(Bitte) Empört Euch (nicht mehr)

by Weissgarnix on 12. November 2017

Es muss so Ende 2010 oder Anfang 2011 gewesen sein. Da hatte Schirrmacher (Gott hab ihn selig) einen Gedanken entwickelt, dass angesichts der Finanzkrise 2008, die für ihn selbst eine merkliche Zäsur seines Denkens darstellte, Menschen sehr hohen Alters eine einzigartige Lebenserfahrung teilen müssten. Nämlich die, stark vereinfacht gesprochen, dass ihnen mit WKI, WKII, Great Depression und jetzt eben der Finanzkrise gleich mehrere „Weltkatastrophen“ widerfahren waren, die Wissen und Gewissheiten vorangegangener Tage massiv in Frage stellten. Wie würden sie das jetzt erleben? Welches Fazit würden sie jetzt, am Ende ihres Lebens daraus ziehen?

Im häufigen Bullshitten zwischen Schirrmacher und mir, das öfter als nicht ohne Anschluß blieb, war dies eine der wenigen Ideen, die eine Fortsetzung erfuhr. Wir kamen schnell auf den Namen Stéphane Hessel (Gott hab ihn ebenfalls selig), der war zu dem Zeitpunkt immerhin schon 93 Lenze alt und hatte ja nun wahrhaftig einiges er- und durchlebt. Ich sollte mich mit ihm unterhalten und dann irgendwas Vernünftiges darüber zu Papier bringen. Der FAZ Korrespondent in Paris würde mir Hessels private Nummer mailen, Text natürlich als Aufmacher im Feuilleton, klar, Schirrmacher würde das alles veranlassen.

Einige Tage vergingen und es passierte nichts. Was mich nicht weiter wunderte, weil Tausendsassa Schirrmacher hatte derlei Ideen ungefähr 5x pro Woche, und die illustre Liste der von mir dazu angedachten aber niemals Interviewten enthält Namen wie Paul Krugman, Eric Schmidt oder Francis Fukuyama (mit letzterem hatte ich wenigstens einen kurzen Emailverkehr).

Dann aber kam die Nummer tatsächlich per Email. „Allô, Monsieur Hessel? Bonjour, on peut se parler en Allemand? Weil bien entendu, Französisch ist ja doch ziemlich anstrengend, wenn man so einen großen Namen an der Strippe hat….“

Und so ging es dahin. Hessel war gerne bereit, ein wenig mit mir zu plaudern. Am Telephon, wohl verstanden. Ich zu ihm nach Paris für ein Interview passte ihm nicht. Und er nach Deutschland – pas de chance.

Das Gespräch dauerte ca. 45 Minuten aber führte im Grunde zu nichts. Denn Hessel referierte nichts anderes als den Inhalt seines Sensations-Pamphlets „Empört Euch!“ mit welchem er, simpel gesprochen, das Aufstehen der Jugend für die „gerechte Sache“ forderte. Wir kamen nicht dazu, in die alles entscheidende Frage einzusteigen, was denn das sei, die gerechte Sache? Und wie man sie erkenne, so in der Hektik des Alltags. Denn für einen wie ihn, mit einer derart prononcierten Lebenserfahrung, war die Sache natürlich klar und die Frage zumindest unverständlich, wenn nicht gar beleidigend. Wer sein jüngstes Werk gelesen hatte wußte um die Polarität zwischen Allgemeinplätzen (Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Ethik) und Resignation („Wir müssen hoffen, immerzu hoffen“), durch die es gekennzeichnet war. Hessel wandte sich vor allem gegen die Gleichgültigkeit, das brachte er auch im Gespräch sehr deutlich zum Ausdruck. „Es darf den Menschen von heute nicht egal sein, was da passiert!“, sagte er. OK, aber danach was?

Ich legte den Hörer auf und wusste, dass wir darüber nichts machen würden. Im Zuge der „Empört Euch!“- Rezensionen war genug moralischer Aufschrei zu Tinte geronnen, mehr davon hatte die Welt wirklich nicht nötig.

Heute ist Hessel tot und Schirrmacher auch. Und die ganze Welt empört sich. Über Männer. Über Steueroasen. Über Dieselmotoren. Über die CDU. Über die AfD. Über den Islam. Über Menschen, die sich über den Islam empören. Ich bin noch nicht so lange auf Twitter, aber meine Timeline ist mittlerweile ein einziger Aufschrei der Empörung. Alle, alle, alle, empören sich. Selbst diejenigen, denen man angesichts ihrer wissenschaftlichen oder politischen Stellung wegen zutrauen sollte, die Dinge nüchtern zu betrachten. In einem hat Hessel Recht bekommen: Gleichgültigkeit ist aus der Mode gekommen. Witzigerweise wegen exakt der Mittel der Massenkommunikation, in denen er selbst eine Wurzel allen Übels verortete.

Aber sonst? Die Empörung ist nicht nur da, sie ist überall. Helfen tut sie uns allem Anschein nicht. Womöglich könnten wir unsere Zeit und Energie sinnvoller einsetzen. Empört Euch doch bitte nicht mehr! Wenigstens eine Zeit lang.

{ 427 comments… read them below or add one }

Thorsten Haupts November 14, 2017 um 23:17

@Hammersen:

““Das ins Spiel bringen des Rechtssystems bringt hier einfach nichts.””
“Das stimmt; allerdings aus anderen Gründen als Sie denken. Die Regierung (Exekutive) ist in D faktisch identisch mit der Judikative. ”

Nein. Gedanklich und mental vielleicht. Sonst sehe ich dafür keine Belege.

H.K.Hammersen November 14, 2017 um 23:17

@holger
Noch nie Apfelkorn getrunken?

holger November 14, 2017 um 23:18

Kloar Fiete von Berentzen :D

H.K.Hammersen November 14, 2017 um 23:22

@Haupts
“Nein. Gedanklich und mental vielleicht. Sonst sehe ich dafür keine Belege.”
Wer bringt denn die meisten Gesetzesvorlagen ein und auch meistens durch? Das ist doch wohl die Regierung. Dass das Parlament eine Gesetzesvorlage gegen die Regierung eingebracht und auch durchgebracht hat, ist mir nicht erinnerlich. Eine sich auf die Gesetzeslage berufende Regierung heuchlerisch. Noch schlimmer ist nur die Ausrede mit der EU.

ruby November 15, 2017 um 00:07

Also mein Nachbar ist Ostfriese, Jurist, 196cm und der macht demnächst den Testradfahrer für die Chinapeople, wegen schadstofffreiem Verkehr bei Gegenwind.
Was meint ihr, was China mit Migranten macht?

ruby November 15, 2017 um 00:36

Strictly on topic
Habt ihr zufällig auf RTL Adam sucht Eva eingeschaltet?
Jetzt ist mir klar, die Degeneration in D ist soweit fortgeschritten, dass Jameica die Erlösung sein wird.
Mea culpa

Folkher Braun November 15, 2017 um 01:10

Jamaica ist die Lösung für die Frage, wie sich in der Postdemokratie Parteien aufführen, die schon längst nichts mehr zu melden haben. Es ist ein Schauspiel. Die SPD hat jedenfalls verstanden,dass sie bisher nichts zu melden hatte und macht das als Opposition weiter.
Erinnern wir uns an Kohl, den “Vereinigungskanzler”. Was machte der vorher: nichts. Dann bekam er von der Atlantikbrücke gesagt, was er zu machen hat. Und was machte er hinterher? – Nichts. Das war der Bourgeoisie dann doch zu wenig, weil bei der Demontage des Sozialstaats brauchte es noch hilfreiche Hände. Die kamen mit Schröder und Fischer. Hilfreiche Lakaien aus dem nur scheinbar linken Lager. Inklusive “Superminister” Wolfgang Clement, heute Oberzampano bei INSM. Da wuchs zusammen, was zusammengehört.

ruby November 15, 2017 um 01:40

Wieweit wird die Demontage bei dieser Bevölkerung gehen?

bleistift November 15, 2017 um 02:53

@ Behemoth

“Tatsache ist, dass das kleine Land Mazedonien die Balkanroute relativ leicht schließen konnte, ohne dass es zu allzu großem Chaos kam – abgesehen von den Ertrunkenen, die No-Border-Fanatiker durch einen Fluß gelotst hatten.”

Und warum genau hat das kleine Land Mazedonien das nicht schon viel früher getan?
Nicht zu reden natürlich von diesen schrecklichen Fanatikern die Menschen geholfen haben einen potentiell tödlichen Fluss zu überqueren. Sowas schickt sich gar nicht.
Übrigens formulieren Sie das etwas falsch. Wer hat da wen durch einen Fluss gelotst? Und wie kann man jemanden durch einen Fluss lotsen wenn der dabei ertrinkt?
Und warum ist man ein Fanatiker nur weil man versucht Menschenlen zu retten?
Das kleine Mazedonien konnte also die Grenzen schließen? Warum konnte das kleine Griechenland das eigentlich nicht genauso machen?
Einfach die Grenzen schließen? “Sie sind heute der 12132. Flüchtling der hier in Griechenland ankommt? Sorry, but the gates are closed!. Segeln Sie bitte wieder zurück!”
Warum zum Henker hat Griechenland das nicht gemacht?
Es wäre doch so unendlich einfach gewesen die Grenzen einfach zu schließen. Mazedonien hat es doch dann wirklich getan.
Ich meine – klar – erst nachdem das große Deutschland alle Flüchtlinge aufgenommen hatte die da Richtung Westeuropa unterwegs waren.
Klar. Aber dann immerhin. Und deshalb muss man als Osteuropa heute auch keine Flüchtlinge aufnehmen.
Polen schickt jedes Jahr hunderttausende Arbeitnehmer nach Westeuropa. Der Nettobetrag den Polen jedes Jahr von der EU überwiesen bekommt, entspricht in etwa dem gesamten polnischen Verteidigungshaushalt.
Also: Dtl. wird von Trump dämlich angemacht weil wir nicht 2 Prozent des BIP für Verteidigung ausgeben. Die Kohle die wir aber nach Polen rübergeben deckt ziemlich exakt deren Militärausgaben.
Who cares?
Natürlich hätte Mazedonien damals auch all die Flüchtlinge aufnehmen können. Wollten sie halt nicht. Lieber mal durchwinken und anschließend die Vorteile der EU genießen.

Goodnight November 15, 2017 um 07:24

Nur mal so:

Eigentumsquote in Deutschland liegt bei ca. 50%.

50% Bürgertum?

Whatever, eigentlich ist das Bürgertum ja tot, weil wir in einer klassenlosen Gesellschaft leben, leben wollten… doch jetzt werden solche Unterscheidungen wieder aktiviert, weil die Unterscheidung Deutsch/nicht-Deutsch seit September 2015 nicht mehr zugelassen wird.

Haben noch nicht viele begriffen, was damals geschehen ist.

Es wurde eine Atombombe gezündet, innerhalb der Kommunikation.

All der Sinn wurde terminiert.

H.K.Hammersen November 15, 2017 um 08:24

@gelegentlich
“Warum zum Henker hat Griechenland das nicht gemacht?”
Weil es auf das Geld der deutschen Gutmenschen angewiesen ist.

“Natürlich hätte Mazedonien damals auch all die Flüchtlinge aufnehmen können. Wollten sie halt nicht. Lieber mal durchwinken und anschließend die Vorteile der EU genießen.”
Sind eben nicht alle so blöd wie deutsche Gutmenschen mit andressiertem Schuldkomplex.

H.K.Hammersen November 15, 2017 um 08:43

@Goodnight
“Eigentumsquote in Deutschland liegt bei ca. 50%.”

Wie definieren Sie denn Eigentum? Ich dachte, Sie seien WiIng? Wenn Sie auf die Eigenheimquote abzielen, schätze ich mal, dass das weniger als 15 % sind, die im vollständig bezahlten Eigentum wohnen. In den Großstädten dürfte die Quote schon fast im Promillebereich liegen, und die Immoblase dürfte dafür sorgen, dass das so bleibt. Die Masse des Bürgertums lebt mittlerweile eher in der Provinz. Selbst Menschen mit Migrationshintergrund schaffen hier eher den Aufstieg ins Bürgertum als das Mietprekariat in den Großstädten.

Mit dem Wegfall der Unterscheidung Deutsch/nicht-Deutsch haben Sie allerdings recht. Aber dieser Unterschied ist schon viel länger bedeutungslos. Viel bedeutender war die Aufhebung der Unterscheidung ALG II/Sozialhilfe. Mit deren Wegfall wurde nämlich die Illusion von Millionen zerstört, zum Bürgertum zu gehören.

Wilma November 15, 2017 um 10:31

Gute Wohnlage in Städten ist da, wo die Reste des Bürgertums leben.

ruby November 15, 2017 um 10:44

@Folkher Braun
Für mich sind keine Grenzen erkennbar.
Ein BVerfG und Medienanstalten
https://www.die-medienanstalten.de/
die Programme zu lassen, die Menschen- und Kulturverachtung als Produktionsgrundlage haben, zeigen die Verantwortungslosigkeit eines Kultursubsystem, das im Kontext zu den weiteren Subsystemen Wirtschaft, Politik, Recht verwahrlost. Individualistische, behaviouristische, animalistische Triebbefriedigung dumpfer verstümmelter Kreaturen wird gepaart mit gewinnmaximierenden Produktplacement.
Kommerz ohne Grenzen.

H.K.Hammersen November 15, 2017 um 11:08

Der Begriff “Schonvermögen” sollte von den sich als zugehörig zum Bürgertum Wähnenden nicht als Schonung sondern als Drohung aufgefasst werden. Derzeit ist Vollbeschäftigung, aber das kann sich auch ganz schnell ändern. Nach spätestens 24 Monaten ist dann wirklich kein Unterschied mehr zwischen den schon länger und den noch nicht so lange hier Lebenden.

Mir ist es schon lange ein Rätsel, warum die Linken bei 10 % rumdümpeln. Vermutlich liegt das daran, dass bei denen immer noch zu sehr der internationalen Solidarität gehuldigt wird.

H.K.Hammersen November 15, 2017 um 11:45

Selbst die taz will nicht mehr am Bahnhof klatschen:
“Das Engagement vieler Deutscher hatte sich spätestens 2016 aber damit erschöpft, irgendwelche Syrer statt jene, die es wirklich nötig hatten, hereingelassen zu haben.”

D.Walz November 15, 2017 um 11:49

„Gleichgültigkeit ist aus der Mode gekommen. Witzigerweise wegen exakt der Mittel der Massenkommunikation, in denen er selbst eine Wurzel allen Übels verortete.“

Ein wichtiger Hinweis! Bisher hatte ich auch noch nie daran gedacht.
In Zukunft werde ich zu allen Aufregerthemen (also zu allem) Tweets und Leserbriefe verfassen, worin ich jeweils zum Ausdruck bringe, wie egal mir das doch alles ist. ;-)

Kuckuck November 15, 2017 um 12:19

Das Eigentum allein macht einen Menschen noch nicht zum Teil des „Bürgertums“. Eigentum besaßen auch der Adel, die reaktionären Junker.

Eigentum besitzen auch die Mafiosi.

Das Bürgertum war Träger einer bestimmten emanzipatorisch-humanistischen Hochkultur.

Eine bürgerliche Gesellschaft gab es nur dort, wo die herrschende Politik, Philosophie, das Recht, die Wissenschaft, die Kunst etc. Ausdruck dieser bürgerlichen Hochkultur war.

Deutschland war nie eine bürgerliche Gesellschaft.

Die heutigen Deutschen haben keinerlei Begriff von „Bürgertum“. Sie verwechseln die Besitzbürger mit dem Bürgertum.

Dort, wo es einmal eine bürgerliche Gesellschaft gab, ist diese untergegangen.

Ein Bürgertum, das eine bürgerliche Hochkultur lebt, gibt es in Deutschland nicht mehr. Insofern kann man dorthin auch nicht aufsteigen.

Wirtschaftliche Selbständigkeit, basierend auf persönlichem, materiellem Eigentum, ist nur ein Aspekt. Viel wichtiger sind die geistige Autonomie und Selbstbestimmung, welche das bürgerliche Individuum kennzeichnet.

Ein bürgerliches Individuum ist aufgeklärt und entfaltet seine Begabungen in Form einer Arbeit an sich selbst. So wird das bürgerliche Individuum zu einem gebildeten, kreativen und produktiven Menschen, der verantwortlich im Sinne des Gemeinwohls handelt.

Der egoistische, raffgierige und geizige Mensch, dessen Handeln auf Selbstbereicherung ausgerichtet ist, wird vom emanzipatorischen Bürgertum verachtet. Genauso wie der faule und parasitäre Feudalherr. Oder der Kapitalist mit arbeitsfreiem Einkommen. All diesen Menschen fehlen die „bürgerlichen Tugenden“.

Das bürgerliche Individuum mit seinen Idealen von Freiheit, Selbstdisziplin, Selbstbestimmung, Entwicklung und humanistischen Sozialität ist untergegangen, wie überhaupt die bürgerliche Hochkultur.

Diese bürgerliche Hochkultur war inkompatibel mit der kapitalistischen Ökonomie und Gesellschaft.

Jene, die sich heutzutage als Bürgertum missverstehen, sind in der Regel ungebildete, geschichtslose und reaktionäre Existenzen. Primitive Besitzbürger.

Thorsten Haupts November 15, 2017 um 12:28

@Hammersen:

“Der Begriff “Schonvermögen” sollte von den sich als zugehörig zum Bürgertum Wähnenden nicht als Schonung sondern als Drohung aufgefasst werden.”

Moment, wir sprechen hier von Leuten mit Anspruch auf “Bürgertum”, korrekt? Dann gehört zwingend dazu der Anspruch an sich selbst, erst einmal alles andere getan zu haben, bevor man Hilfe sucht.

Und Ihre indirekte Forderung auf gesellschaftlichen Schutz des eigenen Vermögens ist ganz sicher nicht bürgerlich.

Gruss,
Thorsten Haupts

Thorsten Haupts November 15, 2017 um 12:30

@Hammersen:

“Wer bringt denn die meisten Gesetzesvorlagen ein und auch meistens durch? Das ist doch wohl die Regierung… Eine sich auf die Gesetzeslage berufende Regierung heuchlerisch.”

Aha. Durch was hätten Sie denn gerne den Gesetzgebungsprozess ersetzt? Göttliche Eingebung? Oder Hammersens Weltbild?

peewit November 15, 2017 um 12:48

@Kuckuck

Du hast das Wichtigste vergessen. Ich habe mir erlaubt, den Text
in deinem Sinne zu ergänzen. Man soll doch sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

“Das Eigentum allein macht einen Menschen noch nicht zum Teil des „Bürgertums“. Eigentum besaßen auch der Adel, die reaktionären Junker.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Eigentum besitzen auch die Mafiosi.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Das Bürgertum war Träger einer bestimmten emanzipatorisch-humanistischen Hochkultur.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Eine bürgerliche Gesellschaft gab es nur dort, wo die herrschende Politik, Philosophie, das Recht, die Wissenschaft, die Kunst etc. Ausdruck dieser bürgerlichen Hochkultur war.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Deutschland war nie eine bürgerliche Gesellschaft.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Die heutigen Deutschen haben keinerlei Begriff von „Bürgertum“. Sie verwechseln die Besitzbürger mit dem Bürgertum.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Dort, wo es einmal eine bürgerliche Gesellschaft gab, ist diese untergegangen.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Ein Bürgertum, das eine bürgerliche Hochkultur lebt, gibt es in Deutschland nicht mehr. Insofern kann man dorthin auch nicht aufsteigen.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Wirtschaftliche Selbständigkeit, basierend auf persönlichem, materiellem Eigentum, ist nur ein Aspekt. Viel wichtiger sind die geistige Autonomie und Selbstbestimmung, welche das bürgerliche Individuum kennzeichnet.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Ein bürgerliches Individuum ist aufgeklärt und entfaltet seine Begabungen in Form einer Arbeit an sich selbst. So wird das bürgerliche Individuum zu einem gebildeten, kreativen und produktiven Menschen, der verantwortlich im Sinne des Gemeinwohls handelt.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Der egoistische, raffgierige und geizige Mensch, dessen Handeln auf Selbstbereicherung ausgerichtet ist, wird vom emanzipatorischen Bürgertum verachtet. Genauso wie der faule und parasitäre Feudalherr. Oder der Kapitalist mit arbeitsfreiem Einkommen. All diesen Menschen fehlen die „bürgerlichen Tugenden“.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Das bürgerliche Individuum mit seinen Idealen von Freiheit, Selbstdisziplin, Selbstbestimmung, Entwicklung und humanistischen Sozialität ist untergegangen, wie überhaupt die bürgerliche Hochkultur.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Diese bürgerliche Hochkultur war inkompatibel mit der kapitalistischen Ökonomie und Gesellschaft.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

“Jene, die sich heutzutage als Bürgertum missverstehen, sind in der Regel ungebildete, geschichtslose und reaktionäre Existenzen. Primitive Besitzbürger.”
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

GENAU BESEHEN BEGREIFT DAS ÜBERHAUPT NUR EINER.
(Aber das begreifen nur die wenigsten.)

Gerne. Nicht dafür!

H.K.Hammersen November 15, 2017 um 12:49

@Haupts
“Und Ihre indirekte Forderung auf gesellschaftlichen Schutz des eigenen Vermögens ist ganz sicher nicht bürgerlich.”
Wo habe ich behauptet, dass ich den Schutz des Vermögens fordere? Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass sich die Illusion, zum Bürgertum zu gehören, ganz schnell in Luft auflösen kann. Der Trick besteht halt darin, den Leuten zu suggerieren, sie gehörten zum Bürgertum. Ansonsten hätten die sich bürgerlich gebenden Parteien nämlich nicht die Stimmenanteil, die sie an der Macht halten.

“Aha. Durch was hätten Sie denn gerne den Gesetzgebungsprozess ersetzt? Göttliche Eingebung? Oder Hammersens Weltbild?”
Durch das Parlament und Volksbegehren. Darüberhinaus dürften Regierungsmitglieder auch nicht dem Parlament angehören.

Kuckuck November 15, 2017 um 13:26

Ein Adorno wusste noch, was ein emanzipatorisch-humanistisches Bürgertum ausmacht. Und was einen gebildeten und mündigen Bürger von einem Bildungsbürger mit angelesener Halbbildung unterscheidet.

Dieses eingebildete Bürgertum gibt es nach wie vor. Es tummelt sich im Feuilleton der FAZ, der „ZEIT“ etc. sowie besonders gern im Blog von Don Alphonso.

Einige Exemplare gibt es auch in diesem Blog.

Kuckuck November 15, 2017 um 13:30

Diejenigen, die heute als „Dienstleister fürs Kapital“ als „Gewinnoptimierer“ oder Ideologen in privilegierten Positionen tätig sind, sind häufig Aufsteiger.

Es sind Menschen, die sich von anderen Menschen dadurch unterscheiden, dass sie in der Konkurrenz um privilegierte Positionen erfolgreicher waren. Ein Teil durch besondere Leidens- und Leistungsfähigkeit, ein anderer Teil durch besondere Verlogenheit, Raffinesse, Rücksichtslosigkeit und kriminelle Energie.

Innerhalb der Schicht/Klasse der privilegierten Domestiken und Söldner des Kapitals gibt es zunehmend politische Kontroversen.

Denn die Intelligenteren haben begriffen, dass Deutschland sich im Niedergang und Selbstzerstörungsmodus befindet und warnen, dass sich „Deutschland abschafft“.

Auf der anderen Seite gibt es die mainstreamigen Abwiegler, die Regierungskonformisten, die alles tun, um nicht als Oppositionelle identifiziert und zu Dissidenten gemacht zu werden. Sie tun dies aus – zum Teil berechtigter – Angst um ihren Job, aber meist, weil sie schon immer Mitläufer, Opportunisten und Feiglinge waren.

So wie die meisten Deutschen.

Wie über 90% der Ossis in der SED-Zeit und wie 87% der Wähler in der Merkel-Zeit.

Die Differenzen und Konflikte im Establishment werden zunehmen, je mehr Teile des Establishments wahrnehmen, dass ihr Eigentum, ihre Rechte, ihr Status, ihr Job, ihre Sicherheit vor Kriminalität etc. bedroht sind.

peewit November 15, 2017 um 14:23

“Ein Adorno wusste noch, was ein emanzipatorisch-humanistisches Bürgertum ausmacht. Und was einen gebildeten und mündigen Bürger von einem Bildungsbürger mit angelesener Halbbildung unterscheidet. ”

“Le bourgeois revenant. – Absurd hat in den faschistischen Regimes der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die obsolete Wirtschaftsform sich stabilisiert und das Grauen vervielfacht, dessen sie bedarf, um sich aufrecht zu erhalten, nun ihre Sinnlosigkeit offen zutage liegt. Davon aber ist auch das Privatleben gezeichnet. Mit der Verfügungsgewalt haben sich zugleich die stickige Ordnung des Privaten, der Partikularismus der Interessen, die längst überholte Form der Familie, das Eigentumsrecht und seine Reflexion im Charakter nochmals festgesetzt. Aber mit schlechtem Gewissen, dem kaum verhohlenen Bewußtsein der Unwahrheit. Was immer am Bürgerlichen einmal gut und anständig war, Unabhängigkeit, Beharrlichkeit, Vorausdenken, Umsicht, ist verdorben bis ins Innerste. Denn während die bürgerlichen Existenzformen verbissen konserviert werden, ist ihre ökonomische Voraussetzung entfallen. Das Private ist vollends ins Privative übergegangen, das es insgeheim von je war, und ins sture Festhalten am je eigenen Interesse hat sich die Wut eingemischt, daß man es eigentlich ja doch nicht mehr wahrzunehmen vermag, daß es anders und besser möglich wäre. Die Bürger haben ihre Naivetät verloren und sind darüber ganz verstockt und böse geworden. Die bewahrende Hand, die immer noch ihr Gärtchen hegt und pflegt, als ob es nicht längst zum »lot« geworden wäre, aber den unbekannten Eindringling ängstlich fernhält, ist bereits die, welche dem politischen Flüchtling das Asyl verweigert. Als objektiv bedrohte werden die Machthaber und ihr Anhang subjektiv vollends unmenschlich. So kommt die Klasse zu sich selbst und macht den zerstörenden Willen des Weltlaufs sich zu eigen. Die Bürger leben fort wie Unheil drohende Gespenster.”
(Minima Moralia)

Das hat er doch schön gesagt, der Herr Wiesengrund: “Die Bürger leben fort wie Unheil drohende Gespenster.”

Kuckuck November 15, 2017 um 19:45

Goodnight:
Nope, ich werde es niemals ins Bürgertum schaffen.
Mein Kontostand vielleicht.
Aber ich niemals.
Parvenüs können nie ankommen, das ist ja der erste Preis, den man zahlt, um seine Klasse zu verlassen.
Man ist draußen, aus allem, für immer.

Im anderen Blog schreibt
Goodnight:
…was wir Klassenlosen niemals begreifen, das ist, wie die in den Klassen nicht sehen, was wir sehen. Und trotzdem so erfolgreich sind. Oder eigentlich genau deswegen.
Wir ohne Klasse sind ohne Grenzen, die wir überschreiten mussten, um das zu werden, was wir nie geworden sind.
Die Fähigkeit Grenzen zu überschreiten erfordert eine geistige Härte, die dort, wo man herkam, nicht gegeben, und dort wo man landet, nicht toleriert wird.

Die Kulturen von Unterschicht und Mittelschicht haben sich inzwischen vermischt.

Das war bis ca. 1970 in der BRD noch anders.

Zuvor erkannte man die Schichtzugehörigkeit noch an der Physionomie, an der Sprache, an der Kleidung, an der Frisur und der Kassengestell der Brille.

Meine Familie hatte durch Krieg und Vertreibung einen Abstieg erlebt, sie hatte den hart erarbeiten Wohlstand verloren, ihre Mietshäuser und ihr erspartes Vermögen.

Meine Eltern mussten unter schlimmern Armutsbedingen neu beginnen. Es dauerte fast 20 Jahre, bis ein kleines Reiheneigenhaus erworben werden konnte. Zu dieser Zeit besaßen wir erstmals einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und einen Fernseher. Ein Second-Hand-Auto hatten wir schon etwas früher.

Meine erste große Liebe war eine Realschülerin aus proletarischem Elternhaus. Der Vater ein Industrieproletarier, zu Hause ein Typ wie Ekel Alfred, voller Minderwertigkeitskomplexe und Anti-Intellektualismus. Die Mutter – mit 6 Kindern – hingegen eine freundliche und warmherzige Frau. So auch deren Kinder.

Das Proletariat hatte ich schon früher durch meine Schulferienjobs in Fabriken sowie Hoch- und Tiefbau kennengelernt. Die Minderwertigkeitskomplexe, der Anti-Intellektualismus und die Bildungsferne waren nicht bei allen, aber bei vielen ausgeprägt.

Die Minderwertigkeitskomplexe wurden kompensiert durch ihren Stolz auf ihre Überlegenheit in der Muskelkraft und im handwerklichen Können. Die Studierten waren für sie „nur Theoretiker“. Es gab immer mehr oder minder offene Aggressivität und Neid gegenüber Gymnasiasten und Studierten.

Dass ein Aufsteiger wie Goodnight sich nicht mit seiner Herkunftsklasse identifiziert ist klar. Er hat ja alles getan, um sich von dieser Klassenlage befreien zu können. Und dies war ein harter Weg.

Der Bezug zur Herkunftsklasse besteht bei ihm logischerweise aus Gegen-Identifikation. Diese war ein treibendes Motiv bei der Aufstiegsarbeit.

Die Frage ist, ob ein Verlassen der Lohnarbeiterklasse durch Aufstieg in der Hierarchie der Lohnarbeiterklasse überhaupt möglich ist?

Denn die Hauptdifferenz besteht darin, mehr Lohn zu erhalten und Untergebene zu haben. Aber alle anderen Kriterien der Lohnarbeit bleiben: die fremdbestimmte Arbeit, die langen Arbeitszeiten und Leistungszwänge, die Unfreiheit im Handeln, in der Meinungsäußerung und in der politischen Parteinahme.

Zum freien und mündigen Bürger ist so aufgestiegener Lohnarbeiter nie geworden.

Verändert hat sich lediglich das Konsumniveau, die Verfügung über warenförmige Statussymbole wie Autos, Kleidung, Uhren etc.

Emanzipation im Sinne echter Befreiung bedeutete für mich und viele 68-er die Befreiung vom Zwang zur fremdbestimmten Lohnarbeit.

Dies war ein zentrales Thema für die sog. 68-er-Generation, nämlich Freiheit. Insbesondere Freiheit von der „entfremdeten Arbeit“. Da ist auch der Bezug zur Marxschen Systemkritik. Ganz anders als beim „Arbeiter-Marxismus“. Denn dort ging es um Ausbeutung und fehlende Gerechtigkeit und Gleichheit in der Verteilung des produzierten gesellschaftlichen Reichtums.

Die 68-er-Studenten wollten aus dem System aussteigen .

Die Post-68-er-Studenten hingegen wollen im System aufsteigen .

Die Realität jedoch ist: Einige schaffen dies, die meisten erreichen trotz Studiums nicht mehr das Wohlstandniveau ihrer Eltern. Ein zunehmender Teil landet akademischen Proletariat als Niedriglöhner oder sogar als Sozialhilfeempfänger.

Der Feminismus war von Anfang an eine systemkonforme Ideologie, indem er Emanzipation als Partizipation und Gleichstellung im System der Lohnarbeit propagierte und nicht Befreiung von der Lohnarbeit.

Und heute arbeiten die Lohnarbeiter mehr als vor 50 Jahren.

Wie ich schon oft betonte:
Vor 50 Jahren reichten 40 Stunden pro Woche aus, um eine Familie zu reproduzieren, heute sind es meist 80 Stunden oder sogar noch mehr.

Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass die Post-68-er-Generationen die 68-er nicht verstehen. Nicht deren Widerstand und Verweigerung gegen die Lohnarbeit, nicht deren Bedürfnis nach Systemausstieg und Revolution.

Sondern die Post-68-er-Generationen wollen vor allem einen sicheren und gutbezahlten Arbeitsplatz.

Ein anderes Leben als lebenslang im System der Lohnarbeit können sie sich gar nicht vorstellen. Allenfalls träumen sie vom Lottogewinn oder vom Luxusleben als Fußballer, als Model oder Spielerfrau.

TINA-Generationen.

Kuckuck November 15, 2017 um 21:37

Auf den ersten Blick mag es verwundern, wenn Goodnight schreibt: „wir Klassenlosen“.

Denn aus der Außenperspektive ist es offensichtlich, dass er objektiv zur Klasse der Lohnabhängigen gehört.

Aber subjektiv erlebt er sich anders. Wie die meisten aus der Klasse der Lohnabhängigen.

Weil denen das Klassenbewusstsein fehlt.

Verhindern von Klassenbewusstsein bei den Lohnabhängigen gehört zur Herrschaftsstrategie.

Kann man im Vortrag von Prof. Mausfeld lernen. Kann man, aber will man nicht. Denn dies irritiert das eigene falsche Selbstbild, welches sich als „klassenlos“ wähnt.

„Wer Macht besitzt, will sich auch sein Klassenbewußtsein erhalten, das aller anderen aber möglichst unterdrücken.“
Noam Chomsky (2017): Requiem für einen Amerikanischen Traum.
traditionelle Wege der ‚Stabilitätssicherung‘

So schaut ein Goodnight auf sein Auto, seine Uhr, seine Schuhe … und nimmt dies als Beweis, es geschafft zu haben. Nicht mehr zu den Underdogs zu gehören.

Was ein Irrtum ist. Denn er wird zwar besser bezahlt als jene in der Unterschicht. Ein unfreier und fremdbestimmter Lohnabhängiger ist er jedoch nach wie vor.

Ein Befehlsempfänger, der sich ein paar Stufen auf der Hierarchieleiter hochgekämpft hat.

Und solange er ein Lohnabhängiger ist, wird er niemals ein freier und mündiger Bürger sein.

Vermutlich selbst als ein Rentner nicht, denn auch dort droht die Exklusion aus seinem reaktionären sozialen Aufsteiger-Kontext.

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