfelder
https://vimeo.com/71849670

g.w. Februar 27, 2015 um 01:51

“vielleicht bilden wir uns das ja alle nur ein, oder böse Maschinen, die die Weltherrschaft übernommen haben, projizieren das in unsere Köpfe.”

Das ist genau der Punkt, an dem ich den Konstruktivismus kindisch finde. Natürlich kann man einen derart fundamentalen Zweifel immer und überall artikulieren und damit jede diskursive Erarbeitung von common ground unterbrechen. Aber da wir nicht nur diskursiv operierende Personen, sondern auch wahrnehmende Menschen sind, die aus eigener leiblicher Erfahrung wissen, wie es ist, ein wahrnehmender Mensch zu sein, ist uns nahezu immer und überall klar, dass ein solch fundamentaler Zweifel unbegründet ist. Jemand, der diesen Zweifel artikuliert, meint ihn entweder nicht ernst und verwendet ihn als rhetorischen Trick, oder er versucht, ein mehr oder minder gravierendes Handicap der Realitätsauffassung (ideologische Verbohrtheit, Beziehungsstörung, Hirnschaden) zu rationalisieren.”

die ersten Konstruktivisten waren vor 5000 Jahren die Verfasser der Veden. Grosse Vertreter des advaita (das Eine ohne ein zweites) wiesen und weisen bis heute darauf hin, dass die Welt maya ist, Illusion. Der hinduismus und der Buddhismus unterscheiden sich darin auch nicht, und es gab nie eine breite ernsthafte Kritik an den Veden so wie im Westen, wo permanent eine Philosophie und Religion die andere ablöst bis zum heutigen totalen geistigen Verfall.

Was westliche K. , Philosophen nicht kennen, ist die Bedeutung des Bewusstseins als der eigentlichen absoluten Realität. Das ist ja auch sehr schwer zu realisieren. Aber von da aus geschieht nach dem Adavaita die Wahrnehmung als mensch. Das absolute Bewusstsein, von dem jedem menschen ein Funke innewohnt, erfährt sich als mensch. Vorher als Mineral, Pflanze, tier. Neugeborene besitzen noch den Kontakt zu diesemm beseeligenden inneren Kern, den wir im Laufe des Lebens verlieren, weil der focus immer mehr nach aussen geht auf den Körper und die Gedanken.
In der deutschen sprache benutzen wir den Begriff “Bewusstsein” in der Regel als (vorübergehenden) Zustand geistiger Wachheit. Und unsere Sprache bildet das ab, was für uns Realität hat und stellt für uns die Grenze dessen dar, was es für uns gibt.
Für den Osten ist Bewusstsein die absolute Basis von allem und unsere eigentliche wirkliche identität, welche sich vorübergehend an einen KÖrper gebunden hat und sich dann für diesen hält und scih als individuelle Person betrachtet.
Bewusstsein nicht im Sinne von Wachheit sondern unserer eigentlichen wesentlichen Essenz, auch nicht als Idee, sondern als die einzig wirkliche substanz, die ohne Bedingung aus sich selbst heraus existiert und alle Gedanken und Erscheinungen hervorruft.

“Erwachen” oder “Erleuchtung” bedeutet, sich selber wieder als ein bewusst seiendes gewahr zu werden anstatt sich mit dem zu identifizieren, was wahrgenommen wird.
Erwachen ist aber nur der erste Schritt, weil die Gewohnheit der Identifikation sehr stark ist und man sich schnell wieder in seinen gewohnten Vorstellungen verliert.

die Wahrnehmungen produzieren wir also schon selber, aber der Verstand blickt nur nach vorne, nach aussen, nie nach innen, deswegen erkennen wir nicht, wie das im Bewusstsein geschieht. Und das ist ja auch der Sinn der Sache, sonst würden wir das Leben als blosse Seifenblase betrachten und gar nicht ernst nehmen.

Im sanskrit gibt es die entsprechenden Begriffe:
sat = absolutes ewiges unwandelbares Sein

oder “brahman” = das ewige unvergängliche Absolute, die höchste nicht-duale Wirklichkeit

satchitananda = absolutes Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit
atman = das wirkliche unsterbliche Selbst

in unserer Sprache gibt es die Begriffe Gott, Bewusstsein, Selbst, Gewahrsein, Seele, Seligkeit u.ä., .Wenn man “Gott” mal ausnimmt, kann man diese Begriffe immer auch materialistisch benutzen, dementsprechend verworren sind naturgemäss auch die Vorstellungen dazu.

g.w. Februar 27, 2015 um 02:01

wenn man etwas dekonstruieren kann, war es nicht wirklich oder?
ruby Februar 26, 2015 um 16:17

@g.w.
Doch, zerlege einen Fußball, z.B. vom WM-Finale
;-)

wenn Du ihn bis in seine atomaren Bestandteile zerlegst, war kein Fussball dabei, es sah nur vorübergehend so aus ;-)

ruby Februar 27, 2015 um 04:02

@g.w.
Genial wäre die kleinsten Teile wieder zusammenzufügen und dann damit im WM-Finale in Quartär das Siegtor zu erzielen.
Du könntest auch den konservieren gepflegten Originalball verwenden, sofern seine KONSTRUKTION nachhaltig ist…
Ein interessantes Spielfeld ;-)

Systemfrager Februar 27, 2015 um 07:37

Die Beziehungen zwischen Deutschland und China haben sich in den vergangenen Jahren eigentlich verbessert. Deutsche gelten als glaubwürdig. Aber: Die Sparpolitik in Europa wird negativ beurteilt. Sie gilt als zu drastisch und gefährlich. Sie verursache Widerstand und Populismus in den südeuropäischen Ländern. Die Chinesen sind Keynesianer. Sie sehen nicht nur den Markt, sondern auch den Staat. Ihre Meinung ist: Man muss öffentliches Geld in die Hand nehmen und die südeuropäischen Regionen entwickeln.

mehr >>>
Kommunismus, Keynesianismus, “Hydraulische” Modelle
@fl
Die totgesagten leben länger!
;-)

no.nam Februar 27, 2015 um 08:11

@systemfrager

Die Beziehungen zwischen Deutschland und China haben sich in den vergangenen Jahren eigentlich verbessert. Deutsche gelten als glaubwürdig. Aber: Die Sparpolitik in Europa wird negativ beurteilt. Sie gilt als zu drastisch und gefährlich. Sie verursache Widerstand und Populismus in den südeuropäischen Ländern. Die Chinesen sind Keynesianer. Sie sehen nicht nur den Markt, sondern auch den Staat. Ihre Meinung ist: Man muss öffentliches Geld in die Hand nehmen und die südeuropäischen Regionen entwickeln.

Systemfrager et el., es geht hier nicht um ein paar Milliarden fuer Griechenland. Es fehlt Konzept, Struktur, eigentlich alles. Bis auf einer Geldpumpe im Zentrum ist nichts integriert. Die Vorasussetzungen eines optimalen Waehrungsraumes fehlen. In Griechenland ist Wueste. Ausser Luxus Tourismus nichts zu holen und es fehlt ein Ausgleichsmechanismus, wie die Ungleichgewichte zwischen den Staaten in der Eurozone wieder in Einklang gebracht werden. Natuerlich ist ein Transfersystem denkbar, aber dann muessten wir hier in Deutschland ganz schnell drastische Sparreformen durchfuehren.

Zu China. Der Euro hat in den letzten Jahren (seit Beginn der Krise 2007) 30% gegenueber der chinesischen Waehrung nachgegeben. Plus, in China gibt es eine moderate Inflation. Jeans, T-Shirts kosten auf den Billigmaerkten in EUR gerechnet das Doppelte gegenueber 2007 als die Krise gerade ausbrach.

Und das ist der Anfang. In ein paar Jahren ist der Euro eine Weichwaehrung. Die Unternehmen stoert das nicht, da in einer solchen Situation in USD bilanziert werden kann/wird. Auf der Strecke bleiben die Leute auf der Strasse. Fahr mal nach Suedamerika. Da kannst Du etwas aehnliches beobachten. Eliten parken ihr Geld in USD und die Menschen in den unteren Schichten koennen sich durchwurschteln. Als high-performance Angestellter kannst Du natuerlich auch in Deinen Arbeitsvertrag Bezahlung in USD aushandeln.

Ach ja, letzter Punkt dazu. Die Chinesen sind dabei ihre Waehrung international frei handelbar zu machen. Da kaeme ein schwacher Euro gut gelegen. Mehr als eine Reserverwaehrung zum USD brauchen wir wahrscheinlich nicht. Und wenn der Euro zusammenbricht, werden die Chinesen und die USA grosszuegig Hilfskredite anbieten. Im Gegenzug muessten die Europaer ein paar Handelshemmnisse fallen lassen, TIPP, bzw. das noch zu entwickelnde chinesische Pendant dazu, versteht sich.

Ich habe den Eindruck, ihr hasst dieses Land. Dazu muss man kein Patriot sein, das Beduerfnis hier weiterhin leben zu wollen reicht, um zu erkennen, dass in der Eurozone eine Einbahnstrasse gefahren wird.

g.w. Februar 27, 2015 um 09:54

@ruby
“genial wäre die kleinsten Teile wieder zusammenzufügen und dann damit im WM-Finale in Quartär das Siegtor zu erzielen.”

dann wüssten die beteiligten Atome endlich wer sie sind: der Siegesfussball :-)

Systemfrager Februar 27, 2015 um 10:08

Hoffentlich sind auch Russen bald Keynesianer
:)
Schon längst sind sie nicht von dem Westen sondern von China begeistert
Putin braucht nur noch die Chefin der Notenbank als westliche Hexe auf dem Roten Platz zu verbrennen und dann kann Russland nichts mehr aufhalten
PS
Ach so, Schramm aus der “Anstalt” sagt, wäre Schäuble eine Frau, eine solche hessliche Frau würde man sofort verbrennen müssen … ich wäre aber nicht so pingelig, zu prüfen ob er keine Frau ist
:)

ruby Februar 27, 2015 um 10:40

@g.w.
Konstruktion und Dekonstruktion als geistige Schaffensprozesse / Kreativität nicht vernachlässigen ;-)

Systemfrager Februar 27, 2015 um 10:53

Ein Leichentuch legt sich ueber den Dollar

Sowohl China als auch Russland lösen sich schrittweise von ihren Dollarbeständen. Insbesondere die US-Staatsanleihen stehen hierbei im Fokus der Verkäufe. Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Zudem soll die russisch-chinesische Alternative zum westlichen SWIFT-System bald schon etabliert werden.

weiter >>>

KommentatorX Februar 27, 2015 um 11:18

@no.nam

Zum Thema Zukunft habe ich im anderen Thread einiges geschrieben.
http://www.wiesaussieht.de/2015/02/20/die-blindheit-der-europaeer/#comment-27224

Liest niemand außer mir hier im Blog das Buch von I. Wallerstein et al.: „Stirbt der Kapitalismus?“

KommentatorX Februar 27, 2015 um 11:23

@chabis Februar 26, 2015 um 18:18

Danke für den Link zum Varoufakis Text auf deutsch!

Es würde sich lohnen, darüber zu diskutieren.

P.S.
Ich frage mich, ob den Lesern der kapitale Übersetzerfehler auffällt.

chabis Februar 27, 2015 um 20:38
chabis März 1, 2015 um 15:31

“Syriza gewinnt Zeit und Raum

Ist die griechische Linke vor der EU eingeknickt? Für ein endgültiges Urteil ist es zu früh. Doch eine alternative Lesart ist möglich.
Von Étienne Balibar, Sandro Mezzadra”
http://m.taz.de/!155510;m/

karla März 1, 2015 um 23:02

chabis März 1, 2015 um 15:31

“Ist die griechische Linke vor der EU eingeknickt?”

Es wird sich in den kommenden Monaten zeigen was die Vereinbarung wert ist?

Dazu zwei links:
https://griechenlandsoli.wordpress.com/2015/02/09/ubergangsplan-der-syriza-gefuhrten-koalition-soll-not-eines-grosen-teils-der-bevolkerung-lindern-ministerprasident-will-von-bundesrepublik-wiedergutmachung-fur-zweiten-weltkrieg/
Dort sagt Zypras u.a.:
“Wir unterstreichen in allen Tönen: Griechenland will seine Schulden abbezahlen.

Ist dies auch der Wunsch unserer Partner, so sind sie aufgefordert mit uns in einen Dialog über die Art und Weise und die technischen Mittel zur Wiederherstellung der Schuldentragfähigkeit des Landes treten.

Die Höhe der Schulden, die sich seit gestern auf mehr als 180% des BIP bemisst, macht deren Tilgung unmöglich.”

Der erste Satz widerspricht den darauf folgenden Aussagen. (Vielleicht ein Übersetzungsfehler?).

Sowie:
https://griechenlandsoli.wordpress.com/2015/03/01/kritik-an-dem-vertrag-der-griechischen-regierung-mit-der-fuhrung-der-eurozone/#more-914

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