Auf, auf – in die Dienstbotengesellschaft!

by Weissgarnix on 26. November 2017

Leser des früheren Weissgarnix-Blogs werden wissen, es geht mal wieder um mein Lieblingsthema. Haushaltsnahe Dienstleistungen. Genau. Potenzielle Jobs galore, gerade für diejenigen, die nicht mit einem IQ von 130 auf die Welt gekommen sind oder ihr bisheriges Leben unter Karriereaspekten strukturieren wollten bzw. konnten. In der Praxis erprobte Modelle staatlicher Förderung in Frankreich und Belgien, wo das gar nicht anders geht, weil die einstigen Damen des Hauses längst eigene Berufslaufbahnen verfolgen und daher tagsüber zuhause zu nix kommen, weil sie im Büro oder im Laden sind. Und abends nicht mehr wollen, weil sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag der Muße hingeben. Soweit so gerecht. Und so vernünftig.

Die Stets-Aufrechten wussten schon damals mit der Idee nix anzufangen, weil Dienstmädchen und Klassengesellschaft und pfui… Ausbeutung in privaten Haushalten, geht natürlich gar nicht.

All denen spricht der neue SPIEGEL aus der Seele. In einem mehrseitigen, an sich sehr informativen Beitrag, an dessen Ende der objektive Leser zum Schluss kommen wird: “Wow, eigentlich eine gute Sache.” Aber weil der SPIEGEL nunmal der SPIEGEL ist, das Zentralorgan deutschen Moralistentums, kann er es sich nicht verkneifen, die positive Sachlage in einen sozialverweifelten Sound einzubetten. Daher stehen dann unter dem Titel “Die neuen Diener” so erhellende Datapoints wie:

“Seit 2004 kann jeder Bürger dort (in Belgien, AdV) sogenannte Dienstleistungsschecks erwerben und bei zugelassenen Firmen einlösen. Eine Stunde Hilfe im Haushalt, legal und ohne schlechtes Gewissen, kostet die Belgier so aktuell 9 bis 10 Euro. Den Rest, rund 13 Euro, übernimmt der Staat. Seit Einführung des Gutscheinsystems hat sich die Zahl der Unternehmen für Haushaltsdienstleistungen verdoppelt, zehntausende reguläre Jobs sind entstanden – und ein Markt, der vorher so nicht existierte.” (Quelle, Spiegel Nr. 48, S.58)

zwischen klassenkämpferischen Kapitelüberschriften à la

“Oben ist, wer bestellt. Unten ist, wer liefert. Es ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts.” (ebenda, S.54)

Expertenstimmen (“Man kann nicht über die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen reden, ohne die haushaltsnahen Dienstleistungen mitzudiskutieren”), wechseln sich ab mit prophylaktischer Sozialkritik seitens der Autorin in den Zwischentönen (“neue digitale Botenklasse”, “Frage, wer dient und wer bedient wird”).  Immerhin ringt sie sich die Erkenntnis ab, dass die “Motive der meisten Familien pragmatische sind und keine Frage der sozialen Distinktion”, ebenda S.58).

Wie schön. Als ich im WGN-Blog vor Jahren darüber schrieb, da war ich gerade ein paar Jahre aus Paris zurück, wo das Gang und Gäbe war, in so gut wie allen Familien mit Kindern mittleren Einkommens, weil Frauen dort regelmäßig 2-3 Monate nach der Geburt wieder in ihre Jobs zurückkehren, da kannte ich das belgische System noch nicht. Kurze Zeit später ging ich nach Brüssel, mittlerweile mit 2 Kindern im Haushalt, und es war klar wie sonstwas, dass wir das Dienstleistungsscheck-System nutzen und eine Haushaltshilfe beschäftigen würden. Gloria hieß die gute Frau, von den Philippinen, ohne das belgische System aufgeschmissen, weil ohne Arbeit auch keine Aufenthaltsberechtigung. Für runde 10 Euro die Stunde war sie praktisch ständig bei uns und wurde irgendwann sowas wie ein Teil der Familie.

Der SPIEGEL Artikel erwähnt, dass in 3 Landkreisen in Deutschland ein Pilotversuch läuft, in Anlehnung an das belgische Modell. Ob das in Deutschland wohl auch funktioniert? Wenn man das Modell mit Klassenkampf-Hymnen begleitet vermutlich nicht. Ansonsten schon. Hier in München sind Putzhilfen legal nicht unter 15 Euro die Stunde zu bekommen. Zumeist vermittelt von irgendwelchen Agenturen. Ob die Beschäftigten bzw derart Vermittelten mehr für ihre Dienste bekommen, als in Belgien? Don’t think so. Aber offenbar sind derlei Arrangements moralisch vertretbar. Während Systeme à la Belgien, von dem alle deutlich mehr haben, inklusive Staat, an deutscher Nasenrümpferei scheitern.

Too bad.

 

{ 19 comments… read them below or add one }

Mindtrap November 26, 2017 um 15:38

“Ob das in Deutschland wohl auch funktioniert?”

(1) Bisher: nein. Besipiel: Reifenservice. Es gib seit Jahren den Vor-Ort-Service auch für Privatpersonen. Also Radwechsel/Reifenmontage vor den eigenen 4 Wänden. Läuft nicht. Der Germane mag das nicht. Vermutlich kommt ihm das zu großkotzig vor un dist ihm aus iwelchen Gründen peinlich.

(2) Nunmehr: denkbar. in Anlehnung an die Latinos bspw. in Kalifornien. So viele Migranten ohne verwendbare Ausbildung oder beruflich nutzbare Deutschkenntnisse. Genau da werden die landen.

Schöne neue Welt. Danke Linksparteien. Für die vielen Putzkräfte.

QuestionMark November 26, 2017 um 16:59

Dienstleistungen in Deutschland sind ein riesen Problem. Ich greife darauf (wenn irgendwie möglich) nicht zurück. Zu oft ärgert man sich wegen schlechter Arbeiten, wegen lustloser Arbeiten und wegen diverser sonstiger Abzocke.
Es ist eigentlich völlig egal wo und wann man mit der Branche konfrontiert wird. Man ärgert sich oft.
Ob man sich mit dem Finanzamt auseinandersetzen muß oder mit einer KFZ-Werkstatt. Es ist regelmäßig dasselbe Spiel: Der Kunde wird als Bittsteller behandelt oder einfach nach dem Motto “Friß oder stirb”.
Freilich, viele in der Branche machen auch einfach normal ihre Arbeit. Das heißt in Deutschland dann: leidenschaftslos.

@Mindtrap
Radwechsel (vor Ort) hat man mal in einem TV-Magazin getestet. Ergebnis: Schlampige Arbeit vom Ausländer. Beispielsweise ohne die Radbolzen/Radmuttern mit dem Drehmomentschlüssel anzuziehen. Das ist dann auch noch alles hübsch gefährlich.
Da gehe ich lieber gleich in eine Werkstatt und stell mich beim Radwechsel neben dem Kfz-Mechaniker hin und überwache die Arbeiten selbst. Durch die Hebebühne vor Ort ist dann auch eine Beschädigung der Karosserie beim Anheben des Fahrzeugs weitestgehend ausgeschlossen.

Mein Tipp (ohne das man den in D explizit aussprechen muß): Selbermachen und sich den ganzen Frust ersparen.

Blue Angel November 26, 2017 um 17:16

“Dienstbotengesellschaft” wurde hierzulande doch schon unter dem Namen “Dienstleistungsgesellschaft” verkauft: Lauter “Ich-AGs” vor dem Hintergrund von Enteignung von Lebensleistungen (HartzIV) und Gemeineingentum “Privatisierung”).

Stichwort “sozial ist was Arbeit schafft”. Per Mobilisierung, Flexibilisierung und Prekarisierung wurden aus Arbeitsplätzen, die Familien ernähren konnten, McJobs und aus Arbeitern und Angestellten Sklaven von Leiharbeitsfirmen und der Arge.

Zugunsten der Profiteure dieser Politik werden Zuschüsse zu den McJobs sozialisiert, der Abhängigkeitsstatus der Prekarisierten (erst von “Aufstockung”, später dann von Zuschüssen zur immer prekärer werdenden Rente) auf diese Weise verfestigt.

Schön für die Nutznießer solcher Strategien, fatal für die Gesellschaften und die dadurch dauerhaft in´s Prekäre verdrängten Zuschuss-Bezieher.

Gedächtnisstütze November 26, 2017 um 17:51

“an deutscher Nasenrümpferei scheitern.”

Den Gegenwind hast Du erhalten, nachdem Du – unter anderem auch im Herdentrieb – die Entlohnung für die Mitglieder der “Stiefelputzgesellschaft” mit max. 7-8 Euro/h brutto konkretisiert hattest. Das war das nachgebesserte “Angebot”, denn vorher war von ab 5 Euro/h die Rede. Und im Gegenzug keine Sozialleistungen, weil Sozialleistungen sind “reine christliche Nächstenliebe” (Gruß an Herrn Sloterdijk).

“Soweit so gerecht. Und so vernünftig.”

Schlimm, dass man in München derzeit für unter 15 Euro keine Putze mehr bekommen. Wirklich schlimm…

keiner November 26, 2017 um 17:51

In Bayern läuft das. 100%. Die haben gerade 5 mio für den Spa-Bereich im Lieblingshotel des 1. FCB springen lassen. Da geht was. Und das richtige Menschenbild herrscht da schon lange.

https://www.stmwi.bayern.de/fileadmin/user_upload/stmwi/Publikationen/2017/2017-03-20_Premium_Offensive_Tourismus.pdf

https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/quer/171123-sendung-quer100.html

Warum hat die der Rest der alten Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren durchgefüttert?

ruby November 26, 2017 um 18:03

Hat jemand eine Idee, wer bei Heiko Maas als Domina tätig sein könnte, wenn er wieder in GroKo daherkommt?

H.K.Hammersen November 26, 2017 um 19:54

@weissgarnix
“Gloria hieß die gute Frau, von den Philippinen, ohne das belgische System aufgeschmissen, weil ohne Arbeit auch keine Aufenthaltsberechtigung.”

Wenn Sie uns jetzt noch mitteilen, wie Sie es hinbekommen wollen, dass statt der Achmeds und Ismails und Muhammads Glorias zu uns kommen, könnten wir ja mal ernsthaft darüber diskutieren. Oder wären Sie evtl. auch bereit, Ihren Haushalt und Ihre Kinder Achmed, Ismail oder Muhammad anzuvertrauen?

Sie sprechen doch selbst das Problem an, dass es in München unter 15 Euro keine Putzhilfen gibt, und das trotz Millionen ungelernter Zuwanderer. Auf Familiennachzug werden Sie auch nicht hoffen können, denn Aische wird sich eher um ihren eigenen Haushalt als um Ihren kümmern wollen. Bei mehreren eigenen Kindern dürfte sich eine außerhäusliche Arbeit als Putzhilfe für sie auch wohl kaum lohnen.

Blue Angel November 26, 2017 um 20:16

@H. K. Hammersen:
Die Achmeds, Ismaels und Muhammads sind ja auch schon anderweitig verplant: Für die Pflege alter, deutscher Frauen (die die größte Gruppe in Alters- und Pflegeeinrichtungen stellen)…Wenn´s nicht so tragisch und so dämlich wäre könnte man in schwarz-zynisches Gelächter ausbrechen bei dieser “tollen Idee”.

Bruchmüller November 26, 2017 um 20:27

Nach einem zur Hälfte geputzten Fenster konnte ich Isolde erkennen und winkte ihr zu. Auch Isolde schien mein Gesicht erkannt zu haben und wunk. Isolde klingelte und ich wankte zur Tür. “Tristan!” jauchzte sie, und alsbald wunkten wir gemeinsam zum Sofa.

“Das könntest doch du für mich machen”. Ich wies zum Fenster. “Ei freilich”, sagte sie fröhlich. “Und du bei mir…”

“10 Euro”, sagte ich, “und 15 vom Schtaat dazu”.

Wir ließen… äh… es… Es! Es ließ uns nicht mehr los

Folkher Braun November 26, 2017 um 20:47

… und wie unterscheidet sich das belgische Modell vom doitschen Aufstocken?

QuestionMark November 26, 2017 um 20:57

@Folkher Braun November 26, 2017 um 20:47
Dazu müsste man erstmal das belgische und deutsche Modell qualifiziert vorstellen. Sonst kannst du dir eine Diskussion darüber ersparen.

Blue Angel November 26, 2017 um 21:09

Steht doch im Text: 9 oder 10 Euronen zahlt der Dienstboten-Inanspruchnehmer, rund 13 Euronen legt der belgische Staat drauf. – Vom Prinzip her dasselbe in Grün wie beim Aufstocken in D.

QuestionMark November 26, 2017 um 21:30

@Blue Angel November 26, 2017 um 21:09
Ich bezweifle, dass du in Deutschland mittels Aufstockerei einen Stundenlohn von 23 Euro bekommst. Das wären 920,- brutto die Woche bei 40h. Und circa 3600,- im Monat. Und damit circa 44.000,- im Jahr.
Übers Aufstocken? In Deutschland?

Ohne ein Experte zu sein, möchte ich mal behaupten: Niemals bekommst du das in Deutschland mittels Aufstockerei hin.

Blue Angel November 26, 2017 um 21:41

Deshalb ja auch “vom Prinzip her”. Daß die konkreten Zahlen niedriger sind, ist mir bei einem Mindestlohn von 8.84 Euronen * in D schon klar.

So steht es hier:
http://www.mindest-lohn.org

QuestionMark November 26, 2017 um 22:00

@Blue Angel November 26, 2017 um 21:41
Wie gesagt, es macht keinen Sinn über Systeme zu diskutieren die nicht qualifiziert vorgestellt worden sind und über die man schlicht nichts (bis nicht viel) weiß.
In Deutschland bekommst du keine 23,- Euro die Stunde mittels Subventionen vom Amt. Ob man das in Belgien bekommt wage ich auch zu bezweifeln. Aber dazu müsste man die Funktionsweise beider Systeme kennen.

QuestionMark November 26, 2017 um 22:03

@Blue Angel November 26, 2017 um 21:41
Außerdem sind wir (wieder mal) im neoliberalen Wahnsinn drin. Das Konzept der negativen Einkommenssteuer kommt (wieder mal) u.a. vom neoliberalen Guru Milton Friedman (himself). Genau wie die “Open Borders”-Thematik. Das lässt wohl nichts Gutes erahnen.

H.K.Hammersen November 26, 2017 um 22:28

@weissgarnix
Die Gewinner der Bildungsexpansion sind jetzt tatsächlich zu Opfern eben dieser Bildungsexpansion geworden. Es gibt keine geeigneten einheimischen Dienstboten mehr. Der Import intelligenter Dienstboten wird da auch nur eine Generation lang helfen, denn man kann den Glorias nur wünschen, dass deren Kinder ebenfalls in den Genuss von Bildung kommen. Ob dann die Kinder der Glorias ebenfalls Glorias importieren werden?

Folkher Braun November 26, 2017 um 22:44

@WGN: gibt es da eine VO in Belgien oder ein Gesetz, wo man die Details nachlesen kann? Wenn´s geht in vlaams taal.

Weissgarnix Weissgarnix November 29, 2017 um 18:37

@Gedächtnisstütze

>Den Gegenwind hast Du erhalten, nachdem Du – unter anderem auch im Herdentrieb – die Entlohnung für die Mitglieder der “Stiefelputzgesellschaft” mit max. 7-8 Euro/h brutto konkretisiert hattest.

Ich glaube nicht, dass ich irgendwo geschrieben habe, dass ich mir das als Vergütung vorstelle. Sondern als den Stundensatz, der vom Kunden (dem privaten Haushalt) effektiv bezahlt wird. Die Vergütung des Beschäftigten setzt sich aus diesem Stundensatz plus der Aufstockung aus Steuermitteln zusammen. Und kann 12, 13, 15 oder whatever betragen. Inklusive Sozialversicherung! Sonst wäre das ganze Procedere ja völlig witzlos.

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